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Bundestagswahl Wer hat Angst vorm roten Mann? Oder: Muss es wirklich immer die Union sein?

Im Bundestag: Olaf Scholz gestikuliert am Rednerpult, Armin Laschet in der Länderbank
Kontrahenten ums Kanzleramt: SPD-Kandidat Olaf Scholz am Rednerpult und Armin Laschet (CDU).
© John MacDougall / AFP
Es liegt ein Hauch von Veränderung in der Luft. Die Union könnte die nächste Wahl verlieren. Heißt auch: Es liegt ein Hauch von Verunsicherung in der Luft. Muss es wirklich immer die Union sein? Ein paar nicht so verbissene Gedanken dazu.

Es gibt ein paar Dinge, die scheinen schier unverrückbar in diesem Land. Sonntags kommt der Tatort, Weihnachten wird der Baum aufgestellt, Bayern München wird deutscher Meister und die CDU stellt den Kanzler respektive die Kanzlerin. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Veränderungen sind traditionell nicht so unsere Sache, denn sie sind mit Unsicherheit verbunden. Gerät also eines dieser Dinge ins Wanken, setzt eine Art Gegen-Mechanismus ein. Schwächelt etwa der FC Bayern und stehen kurzzeitig andere Clubs im Fokus, diskutieren und kommentieren Experten landauf, landab, was die Münchner tun müssten, damit sie nur ja wieder oben stehen. Ganz ähnlich – und Analogien zwischen Fußball und Politik sind hierzulande ja auch sehr beliebt – passiert es gerade mit der Union. Sie schwächelt und schwächelt in den Umfragen, und landauf, landab wird diskutiert, kommentiert und analysiert, was CDU und CSU jetzt(!), schleunigst(!!) tun müssen, um das Ruder doch noch rumzureißen (auch hier auf stern.de). Denn sonst droht nach CDU-Lesart der Weltuntergang, mindestens, oder schlimmer noch: ein Linksrutsch!

Auch diesmal stellt die Union eindringlich die Frage: Wer hat Angst vorm roten Mann? Aber Olaf Scholz? Ein linkes Schreckgespenst? Der SPD-Kandidat und momentane Wahlfavorit könnte doch kaum bürgerlicher sein. 

Nach 16 Jahren Union: Wirklich alles in Ordnung im Land?

Nun wäre die Aufregung ja zu verstehen, wenn alles in bester Ordnung wäre im Lande. Mal schauen: Da sind doch die maroden Brücken und Straßen (im Autoland Deutschland), die Schulen im beklagenswerten Zustand (im Bildungsland Deutschland), auf den Klimawandel sind wir augenscheinlich längst nicht vorbereitet, die Digitalisierung – hie und da immer noch nur eine Verheißung (im Hochtechnologieland Deutschland), den Pflegenotstand beschönigt nicht mal die Union selbst, auf dem Land fehlen Ärzte, die Bürokratie ist überbordend (und zudem langsam wegen der Faxgeräte – Stichwort: Digitalisierung), die Bundeswehr am Rande der Einsatzfähigkeit, die Mieten in den Städten werden unerschwinglich, etwa jedes fünfte Kind wächst in Armut auf oder lebt an der Armutsgrenze ... setzen Sie gerne fort! Dazu: Maut-Debakel, Maskenskandal, Aserbaidschan-Lobby-Affäre, ganz aktuell rechtswidriges Räumen des Anti-Kohle-Protestcamps im Hambacher Forst. Frei nach Armin Laschet während seiner Attacke gegen Olaf Scholz im zweiten TV-Triell: "Wenn meine Regierung so arbeiten würde, also, dann hätten wir ein ernstes Problem."

Stimmt natürlich: Für nicht alle dieser Missstände ist der Bund zuständig. Aber auch auf anderen politischen Ebenen sitzen CDU-Leute. Vor allem: Liest sich denn so ein guter Zustand des Landes nach 16 Jahren am Stück in der Regierung? Oder zumindest ein Zustand, der eine Regierung unter Unionsführung "alternativlos" macht? Sie werden die Frage für sich zu beantworten wissen. Dieser Text will keine Wahlempfehlung sein.

Keine Angst, Bayern München wird wieder Meister

Klar, auch andere Parteien würden nicht alles richtig machen. Ganz sicher nicht. Vielleicht manches besser, vieles anders, sicher einiges auch schlechter. Von 1998, als die erste rot-grüne Regierung gewählt wurde, ist ein Spruch von Reinhard Bütikofer, früher mal Bundesvorsitzender der Grünen und heute Europaparlamentarier, in Erinnerung geblieben. "Hamsterkäufe sind nicht nötig", beruhigte er angesichts der ersten Regierungsbeteiligung einer grünen Partei. So viel zur Katastrophenstimmung damals. Und auch am 26. September wird die Welt nicht untergehen, sollte es tatsächlich einen Regierungswechsel geben. Sonntags kommt weiter der Tatort, nächstes Weihnachten wird der Baum aufgestellt und – ja, es ist zu befürchten – Bayern München wird deutscher Meister.


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