Hotelführung Hinter den Kulissen von Heiligendamm

Welch eine Bühne! Deutschlands erstes Seebad, zu DDR-Zeiten verlottert und heute wieder glamouröses Hotel, wird Schauplatz des Welttheaters. Passend zum Gipfel: eine stern-Führung durch Zeiten und Räume.
Von Jan Rosenkranz und Bert Gamerschlag

Zweieinhalb Tage lang wird sie die Königin sein. Sie, die einzige Frau in diesem Herrenklub. Bewohnt sie doch die schönste Suite am Platze. So will es das Protokoll. Und so wird Angela Merkel abends nach anstrengender Verhandlung in ihr Gemach in der Burg Hohenzollern hinübergehen. Ihr Mann Joachim wird vielleicht schon auf sie warten. In einem französischen Lehnsesselchen mit Streifen in Cremeweiß und Hellblau. Daneben ein King-Size-Bett mit meterhohen Pfosten aus dunklem Holz. Weiße Laken, bestickt mit den Initialen "HD". "HD" wie Heiligendamm. Und in der Minibar eine Flasche Rheingau-Riesling und eine Wegwerfkamera. Mit Blitz. Und der Aufschrift: "Für Momente, die man nicht vergisst."

18.000 Quadratmeter in zahnarzt-weiß

Heiligendamm, Hotel Kempinski. Vor den Fenstern des Kursaales, in dem die G8-Chefs tagen werden, strahlen 18.000 Quadratmeter Fassaden zahnarzt-weiß, der Himmel leuchtet preußisch-blau, und die Ostseewellen tragen zarte Kronen. Noch müssen mehrere Hundert Handwerker aller Gewerke die letzten Arbeiten im Kursaal beenden, die Schreiner den Verhandlungstisch anliefern, die Parkettleger den doppelten Boden einziehen, auf dass darunter die Kabelage verschwinde. Doch spätestens am 6. Juni, wenn nachmittags die Helikopter an der Pferderennbahn gleich hinter dem meterhohen Zaun gelandet sind, wenn die dicken Staatslimousinen durchs Spalier der alten Linden zum Kempinksi gleiten, spätestens dann sind alle Kulissen poliert. Dann herrscht endgültig der Ausnahmezustand im ältesten Seebad Deutschlands. Bühne frei für die G8. Ausgerechnet in dieser Luxus-Enklave wollen die Staatschefs der größten Industrienationen über die Armut in Afrika, die Zerstörung des Klimas und die sonstigen Probleme dieser Erde diskutieren. So hatte es Kanzler Schröder noch entschieden.

Auch nicht ganz unschuldig daran ist ein gewisser Professor Samuel Gottlieb Vogel. Ein kleiner, rundlicher Herr, der stets Zucker in der Gehrocktasche trug und sich als Leibarzt um das Wohl von Friedrich Franz I. sorgte. Er war es, der eines schönen Tages im Jahre 1793 dem Großherzog von Mecklenburg-Schwerin vorschlug, im milden Reizklima der Ostsee ein Seebad zu errichten, wie es sie in England schon seit Jahren gab. Der Herzog kam und badete, sah die von Gott geküsste Küste, verkaufte ein paar Bauernburschen an den Prinzen von Oranien für dessen Armee, nahm das Geld und ließ die Hofbaumeister in den folgenden Jahrzehnten ein klassizistisches Ensemble inmitten der Buchenwälder errichten. Eine Perle ganz am Rande des schon seinerzeit nicht eben reich beschenkten Landes. Ein Magnet für "Celebritäten", für Von und Zu aus nah und fern. Wer hatte sonst schon Geld für Reise, Urlaub und Thalassotherapie? Die bayerische Königin kam samt Gefolge, Kaiser Wilhelm I. residierte hier anlässlich eines Manövers, und selbst die russische Zarenfamilie beehrte den heilsamen Ort, schließlich war man verschwippt und verschwägert.

Dabei war schon das Baden eine Wissenschaft für sich. Einfach in die Fluten springen? Undenkbar! Moralisch ebenso wie praktisch, wer konnte seinerzeit schon schwimmen? Streng nach Geschlecht getrennt stieg man in kleine Schaluppen, aus deren Kajüte ein Badekasten ins Wasser herabgelassen wurde. Später kamen Badekarren zum Einsatz, die von dienstbarer Hand vom Strand aus ins Meer geschoben wurden. Hernach verlustierte man sich beim Reiten oder Taubenschießen, schoss dann und wann auch gern auf Schwäne, lud zu Picknicks oder Bällen ein und verspielte abends das ein oder andere Vermögen im nahen Casino.

"Die Damen machen viermal Toilette"

"Die Damen baden und schlafen, machen viermal Toilette, genießen die multrige Sumpfluft unter den Buchen und lassen gelegentlich über den im Kursaal aufgestellten Flügel ihre Finger gleiten", schrieb 1870 Theodor Fontane. Herzogs selbst fuhren nach dem Bade gern ein wenig raus aufs Meer - mit wehenden Flaggen und Wimpeln stach man in See und grüßte bei Abfahrt und Rückkehr die Badegesellschaft mit vier Kanonenschüssen.

Seit der Neueröffnung des Grandhotels vor bald vier Jahren hofft man nun auf Anschluss an die güldenen Zeiten - bisher mit mäßigem Erfolg. Dabei hat man doch so vieles dafür getan: 500 Tonnen feinsten Marmors wurden neu verbaut, 15 Kilometer Außenstuck gespachtelt, und die Ehefrau des Hauptinvestors, Anne Maria Jagdfeld, ließ persönlich die 225 Zimmer und Suiten, verteilt auf die vier Haupthäuser, mit Edelmobiliar aus aller Herren Länder ganz nach ihrem Geschmack füllen. Dunkle Mahagoni-Tische versinken in tiefen Teppichen, auf gebogenen Pfötchenbeinen lasten schwere braune Polster, Seidentapeten schimmern in gedeckten Farben - handbemalt. Und bevor die Kanzlerin erschöpft auf die thailändische Matratze sinkt, muss sie erproben, wie sich eine 180 Kilo schwere Zimmertür öffnet.

Zum Frühstück bilaterale Gespräche

Wer genau hinter welcher Türe wohnt, soll bis zum Gipfel geheim bleiben. Selbst das Hotelpersonal gibt sich ahnungslos. Doch Eingeweihte geben preis, dass USPräsident Bush höchstwahrscheinlich eine Suite in der Orangerie bezieht und die Regierungschefs aus Japan und Kanada sich das Haus Grandhotel aufteilen. Schon immer haben die Mächtigen die Sommerfrische in Heiligendamm geliebt und beehrt. Man traf sich und blieb unter sich, ob auf der Tribüne der Pferderennbahn, der ersten auf dem europäischen Kontinent, oder bei englischem Tee auf der Kurhausterrasse. Man defilierte, man parlierte - stets im Blick den großen Findling, der 1843 zum 50. Jahrestag des ersten Badeganges aufgestellt worden war. 50 Arbeiter hatten ihn in Elmenhorst bei Rostock ausgegraben, 220 Pferde die zehn Kilometer herbeigezogen, was ganze 93 Tage dauerte. Ja, an diesem Ort hat man nie auf den Heller geschaut. Und auch jetzt lässt man es amtlich krachen. Rund 110 Millionen Euro wird der Gipfel am Ende kosten. Nichts wird dem Zufall überlassen. Sämtliche Details hat Gipfel-Protokollchef Jürgen Mertens mit den G8-Kollegen längst besprochen. Zahlreiche Vorab-Delegationen inspizierten das Hotel, selbst potenzielle Jogging- und Fahrradrouten durch den "Gespensterwald" hat man für alle Fälle sorgsam ausgespäht. Theoretisch könnten Putin, Sarkozy und Co. bei schlechtem Wetter in der Edel-Sauna schwitzen. Doch praktisch wird die Zeit kaum reichen, die 3000 Quadratmeter Wellness-Oase im neu errichteten Severin Palais zu erkunden. Zu eng gesteckt ist das Programm. Schon zum Frühstück stehen bilaterale Gespräche auf dem Plan. Danach die erste Verhandlungsrunde, während im abgetrennten Nebenraum schon zum festlichen Essen eingedeckt wird.

Zuständig für das leibliche Wohl ist nicht allein Sterne-Koch Tillmann Hahn, der sonst im Edel-Restaurant "Friedrich Franz" Drôme-Wachteln mariniert, sondern auch das Referat 704 des Auswärtigen Amts, das spezialisiert ist auf gesellschaftliche Veranstaltungen, und deren Mitarbeiter sich, gestählt durch zahlreiche "Nebenessen", auch in Wein-Fragen eine gewisse Expertise angeeignet haben. Alles wird natürlich abgestimmt mit Kanzleramt und Sherpa-Stab. Doch Fragen zum Menü? Tabu. Nur köstlich soll es werden, eine heitere Zeit im vollkommenen Idyll. Das Seebad hat Erfahrung damit, es hat schon viele schillernde Zeiten erlebt, Aufstieg, aber auch Fall, Pleiten und Sanierungen im immerwährenden Kreislauf. Mal waren es Sturmfluten, mal Börsencrashs, mal Kriege, die den Ort fast ruinierten.

Im 19. Jahrhundert an eine Aktiengesellschaft verkauft

Im 19. Jahrhundert wurde der fürstliche Besitz erstmals an eine Aktiengesellschaft verkauft, die erst sanierte und sich dann verspekulierte, bis das leichte Leben in den Zwanzigern wieder erblühte. 1933 übernahmen die Nazis das Ensemble und erklärten es zum "Kraft durch Freude"-Bad. Neben "verdienten Volksgenossen" aalten sich hier nun Parteigrößen von Göring bis Goebbels. Hitler persönlich fuhr 1937 im offenen Wagen vor, neben sich den "Duce" Mussolini. "Die Leute sind rührend, die Frauen weinen vor Freude", schrieb Goebbels in sein Tagebuch.

Doch noch im Krieg war Schluss mit Luxus. Das Hotel wurde Kadettenschule und wenig später Lazarett. Aus Angst vor Englands Bombern erhielt die "weiße Stadt am Meer" 1942 einen dunklen Tarnanstrich. Es folgten Flüchtlinge aus dem Osten und Soldaten der Roten Armee, die hier vorübergehend eine Garnison errichteten. Noch während der Besatzungszeit bekam die Sozialversicherungsanstalt Mecklenburg alle Villen für die "Genesendenfürsorge" übertragen. Es entstand das "Sanatorium der Werktätigen" mit einer Kurklinik, in der vor allem Arbeiter des Kombinats Bitterfeld von ihren Lungenschäden und Hautkrankheiten geheilt werden sollten. "Die exklusive 'bessere Gesellschaft' wird sich hier nie mehr auf Kosten der Werktätigen von ihrem Drohnendasein 'erholen'", schrieb 1948 die örtliche Zeitung. Wie man sich täuschen kann.

Bürger schimpfen auf das "Reichen-Ghetto"

Heute, knapp 60 Jahre später, wünschen sich die Hotelbetreiber diese Drohnen wieder sehnsüchtig herbei - wenn schon keine Blaublüter, so doch zumindest Adel von Geld und Menschen, die ein "Chef-" vor der Berufsbezeichnung tragen. Gäste, die den "nostalgischen Charme" und den Komfort für "allerhöchste Ansprüche" (Hotelwerbung) nicht nur zu schätzen wissen, sondern auch bezahlen können. Eine Nacht im Hotel Kempinski kostet in der Saison ab 295 Euro - für den Meerblick legt man noch kräftig drauf. Viele Jahre hatte die Treuhand nach der Wende einen Investor gesucht und keinen gefunden. An den historischen Gemäuern zerrten Wetter, Sturm und Regen. Die Salzluft ließ die Farbe blättern, der Frost den Putz abplatzen, die Mauern sogen Wasser wie Moos im Moor. Leichte Arbeit für den Zahn der Zeit. Bis Anno August Jagdfeld kam und ein "Kulturgut ersten Ranges" entdeckte. Der Immobilienmanager legte 12 Millionen Mark auf den Tisch, warb bei potenten Anlegern über 150 Millionen Euro für seinen "Fundus"-Fonds an, nahm dankend 40 bis 50 Millionen Euro Fördergeld entgegen - und machte sich daran, der alten Dame wieder Leben einzuhauchen. Seitdem herrscht Streit.

Es geht um gesperrte Wege, Gatter, Tore und verletzten Stolz. Jagdfeld ließ das Ensemble kniehoch einzäunen, um seinen Gästen ungestörte Ruhe zu ermöglichen. Jetzt streiten die Bürger und der Immobilienmann darüber, wem der Ort gehört. Jagdfeld träumt den Traum von alten Zeiten. Schwärmt von "kalos kagathos", der klassischen Einheit vom Schönen und Guten, nach der sich schon die alten Griechen sehnten. Die Bürger aber fragen sich: Was haben wir davon? Sie sprechen verächtlich vom "Reichen-Ghetto". Sie verlangen, den grünen Metallzaun, der weite Teile des Hotelgeländes vor der profanen Welt beschützt, abzureißen, damit sie wieder ungestört durch "ihre weiße Stadt am Meer" spazieren können. Sie finden es unmöglich, wie Touristen und Passanten von der düster blickenden Hotel-Security verscheucht werden. Wie lästige Fliegen. Sie klagen, dass auch sie Zimmer vermieten und auch ihre Gäste ohne Umweg an den Strand gelangen wollen.

Drinnen Champagner und Langusten

Drinnen Champagner und Langusten, draußen Bier und Bockwurst. First-Class-Hotellerie gegen Fremdenzimmer-Ferien. Die Bürger und der Immobilienmann - sie können sich eben nicht leiden. Bei der vorigen Wahl spülte die Wut sogar drei Hotel-Gegner ins Parlament von Bad Doberan. Doch Investor Jagdfeld ficht alle Kritik nicht an. Auf seinem Weg zum "kalos kagathos" will er sich von niemandem stoppen lassen. Und auch wenn noch immer viele Häuser, wie die der Perlenkette, ihrem Siechtum überlassen sind, auch wenn die Gerüchte nicht verstummen wollen, Jagdfelds Fonds sei Pleite und das Kempinski bald Geschichte - er glaubt weiterhin und unbeirrt an den Erfolg. "Wir werden uns in den nächsten zehn Jahren zum erfolgreichsten Hotel Deutschlands entwickeln", sagt er. Beschwört er.

Und jetzt der Gipfel! Er macht der Welt den Ort bekannt. Er liefert schöne Bilder. Die Mächtigen zu Tisch, ihr Blick auf weites Meer. Die Mächtigen im Sonnenschein, dunkle Anzüge vor weißen Säulen und als private Tupfer First Ladies und der Kanzlergatte. Es wird nach Idyll aussehen, friedlich und still. Doch draußen auf der See kreuzt die Marine. Auf den Dächern liegen Scharfschützen. Und Tausende Polizisten schützen einen stählernen Zaun. Die Menschen zwischen Kühlungsborn und Rostock fürchten diese Art Idyll. Aber Heiligendamm hat Fluten überstanden, Grafen, Kaiser, Crashs und Kriege. Diese zweieinhalb Tage im Juni steckt die alte Dame auch noch weg.

Mitarbeit: Stefan Braun print

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