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Baden-Württemberg: Vom Sein und Nichtsein des Oswald Metzger

Er ist frei schaffender Politiker, Provokateur und stilisiert sich zum schwarz-grünen Pionier. In Baden-Württemberg kämpft Oswald Metzger für ein Comeback - mit kräftigen Seitenhieben gegen die eigene Partei.

Aus Biberach an der Riss berichtet Florian Güßgen

Wer ist dieser Mann eigentlich, mit seiner dunkelblonden Tolle, mit seiner schwarzen Dolce & Gabbana-Brille, mit dieser unruhigen Körpersprache, die einem dauernd das Gefühl gibt, ein Gedanke, ein Kommentar suche sich den Weg aus ihm heraus, wie bei einem Streber, der die Hand in der Luft reckt, lange bevor der Lehrer die Frage auch nur formuliert hat. Ist dieser "Talking Head" der Berliner Szene nur ein eitler Politik-Clown, dem jedes Mittel für ein Comeback recht ist? Oder ist er einer, der die Wahrheit ohne Furcht vor Freund und Feind formuliert? Ist er, nach dem Ende von Rot-Grün, so etwas wie ein schwarz-grüner Vordenker, der ungeliebte, schwäbische Prophet einer längst fälligen, strategischen Kehrtwende der Grünen?

Ein "typischer Metzger"

Anschauungsunterricht in Hülle und Fülle liefert derzeit der Wahlkampf in Baden-Württemberg. Im Wahlkreis Biberach kämpft Metzger, ehemaliger Finanzexperte der Grünen im Bundestag, nun um ein Landtags-Mandat. Zweite Liga wäre das, aber immerhin. Eine schwarz-grüne Koalition ist im Ländle zumindest eine theoretische Option, und Metzger hat sich zu ihrem eloquenten Anwalt aufgeschwungen. Allerdings macht es der 51-Jährige seinen Zuhörern nicht leicht, bei seinen Auftritten zwischen Show und politischer Substanz zu unterscheiden. Zur Show gehört, dass "der Oswald" in aggressiv-leidenschaftlichem Schwäbisch erst einmal alles kurz und klein haut, bevor er vollmundig eine Neuorientierung fordert. Das war schon früher so, als er noch im Bundestag war, das ist umso mehr so, seitdem Metzger von seinem Ruf leben muss: Je lauter er klappert, um so höher ist der Marktwert des Redners, des Kommentators, des Politikberaters. 3000 Euro nimmt er für einen Vortrag, heißt es. Bei den Grünen haben sie sich an seine Ausfälle schon gewöhnt, sie sprechen, oft verkrampft schmunzelnd, von einem "typischen Metzger", wenn der Oswald mal wieder vom Leder zieht.

Wohin wollen die Grünen?

Verkrampft ist das Lächeln, weil Metzgers Show die Substanz selten fehlt. Als er noch in Berlin schaffte, war er einer der wenigen, die sich mit dem unseligen Finanzkram en detail auskannten. Und wenn er heute, von seinem Heimatort Bad Schussenried aus, über Strategie, Programm und Personal der Grünen lästert, so klingt das schnell nach Beleidigung und Parteischädigung, aber die Argumente sind auch nicht leicht zu überhören. Wie etwa vor einigen Wochen: In einem Namensartikel, der in der "Welt" erschien, watschte Metzger das Berliner Führungs-Quartett ab, von Bütikofer bis Kuhn, von Roth bis Künast. Der Grünen-Spitze fehle der politische Kompass, schimpfte er. Die Berliner Parteizentrale setze auf linke Sozialromantik, laufe SPD, Linkspartei und Verdi hinterher, während man sich, und das müsse doch allen klar sein, letztlich nur durch einen pragmatischen Öko-Liberalismus von den anderen abheben könne. Indem die Grünen-Spitze, so das zentrale Argument, das bürgerliche Lager vernachlässige, vergeige sie die "letzte Chance zur strategischen Profilbildung." Das war provokant formuliert, völlig aus der Luft gegriffen war Metzgers Alarmschrei sicher nicht, denn spätestens seit dem Ende von Rot-Grün fehlen den Grünen die Gewinner-Themen, auch die Gewinner-Strategie. Die Partei dümpelt vor sich hin, unsicher, mit welchem Projekt sie ihre bürgerlich-gebildete Klientel, vom Arzt im Hamburger Schanzenviertel bis zum niedersächsischen Öko-Bauern, noch für sich begeistern kann.

"Eine Frage von Sein oder Nichtsein"

Metzger kennt vielleicht nicht den Königsweg, aber eindeutige, oft populistisch servierte Antworten. "Die Öffnung hin zur Union ist eine Frage von Sein oder Nichtsein", sagt er, während er im Biberacher Restaurant "Eberbacher Hof" an einem Steak säbelt. "Für die Grünen ist das eine historische Chance. Wenn wir die Öffnung nicht schaffen, werden wir austrocknen. Wir werden sang- und klanglos von der Bühne verschwinden." Deshalb fordert er eine liberale Wende der Partei, ein klares Bekenntnis zu weniger Staat, auch in der Wirtschaftspolitik. Wie der neoliberale Flügel der Union will er die Arbeitskosten entlasten, Beamte abschaffen oder deren Versorgung kürzen, den Missbrauch von Sozialleistungen bekämpfen und die Sozialversicherungssysteme über Steuern finanzieren. Gerade hier, im Grünen-Stammland Baden-Württemberg, sei die Ausgangslage günstig, erklärt Metzger. Hier kämen die Wähler der Grünen oft aus schwarzen Elternhäusern, hier gebe es einen fruchtbaren Nährboden für eine ökologisch-liberale Partei - jetzt, nachdem die linke Sturm-und-Drang-Phase der Söhne und Töchter vorbei sei. Eine liberale, grüne Partei, könne die Union bei Reformen sogar vor sich hertreiben, spekuliert Metzger. Fast klingt es so, als wolle er sie alle überholen. Nicht nur Bütikofer und Kuhn, sondern auch Merkel und Westerwelle.

"Bürgerliche Partei mit sozialem Blick"

Schwarz-Grün als Frage von Sein oder Nichtsein? In der baden-württembergischen Partei-Spitze ernten Metzgers apokalyptische Visionen erst einmal Kopfschütteln "Das ist Unsinn", wiegelt Partei-Chef Andreas Braun ab. "Ein typischer Metzger - und damit völlig überhöht." Hier finden sie es zwar in Ordnung, mit Oettingers CDU zu kokettieren, aber sich den Schwarzen an die Brust werfen, das will keiner. Metzger ist auch inhaltlich von Schwarz-Grün begeistert, die Partei-Oberen sehen das eher machttaktisch. Braun bemüht sich ohnehin, einer theoretischen Zusammenarbeit mit der CDU das Sensationelle zu nehmen. Schon 1992, lange vor Metzger Zeit also, sagt er, habe man mit Erwin Teufels CDU eine Koalition sondiert. "Die Zeit ist längst vorbei, in der man sich mit schwarz-grünen Gedankenspielen profilieren konnte," urteilt er. Das gelte auch für Oswald Metzger. Spitzenkandidat Winfried Kretschmann sieht das ähnlich, auch wenn er sich schon klarer als Braun vom linken Profil der Grünen abgrenzt. "Ich habe die Grünen noch nie für eine linke Partei gehalten", sagt Kretschmann. "Wir sind eine bürgerliche Partei mit sozialem Blick, die ihren eigenen Kurs verfolgen muss." Wie Metzger auch setzt Kretschmann auf den Mittelstand, hier müsse man sich auch strategische Optionen schaffen, sagt er. Mit Metzgers Wahl in die Landtagsfraktion, so scheint es, könnten die beiden grünen Spitzenpolitiker gut leben. Kretschmann lobt den Kollegen aus Bad Schussenried sogar ausdrücklich. Metzger sei kompetent und vertrete einen wichtigen Flügel der Partei, der etwa für ein Viertel der Mitglieder stehe. Und das mit der notorischen Renitenz, das kriege man schon in den Griff. "Der Metzger passt hier gut rein", sagt Kretschmann. Auch Braun gibt sich offen. Zwar laufe Metzger ständig Gefahr, gegen die Partei zu schießen - und das sei im Ernstfall nicht hinnehmbar - aber er habe schon vorab gelobt, sich künftig als Team-Player zu erweisen.

"Ich wähle Sie"

Wenn er es denn schafft, den Sprung nach Stuttgart. Seit vier Wochen macht Metzger Hausbesuche, montags bis samstags, täglich ein paar Stunden. Es ist dringend nötige Basisarbeit, er braucht jede Stimme. 10.000 Menschen müssen ihn wählen, damit er den Sprung nach Stuttgart schafft. Unmöglich ist das nicht, zumal Metzger von seinem Promi-Bonus zehrt, eine sichere Bank aber auch nicht. "Die Chancen stehen 60 zu 40", sagt er selbst. Und weil es sehr knapp werden könnte, macht "der Oswald" nach dem Mittagessen Wahlkampf im Biberacher Stadtteil Mittelberg. Feine Einfamilien-Bungalows gibt es hier, wohlhabende Rentner mit Strickjacken öffnen die Tür, es sind vor allem CDU-Wähler. Für Metzger ist heute ein guter Tag, weil die "Schwäbische Zeitung", die hier fast ein Monopol hat, einen großen Bericht über ihn gedruckt hat. Dass er eine "Ochsentour" mache, und dass er auf die Leute zugehe, steht da. Metzger ist vorsichtig, drängt sich nicht auf, erklärt den Leuten das Wahlsystem, und macht klar, dass man ihn ohne schlechtes Gewissen wählen kann - auch wenn man sonst nicht so dicke ist mit den Grünen. Schon an der dritten Tür kann Metzger einen Erfolg verbuchen. Ein älterer Herr bittet ihn herein, er setzt sich auf das weiße Sofa mit weißer Tagesdecke und darf seine Pläne erklären. Als er Claudia Roth abgewatscht und seine Vorstellungen von der Energiepolitik erläutert hat, ist der Gastgeber überzeugt. "Ich wähle Sie", verspricht er.

Gleichwohl dürfte es für Schwarz-Grün in Baden-Württemberg schlecht aussehen. Die CDU hat sich prinzipiell auf die FDP als Koalitionspartner festgelegt. Vermutlich können die Grünen ihr Ergebnis von 2001 (7,7 Prozent) maßgeblich verbessern und die FDP sogar übertrumpfen, gleichwohl dürfte es für Schwarz-Gelb locker reichen. Es scheint so, als ob Oswald Metzger, der schwarz-grüne Prophet, selbst bei einem Wahlerfolg der Grünen am Sonntag noch erhebliche Überzeugungsarbeit leisten müsste. Auf allen Seiten.