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Gerüchte um Seehofers Privatleben: Machtkampf mit allen Mitteln

Stürzt er? Oder kann er sich noch halten? Edmund Stoibers Schicksal steht auf der Kippe. Zum Krisengipfel empfängt der CSU-Chef heute Alois Glück und Joachim Herrmann, morgen muss er nach Kreuth. Über das Privatleben Horst Seehofers, einen möglichen Nachfolger, werden derweil per "Bild"-Zeitung Gerüchte gestreut.

Von Florian Güßgen und Hans-Peter Schütz

Chaostage in der CSU. Edmund Stoiber, der Chef, scheint kurz vor dem Sturz, hält aber mit aller Kraft an seinen Ämtern fest. Am Montagmorgen hat eine Woche begonnen, die für Stoibers politisches Schicksal entscheidend sein kann. Am Morgen hat Stoiber Landtagspräsidenten Alois Glück zu einem knapp einstündigen Gespräch in der Münchner Staatskanzlei empfangen. Weder Stoiber noch Glück äußerten sich anschließend zu dem Inhalt der Unterredung. Gemeinhin wird angenommen, dass Glück im Interesse der Partei versucht, Stoiber zu einem Rückzug zu bewegen. Für den späten Vormittag ist ein Treffen zwischen Stoiber und Joachim Herrmann, den Fraktionschef der CSU im bayerischen Landtag, avisiert. Am Nachmittag beginnt die Winterklausur der Landtagsfraktion in Wildbad Kreuth mit einer Sitzung des Fraktionsvorstands. Am Dienstag soll die Causa Stoiber mit der gesamten Fraktion diskutiert werden.

Stoiber hält an seinen Ämtern fest

Im Kern geht es in dieser Woche darum, ob Stoiber sich überhaupt noch länger in seinen Ämtern - dem Parteivorsitz und dem Amt des Ministerpräsidenten - halten kann. Die Stimmung an der Parteibasis ist lausig, die Bürger lehnen ihn in Umfragen ab. Zusätzlich hat eine Umfrage am Wochenende ergeben, dass die CSU in Bayern derzeit unter die 50-Prozent-Marke gerutscht ist. Damit hat die Krise um Stoiber auch die Partei endgültig in eine existenzielle Krise gestützt. Dabei ist unklar, wie die CSU Stoiber abservieren kann, ohne öffentlichen Königsmord zu begehen. Die potenziellen Nachfolger - Innenminister Günter Beckstein im Amt des Regierungschefs und Horst Seehofer im Amt des Parteichefs - haben klar gemacht, dass sie nicht gegen Stoiber kandidieren werden. Sein zumindest nach außen freiwilliger Rückzug ist also Voraussetzung für eine Nachfolgeregelung. Dagegen weigert sich Stoiber aber bislang. Er will weitermachen - und die Basis auf einer Tour durchs Land überzeugen. Vor diesem Hintergrund könnte es gut sein, dass Stoiber, zumindest noch in dieser Woche, die Oberhand behält.

Gerüchte über Seehofers Privatleben

Dass hinter den Kulissen der Machtkampf in der CSU längst begonnen hat - und zwar mit allen Mitteln - zeigt eine vermeintliche Indiskretion über Horst Seehofer, den Landwirtschaftsminister, die heute in der "Bild"-Zeitung nachzulesen ist. Berichtet wird darin, dass "Parteifreunde" das Gerücht streuen, Seehofer, verheiratet und Vater dreier Kinder, habe in Berlin seit drei Jahren eine Affäre mit einer Bundestags-Mitarbeiterin. Seehofer wollte die Gerüchte laut "Bild" am Sonntag nicht kommentieren. Der "Bild"-Bericht demonstriert vor allem eines: Die Diadochenkämpfe um Stoibers Erbe sind in der CSU voll entbrannt. Die Seehofer-Indiskretion erinnert dabei fatal an einen ähnlichen Fall im Jahr 1993. Damals wurde Parteichef Theo Waigel im Rennen um den Ministerpräsidenten-Posten ausgebootet, indem in der Öffentlichkeit Berichte über sein Verhältnis zur ehemaligen Skirennläuferin Irene Epple lanciert wurden. Der Profiteur dieser Kampagne gegen Waigel hieß damals Edmund Stoiber.

"Die Fraktion steht zu ihrem Ministerpräsidenten

Vordergründig jedoch überbieten sich die Partei-Oberen derzeit in halbherzigen Solidaritätsbekundungen. Herrmann warnte vor einer überstürzten Entscheidung über die politische Zukunft Stoibers. "Es gibt überhaupt keinen Grund, jetzt in Panik zu verfallen", sagte er dem RBB-Inforadio. Zugleich versicherte er dem Regierungschef die grundsätzliche Solidarität der Landtagsfraktion. "Es kann kein Zweifel sein, dass die CSU-Fraktion zu ihrem Ministerpräsidenten steht", sagte er. Man müsse aber auch die Stimmung in der Bevölkerung ernst nehmen. "Darüber muss man sprechen", sagte Herrmann. CSU-Generalsekretär Markus Söder sagte dem ZDF-Morgenmagazin, er erwarte von der Klausurtagung in Kreuth "ein klares Signal der Ruhe, aber auch der Geschlossenheit". Es gehe jetzt darum, "wieder Stabilität in die Lage zu bringen und nicht jeden Tag neue mediale Gerüchte und Hektik herein zu bringen." Es gebe nur eine Partei, die die CSU in Bayern besiegen könne, und das sei die CSU selbst, sagte Söder. Deshalb müsse die Führungsdiskussion endlich beendet werden.

Abgeordneter tanzt aus der Reihe

Aus der Reihe tanzte am Montag der CSU-Landtagsabgeordnete Eberhard Rotter. Er empfahl im ARD-Magazin "Fakt" eine Trennung der Ämter des Parteichefs und des Ministerpräsidenten, zumindest für die nächsten Jahre. Er schlug Seehofer als neuen CSU-Vorsitzenden vor und äußerte die Hoffnung, dass Stoiber auch das Amt des Ministerpräsidenten jetzt freiwillig zur Verfügung stellen werde. Als Nachfolger kämen Beckstein und Huber in Betracht, sagte Rotter.

Kritik an Doppelzüngigkeit der Parteispitze

Altgediente prominente Parteimitglieder, die der CSU nicht schaden wollen und sich daher mit öffentlichen Äußerungen zurückhalten, beklagen vor allem die Doppelzüngigkeit der Parteiprominenz. "Wenn man mit Alois Glück spricht, sobald die Kameras und Mikrophone abgeschaltet sind, sagt er etwas ganz anderes als zuvor", hieß es. Dann vertrete auch der Landtagspräsident die Auffassung, dass Stoiber spätestens zum Jahresende zurücktreten müsse. Dies sei im übrigen die Meinung der gesamten CSU-Führung. Höhnisch wird in der CSU daran erinnert, wie Stoiber bei der Krise vor dem Rücktritt von Max Streibl in den bayerischen Landtag eilte und dort sagte, wer Streibl angreife, zerstöre damit das Fundament der CSU. Doch was jetzt ablaufe, sei in seiner Verlogenheit noch schlimmer als damals. Denn Streibl sei wenigstens nicht so uneinsichtig gewesen wie Stoiber.

Düstere Erinnerungen an die 50er Jahre

Kenner der Parteigeschichte erinnern mittlerweile an die bisher größte Krise in der Geschichte der CSU. 1949 habe sie noch 52 Prozent der Stimmen geholt bei der Landtagswahl. Vier Jahre später - nach einem zermürbenden Kleinkrieg zwischen Josef Müller, genannt der Ochsensepp, und Alois Hundhammer sei der CSU-Wähleranteil mit 27 Prozent praktisch halbiert worden. Gesprächspartner von stern.de schließen schon jetzt einen Sturz der CSU auf 35 Prozent - und damit den Machtverlust - nicht mehr aus. Auf nichts reagierten CSU-Wähler sensibler als auf parteiinterne Streitereien, hieß es. Im übrigen habe Stoiber jetzt zum ersten Mal die Rückendeckung durch die gesamte Landespresse verloren. "Die merken, dass sie pausenlos angelogen werden", sagte ein führendes CSU-Mitglied. Auf blankes Entsetzen in der CSU trifft auch Stoibers Entscheidung, den auf die Landrätin Pauli angesetzten Spitzel Höhenberger weiterhin in der Staatskanzlei zu belassen. "Damit zeigt Stoiber, dass er inzwischen abhängig geworden ist von solchen Leuten."