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Berlin vertraulich!: Vom Kindheitstrauma zum Transrapid-Tod

Der Transrapid wäre nie gescheitert, wenn gewisse CSU-Politiker früher mit Spielzeugeisenbahnen hätten spielen dürfen - glaubt zumindest der bayerische SPD-Landesgruppenchef Pronold. Warum Bundestagsabgeordnete aber Dienstreisen nach Sri Lanka machen müssen, wüsste man auch gerne - haben sie in Berlin nichts zu tun?

Von Hans Peter Schütz

Reisen bildet bekanntlich. Und so reisen unsere 613 Bundestagsabgeordneten auf Kosten der Steuerzahler: Bis zur Halbzeit der laufenden Legislaturperiode brachten sie es bereits auf 1573 Dienstreisen, die unterm Strich 3,1 Millionen Euro kosteten. Natürlich waren die EU-Hauptstadt Brüssel und die benachbarten EU-Staaten die häufigsten Reiseziele. Traditionell zieht es die Volksvertreter auch stets stark in die Vereinigten Staaten. Neuerdings freilich rückt die Volksrepublik China immer stärker in den Focus. Worin der politische Erkenntnisgewinn von parlamentarischen Reisen etwa auf die Malediven, nach Sri Lanka, Thailand, Indonesien und Neuseeland bestand, wüsste man natürlich gerne genauer. Aber auf die genauen Ziele der Reisen erstreckt sich die Berichtspflicht der Abgeordneten, die seit 1992 besteht, leider nicht. Sehr bemerkenswert: Geradezu reisewütig waren Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und seine fünf Stellvertreter. Sie brachten es tatsächlich auf 60 Auslandstrips. Nun wollen wir dem Parlamentspräsidenten nicht mit klein karierter Kritik kommen, er hat sicherlich viele repräsentative Pflichten. Bei seinen Stellvertretern allerdings muss die Frage erlaubt sein: Gehen die so oft auf Reisen, weil sie in Berlin ohnehin so gut wie nichts in diesem Amt zu tun haben?

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"Arm aber sexy" nennt Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit die Hauptstadt gerne. Das scheinen die Manager der Spreestadt allerdings sehr eigenwillig auszulegen. Arm sind sie zwar, aber sexy wollen sie künftig dennoch vorfahren. Also erlaubten sie es sich, fortan auch in Dienstwagen der Marke Jaguar vorzufahren. Das hat natürlich Kritik herausgefordert. Die geht so: Da Jaguar ja jetzt dem indischen Tata-Konzern gehöre, der den "Nano", das weltweit einzige Auto für weniger als 2000 Euro produziert, sollten die Herren doch in denselben gesetzt werden. Vorne könnten sie dann ja die Jaguar-Kühlerfigur aufkleben lassen.

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Der Transrapid ist gescheitert. Eine bittere Stunde war es für Bayerns Ministerpräsident Beckstein, als er sich dazu im SPD-Verkehrsministerium der Hauptstadt-Presse stellen musste. Wie kam es zu der Blamage? Der bayerische SPD-Landesgruppenchef Florian Pronold hat dafür eine interessante These parat. Am Fall des Transrapids sehe man einmal wieder exemplarisch, welch böse Spätfolgen frühkindliche Versäumnisse in der Erziehung haben könnten. Bei Erwin Huber, Günther Beckstein und Edmund Stoiber sei insofern etwas schief gelaufen, dass sie als kleine Buben keine Spielzeug-Eisenbahn gehabt hätten. Nur deshalb seien sie auf den teuren Einfall gekommen, sich als Erwachsene wenigstens einen Transrapid zuzulegen.

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Bleibt die Frage, ob die Herren ihren Kindheitskomplex jetzt überwunden haben. Der Münchner SPD-Bundestagsabgeordnete Axel Berg ist sich da nicht ganz sicher. Er befürchtet, dass die CSU weitere Strecken sucht. Er trat daher mit einer Fürbitte an die CSU-Macher heran: "Ersparen Sie dem Steuerzahler, die Leiche Transrapid von einem Friedhof zum nächsten zu tragen."

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Weshalb hat die grüne Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck bitterlich geweint, als die Grünen vor 25 Jahren Ende März in den Bundestag einzogen? Die Legende besagt: Weil sie Helmut Kohl bei der Kanzlerwahl eine kranke Tanne überreicht hat, aber dafür von ihrer grünen Mitstreiterin Petra Kelly schwer gerüffelt wurde, weil der Zweig zu wenig vom Waldsterben gezeichnet gewesen sei. Die Wahrheit ist: Sie hat wegen Otto Schily geweint. Der stauchte die Kollegin Beck nach der Übergabe lautstark zusammen, weil sie den Zweig überreicht habe, "ohne das vorher abzusprechen." Wie man sieht, manche Menschen wie der einst grüne, später rote Schily ändern zwar zuweilen das Parteibuch, aber ihren Charakter nie, auch nicht in 25 Jahren. Einmal Choleriker, immer Choleriker.

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Wissen Sie, was ein Axiom ist? Mit dieser Frage hat Peter Ramsauer, bekanntlich ein Bildungsbürger par excellence, unlängst die Berliner Journalisten getestet. Die hatten natürlich weder ihren Euklid noch Aristoteles abrufbar im Kopf. Also klärte der CSU-Mann die Medienmeute auf: "Ein Axiom bedarf weder eines Beweises noch ist es einem Beweis zugänglich. Metaphysisch ist es durch Evidenz, Gewissheit und ontologische Priorität gekennzeichnet." Alles klar? Oder besser ein Beispiel gefällig? Ramsauer: "Je mehr die CSU in Berlin auf bundespolitischem Parkett auftritt, desto besser." Wenn das mal keine eindeutige Aufforderung an die Adresse des arg schwächelnden bayerischen Führungsduos Erwin Huber/Günther Beckstein war, endlich damit anzufangen. Denn irgendwie hat man den Eindruck, dass das Axiom des bayerischen Gewichts in der Bundespolitik vielleicht doch mal wieder einer kleinen Bestätigung bedarf.

  • Hans Peter Schütz