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Bayern: Der Erwin Huber-Komplex

Trotz des Wahldebakels will Erwin Huber zunächst Parteichef bleiben. Die CSU-Landesgruppe in Berlin und die CSU-Europaabgeordneten werden dagegen vorgehen. Denn Huber verkörpert, was die Partei außerhalb Bayerns zu verbergen sucht: Den Makel des Provinziellen.

Von Christian Eckl, Regensburg

Erwin Huber bleibt im Amt - vorerst. Nach der Sitzung des CSU-Parteivorstands am Montag räumte er zwar ein, dass er sein Wahlziel 50 Prozent plus X klar verfehlt habe. Aber es solle kein "Bauernopfer" geben. Die CSU dürfe sich nicht reduzieren auf die "ein oder andere Personalentscheidung". Damit meinte Huber vor allem Generalsekretärin Christine Haderthauer, die ihren Rücktritt angeboten hatte. Aber auch sich selbst. Das Duo, verantwortlich für den desaströsen Wahlkampf, könnte nun bis zum Sonderparteitag am 25. Oktober weitermachen. Dann will sich die CSU personell neu aufstellen.

Die Bauchlandung der CSU bei der Landtagswahl und die Schwäche Hubers kommt der Berliner Landesgruppe nicht ungelegen. Sie will sich am Dienstag treffen und über die Wahl beraten. Die Bundespolitiker wurden von der Bayern-CSU lange wie Christsoziale zweiter Klasse behandeln. Vor allem der mächtige Landesgruppenchef im Bundestag, Peter Ramsauer, hat das nicht vergessen. Bereits während des Wahlkampfes wurde gemunkelt, dass die Berliner Parteifreunde kein Interesse an einem guten Abschneiden der CSU in Bayern hätten. Kein Wunder: Erwin Huber wollte 2009 nach Berlin wechseln.

Die Farce um die Pendlerpauschale

Huber hätte vermutlich Anspruch auf einen Ministerposten erhoben - oder den Vorsitz der Landesgruppe im Bundestag übernommen. Peter Ramsauer hätte seinen Stuhl räumen müssen; Michael Glos, derzeit Wirtschaftsminister, hatte schon erklärt, dass er 2009 sein politisches Austragshäuserl im Bundestagspräsidium zu nehmen gedenkt. Damit wäre ein Ministerium frei geworden, das die CSU in den Koalitionspoker hätte einbringen können, um Huber das Ressort Finanzen zu sichern. Aber will das einer der Berliner überhaupt? "Die Abstimmungs-Farce bei der Pendlerpauschale im Bundestag war doch eine Finte der Landesgruppe gegen den Ministerpräsidenten und gegen Parteivorsitzenden Erwin Huber", sagt ein CSU-Kreischef und Landtagsabgeordneter. Vergangene Woche hatte die Linkspartei einen Antrag auf Wiedereinführung der Pendlerpauschale in den Bundestag eingebracht. Die CSU hatte den Antrag abgelehnt - und sich damit kurz vor der Landtagswahl in aller Öffentlichkeit blamiert.

Auch unter den CSU-Abgeordneten in Brüssel hat Huber keine echten Freunde. Offiziell äußerte sich der Chef der Niederbayern-CSU und Europaabgeordnete Manfred Weber am Montagmorgen zurückhaltend: "Es darf jetzt keine Schnellschüsse und keine Panikreaktionen geben", sagte Weber stern.de. Seine Zurückhaltung ist indes wenig erstaunlich: Erst im Januar trat Weber die Nachfolge Erwin Hubers als CSU-Bezirkschef an - ohne Gegenkandidat, weil Huber Mitbewerber bremste. Doch für Weber geht es jetzt um die eigene politische Zukunft und um die seiner zehn CSU-Kollegen in Brüssel. Die CSU muss auf Bundesebene über fünf Prozent der Stimmen erreichen, um überhaupt in das Europaparlament einzuziehen. Erwin Huber als Parteivorsitzender ist für sie eher eine Gefahr als eine Schützenhilfe bei der Europawahl 2009.

Unvergessene Meuchelei an Stoiber

Dass Erwin Huber eine Last für die CSU wird, war schon sehr früh abzusehen. Noch zur Kommunalwahl im Frühjahr plakatierte die Partei landesweit eine Fotomontage, die Ministerpräsident Günther Beckstein und Parteichef Erwin Huber zeigt. Als die CSU in den Rathäusern und Stadträten eine empfindliche "Watsch'n" einfuhr, verschwand das Plakat in der Versenkung - in der CSU-Parteizentrale weigert man sich sogar, es noch an Journalisten heraus zu geben. "Die Kampagne ist vorbei", hieß es schmallippig. Im Landtagswahlkampf walkte Huber dann mit Stock und CSU-Käppi durch die niederbayerischen Landkreise, sprach aber nur in kleineren Sälen. Das war kein Zufall: Huber, durch die Krise der Bayerischen Landesbank stark belastet, sollte im Hintergrund bleiben, um die Chancen der CSU nicht weiter zu verringern.

Ein Parteivorsitzender, den man verstecken muss - wie tief war Huber gefallen, wie hoch wurde er einst gehandelt. 2002, als Edmund Stoiber gegen Gerhard Schröder als Kanzlerkandidat antrat, stand Huber bereits als Nachfolger Stoibers fest. Die graue Eminenz der CSU, Landtagspräsident Alois Glück, hatte damals bereits sein Placet gegeben. Huber wäre Landesvater geworden. Doch Stoiber verlor - und blieb in Bayern. Als es in der Landtagsfraktion in Wildbad Kreuth Anfang 2007 brodelte, musste Erwin Huber das Bärenfell mit Günther Beckstein teilen. Ihm blieb nur der Parteivorsitz.

Dass ausgerechnet der brave Erwin Huber daran beteiligt war, Edmund Stoiber zu meucheln, nehmen ihm viele Christsoziale bis heute übel, vor allem im mächtigen Oberbayern-Bezirksverband. Stoiber hatte Huber 1994 zum Chef der Staatskanzlei gemacht, schnell avancierte er zur rechten Hand des Ministerpräsidenten. "Zwischen die beiden passt kein Blatt", hieß es lange - jedenfalls solange, bis sich Huber dem Putsch anschloss.

Doppeltes Spiel auf dem Land

Selbst in seinem eigenen Wahlkreis ist der Stern Hubers gesunken. Heinrich Trapp ist SPD-Landrat in Dingolfing-Landau, dem Wahlkreis Erwin Hubers. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten, Trapp erklärt sich die herbe Niederlage Hubers "mit dem doppelten Spiel, das Huber in München und bei uns im Landkreis gespielt hat". In Berlin habe Huber die Einhaltung der Maastricht-Kriterien gefordert, in München legte er einen ausgeglichenen Haushalt ohne Neuverschuldung vor, "und bei uns zuhause plädierte er für eine Senkung der Kreisumlage und neue Schulden."

Das habe bizarre Folgen gehabt. "Wir haben zwei Kreiskrankenhäuser, die Abteilungen sind doppelt vorhanden. Die Linie der Staatsregierung war, die Häuser in ganz Bayern zu spezialisieren. Bei uns wurde das verhindert - auch durch CSU und durch Huber", sagt Trapp. Sehr geschadet hatte Huber auch die Verwaltungsreform: "Im Nachbar-Landkreis Rottal-Inn ist ein stellvertretender CSU-Landrat zurück getreten, weil Huber versprochen hatte, Ämter zu erhalten, die er dann zwei Jahre später schließen ließ".

Die Wähler jedenfalls verpassten Huber eine unzweideutige Quittung. Schon bei der Kommunalwahl unterlag seinem Herausforder Trapp. Bei der Landtagswahl am Sonntag holte Huber nur noch 29.000 Stimmen. Vor fünf Jahren waren es noch 40.000.

Das Image des Hinterwäldlers

Nach der Bundestagswahl 2005 standen Huber die Türen in Berlin noch offen. Kanzlerin Angela Merkel wollte ihn sogar zum Kanzleramtsminister machen, dies galt als Beleg seinen exzellenten Draht in die Berliner Machtzentrale. Doch auch diese Drähte scheinen erkaltet. "Wenn Huber sich mit Merkel wirklich so gut versteht, dann hätte es doch ein solches Desaster mit der Abstimmung über die Pendlerpauschale nicht gegeben", sagt der altgediente CSU-Politiker Gerhard Merkl, ehemaliger Staatssekretär und Stoiber-Intimus. "Man hätte ohne Weiteres einen Gegenantrag für die Pendlerpauschale formulieren können, hätte dadurch dem Linken-Antrag nicht zustimmen müssen und doch keine Niederlage erlitten." Aber die Landesgruppe und das Kanzleramt ließ Huber offenbar auflaufen - und zeigten ihm so ihre Geringschätzung.

"Edmund Stoiber hat etwas dargestellt in Berlin", resümiert ein CSU-Kreisvorsitzender aus Niederbayern, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. "Den Huber hält man in Berlin doch für einen Hinterwäldler". Der ewige Hinterwäldler sein - das ist ein Komplex, unter dem die CSU sowieso leidet, der Erwin Huber-Komplex gewissermaßen. Charisma sagt dem Dingolfinger jedenfalls niemand nach. "Er hat den Charme einer Büroklammer", kommentierte der Kabarettist Hans Well am Sonntag in der ARD.

Nach dem Wahlergebnis vom Sonntag ist Erwin Huber angezählt, seine Berlin-Pläne dürften der Vergangenheit angehören. Dass er noch lange Parteivorsitzender der CSU bleibt, glaubt selbst in seinem niederbayerischen CSU-Bezirksverband, dem er von 1993 bis 2008 vorstand, kaum mehr jemand. Hinter Huber sind bereits schemenhaft die Umrisse seines wahrscheinlichen Nachfolgers zu erkennen: Horst Seehofer.