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CDU Thüringen: Der schwere Weg des Dieter Althaus

Noch wird nur darüber geflüstert. Aber in Thüringens CDU wachsen die Zweifel, ob sie im August wieder mit Ministerpräsident Dieter Althaus zur Landtagswahl antreten kann. Von seinem schweren Skiunfall erholt er sich nur sehr langsam.

Von Hans Peter Schütz

Vielen stehen die Tränen in den Augen in der Sankt-Gerhard-Kirche in Heiligenstadt. Nicht wegen des Mannes, der im 80. Lebensjahr gestorben ist und den sie hier zu Grabe tragen. Sondern beim Blick auf den Mann, der in der ersten Bankreihe steht. Gebeugt, als breche er gleich zusammen. Immer wieder muss er sich setzen. Immer wieder versucht er auf dem Lederbänkchen vor sich wenigstens nieder zu knien. Ein weißer Verband ist an seinem linken Arm zu erkennen.

Wer - wie wohl alle Trauergäste - Dieter Althaus als sportlichen Dynamiker kennt, der er Ende vergangenen Jahres noch war, dürfte an diesem Tag kaum geglaubt haben, dass er identisch sein könnte mit dem alten Mann, der am Arm seiner Frau Katharina an den Sarg seines Vater Heinz geführt wurde. Schwer der Schritt, tastend die Füße, grau das unter einem schwarzen Hut halb verborgene Gesicht.

Skeptische Spezial-Ärzte

Birgit Diestel, die Frau, die den thüringischen Ministerpräsidenten seit seinem schweren Skiunfall in Österreich, bei dem eine Frau vermutlich durch sein Verschulden zu Tode kam, im Amt vertritt, sagte nach der Trauerfeier, was viele denken. "Er ist angeschlagen, er ist krank, er ist in Trauer." Selbst sie durfte an diesem Tag nicht mit dem Mann sprechen, der momentan wegen eines Schädel-Hirn-Traumas in der Reha-Klinik in Allensbach am Bodensee lebt und gekommen ist, um den Vater auf seinem letzten Weg zu begleiten. Fotografieren war ausdrücklich verboten.

Aus gutem Grund. In Sankt Gerhard war zu sehen, dass jene Ärzte keine medizinischen Schwarzmaler sind, die von vornherein gesagt haben, dass die Gesundung von Althaus sechs bis acht Monate dauern könne. Wo bliebe dann die Zeit für einen Wahlkampf, in dem es in diesem Bundesland um die Macht geht und zugleich um eine wichtige Zwischenstation im Bundestagswahlkampf, der Ende September entschieden wird? Der thüringische Regierungssprecher Fried Dahmen lehnt jeden Kommentar zum Gesundheitszustand von Althaus ab. Immerhin muss er einräumen, dass "der Chor vielstimmiger" wird. Im Klartext soll heißen, dass einige Spezial-Ärzte, die näheren Kontakt zu ihm hatten, sehr skeptisch sind. Es könne sein, meinen sie, dass er sein Amt nicht verteidigen kann. Und die stellvertretende CDU-Landesvorsitzende Birgit Dietzel macht sich wohl selbst nur Mut, wenn sie tapfer sagt: " Jeder in der Thüringer Regierungspartei muss seine Pflicht tun. Wir haben einen Spitzenkandidaten, und der heißt Dieter Althaus."

Alle in der Landespartei scheinen das nicht beherzigen zu wollen. Denn Klaus Zeh etwa, Leiter der Erfurter Staatskanzlei, bekennt sich zwar zum Kandidaten Althaus, fügt aber auch hinzu: "Er muss zu 150 Prozent belastbar sein." Der Mann in der Kirche seiner Heimatstadt Heiligenstadt war überhaupt nicht belastbar, schon gar nicht mit dem Stress eines - mindestens - wochenlangen Wahlkampfs. Merkwürdig und wenig rücksichtsvoll auch war, dass der Sprecher der thüringischen CDU erklärte, spätestens auf dem CDU-Landesparteitag am 14. März müsse Althaus sich für oder gegen die Spitzenkandidatur entscheiden. Das ist reine Parteitheorie. Zwar muss jeder nominierte Kandidat dort erklären, ob er nun tatsächlich antritt. Aber das kann Althaus auch per Brief formell korrekt mitteilen. Zweifel an einer schnellen Rückkehr säte auch der thüringische CDU-Landesgruppenchef im Bundestag, Manfred Grund. Der sagte, es könne durchaus Ostern werden, bis er in die Amtsgeschäfte zurückkehre. Ostern liegt dieses Jahr erst Mitte April. Und der CDU-Fraktionschef im thüringischen Landtag, Mike Mohring, redete jetzt sogar davon, "nach der Sommerpause muss er da sein, dann geht unser Wahlkampf los."

Zweite Garde bringt sich in Stellung

Viele in der Landes-CDU fanden diesen Satz eine ganz und gar ungebührliche "Deadline." Nach außen müsse der "Plan A" vertreten werden, A wie Althaus. Intern wird freilich bereits über einen "Plan B" spekuliert. Vielen Aktivisten ist es dabei äußerst unwohl. Denn hinter Althaus formieren sich vor allem zweit- und drittklassige CDU-Politiker. Und dies vor einem Wahlkampf, bei dem kaum noch einer daran glaubt, dass die CDU ihre absolute Mehrheit von 43 Prozent verteidigen kann. Aufschlussreich ist, dass die stärkste politische CDU-Figur in diesem Bundesland plötzlich wieder Alt-Ministerpräsident Bernhard Vogel ist, der sich auch bereitwillig als Ersatz-Wahlkämpfer für Althaus angeboten hat. Als ernsthafter Kandidat steht er allerdings nicht zur Verfügung.

Andere sehen sich ohne Zweifel bereits so. Etwa Christine Lieberknecht, derzeit Sozialministerin und früher Fraktionsvorsitzende im Landtag. Dann natürlich auch Frau Dietzel, ebenso ihr Parteifreund Mohring. Untereinander belauern sie sich längst eifersüchtig.

Konservative Mehrheit in Gefahr

2004 hatte die CDU mit ihren 43,0 Prozent die absolute Mehrheit noch knapp verteidigen können. Aber die PDS kam auf stattliche 26,1 Prozent, was ihr als Linkspartei laut allen Prognosen locker wieder gelingen dürfte. Die SPD rangierte 2004 abgeschlagen bei 15 Prozent. Die Linkspartei tritt in Thüringen erneut mit Bodo Ramelow an, dem derzeitigen stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, 30 Prozent sind durchaus denkbar. Christoph Matschie ist Spitzenkandidat der SPD, aber längst nicht alle Genossen stehen hinter ihm, da er ein rot-rotes Bündnis bereits ausgeschlossen hat. Das hält ein starker Flügel der thüringischen SPD für einen Fehler. Ihr Argument: Bei einer Koalition mit der Linkspartei, die durchaus im Bereich des Möglichen liegt, werde die SPD weit mehr Posten und Einfluss bekommen, als wenn man der CDU mit einer Koalition wieder an die Regierung verhelfe.

Bleibt für die CDU eine andere Hoffnung: Ein schwarz-gelbes Bündnis, obwohl die FDP, ein zuweilen heillos zerstrittener Haufen, bei der letzten Wahl nur auf 3,6 Prozent kam. Doch diese Koalition wäre fast schon ein Wunder, auch für Angela Merkel.