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Jürgen W. Möllemann: "Ich spring heute einen Einzelstern"

Politisch gescheitert, menschlich vereinsamt, von Staatsanwälten gejagt, stürzte sich Jürgen Möllemann in den Tod. Die wenigen Freunde, die ihm blieben, bezweifeln den Freitod und stricken an einer Legende.

Das Geräusch, das Udo Dumke, Mechaniker auf dem Flugplatz von Marl-Loemühle bei Recklinghausen, am 5. Juni kurz nach Mittag zusammenzucken lässt, wird ihn sein Leben lang verfolgen. Ein Geräusch, wie wenn ein wassergefüllter Ballon auf den Boden klatscht. Ein Geräusch, das Dumke aus einer TV-Dokumentation über den 11. September 2001 kennt, als in New York Menschen aus dem brennenden World Trade Center sprangen.

12.38 Uhr, Donnerstag vergangener Woche.

Jürgen W. Möllemann ist in dieser Minute gestorben. Mit Tempo 200 zu Tode gestürzt. Er schlug mit der Vorderseite des Körpers in einem Gerstenfeld auf.

Guido Bleckmann vom Verein für Fallschirmsport Marl, der in Loemühle springt und Möllemann seit langem kannte, ist als Erster bei dem Toten. Äußerlich wirkt er unverletzt. Erst als man ihn später auf den Rücken dreht, werden die Verwüstungen durch die Aufschlagwucht sichtbar. Das Gesicht zertrümmert, alle lebenswichtigen Organe zerrissen. Es war ein Sekundentod. Als später Ehefrau Carola Möllemann-Appelhoff ihren Mann sehen will, rät ihr die Polizei ab. Donnerstagmorgen. Die Springer treffen um neun in Loemühle ein. Nur Möllemann fehlt, obwohl er sich am Vortag für den Absprung angemeldet hat. Um 9.15 Uhr ist die Gruppe unter der Führung von Bleckmann fertig. Sie entschließt sich, ohne den FDP-Politiker zu springen. Alle landen problemlos.

Unten wartet jetzt Möllemann.

Er steht mit dem Wagen seiner Frau, einem anthrazitgrauen Audi A 6, auf dem Parkplatz. Man begrüßt sich. Er zieht seinen Springeranzug an und kommt zum Vorfeld, wo ein rot-weißes Flugzeug vom Typ Pilatus Porter PPC 6 wartet. Die Maschine gehört der Firma MS Air, Geschäftsführer: Möllemann. Weil die Bodensicht nicht ausreicht für einen sicheren Sprung, verzögert sich der zweite Start. Die Gruppe wartet im Flughafenrestaurant.

Möllemann hält sich abseits, grübelt oder telefoniert auf dem Handy, mal mit seinem Kieler Freund Wolfgang Kubicki, mal mit seiner Tochter Esther, die glaubt, er rufe sie aus Düsseldorf an. Kein Wort sagt Möllemann in diesen Gesprächen, dass er demnächst springen will. Alt ist er geworden, denkt Bleckmann, der zum "Team 18" gehörte, der Fallschirmspringergruppe, mit der Möllemann spektakulär Wahlkampf für die FDP machte. Und müde sieht er aus. Gegen Mittag lockert die Bewölkung auf, die Maschine startet. 12.10 Uhr. Zehn Springer sind an Bord. Geplant ist ein Fünfer-Stern, bei dem sich fünf Springer im freien Fall an den Händen fassen. Ob er in der Formation mitspringen will, möchte Bleckmann von Möllemann wissen. Der schüttelt den Kopf, lächelt kurz und sagt: "Ich spring heute einen Einzelstern." Es ist der letzte Satz in seinem Leben - typisch Möllemann, Sarkast selbst im Angesicht des Todes. Denn natürlich weiß er mit mehr als 700 Absprüngen, dass einer allein keinen Stern springen kann.

Die Fünfer-Formation springt aus 4200 Metern.

Fünf Sekunden danach steigt auch Möllemann aus. Als der Fünfer-Stern gelandet ist, blickt Bleckmann nach oben. Möllemann hängt in seinem Fallschirm mit den Initialen "JWM". "Da ist alles paletti", denkt Bleckmann und beobachtet, wie Möllemann mit seinen Windsteuerleinen den Fallschirm über den Sprungplatz dirigiert. In ungefähr 800 Meter Höhe trennt er plötzlich den Fallschirm ab, indem er das mit Klettband an seiner Brust befestigte Trennkissen löst. Als Bleckmann das sieht, denkt er: "Der will sich umbringen."

Noch hätte Möllemann Zeit gehabt, den Reservefallschirm zu öffnen. 300 Meter über Grund entfaltet der sich sogar automatisch, wenn man das so genannte Cypres-System vor dem Sprung durch viermaliges Drücken auf die Taste aktiviert. Doch Möllemanns Reserveschirm bleibt geschlossen. Hat er das Rettungssystem selbst abgeschaltet? Hat es versagt? Noch gibt es darauf keine Antwort. Und offen ist, ob es sie jemals geben wird. Aber sicher ist: Einen "bürgerlichen Tod", vor dem er sich nach eigenen Worten am meisten fürchtete, ist Jürgen W. Möllemann nicht gestorben.

Dass beim Fallschirmspringen etwas schief gehen kann, war ihm immer bewusst. Einmal klemmte bei ihm der Griff zum Öffnen des Schirms. Und der Reserveschirm ließ sich erst in letzter Sekunde ziehen. Was denkt einer, ist er danach gefragt worden, wenn er ungebremst der Erde entgegenrast? An die Frau, an zu Hause? "Sie denken nur: Das war‘s, Scheiß-Spiel!"

Selbstmord, Unfall - oder gar Mord?

Einen Abschiedsbrief Möllemanns gibt es nicht. Mag sein, dass daher auch in seinem Fall keine gültige Gewissheit zu erreichen ist. Wie beim Tod des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel vor 15 Jahren in einer Badewanne des Genfer Luxushotels "Beau Rivage".

Aber alles spricht für Freitod. Zwar ist Möllemanns Freund Fritz Goergen, der ihm bei dem Abrechnungsbuch "Klartext" geholfen hat, fest davon überzeugt: "Ich glaube nicht an Freitod" (siehe S. 34). Nur ein Unfall komme in Betracht. An die Möglichkeit, dass der Fallschirm manipuliert worden sei, denke er lieber nicht, sagt Goergen. Von einem Unfall geht auch Möllemanns bester Freund Wolfgang Kubicki aus. "Natürlich kann ich einen spontanen Selbstmord nicht ausschließen", rätselt der FDP-Fraktionsvorsitzende im Kieler Landtag, "aber nichts, gar nichts legt das zwingend nahe."

Man darf annehmen, dass hier Freunde dem Toten einen letzten Dienst erweisen und ihm zuliebe an einer Legende häkeln. Es soll nicht sein, was nicht sein darf. Kubicki äußerte sich über sein letztes Telefongespräch mit Möllemann am Donnerstagvormittag allerdings höchst unterschiedlich. Journalisten vermittelte er in mehreren Gesprächen - kurz nach der Todesnachricht - zunächst den Eindruck, sein Freund habe am Telefon einen erregten, beinahe hysterischen, rat- und hilflosen Eindruck gemacht. Einen Tag später klang Kubicki ganz anders. Möllemanns Emotionen hätten sich auf die vor seinem Haus aufmarschierten Staatsanwälte und Journalisten bezogen. Daraus auf völlige Verzweiflung zu schließen sei Quatsch. Ihn selbst habe Möllemann am Telefon mit "Waczlaw" angeredet, "was er stets tat, wenn er guter Laune war, und er war richtig gut drauf".

Eine interessante Frage bleibt dabei unbeantwortet:

Weshalb hat Möllemann seiner Frau und seiner Tochter beim Frühstück nicht gesagt, dass er zum Springen fährt und nicht nach Düsseldorf in den Landtag? So viel steht fest: Es ging Möllemann nicht gut in den letzten Monaten seines Lebens. Da war jenes Telefongespräch am Abend des 23. November 2002. Die stern-Redakteure Hans-Ulrich Jörges und Hans Peter Schütz hatten ihn an diesem Tag in Münster interviewt, drei Stunden lang. Sein erstes Interview nach achtwöchigem Schweigen. Ein psychisch wie physisch gezeichneter Mann saß da am Tisch, zweimal unterbrach er das Interview erschöpft, die Stimme versagte. Zwischendurch nahm er Tabletten.

Auf der Fahrt zu seinem Haus schilderte er eine These, die er Monate später in seinem Buch "Klartext" publik machte. FDP-Chef Westerwelle sei bei seinem Israel-Besuch im Frühjahr vom Geheimdienst Mossad erpresst worden: Entweder er, Westerwelle, stelle Möllemann politisch kalt, oder man werde peinliche Details aus dem Privatleben des FDP-Vorsitzenden enthüllen. Und Geheimdienste, raunte Möllemann beim Aussteigen, seien nun mal unberechenbar.

Am Abend dieses 23. November klingelt Jörges‘? Handy. Möllemann ist dran. Man solle die Bemerkung im Auto in Münster "sehr ernst nehmen", sagt er mit schleppender Stimme. "Es ist eine abstrakte Ahnung." Es stehe "etwas sehr Gefährliches" bevor. "Wenn etwas sehr Unvorhergesehenes passiert", solle sich der stern dieses Gesprächs erinnern. "Ich habe steife Nackenhaare", fährt Möllemann fort, "ich bin sehr unruhig." Aber er habe "eine Jägerausbildung". Klar hat Möllemann seine Botschaft nicht ausgesprochen, aber er wollte wohl sagen: Ich, Jürgen W. Möllemann, rechne damit, dass mir der israelische Geheimdienst nach dem Leben trachtet. Drei denkbare Erklärungen gab es: Der Mann steckte in tiefer Depression, fühlte sich subjektiv wirklich bedroht. Oder: Er pflanzte die Bedrohungstheorie, um der These von der angeblichen Erpressung Westerwelles Gewicht zu geben. Oder er dachte an Selbstmord und versuchte, den Suizid im Vorfeld als Mossad-Mord auszugeben.

Heute ist klar: Der FDP-Politiker trug schon damals Todesgedanken in sich. Ver-suchte er eine falsche Fährte zu legen, um seinen Tod als Mysterium wie den des Uwe Barschel erscheinen zu lassen?

Er tat sich zunehmend schwer mit dem Leben abseits

der politischen Öffentlich-keit. Sie war drei Jahrzehnte sein Lebenselixier gewesen. Alles vorbei. Zuletzt lebte er auf dem Abstellplatz, im Landtag wie im Bundestag. Ein verlorener Mann. Keine Blitzlichtgewitter mehr, wenn er auftauchte. Journalisten drängelten sich nicht mehr um ihn. "Guck mal, der Mölli, den gibt‘s ja auch noch", murmelten sie und eilten weiter. Ein O-Ton von dem? Vergiss es, den will keiner mehr hören!

Gewiss, am Sonntagabend vor seinem Tod war er noch einmal bei Sabine Christiansen, aber er war nicht in Form. Sein Bekenntnis, er denke noch immer über die Gründung einer Partei nach, wirkte matt und angeschlagen. Sein Lebensmotto "Kämpfen, Jürgen, kämpfen" trug ihn nicht mehr. Mit dem Leben ohne Politik kam er nicht zurande. Er litt an seinem Bedeutungsverlust. Die selten gewordenen Pressemitteilungen zeichnete er mit "Jürgen W. Möllemann, MdB/MdL, Bundesminister a. D.". Gedruckt wurden sie dennoch nicht. In der FDP war er ein Untoter. Die "Achterbahn seiner politischen Karriere", von der er so oft und stolz sprach, war zu Ende. Er war ganz unten, er würde nicht wieder nach oben kommen.

War sein Tod, was die Psychologen einen Bilanzselbstmord nennen? Zerbrach er, der Publizität an sich für einen zentralen Wert seines Lebens hielt, am Bewusst-sein der zementierten Bedeutungslosigkeit? Er war schließlich ein Süchtiger der Politik. "Ich hänge an ihrer Nadel", gab er bereitwillig zu.

Knapp vier Wochen vor seinem Tod

besuchte er die Berliner stern-Redaktion. Trotz frühsommerlicher Hitze trug er einen dicken Rollkragenpullover. Das Gesicht fast dunkelrot, der Anzug spannte über Brust und Bauch. Ja, er habe sehr zugenommen in den Monaten seit der Bundestagswahl. Kein angefuttertes Frustfett sei das, "aber Sport ist mir lange verboten gewesen". Noch immer schlucke er Tabletten gegen die Magensäure, die seine Speiseröhre verätze.

Da sass kein gesunder Mann, nicht jener Hans-Dampf-in-jeder-Gasse, der er mal gewesen war. Leise sprach er, oft stockend, und räumte ein: "Dickes Fell wird auch mal dünn." Der Satz von Michel Friedman "Die Ermordung von Menschen beginnt mit Worten wie denen von Martin Walser und Jürgen Möllemann" habe ihn wie ein Messer getroffen. "Da habe ich erwartet, dass die FDP-Führung aufsteht und sich vor mich stellt - aber nichts da, da war nur Schweigen."

Von den drei Optionen hat er geredet, die ihm offen stünden. Erstens: schnell aufhören mit der Politik und sich auf die Geschäfte konzentrieren. Zweitens: die Politik geruhsam bis 2006 auspendeln lassen und in Muße ein neues Buch schrei-ben. Drittens: noch einmal den ganz großen Anlauf nehmen und eine Partei gründen. Das sei allerdings, schränkte er ein, "ein Kraftakt ohnegleichen". Die vierte Option, die er schließlich gewählt hat, erwähnte er nicht. Im Restaurant "Zum Treppchen", gleich neben dem Leuchtturm in Maspalomas, Gran Canaria, ließ Möllemann vor 14 Tagen seinen Sorgen noch einmal freien Lauf. Er stöhnte. "Ich habe so viel Arbeit wie nie zuvor. Ich muss kämpfen. Ich muss allen zeigen, dass ich kein Verbrecher bin." So erinnert sich Jésus Marichal, der 55-jährige Wirt des Fischrestaurants, an den letzten Besuch des FDP-Politikers, den er seit 24 Jahren zu seinen Stammgästen zählt. Möllemann war mit Frau Carola und Tochter Esther da. Sein letzter Besuch auf seiner Trauminsel, auf der er sich vor fünf Jahren seine Fluchtburg gebaut hat, die er schwärmerisch "Nuestro Sueño" nannte. "Unser Traum."

"Er liebte dieses Haus über alles. Er kam, um davon Abschied zu nehmen", sagt der Heilpraktiker Willi Schulz, der unweit von Möllemanns Refugium sein "Rehabilitations-Centrum" betreibt. Regelmäßig kam Möllemann seit 1996 zur Aufbautherapie zu dem heute 60-Jährigen, der ihm zur Regeneration Mineral- und Vitaminspritzen verpasste. Seit zwei Jahren ließ er sich auch wegen ständiger Herzbeschwerden behandeln und wegen seiner Angst vor Krebs, die ihm im Nacken saß, weil sein Vater qualvoll an einem Speiseröhrenkarzinom gestorben war. Er sagte: "Ich will nicht so sterben wie er."

Als Möllemann sich vor zwei Jahren

bei einer Landung mit dem Fallschirm die rechte Schulter geprellt hatte, kam er auch in die Hände von Hannelore Schulz, Ehefrau des Heilpraktikers, einer 55-jährigen Physiotherapeutin mit Ausbildung zur Praktischen Psychologin. "Aus der Physiotherapie wurde eine Art Gesprächstherapie", sagt Frau Schulz. "Er hat sich bei mir wohlgefühlt. Er hat mal loslassen können."

Das brauchte er vor allem nach seinem Zusammenbruch im Herbst vergangenen Jahres. Immer wieder habe er sich über die FDP-Größen Gerhardt, Westerwelle und Rexrodt beklagt. "Diese Wölfe, die jagen mich." Oder: "Die Geier, die glauben mir nichts." Er hatte Angst vor einer plötzlichen Herzattacke und begab sich auf Vermittlung von Heilpraktiker Schulz bei dem Internisten Alvaro Valenzuela Bossmeyer in Behandlung. "Der hat wie wir einen totalen Erschöpfungszustand diagnostiziert", sagt Schulz. "Doch als er jetzt vor zwei Wochen wiederkam, war alles noch viel schlimmer. Er war regelrecht depressiv." Gebückte Haltung, schweigsam, kein Schwung.

"Er hat sich vollkommen zurückgezogen",

sagt Schulz. Möllemanns Lippen waren bläulich, sein Gesicht mehr lilarot als weiß. Er ließ seiner Enttäuschung über falsche Freunde freien Lauf. "Und er äußerte eine wahnsinnige Angst, dass er im Rahmen der gegen ihn erhobenen Vorwürfe auch dieses Haus verlieren könnte", sagt Schulz. "Er hat sich umgebracht, weil er so erreichen wollte, dass seine Familie neben der Ehre nicht auch noch das gesamte Vermögen verliert. Er hat das alles gemacht, damit Frau und Kinder in Ruhe ein angenehmes Leben führen können." Der Heilpraktiker sah seinen Patienten nur noch einmal wieder. Am Sonntag nach seiner Abreise aus Gran Canaria, bei "Sabine Christiansen". Er, der sonst so kämpferisch war, wirkte auf ihn erschreckend wortkarg und zurückhaltend, sein Blick ging ins Leere. "Da habe ich meiner Frau gesagt: Das ist nicht mehr mein Möllemann. Da passiert irgendwas. Den sehen wir nie wieder", sagt Willi Schulz. "Bei seinem Sprung hat er vermutlich gedacht: Wenn ich jetzt unten ins Auto steige und nach Hause fahre, dann verhaften die mich. Das wollte er seiner Familie nicht antun. Er hat es getan, damit die die Ermittlungen einstellen. Sonst hätten die dem alles abgenommen."

Einen Tag vor seinem Tod war Möllemann ein letztes Mal im Düsseldorfer Landtag. Er sei in einem erschreckend schlechten Zustand gewesen, sagt ein Abgeordneter zum stern. "Er hatte einen knallroten, aufgedunsenen Kopf, er trug Jackett, aber keine Krawatte. Er roch deutlich nach Alkohol, hatte einen glasigen, unsteten Blick, der richtig flackerte." Kollegen, die ihm im Vorübergehen ein "Wie geht‘s" zuriefen, beschied er mit dem rheinischen Spruch "Et kütt wie et kütt". Längere Zeit plauderte er mit Horst Engel, dem innenpolitischen Sprecher der FDP. "Möllemann war optimistisch, was seine Verfahren bei der Staatsanwaltschaft anging", berichtet Engel. Doch da sei kein Feuer mehr gewesen, erinnert sich Engel. Nichts mehr habe gebrannt in dem Mann, der Politik immer nur auf der Überholspur gelebt habe. "Ich hatte den Eindruck, es war eine tiefe Traurigkeit in ihm."

Möllemann war, daran besteht kein Zweifel,

schwer angeschlagen. Sein gesamtes politisch-soziales Gefüge war weggebrochen. Alte Freunde schnitten ihn. Er war draußen. Draußen vor der Tür. Parallel dazu geriet er zunehmend unter einen schwerwiegenden Verdacht: War er als Bundeswirtschaftsminister bestechlich gewesen, und hatte er Millionen aus Schmiergeldzahlungen kassiert, die nach dem Verkauf von 36 Fuchs-Panzern nach Saudi-Arabien im Jahr 1991 geflossen sind?

An seinem Todestag beschlagnahmten Ermittler Unterlagen über Konten und Geldflüsse in Luxemburg, Liechtenstein, Spanien und Deutschland (siehe S. 40: "War Möllemann käuflich?"). Dubiose Geschäfte Möllemanns könnten seit langem gelaufen sein. Anfang der achtziger Jahre wurden ABC-Dekontaminations-Fahrzeuge in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) verkauft, wobei ebenfalls Schmiergeld in Millionenhöhe gezahlt wurde. Bedient wurde dabei unter anderem die Würzburger Firma Mero, deren damaliger Besitzer Horst Klose wiederum Kontakte zu Möllemanns altem Kumpel Rolf Wegener hatte. Bemerkenswerter noch: Klose war seinerzeit Vizepräsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, deren Präsident Jürgen W. Möllemann war. Klose, vom stern mit den Vorwürfen konfrontiert, kann sich an die Vorgänge von damals nicht mehr erinnern - er hatte einen Schlaganfall.

Druck auf Möllemann soll es außerdem von israelischer Seite gegeben haben. Israels Geheimdienst Mossad lancierte nach stern-Informationen, dass er Millio-nen von arabischer Seite bekommen habe, um antiisraelische Propagandaaktionen zu finanzieren. Geheimdienst-Desinformation - oder Wahrheit?

In den vergangenen Monaten hat Möllemann mehrfach angedeutet, dass er Angst habe, auch gegenüber Wolfgang Kubicki: "Das waren aber nur nebulöse Andeutungen." Man müsse derart düstere Ahnungen bei einem wie ihm nicht unbedingt ernst nehmen. Sarkasmus und Zynismus machten bei Möllemann auch vor der eigenen Person nicht halt. Und war er denn nicht der Mann mit dem bei weitem größten Ego der politischen Elite? Einer, der in gut drei Jahrzehnten Wiederbelebungen hingelegt hatte, um die ihn ein Lazarus beneidet hätte. Musste man nicht annehmen, der würde auch die bisher schwerste Lebenskrise meistern? Mit Aufs und Abs kannte er sich schließlich aus wie kaum einer.

Der 1945 in Augsburg geborene Polsterersohn,

der erst 1970 von der CDU in die FDP wechselte, saß bereits 1972 für die Liberalen im Bundestag. 1982 sicherte er Hans-Dietrich Genschers Bruch mit der sozialliberalen Koalition, was ihm die Generation der 68er nie verziehen hat. Die Wende war sein Fahrstuhl nach ganz oben: erst Staatsminister im Auswärtigen Amt, dann Bundesbildungsminister (1987), ein Job, in dem er mit unorthodoxen Gedanken eine glänzende Figur machte, schließlich Bundeswirtschaftsminister (1991) und kurz darauf Vizekanzler. Er saß am Kabinettstisch zur Rechten von Helmut Kohl. Er war ganz oben.

Der, den sie lange einen Akrobaten der Oberfläche schalten, hatte Substanz und Stehvermögen bewiesen. Natürlich war er stets selbstverliebt und geltungssüchtig, war schreihälsig und anpassungsfähig bis zum Opportunismus pur. Eine "fleischge-wordene Stromlinie", schimpfte ihn Helmut Schmidts Regierungssprecher Klaus Bölling. Aber er war immens fleißig, dachte schneller als seine Konkurrenten und redete mitreißender.

Ebenso steil wie der Aufstieg war sein Abstieg:

Rücktritt als Wirtschaftsminister, weil er auf Ministerbriefpapier ein Produkt seines Schwagers angepriesen hatte - eigentlich eine Petitesse, denkt man an Kohls schwarze Kassen. Möllemann, der Amateurboxer, schien ausgezählt zu sein. Doch er holte sich 1996 den Landesvorsitz in NRW zurück und führte die Liberalen vier Jahre später mit sensationellen 9,8 Prozent wieder in den Düsseldorfer Landtag. Mölli, wie sie ihn jetzt liebevoll nannten, war wieder da. "Ich habe noch was gutzumachen", erklärte er, hetzte für Guido Westerwelle den spröden Wolfgang Gerhardt aus dem FDP-Vorsitz und kreierte das "Projekt 18", mit dem er die FDP zur dritten Volkspartei machen wollte.

Als das Projekt seines Lebens im Vorfeld der letzten Bundestagswahl zu scheitern droht, riskiert er für seinen Lebenstraum einen Tabubruch: Er geht mit Antisemitismus auf Stimmenfang. Einmal mehr ist Möllemann damit Möllemanns ärgster Feind.

Für die FDP-Führung war "Jürgen Weh"

nach dem Scheitern bei der Bundestagswahl der willkommene Alleinschuldige, bei dem sich die gemeinsam vertane Chance, an die Macht zurückzukehren, bequem abladen ließ. Sein Name wurde fortan in der FDP-Führung nicht mehr genannt. Wenn überhaupt, sprachen die FDP-Oberen nach seinem Parteiaustritt nur noch von dem "Kerl aus Münster". Es trifft zu, was seine Frau jetzt beklagt: "Sie haben ihn fertig gemacht." Vorneweg FDP-Chef Westerwelle, der sich stets vor Möllemann gefürchtet hatte und jetzt den Mann in seinem Nacken für immer abschütteln wollte.

Westerwelle ließ dem langjährigen politischen Partner, dessen Kopf er die neue strategische Positionierung der FDP verdankt, in einem ersten Nachruf nur einen ärmlichen Satz zukommen. Er wisse, erklärte er, "auch um die politischen Ver-dienste" Möllemanns. Weniger lässt sich über den Toten nicht sagen. Dabei war Westerwelle stets fasziniert vom Gespür seines Stellvertreters für Themen, seinem Feuer als Wahlkämpfer, seinem Talent als Menschenfischer, seiner Durchsetzungskraft und seiner Nervenstärke. Doch sei Möllemann letztlich "nicht geschäftsfähig", sagte er Mitte vergangenen Jahres. Wenn er aber jemals mit ihm breche, müsse das radikal geschehen. "Dann darf von dem politisch nichts übrig bleiben."

Vielleicht hat Möllemann daran gedacht bei seinem letzten stern-Gespräch. Möllemann: "Wenn Sie in Deutschland die Menschen fragen, welches Thema verbindest du mit Schröder, welches mit Merkel und welches mit Westerwelle..." stern: "Möllemann?" Möllemann: "Ja. Das ist aber das einzige. Und jetzt hat er das auch nicht mehr."

Von Hans Peter Schütz, Joachim Rienhardt und Werner Schmitz Mitarbeit: Arne Daniels, Gerd Elendt, Tilman Gerwien, Hans-Ulrich Jörges, Kerstin Schneider, Jens Todt

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