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Guttenberg in München: "Habe nicht vor, die Kanzlerin zu stürzen"

Karl Theodor zu Guttenberg war in besseren Zeiten der Darling der Münchner Sicherheitskonferenz. Nun reicht es nur noch für einen Pressestunt nebenan. Ganz ohne geht's für ihn halt gar nicht.

Von Lutz Kinkel

Wenn große Stars in Autohäusern und Shopping-Malls vorsingen, sind sie keine großen Stars mehr. Sondern Ex-Stars, die, von einer psychischen Abhängigkeit getrieben, das Publikum suchen, den Applaus, das Echo ihrer einstigen Größe. Solche Auftritte sind im besten Fall sentimental. Im schlimmsten Fall tragisch.


"Ron Sommer, Roland Koch, Egon Bahr, Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg – manchmal wirkt die #msc50 wie der Elefantenfriedhof der BRD" twitterte der Münchner Pirat Dorin Popa. Ganz richtig ist der Tweet nicht. Denn Guttenberg war nicht auf der #msc50, der Münchner Sicherheitskonferenz, auf der er zu besseren Zeiten als anglophiler Weltmann und Verteidigungsexperte brillierte. Er sprach auf einem Kongress der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Titel: "Sicherheit der weltweiten Handels- und Logistikströme". Guttenbergs Vortragsthema: Cybersicherheit.

Die Chuzpe des Auftritts

Der Witz des Auftrittes waren Location und Timing. Der Wirtschaftsverband tagte in der ehemaligen Karmeliter-Kirche in der Münchner Innenstadt. Von dort aus sind es zu Fuß exakt 210 Meter bis zum Luxushotel Bayerischer Hof, dem Zentrum der Sicherheitskonferenz. Während dort Bundespräsident Joachim Gauck die Eröffnungsrede hielt, sprach Guttenberg in der ehemaligen Kirche. Der Freiherr hatte also die Chuzpe, seine neue Zweitklassigkeit maximal auszustellen. Die Welt sollte wissen, dass er immer noch da ist. Aber politisch nichts mehr zu melden hat. Vielleicht hat er dieses doppelbödige Spiel mit der eigenen Bedeutung sogar genossen.

Ein Interview? "Ganz bestimmt nicht", sagte Guttenberg vor seiner Rede zu Journalisten. Er kam allein, zu Fuß, im grauen Anzug, wobei seine Krawatte "einen Hauch von Extravaganz" abstrahlte, wie der DPA-Reporter notierte: kleine blaue Fische auf rosafarbenem Grund. Etwas fülliger ist er geworden, was einen Twitterer zu dem Kommentar anregte, dies sei wohl auf die Arbeitslosigkeit zurückzuführen. Dass der Freiherr wieder eine Nickelbrille im Harry-Potter-Style trägt, obwohl er nach seiner Übersiedlung in die USA länglich darlegte, keine mehr nutzen zu müssen, führte eigenartigerweise nicht zu längeren Debatten.

Doktorarbeit, zweiter Versuch?

Guttenberg sprach vor etwa 200 Unternehmern und Wirtschaftsfachleuten. Sein eigentliches Thema - Cybersicherheit - spielte offenkundig nur eine marginale Rolle. Der Überlieferung würdig schienen den Beobachtern allein Guttenbergs humorige Einlassungen zur eigenen Person. "Ich bin froh und danke für den herzlichen Empfang, der mich fast dazu verleitet, einen Wiedereinbürgerungsantrag zu stellen. Ich verspreche auch, dass ich von niemandem abschreiben werde", sagte der Mann, der wegen seiner gefälschten Doktorarbeit von der Kanzlerhoffnung zum politischen Outlaw mutiert war.

Und Guttenberg schob noch ein paar lockere Sprüche hinterher, wobei die Wahl seiner Worte ein nicht übermäßig reduziertes Selbstbewusstsein verrät. "Ich habe weder vor, den Ministerpräsidenten zu stürzen, noch die Kanzlerin, noch den Papst." Sein Auftritt sei auch nicht als 387. Versuch eines Comebacks zu werten. Er fühle sich wohl in den USA und engagiere sich - "mit sehr viel Demut und Bescheidenheit", klar - an einer Universität. Da habe er ja auch einiges gut zu machen, meinte Guttenberg. Arbeitet er womöglich an einer neuen Doktorarbeit? Niemand weiß es.

Seehofer und Guttenbergs Fankurve

Recht spitz ging Guttenberg mit seinem Parteichef Horst Seehofer um, der ihn in einem "Spiegel"- Interview Ende 2012 ein "Glühwürmchen" genannt hatte, sprich: ein in der Nacht verlöschendes Lichtlein. Guttenberg konterte in München: "Ich freue mich, mich mit eigenen Themen zu befassen und nicht auf der Sicherheitskonferenz gefragt zu werden, ob ein Glühwürmchen den Oberglühwurm getroffen hat." Beobachtern zufolge hätte Guttenberg tatsächlich an der Sicherheitskonferenz teilnehmen können, als Abgesandter des US-Think Tanks, für den er offiziell denkt. Aber: Dort wäre ihm nur ein Platz unter vielen beschieden gewesen. So hatte er seine eigene Show.

Die Chancen für ein Comeback des Freiherren in der CSU sind tatsächlich gering. "Dass sich die Partei noch einmal um Guttenberg drehen wird, ist fast so ausgeschlossen wie die Rückkehr des Ptolemäischen Weltbildes", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in einem hinreichend ironischen Artikel. Guttenberg hatte, vor allem mit seinem hochfahrenden Interviewbuch "Vorerst gescheitert", die politischen Auen in Bayern vollständig abgefackelt. Das indes erlaubte es Seehofer, sich jüngst wieder etwas großzügiger in Sachen Guttenberg zu äußern. Der "Süddeutschen Zeitung" bestätigte er Anfang des Jahres, Guttenberg sei nach wie vor ein potentieller Nachfolger für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten: "Der ist immer noch ein Thema." Vermutlich wollte Seehofer damit jedoch nur Guttenbergs Fankurve an der Basis beglücken. Wie viel er tatsächlich von ihm hält, lässt ein barscher Satz erahnen, den Seehofer der Münchner "Abendzeitung" in den Block diktierte. Gefragt, ob es ihm recht sei, dass der bayerische Wirtschaftsverband Guttenberg ausgerechnet während der Sicherheitskonferenz eine Bühne bietet, antwortete der CSU-Chef: "Der soll doch machen, was er will." Verkehrsminister Alexander Dobrindt, ein Seehofer-Intimus, der ursprünglich ebenfalls an diesem Kongress teilnehmen sollte, sagte kurzfristig wieder ab. Zu viel Nähe zum einstigen Star will die CSU offenkundig nicht demonstrieren.

Staatsmann, wenigstens in der "Bild"

Einzig die "Bild" steht noch in Treue fest zu Guttenberg. An diesem Freitag durfte er den Kommentar auf Seite 2 bestreiten, staatsmännischer Titel: "Deutschlands Verantwortung". Der Text endet mit dem Satz: "Zurückhaltung ist fehl am Platze." Er selbst befolgt diesen Imperativ nur stundenweise. In München kündigte er an, schon am Nachmittag zurückfliegen zu wollen. In die Heimat, die USA.