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Becksteins Rücktritt: Ein Tag in Bayerns Intrigantenstadl

Seit drei Tagen ist München im Ausnahmezustand: Die Staatspartei CSU zerlegt sich in ihre Einzelteile. Am Mittwoch trat Ministerpräsident Beckstein zurück, kurz darauf schossen vier mögliche Nachfolger wie Pilze aus dem Boden. Eine Chronik.

Von Gabriele Rettner-Halder und Lutz Kinkel

Der Mittwoch begann schon am Sonntag. Die vertraulichen Flüsterer aus der CSU wussten nach dem Wahldebakel, was passieren würde. "Es reicht nicht, wenn Erwin Huber und Christine Haderthauer zurücktreten", sagte einer zu stern.de. "Auch Günther Beckstein wird in den Sog geraten." Zu diesem Zeitpunkt hieß es in der Staatskanzlei noch: keine Personaldebatte! Am Montag sieht die bayerische Welt schon anders aus. Parteichef Huber tritt zurück, Haderthauer auch. Jetzt ist nur noch einer in Amt und Würden: Günther Beckstein. Wie lange noch? Dienstagmittag auf den Fluren der Berliner Abgeordnetenbüros. "Beckstein wird zurücktreten, heute oder morgen", sagt einer, der es wissen muss, zu stern.de. Zu diesem Zeitpunkt läuft bereits das Dementi über die Nachrichtenagenturen: Beckstein werde nicht zurücktreten. In München jagt eine Krisensitzung die nächste, eine Kungelrunde löst die andere ab, der rachsüchtige Edmund Stoiber zieht die Strippen. Die Junge Union Bayerns droht mit einer offenen Revolte, sollte Beckstein nicht zurücktreten. Die politische Lage kocht. Für den Mittwoch ist eine Sitzung der Landtagsfraktion angesetzt.

Mittwoch, 10 Uhr. Ein seltener Gast fährt im Hof des Maximilianeums, dem Sitz des bayerischen Landesparlaments, vor. Es ist Horst Seehofer, der Mann, der immer dann auftaucht, wenn es in Bayern brennt. Seehofer sagt, man müsse jetzt gemeinsam drei Schritte machen: erst nachdenken, dann reden und zuletzt handeln. Ein typischer Seehofer-Satz. Bloß keine Panik, soll das heißen.

Doch seine Worte besänftigen die Wütenden nicht. Die CSU-Mannschaft aus Oberbayern, die bei der Wahl krasse Verluste hinnehmen musste, hatte schon kurz danach gefordert, dass Köpfe rollen müssen. Ludwig Spaenle, einer aus deren Reihen, sagt vor der Sitzung zu stern.de: "Partei und Land in eine Hand". Er meint: Seehofer muss es machen. Beckstein muss weg.

11 Uhr

: Im Maximilianeum, vor den Türen des CSU-Fraktionssaales, hat sich eine gigantische Schar Reporter aufgebaut. Sie sehen und hören: nichts. Plötzlich öffnen sich die Türen, Beckstein, Huber, Seehofer und der CSU-Fraktionschef Georg Schmid kommen heraus und verschwinden in einem gesonderten Raum. Nach zehn Minuten marschieren sie im Eiltempo zurück zum Fraktionssaal. Schweigend. Mit versteinerten Mienen.

11:30 Uhr

: Durch die verschlossenen Türen fliegt eine SMS in die Reporterschar. Beckstein wird kapitulieren. Acht Minuten später jagt die erste Eilmeldung über die Ticker. "Nach Informationen von …"

11:45 Uhr

: In der Berliner Landesgruppe der CSU werden bereits Szenarien für den Fall ventiliert, dass Seehofer Beckstein beerben und nach München gehen würde. Das Landwirtschaftsministerium soll aufgeteilt werden. Peter Ramsauer wird Verteidigungsminister. Michael Glos muss gehen, weil Roland Koch vielleicht mit dem Wirtschaftsministerium versorgt werden muss. Das Chaos lässt die Fantasie blühen.

12:35 Uhr: Beckstein tritt im Altbau des Maximilianeums vor die Presse. An den Wänden künden Bilder von den blühenden Zeiten bayerischer Monarchen. Beckstein wirkt ruhig, gefasst, als wäre eine tonnenschwere Last von seinen Schultern genommen. Er spricht drei Minuten, Nachfragen sind nicht erlaubt. Das Vertrauen der Wähler sei abhanden gekommen. Er habe nicht mehr genügend Rückhalt in der Partei, um die bevorstehenden Aufgaben zu bewältigen. "Jeder muss seinen Beitrag leisten zur Geschlossenheit", sagt er ohne zu schlucken. Die CSU-Fraktion werde die kommenden Schritte ausführlich diskutieren.

Diskutieren. Zeit gewinnen. Ein Abgeordneter, der sich zwischendrin eine Bratwurst in der Kantine einverleibt, findet das richtig. Aber wie die zehn Tage bis zur nächsten Klausursitzung durchhalten? Geht nicht. "Ich bin für einen Mittelweg", orakelt der Mann. Spätestens am Wochenende muss das Personaltableau stehen.

12.40 Uhr

: Immer wieder öffnet sich ab Mittag die Sitzungstür des Fraktionssaales. Abgeordnete müssen aufs Klo. Kamerateams lassen nur einen schmalen Weg frei. Fragen, Flüche, verzerrte Gesichter. Wer wird denn nun Ministerpräsident? Übernimmt Seehofer den ganzen bayerischen Laden?

14:00 Uhr

: Über die Ticker jagt die Eilmeldung, Seehofer halte sich bereit, das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen. Eigentlich wollte er das nie werden. Aber Seehofer ist Taktiker, er passt sich geschmeidig jeder neuen Situation an.

14.30 Uhr

: Eine Abgeordnete, die sich mit finsterem Gesicht durch die Menge kämpft, sagt, es sei noch nichts entschieden. Es gebe in der Fraktion noch 50 Wortmeldungen zum Thema.

15:00 Uhr: Vor dem Sitzungsgebäude entsteht plötzlich Bewegung. Sicherheitsleute rennen über den Hof. Seehofer kommt - aus einem Hinterausgang. "So beschwerlich war‘s noch nie, zum Pieseln zu gehen", ruft er im Gehen. Und fügt auf drängende Fragen hinzu: "Es gibt kein Vakuum. Wir sind voll handlungsfähig. Das des klar is".

15:05 Uhr

: CSU-Mitarbeiter puzzeln Seehofers Satz von der vermeintlichen Handlungsfähigkeit mit anderen Informationen zusammen. Es gibt also noch mehr Bewerber um das Amt des Ministerpräsidenten. 40 Minuten später lässt Erwin Huber die Katze aus dem Sack: Neben Seehofer wollen drei weitere kandidieren. Fraktionschef Georg Schmid, Spitzname "Schüttelschorsch", der sich mit dem strikten Rauchverbot böse verzockt hatte. Innenminister Joachim Herrmann, ein bedächtiger Franke, dem nachgesagt wird, er könne moderieren aber nicht führen. Und Hochschulminister Thomas Goppel, der dieses Jahr schon seine Kandidatur für den Bezirksvorsitz Oberbayern versemmelt hat.

In der CSU ist ein offener Machtkampf entbrannt. Berlin gegen München. Die wichtigsten Gladiatoren heißen Seehofer und Herrmann. Gegen 16 Uhr wird die Sitzung abgebrochen. Nichts ist entschieden. Die Nacht wird lang. Fortsetzung folgt.

Von:

Gabriele Rettner-Halder und