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Außenminister: Der Edel-Weiße

Fast sieben Jahre lang war er Chef des Kanzleramtes. Er war Koordinator der Geheimdienste und Krisenmanager der rot-grünen Regierung. Jetzt ist Schröders Schattenmann Aussenminister in Merkels Kabinett. Viele glauben: Der Frank kann alles!

Neulich sollte Frank-Walter Steinmeier einmal sagen, ob er ein Dickkopf ist, ein Reinfuchser und Durchbeißer. Sollte sagen, was man an Vorprägung mitbringt, wenn man aus dem Lipperland kommt. Hm, Vorprägung, hat er gesagt. Und dann hat er überlegt und überlegt. "Nach einigem Nachdenken", sprach Steinmeier, "habe ich dann herausgefunden, dass das ein sehr karger, armer Landstrich war, in dem die Leute sich den Luxus von großer Eitelkeit nicht leisten konnten. Insofern war das Durchbeißen in dieser Region eine Erfahrung, die durchaus in die eigene Persönlichkeit eingegangen ist."

Als der Mann mit dem Edelweißschopf dies vortrug, lag seine linke Gesichtshälfte in ernstem nachdenklichem Guss, während die grübchengekerbte rechte Gesichtshälfte freimütig lächelte. Links grübeln, rechts lächeln - Steinmeier ist wohl der einzige Außenminister zwischen Abidjan und Zagreb, der das kann. Grübeln, lächeln, nachdenken, sprechen; alles in einem Zug. Mehr Diplomatie geht eigentlich nicht.

Es ist eine seltsame Sache mit Frank-Walter Steinmeier. Einerseits vermisst man den funkensprühenden Vorgänger, diesen grantelnden Bauchmenschen Joschka mit seinen grandiosen Stegreifvorträgen über die Krisenbögen des näheren und ferneren Ostens. Vermisst, wie Fischer in Pressebriefings Journalisten, die sich für noch bessere Außenminister hielten, auf handliches Format faltete. Vermisst seinen Watschelgang, die krächzende Stimme, das Hutzelweiblachen.

Andererseits ist es so, als sei der Mann, der nun in den Schuhen des Fischers durch die Welt wandelt, nicht erst seit gut zwei Wochen, sondern bereits seit zwei Jahrzehnten im Amt. An Steinmeiers Oberlehrer-Scheitel hat man sich schon gewöhnt; an das lipperländische Idiom, das man noch von Schröder im Ohr hat; an die Art, wie der neue Außenminister beim Reden in die linke Handfläche guckt, als habe er dort den nächsten Satz deponiert. Sogar damit hat man sich arrangiert, dass er seine 6,5 Dioptrien partout nicht in eine randlose Allerweltsbrille packen will, sondern stur durch ein kleines Horngestell in die Kameras zwinkert, was die Kameraleute regelmäßig zum Wahnsinn treibt.

Steinmeiers Krawatten sind typische Atlantiker-Krawatten, blau-weiß-blau diagonalgestreift. Seine Anzüge sind gedeckter Kofi-Annan-Look, seine Sprache außenamtlich: "Dies sehen wir ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Vorschlag auf dem Tisch liegt." Und wie er da im Amtszimmer der amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice beim Shakehands steht, da ist es beinahe so, als habe dieser "Mister Minister" schon immer mit "Madame Secretary" herzlich die Hände geschüttelt. Dabei hatte er bis vor kurzem doch noch der bösen, US-feindlichen Schröder-Riege angehört! Hatte zu denen gehört, die besser mit Putin können als mit Bush! Frau Rice scheint das vergessen zu wollen. Sie hat alles auf Anfang gestellt.

rüher, auf dem Blomberger Gymnasium, da haben sie ihn "Frankieboy" genannt, erinnert sich Steinmeiers Lateinlehrer Dieter Machentanz. Vielleicht wird auch "Condi" irgendwann "Frankie" zu ihm sagen, so wie sie einst Joschka zu dem anderen sagte. Latein, sagt Machentanz, habe dem ruhigen Frank allerdings nicht so gelegen. Da war er nur ausreichend. Der pensionierte Studiendirektor hat das neulich noch einmal in seinen Kladden nachgeschlagen.

Ganz selten nur, etwa beim Antrittsbesuch in der Botschaft von Washington, hat Schröders einstiger Schattenmann noch den Reflex, sich auf den Nachbarplatz zu setzen und nicht auf den hinter den Mikrofonen. So sehr ist der Ex-Kanzleramtschef an die Nebentische, die Nachbarplätze und die hinteren Reihen gewöhnt. Aber der Minister lernt schnell oder, wie Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye es ausdrückt: "Der Frank verfügt über eine extrem hohe Perzeptionsgeschwindigkeit."

Auf dem Rückflug sitzt Steinmeier unter den Besserwisser-Journalisten, er lächelt in die Kameras der Fotografen, ohne einmal "jetzt ist aber genug" zu sagen. Er sagt wie alle im Auswärtigen Amt "Dossier", wenn er "Thema" meint, spricht von den Mehrheitsverhältnissen im Gouverneursrat, von G4, IAEO und der iranischen Nuklearfrage, als habe er in seinem ganzen Leben nie etwas anderes getan.

Die Wahrheit ist: Frank-Walter Steinmeier hat in seinem ganzen Leben tatsächlich nie etwas anderes getan. Er hat sich eingearbeitet, durchgebissen, angepasst. Egal in was, egal an was. Hauptsache, Politik. Er hat Schach auf drei Ebenen gespielt, wenn man so will, Themen gesetzt, Pläne vernetzt, Krisen entfetzt. An Adenauers 130. Geburtstag, dem 5. Januar 2006, wird Herr Steinmeier übrigens 50. Er ist noch immer mit seiner ersten Frau Elke verheiratet, einer Verwaltungsrichterin. Das muss kein charakterliches Defizit sein, nur weil man anderes auf diesem Posten erlebt hat. Steinmeiers Tochter ist neun. Ihre Klassenkameraden sprechen viel darüber, dass ihr Vater jetzt jeden Abend im Fernsehen ist. Man wohnt in Berlin-Zehlendorf, gerade wird der Wintergarten sicherheitshalber panzerverglast.

Bei der Amtsübergabe

im Weltsaal des Auswärtigen Amtes hatte der Lipper schon geahnt und sogar vorausgesagt: "Eine Schonfrist wird es nicht geben." Und so war es dann auch. Kaum, dass er auf dem Hufschlag seines Vorgängers überhaupt angekommen war, hatte Steinmeier zwei Sorgen am Hals: die Gefangenenflüge des amerikanischen Geheimdienstes CIA über Deutschland und die Geiselnahme im Irak. Es mag kühl klingen, aber für ihn sind das Standardsituationen - zumal der Verdacht im Raum steht, dass es Rot-Grün längst wußte. Um die Flüge muss sich "mit Blick auf das europäische Aufklärungsinteresse" erst einmal der britische Außenminister Jack Straw kümmern. Für die Geiselaffäre brauche er "Glück, Können und die richtige Bezugsperson im Irak".

Steinmeier hat schon zu Kanzleramtszeiten an der Lösung mancher Geiselnahme mitgearbeitet, er weiß um die Belastbarkeit der Strukturen, er kennt die Akteure der Krisenstäbe und deren Wissen um das richtige und sensible Vorgehen in solchen Fällen. Er selbst hat neulich als langjähriger Geheimdienstkoordinator bei einem Symposium des BND noch neben Saif al-Islam gesessen, dem Sohn des libyschen Revolutionsführers Gadhafi. Al-Islam hatte ihm einst als Unterhändler bei der Geiselbefreiung der Göttinger Familie Wallert auf der Philippineninsel Jolo geholfen. Das Wissen um all dies verschaffe ihm "etwas Entlastung, ohne dass es Ruhe verschafft. Denn ruhig kann man in solchen Situationen, in denen es um Leben und Tod geht, ja nicht sein".

Es ist drei Uhr morgens, als Mister Minister auf dem altrosafarbenen Rüschenbett in der Schlafkabine der Regierungsmaschine "Theodor Heuss" sitzt und nach längerem Nachdenken solche Sätze in sein Wasserglas sagt. In Steinmeier scheinen männliches Systemdenken und ostwestfälische Nüchternheit in reiner Form fusioniert zu haben. Herausgekommen ist dabei ein Politikertypus, der wie geschaffen ist für die Große Koalition: der nachdenkliche Pragmatiker. Einer, dem weder Ideologie noch das eigene Riesenego den Blick vernageln. Keine Ausbrüche, keine Sentimentalität, der neue Außenminister war Juso in der Jugend, aber das ist es dann auch.

Natürlich wirkt dieses Frankwaltersteinmeierhafte anfangs ein bisschen unglamourös und amtmannsmäßig. Wäre er aber sentimentaler, würde Steinmeier seinem Freund Schröder vielleicht mehr nachtrauern, als ihm gut täte. Wäre er mehr SPD-Politiker, könnte er mit Merkel nicht so, wie er mit der CDU-Kanzlerin können muss. "Frau Merkel ist, jedenfalls nach dem Eindruck, den ich habe, persönlich fair. Und das ist ja viel wert", sagt der Außenminister. Dann schweigt er kurz und fragt: "Was habe ich gerade über Frau Merkel gesagt?" Bloß keine Fehler machen!

Seit Tagen reisen sie

durch Europa. Brüssel, Paris, Polen, richtige Drei-Wetter-Taft-Touren sind das, Antrittsbesuche auf schwierigem Terrain. Den Haag, Rom, Madrid - "so was liest man ja sonst nur über Drogendealer auf der Flucht", lästerte Harald Schmidt bereits.

Schröders früherer Kanzleramtschef hat die Eitelkeiten stets anderen überlassen - und das Toreschießen auch. In Morgenlagen, Abteilungsleiter- und Staatssekretärsrunden landete jedes, wirklich jedes Problem auf seinem Tisch. Agenda 2010, der Terrorismus, Gesundheitsreform und Rente, russische Schulden und europäischer Streit. Ruck, zuck hat Doktor Steinmeier durch geschicktes Fragen wunde Punkte freigelegt und gleich verbunden. Selten ist ein offener Bruch, ein ungelöstes Problem, ein Streit zwischen den Ressorts bis in die Kabinettsrunde gelangt. Der Consiliere hatte vorher alles geregelt. Am Kanzlertisch musste dann nur noch entschieden werden. "Ich würde nicht bestreiten, dass ich Grundeigenschaften habe, Positionen zusammenzuführen", sagt Steinmeier über Steinmeier. Ein angehender Attaché, der demnächst Drahtberichte aus Ouagadougou schicken muss, kann sich an solcher Formulierkunst ein Beispiel nehmen.

Steinmeiers drei, vier Feinde werfen ihm vor, dass er die Eitlen, die Kreativen, die Schillernden gar nicht erst zugelassen, sondern immer gleich gekillt habe. Dass er ausschließlich seinem Freund und Kanzler die Bälle vor den Fuß platziert habe. Dass ihm sein bewusstes Sich-in-den-Hintergrundstellen zum zweiten Ich geworden sei.

Wie will denn so einer, fragen die Abgehalfterten, wie will so ein Beamter des Inneren plötzlich Minister des Äußeren sein? Wie will er schaffen, was Außenminister schaffen müssen, nämlich, dass sich beim internationalen Gipfeltreffen die Augen im Saal auf ihn heften, wenn er durch die Tür kommt? Wie will dieser zurückgenommene Administrator nach dem Charismatiker Fischer nur ein Bein auf den Boden dieses leicht barocken Amtes und einen Schlag beim Publikum kriegen?

"Vielleicht wird politische Präsentation etwas nüchterner mit mir", sagt der Mann aus Brakelsiek, "aber ich hoffe, das wird akzeptiert von der deutschen Öffentlichkeit." Noch ist jeder deutsche Außenminister zum beliebtesten Politiker einer Regierung gewählt worden. Sogar Klaus Kinkel hat das fast mal geschafft.

Ein "Generalist erster Güte", schwärmt Steinmeier-Fan Heye, "egal, welcher Job, Frank kann ihn". Diesen und wer weiß was noch. Als Schröder auf einer Südamerikareise einmal von Journalisten gefragt wurde, wer seinen Job übernehmen könne, wenn er morgen in den Amazonas abstürze, da sagte er wie aus der Pistole geschossen: "Der Frank natürlich." Und das würde in den ersten beiden Wochen nicht einmal irgendjemand bemerken. Es ist kein Geheimnis, dass auch Joschka Fischer hoch von Steinmeier denkt. Persönlich hatte Fischer deshalb zum Beginn der Koalitionsverhandlungen bei Franz Müntefering für den knapp acht Jahre Jüngeren geworben: "Aus dem Kreis der Infragekommenden ist Steinmeier der Beste."

Mit allem hätte

der promovierte Jurist gerechnet, mit einem Technologieministerium, dem Wirtschaftsministerium, ja, vielleicht sogar mit dem für den Verbraucherschutz, er kann schließlich ziemlich gut Ossobucco kochen und Südtiroler Lagrein dazu trinken - aber niemals mit dem Außenministerium, dem "Ferrari unter den Ministerien", wie er in seiner Antrittsrede sagte. Mit jener Behörde ausgerechnet, die nach Ansicht ihrer 6550 Mitarbeiter zwischen Berlin und Bagdad, zwischen Matsch und Schreibstube, zwischen der Ein-Personen-Botschaft in Niger und dem 200-Personen-Betrieb in Washington, die sexieste Behörde überhaupt sei - was die Leute vom Finanzministerium natürlich nicht so gern hören.

Gerhard Schröder habe eine Weile gebraucht, sagt Steinmeier, um ihn von dieser Überraschung zu befreien. Dass er nun die friedliche Außenpolitik seines Kanzlerfreundes weiterführt, versteht sich von selbst. Dass er den toskanisch anmutenden Terrakottaboden, den Fischer sich einst in sein Amtszimmer fliesen ließ, nicht rausreißt, sondern höchstens mit einem Teppich überdecken will - klar.

Als Steinmeier in die Koalitionsgespräche ging, um das Kapitel IX "Deutschland als verantwortungsbewusster Partner in Europa und der Welt" auszuhandeln, hatte er auf der Unionsseite Wolfgang Schäuble mit detaillierten Fragen erwartet. Aber dann kamen bloß Friedbert Pflüger, Pfarrer Hintze und Michael Glos. Der strittige Punkt "Türkei" ist dann zwischen Steinmeier und Glos unter vier Augen verhandelt worden. Und am Ende stand von "privilegierter Partnerschaft", wie Angela Merkel sie immer gewollt hatte, nichts mehr im Koalitionsvertrag. Nach drei Verhandlungen war alles in aller Stille besiegelt.

Frank-Walter Steinmeier ist ein so ruhiger, sanfter Brocken, dass man es gar nicht merkt, wenn er einem einen Zahn zieht. Merkels Statthalter fürs Auswärtige im Kanzleramt, Christoph Heusgen, hat auch schon einen verloren, nachdem er einmal salopp die Frage nach der Mitgliedschaft Deutschlands im UN-Sicherheitsrat als rot-grüne Illusion abgetan hatte. Kurz danach meldete Steinmeiers Sprecher Martin Jäger, ein "Vortragender Legationsrat" mit extrem spitzen Schuhen, der Herr Heusgen habe sich inzwischen wohl "mit dem Koalitionsvertrag vertraut" gemacht. Ins Berlindeutsch übersetzt, heißt dieser Diplomatensprech ungefähr: Noch mal so 'n Stuss, und ich schlag dich Virchow.

Joschka Fischer musste einer Sechsjährigen neulich sagen, was ein Chefdiplomat eigentlich so macht. "Wir sorgen dafür, dass die Deutschen ruhig schlafen können, an 365 Tagen im Jahr", sagte Fischer. Das gelte natürlich auch in den Schaltjahren, hat sein lippischer Amtsnachfolger da ruhig ergänzt. Und das war wieder mal - typisch Frank.

Ulrike Posche / print