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Beate Baumann: Merkels Schatten

Immer dabei, doch fast nie zu sehen: Als Büroleiterin ist Beate Baumann die mächtigste Beraterin der Kanzlerin. Ihr Einfluss wird weithin gefürchtet. Die Beschreibung eines Phantoms

Von Franziska Reich

Manchmal passiert es. Ganz unerwartet. Da steht man in einer dieser kahlen Hallen, alles wie immer, alles stickig und voll mit glattem Parteivolk im glatten Anzug, und man hört nicht zu und auch nicht weg - steht einfach nur da, in diesem Politik-Gewaber, Parteitags-Gelaber, stumpf und egal. Und dann, ganz unerwartet, sieht man sie, diese kleine Frau. Gleich da vorn in der dunklen Ecke neben dem riesigen C. In Karottenhose und bequemen Schuhen, leicht breit gestellte Beine, die Arme verschränkt. Mit braunem Haar, das im Nacken einen Spoiler formt. Eine Silhouette im Zwielicht. Ein Phantom in der Kulisse. Fast unsichtbar. Als entdecke man einen Raben im Kohlenkeller. Beate Baumann, zweitmächtigste Frau Deutschlands, rechte Hand von Angela Merkel, linke auch, ihre engste und nächste Vertraute - Beate Baumann beherrscht wie niemand sonst die Mimikry der Macht.

Man erschrickt beinahe beim Anblick ihres Profils

Dann löst sich ihr Profil aus der Dunkelheit - und man erschrickt beinah. Es gibt viele Figuren in der Hauptstadt, die im Verborgenen wirken. Berater und Lobbyisten, Redenschreiber und persönliche Referenten. Jeder Kanzler braucht Vertraute, die seine Macken und Ängste in der Einsamkeit des Amtes teilen. Die ihm Schuppen vom Jackett klopfen. Die ihm im Guten sagen, wenn er Blödsinn erzählt, und auch dann zu ihm halten, wenn er für immer verliert. Helmut Kohl hatte seinen Medienbeobachter Eduard Ackermann und Büroleiterin Juliane Weber. Gerhard Schröder vertraute Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier und Büroleiterin Sigrid Krampitz. General und Adjutant. Pate und Consigliere. Immergleiches Schema.

Es ist also eigentlich merkwürdig, dass das Verhältnis zwischen der Büroleiterin Beate Baumann und der Kanzlerin Angela Merkel als so besonders beschrieben wird. So viele Worte, die den Eindruck erwecken, der Einfluss dieser unscheinbaren 43-Jährigen sei größer, beherrschender und schädlicher als der irgendeines Kanzlerflüsterers zuvor: "Alter Ego", "Rasputina", "Königskobra", "Zerbera". Worte der finsteren Macht. Keines von ihnen beschreibt die Rolle dieser Frau so ganz. Alle beschreiben sie ein bisschen. Nur das Wort "Freundin" fällt nie. Die beiden Frauen sind keine Freundinnen. Sie nennen sich "Frau Baumann", "Frau Merkel" und "Sie". Und doch sind sie verschworene Schwestern im Geiste. Haben sich in den chaotischsten Stunden beruhigt und geleitet. Haben sich hinter verschlossenen Türen auch schon angeschrien. Sie kennen jede Lüge, jede Schwäche, jede Angst der anderen. Verschmolzen, siamesisch, untrennbar - seit 14 Jahren schon.

Als Angela Merkel zum ersten Mal den Namen "Baumann" hört, liegt sie mit gebrochenem Bein in der Berliner Charité. Es ist das Jahr 1992 und Angela Merkel noch nicht allzu lange Familienministerin, eine junge Frau aus dem Osten, blass, unglücklich und erschöpft. Während sie also im Krankenhaus liegt und an ihrem neuen West-Leben zweifelt, kommt der junge Niedersachse Christian Wulff zu Besuch, und sie erzählt ihm, dass sie Hilfe brauche für ihr neues Büro als Partei-Vize in Bonn. Und Christian Wulff, ganz der wohlmeinende Ratgeber, sagt: "Da weiß ich jemanden. Sehr kompetent, fleißig und mit Erfahrung in der Partei" - und empfiehlt die Osnabrückerin Beate Baumann. Die hat gerade mit der Staatsexamensarbeit zum Thema "Die temporalen Konjunktionen im Deutschen" ihr Lehramtsstudium beendet. Sie ist schon lange aktiv in der Jungen Union und hat Wulff bei seinem ersten Wahlkampf unterstützt.

Die beiden Frauen sehen sich. Sie mögen sich

Wenig später kommt die 29-Jährige aus Münster, um sich vorzustellen. Die beiden Frauen sehen sich. Sie mögen sich. Und knüpfen den Pakt ihres Lebens. Von diesem Tag an machen sich zwei politische Anfängerinnen auf den langen Weg, die mächtigsten Großmeisterinnen der Zunft zu werden - vom Familienministerium ins Umweltministerium in die Parteizentrale in die Fraktionsspitze und schließlich, zur Krönung, ins Kanzleramt. Sie kämpfen nie mit glühendem Schwert. Sie tarnen sich stets in mausigem Grau - unauffällig und unterschätzt und mit dem unbedingten Willen zur Macht.

Wenn man Beate Baumann um ein Gespräch über ihre Person und ihre Arbeit bittet, lehnt sie höflich ab. Sie will nicht über sich reden. Sie will auch nicht fotografiert werden. Bilder, auf denen sie zu sehen ist, wirken stets wie Abschüsse von Paparazzi. Beate Baumann hasst es, ins Licht gezerrt zu werden. Dann verkrümelt sie sich hinter einen Pfeiler. Oder beschimpft die Fotografen. Sie ist eben eine Frau der gedeckten Farbe. Wenn es nach ihr ginge, verschwände sie ganz im Schatten der Kanzlerin. Sie sagt, sie sei ja nicht gewählt. Sie sagt, sie sei eben keine Politikerin. Das Erste stimmt. Das Zweite nicht. Selbstverständlich ist sie Politikerin. Was denn sonst? Tag für Tag, von morgens sieben bis nachts um elf, sitzt sie im siebten Stock des Kanzleramtes und registriert seismografengleich jedes politische Zittern. Dirigiert. Stellt durch. Würgt ab. Ideen ebenso wie Menschen. Die politischen Strategien des mächtigsten Amtes der Republik gehen durch ihre Hände, durch ihren Kopf - ungewählt, doch übermächtig.

Sie hasst das grelle Licht der Bühne. Interviews lehnt sie ab

Beate Baumann besitzt nicht viel außer diesem mit der Macht geteilten Leben. Eine praktische Wohnung in Berlins Mitte mit praktischen Blumen auf dem Balkon. Einen schwarzen Golf und ein Faible für absurdes Theater. Auch Schottland und Hausmannskost mag sie. Alles so schlicht. Nichts außer Pflicht und Diskretion. Angela Merkel ist das Projekt ihres Lebens. Sie hat kein anderes. Keine Angela ohne Beate. Keine Beate ohne Angela. So einfach. So wahr.

Wenn man sich auf die Suche nach Politikern macht, die Beate Baumann aus der Nähe kennen, stößt man ungewöhnlich oft auf Angst. Da trifft man sich also mit einem mächtigen CDU-Mann zum vertraulichen Gespräch in seinem Büro und versichert zweimal, dreimal, dass man - versprochen, versprochen - ihn als Quelle niemals verraten wird. Und dann zwinkert er nervös und plaudert ein bisschen über das Wetter. Und man sagt behutsam: "Entschuldigen Sie, wir wollten doch eigentlich über... " Und er windet sich auf dem Stuhl und sagt "tja, hm, Frau Baumann ist wirklich sehr kompetent" und "tja, hm, auch sehr effizient". Und dann schweigt er. Und räuspert sich. Und sagt: "Aber sie hat zu viel Einfluss", und dann zögert er wieder, "und hinterhältig ist sie, wie damals, als sie...", und hält inne und seufzt: "Die Baumann wird versuchen, herauszufinden, mit wem Sie gesprochen haben. Die ist doch so paranoid." Und schweigt wieder und wispert: "Sie kann so verdammt gefährlich werden, wie damals, als sie..." Und lehnt sich zurück und schaut bedrückt aus dem Fenster - und schweigt.

Verschmolzen, siamesisch, untrennbar - seit Jahren schon

Auch wenn man sich mit zwei Dutzend Unionspolitikern trifft - sobald das Gespräch auf Beate Baumann kommt, werden sie merkwürdig geizig mit ihren Worten. Als hinterlasse diese Frau keine Geschichten, sondern nur ein schrecklich unwohles Gefühl. Eines, das immer mit drei Pünktchen endet. Im Ungefähren. Im Nebel. Und diese Angst der eigentlich doch so mächtigen Herren lässt die Baumannsche Macht noch größer erscheinen. Unheimlich, diese Macht. Unheimlich, diese Angst. Manchmal ein bisschen lächerlich.
Vielleicht rührt diese Angst auch daher, dass viele Männer in der Union mit dem Bild zweier Frauen an der Spitze der Regierung noch immer fremdeln. Ein Kanzler mit seiner Büroleiterin - klares Oben, klares Unten. Doch eine Kanzlerin? Mit ihrer Büroleiterin? Und die Büroleiterin so ganz ohne Mann? Und die Kanzlerin so selten mit ihrem? Was treiben diese Amazonen bloß? Man weiß so wenig und träumt umso schlimmer. Früher konnte man auch gegen Angela Merkel von Herzen ätzen. Doch heute, nun ja, sie ist inzwischen die Kanzlerin. Und die darf man nicht mehr allzu sehr hassen. Also hasst man Beate Baumann noch mehr

So viel Böses wird ihr angehängt

So viel Böses wird ihr angehängt, so viel Schuld ihr aufgeladen. War es nicht vor allem ihr hinterhältiges Treiben, das damals einen guten Mann wie Friedrich Merz den Kopf gekostet hat? Und war es nicht sie, die so allmächtig wie überfordert den letzten Bundestagswahlkampf in die 35-Prozent-Pleite ritt? Und hat nicht auch sie so gern und oft böse Gerüchte an die Presse gestreut, wenn jemand mal nicht parierte? Dauernd sitzt sie mit dabei und blickt stumm und streng und verschickt Kurznachrichten via Handy im Dutzend. Oder macht sich ihre akribischen Notizen. Schreibt sie "kluger Mann" hinter den Namen? Oder malt einen Totenkopf hinter den nächsten? Niemand weiß es. Nur sie selbst und die Kanzlerin. Das macht unsicher. Und wütend.
Wenn man Beate Baumann bei einem ihrer seltenen Phantom-Auftritte trifft, kann man dieses Maß an Wut nur schwer verstehen. Leibhaftig sieht sie eigentlich mehr nach Kirchentag aus als nach Zombie. Es kommt sogar vor, dass sie lacht, und dann blitzen ihre Augen nicht wie die einer Schlange, sondern mehr wie die eines Teddybären. Wie damals, als Angela Merkel ihre Vertrauten zur Kanzlerwahl im Bundestag auf eine Kartoffelsuppe empfing und Beate Baumann jeden umarmte und schwärmte: "Oh ja, sie wird eine wunderbare Kanzlerin!" Oder wie im November beim CDU-Parteitag in Dresden, als sie angespannt und verschnupft in der kahlen Halle stand und das Ergebnis der Wiederwahl ihrer Chefin zur Parteivorsitzenden vernahm: 93 Prozent! 93 Prozent für ihren Boss und damit ja auch für sie selbst! In diesen Momenten kann Frau Baumann richtig lachen - herzlich.

Sie beherrscht die Mimikry der Macht wie sonst niemand

Seit Wochen schon hatte sie an Merkels Parteitagsrede gefeilt - so, wie sie immer an den Reden der Chefin feilt. Niemand sonst kennt die Gedanken der Kanzlerin so genau. Niemand sonst lebt so sehr in ihrer Sprache und fühlt so tief ihre Melodie. Keine Rede und kein Interview, keine Ansprache und keine Floskel verlassen ohne die Bearbeitung von Beate Baumann das Kanzlerbüro. Vor wichtigen Auftritten sammelt sie wochenlang Ideen in Vier-Augen-Gesprächen mit Beratern. Entwirft und verwirft. Schlägt vor und lehnt ab. Sie selbst behauptet zwar gern, ihre Bedeutung für Angela Merkel werde bei Weitem überschätzt. Doch wer sieht, wie kokett sie dabei die Lippen schürzt, wer beobachtet, wie das Parteivolk nach einer wichtigen Rede zu ihr eilt und sie herzt und "toll gemacht" flüstert - der weiß, was alle wissen: Was man Beate Baumann flüstert, flüstert man der Kanzlerin - und umgekehrt.
Sie sagt, die erste Zeit in ihrem neuen Büro sei hart gewesen. Der Wust an Aufgaben. Der riesige Apparat. Das habe sie völlig fertig gemacht. Und jeden Tag ein vergiftetes Geschenk, das sie vom Koalitionspartner oder den Ministerpräsidenten überreicht bekommt. In dieser ersten Zeit ist sie wieder einmal ganz auf sich zurückgeworfen. Wir-hier-drinnen. Die-da-draußen. Baumann und Merkel kennen dieses Gefühl nur zu genau. Mehr noch. Sie pflegen es. Und so bunkern sie sich in schwierigen Zeiten in ihrer Trutzburg ein.

So viel haben diese beiden Frauen gemein. Die Grenzen zwischen ihnen scheinen zu fließen. Sie sind nicht gleich, doch zum Verwechseln ähnlich. Wer in Osnabrück einstigen Mitschülern und Lehrern von Beate Baumann lauscht, hört Erzählungen, die wie eine Blaupause von Klein-Angela wirken. Zwei brave Mädchen aus zwei braven Städten. Brave Noten auf braven Zeugnissen. Wenig Party und keine Liebelei. Wie Angela Merkel kommt auch Beate Baumann aus einem wohlbehüteten Elternhaus, in dem man beim Abendbrot durchaus auch mal über Politik sprach. Wie Angela Merkel besuchte auch Beate Baumann eine Schule für wohlerzogene Kinder, das Carolinum gleich neben dem Osnabrücker Dom. Und wie bei Angela Merkel kann sich auch bei Beate Baumann kaum ein Mitschüler an Erlebnisse mit ihr erinnern.
Ach, die Beate, sagen sie und überlegen lang. Saß die nicht immer aufrecht ganz vorn in der ersten Reihe? Fleißig war sie und strebsam, mit altmodischen Kleidern und ohne Frisur. "Äffchen" wurde sie genannt. Und sie zeigte sich stets beflissen. Und hielt die feierliche Rede zum Abitur. Doch wenn sie fand, ein anderer sei zu gut bewertet worden, dann beschwerte sie sich harsch beim Lehrer und bestand auf einer besseren Note für sich selbst. Ja, die Beate - nicht unnett, aber auch nicht sympathisch. Auffallend unauffällig. Eher egal. Ein Mädchen eben, schon damals, das nicht Geschichten hinterlässt, sondern nur ein merkwürdig unwohles Gefühl.

Bis heute hat Beate Baumann kein Gespür für Diplomatie. Frau Krampitz, ihre Vorgängerin im Büro Schröders, schrieb manchmal ein schnelles "Der Chef hat sich gefreut. Gruß Krampitz" an den Rand der Akte - einfach so, als Nettigkeit. Auf eine solche Nettigkeit würde Frau Baumann nie verfallen. Im Gegenteil. Sie befiehlt. In kühler Distanz. Mit herrischem Ton. Und manchmal begleitet von einem Wutanfall.

Und so hat sich im Laufe der Jahre ein Heer an Gegnern gesammelt. Es bleiben nur wenige Freunde. Die einstige Pressesprecherin Eva Christiansen, die zurzeit in der Babypause ist. Oder Matthias Graf von Kielmansegg, der fahle Chef des Planungsstabes im Kanzleramt. Oder Ronald Pofalla, der blasse CDU-Generalsekretär. Die Basis, auf die sich ihre Macht stützt, ist dünn. Es sind Mitarbeiter, die sich unterordnen, Mickymäuse, geduckt und klein. Oder solche wie Eva Christiansen, die sich nicht zwischen sie und die Chefin schieben - die niemals mehr geliebt werden als sie. Beate Baumann erträgt keinen, der zu stark werden könnte. Zugleich aber verachtet sie brave Waschlappen tief. Bis heute findet sie keinen Weg aus diesem Dilemma. Und so entfaltet sie viel zu oft die Baumannsche Art perfider Kontrolle. Wenn sie fürchtet, dass jemand mit einer Rede oder einem Interview der Chefin schaden könnte, dann zieht sie die Daumenschrauben an. Ruft permanent an. Schickt Dutzende Mails. Gibt Hunderte Ratschläge, die weniger freundlich als bedrohlich klingen. Und das Opfer des Nervenkrieges muss fürchten, dass ihm diese unangenehme Person für immer im Nacken sitzt, wenn es nicht spurt. Beate Baumann reitet ihre Attacken eben gern aus dem Dunkeln. Sie ist überall und doch versteckt. Eine Silhouette im Zwielicht. Ein Phantom in der Kulisse. Fast unsichtbar.

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