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Gipfel in Cannes: Der Schwächste fliegt aus Euroland

Kanzlerin Merkel und Präsident Sarkozy machen dem griechischen Ministerpräsidenten klar: Wer zu schwach ist, hat keinen Platz mehr im Klub der Euro-Staaten.

Von Leo Klimm

Als Giorgios Papanderou um kurz vor Mitternacht das Kongresszentrum von Cannes verlässt, hat er die Lektion kapiert: "Die Frage ist, ob wir in der Euro-Zone bleiben wollen", sagt der griechische Regierungschef sichtlich abgekämpft nach dem Gespräch, zu dem ihn Nicolas Sarkozy und Angela Merkel am Mittwochabend an die Côte d'Azur zitiert haben. Wenige Stunden zuvor hatten die Griechen noch verbreitet, es gehe bei der Volksbefragung allein um die Annahme des Brüsseler Rettungsplans vom 27. Oktober.

Mit dem Referendum - das Papandreou zur Überraschung seiner europäischen Partner über den Rettungsplan abhalten will -, entscheiden die Griechen also über ihre Zukunft in Europa insgesamt. Das ist es, was die Kanzlerin und ihr französischer Mitstreiter dem griechischen Premier beim Abendessen eingeschärft haben - "in einem freundschaftlichen, aber ernsten Gespräch", wie Merkel sagt. Entweder die Griechen setzen den Rettungsplan mit all seinen Auflagen um, so die Botschaft. Oder sie müssen die Euro-Zone verlassen. Es geht nicht mehr darum, Griechenland um jeden Preis im Euro zu halten. "Den Euro als stabile Währung zu erhalten, ist die primäre Aufgabe, der wir uns verpflichtet fühlen", sagt Merkel kühl. Mit anderen Worten: Der Schwächste fliegt.

Eisige Stimmung beim Dinner

Schon zu Beginn des Dinners in dem französischen Badeort der Reichen und Schönen ist die Stimmung eisig. Neben Merkel und Sarkozy sind andere Spitzenpolitiker wie EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Christine Lagarde dabei, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Doch die Tischordnung ist so arrangiert, dass Merkel und Sarkozy nebeneinander sitzen - und Papandreou ihnen direkt gegenüber. Rund zwei Stunden, länger als geplant, nehmen sie den Griechen in den Schwitzkasten.

Danach tritt erst das deutsche-französische Euro-Retterduo vor die wartende Weltpresse. Merkel und Sarkozy verkünden, dass die nächste Hilfszahlung von 8 Milliarden Euro von IWF und EU an Griechenland gestoppt ist, bis das Land alle Auflagen des Brüsseler Plans vom 27. Oktober umgesetzt und im Referendum akzeptiert hat. Damit zwingen sie Papandreou, die Volksbefragung auf den 4. oder 5. Dezember vorzuziehen. Denn ohne frisches Geld geht Griechenland kurz vor Weihnachten pleite. Sarkozy und Merkel verkürzen so auch die Zeit der Unsicherheit über das hellenische Schicksal, die den Märkten massiv zusetzt.

"Wir wollen, dass sie im Euro bleiben"

Überhaupt wird die Umsetzung des Euro-Rettungsplans beschleunigt: Schon am Donnerstagvormittag sollen Finanzminister Wolfgang Schäuble, sein französischer Amtskollege Francois Baroin und EU-Währungskommissar Olli Rehn auf einem improvisierten Treffen in Cannes beraten, wie zum Beispiel "Brandschutzmauern" in den Euro-Rettungsfonds EFSF eingebaut werden können. Sie sollen die weitere Ausbreitung der Schuldenkrise auf andere Euro-Staaten verhindern.

Die Griechen, sagt Sarkozy, hätten es selbst in der Hand. Mehrheit und Opposition in Athen sollten sich endlich zusammenraufen. "Wir wollen, dass sie im Euro bleiben", belehrt Sarkozy, "aber sie müssen sich an die Regeln halten." Sonst gebe es "nicht einen Cent" von den französischen oder deutschen Steuerzahlern. Europa, das sei nicht nur eine Pflicht zur Solidarität gegenüber Griechenland, sondern auch die Pflicht Griechenlands zur Loyalität gegenüber den übrigen Euro-Staaten.

"Für unsere Kinder und Enkel"

Für Merkel - im deutsch-französischen Tandem sonst nicht für Pathos zuständig - geht es in dem Referendum um noch mehr: Die Umsetzung des Euro-Rettungsplans in allen Staaten der Währungsgemeinschaft entscheide über die Zukunft der nächsten Generationen. "Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit für unsere Kinder und Enkel erhalten."

"Und was passiert mit Europa und seiner Währung, wenn die Griechen sie wirklich aufgeben?", fragen die Journalisten. Ist Europa auch darauf vorbereitet? Merkels Antwort fällt knapp aus: "Wir sind gewappnet." Eben dank des Rettungsplans, der eines von 17 Euro-Ländern womöglich nicht mehr retten wird.

FTD