Jung-Politiker "Wie? Du lebst in Kreuzberg?"


In Berlin lässt es sich - entgegen vieler Behauptungen - gut leben. Das empfinden auch junge Bundestagsabgeordnete so, die stern.de ihre Lieblingsplätze in der Spree-Metropole gezeigt haben.

Spätabends, wenn die Dunkelheit das Wasser der Havel schwarz trübt, spielt sich an der Glienicker Brücke eine seltsame Szene ab. Dort, wo Ost und West zu Zeiten des Kalten Krieges Spione tauschten, hält eine dunkle Limousine. Der Fahrer achtet streng darauf, dass er die Berliner Stadtgrenze keinen Zentimeter überfährt. Eine junge Frau steigt aus, geht zu ihrem Wagen und braust davon.

Es ist die CDU-Bundestagsabgeordnete

Katherina Reiche

, die der gescheiterte Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) gern zu seiner Familienministerin gemacht hätte. Sie "tauscht sich selbst aus". Denn wenn Reiche abends heim nach Potsdam zu ihrem Mann und den beiden Kindern will, bringt sie die Fahrbereitschaft des Bundestags nur bis zur Glienicker Brücke. Richtlinien verbieten es den Chauffeuren, über die Stadtgrenze zu fahren. Reiche muss in ihren eigenen Wagen umsteigen, um nach Hause zu kommen.

Das ist aber nicht der Grund, warum die Glienicker Brücke Reiches "Lieblingsstelle" ist. "Die Brücke ist das Symbol für die Teilung und für die Einheit Deutschlands. Die Architektur ist faszinierend, ich liebe den Blick über die Havel nach Babelsberg."

Tagsüber nimmt Reiche manchmal den Linienbus. Dann wird sie erkannt, muss Autogramme geben - zur Not auf einem zerknitterten Kassenbon von H & M, so wie neulich, als sie keine Autogrammkarten dabei hatte.

Jens Spahn

muss (noch) keine Autogramme geben, wenn er in Berlin unterwegs ist. Der 23-jährige CDU-Mann ist Deutschlands jüngster direkt gewählter Bundestagsabgeordneter. Er sieht aus wie ein schniekes just dem Otto-Katalog entstiegenes Männer-Model. Dunkler Anzug, gewienerte Schuhe, akkurat gebundene Krawatte, Perlweiß-Lächeln. Am Wochenende aber sitzt er lieber in Jeans und Pullover auf den Stufen vor der Gedächtniskirche am Ku´damm und beobachtet die Leute: Punks, die versuchen, ihre Hunde zu dressieren. Biertrinker, Obdachlose, Touris. Yuppies mit vollgestopften Einkaufstüten, die ihre Kreditkarten in der Boss-Abteilung von P&C strapaziert haben. Spahn kann sich "nicht satt sehen, an dieser Mischung von ganz unten bis ganz oben". Für das Landei aus Ahaus im Westmünsterland ist das "Berlin, wie's brodelt".

An diesem Vormittag sucht der junge Abgeordnete im Foyer des Palace-Hotels (zwischen Ku´damm und Kadewe, dem Kaufhaus des Westens) Schutz vor dem Regen. Am Nebentisch sitzt Götz Alsmann. Spahn geht rüber. "Hallo, ich bin Bundestagsabgeordneter und auch aus dem Münsterland." Alsmann lächelt. Die Landsmänner schütteln Hände. Nach einem Autogramm fragt Spahn den Entertainer nicht. Vielleicht hätte er es vor einen Jahr getan. Doch als Abgeordneter gibt man selbst Autogramme. Irgendwann.

Christoph Hartmann

gehört auch (noch) nicht zu denen, die erkannt werden. Im Saarland, seiner Heimat, ist der 32-jährige Bundestagsabgeordnete Chef der FDP. In Berlin raten die Touristen, welcher Fußballer das wohl sein mag, der in kurzen Hosen vor dem Olympia-Stadion mit einem Ball jongliert. Hartmann nimmt’s gelassen. "Auf dem Feld ist es auch egal, ob ich nun Bundestagsabgeordneter oder Schreiner bin." Zuhause in Homburg kickt er bei der Spielvereinigung "Einöd".

In der Hauptstadt jagt er dem runden Leder mit der Sportgemeinschaft des Deutschen Bundestages hinterher (dienstags, ab 18 Uhr im Jahnsport-Park. Wer kickende Politiker sehen will, nichts wie hin). Am liebsten würde Christoph Hartmann aber auf dem "heiligen Rasen" des Olympia Stadions spielen. "Das Stadion ist gigantisch. Es atmet Geschichte - negative wie positive." Doch der Abgeordnete muss draußen bleiben. Im Olympia Stadion wird gebaut. Hartmann befindet sich mit seiner Begeisterung in bester Gesellschaft. Auch Bertold Brecht war fasziniert von den "ungeheuren Zementtöpfen" des Olympia Stadions und vermutete hier "das klügste und fairste Publikum".

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Sabine Bätzing, 29, geht lieber in den Brecht-Keller. Hier in Berlin-Mitte Chausseestraße 125, erster Stock, Hinterhaus, lebten Bertolt Brecht und Helene Weigel drei Jahre in drei Zimmern. Heute ist im schummrigen Keller des Hauses ein Restaurant untergebracht. Der Küchenchef kocht nach Weigels Rezepten. Wenn Bätzing nach langen Bundestagsdebatten hungrig ist, ißt sie hier Vanille-Rostbraten. Das ist nichts anderes als Rinderbraten mit frischem Knoblauch. Nur dass der Knoblauch im Brechtkeller Vanille heißt. Bätzing liebt nicht nur die Weigelsche Küche. "Die Atmospäre ist einmalig", schwärmt die Abgeordnete. "Man denkt, man sitzt bei Brecht und Weigel auf dem Sofa." Manchmal macht Bätzing einen kleinen Verdauungsspaziergang über den Dorotheenstädtischen Friedhof, der direkt neben dem Brecht-Haus liegt. Hier sind nicht nur Brecht und Weigel begraben, sondern auch Heinrich Mann, Anna Seghers, Johannes R. Becher und Theodor Fontane.

Daniel Bahr

kocht am liebsten selbst. "Mindestens ein Mal pro Woche" stellt sich der 26-jährige FDP-Bundestagsabgeordnete an den Herd. Er liebt die italienische Küche. Die Zutaten kauft er bei "Fior di pane", einem Feinkostladen in der Ackerstraße in Berlin-Mitte. "Hier gibt es original italienische Produkte, die sonst schwer zu kriegen sind." Pasta - de cetto orecchiette oder Grapefruitsaft von Pago. Den trinkt Bahr morgens vorm Joggen. Mittags isst er, wenn es die Zeit erlaubt, bei "Fior di Pane" Ciabatta mit Schinken und trinkt Cappucino. Abends kocht er Spaghetti mit Sahne-Weißweinsoße und Speck. Dazu gibt’s Carridi - einen Weißwein aus Sizilien, den Bahr auch in der Ackerstraße kauft. Und das will was heißen. Seine Mutter ist Weinhändlerin.

Was guten Wein angeht, hat

Ekin Deligöz

, 33, einen echten Geheimtipp. Die parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion kauft den Rebensaft am Kiosk im Prenzlauer Berg. Naja, Kiosk ist vielleicht ein bisschen untertrieben. Bei "Knaack", einem kleinen Eckladen an Srezdki- und Knaackstraße, gibt’s Zeitungen, Zeitschriften, Süßigkeiten und Weine.

Eines Morgens stand Deligöz um kurz nach sieben im Laden. Inhaber Cemil Karaduman, der seinen Namen selbst ganz unbescheiden mit "Schönheit in Person" übersetzt, kapierte sofort, dass seine Stammkundin in der Klemme steckte. "Ich brauche ein Geburtstagsgeschenk - aber eins, das was hermacht. Es ist für einen Staatssekretär." Das Geburtstagskind hieß Siegmar Mosdorf (SPD), damals Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Die Schönheit griff ins Weinregal und rüstete Deligöz mit einer Flasche spanischem Riocha aus. Mosdorf war so begeistert, dass er wissen wollte, wo die Grüne "diesen guten Tropfen" gekauft habe. Ob sie’s ihm verraten hat, ist nicht überliefert.

Wo Abgeordnete sonst noch einkaufen? Am Potsdamer Platz natürlich - wo sonst. Und zwar nicht nur, weil es vom Reichstag zu den gläsernen Hochhäusern ein kleiner Fußweg ist. Shoppen beruhigt. Erst recht, wenn man 27 Jahre jung ist, frisch in den Bundestag gewählt und die erste Rede halten soll. Die CSU-Abgeordnete

Melanie Oßwald

floh in die Arkaden am Potsdamer Platz. In einem Laden der Einkaufspassage fand sie ein kleines Schild aus Emaile. Darauf stand: "We can do it." Die Abgeordnete kaufte die Plakette, eilte zurück ins Parlament und hielt ihre Rede - ohne sich groß zu verhaspeln. Seitdem hängt das Schild in ihrem Abgeordnetenbüro.

Zwischen dem Zentrum der Macht und Kreuzberg liegen Welten. Denkt der gemeine Berliner. Und der gemeine Tourist. Beide irren. Es ist ein Katzensprung. Niemand weiß das besser als

Conny Mayer

, 32. Sie ist die einzige CDU-Bundestagsabgeordnete, die Müsli isst, Fleisch verschmäht, und auch noch in Kreuzberg wohnt. Ihre Fraktionskollegen staunen nicht schlecht, wenn Mayer erzählt, in welchem Stadtteil sie zuhause ist. "Wie?! Du lebst in Kreuzberg?!" Es war nicht etwa der Wohnungsmarkt, der die Abgeordnete zufällig in die Hochburg der Linken verschlug.

"Ich liebe diesen Kiez. Das ist für mich Berlin. Diese Mischung, diese Leute, das ist so bunt, so lebendig..." Samstags holt sich Conny Mayer vom U-Bahnhof Südstern "Die Welt", sitzt in "Andy’s Diner", liest, trinkt Espresso. Danach kauft sie ein. Obst und Gemüse - beim Türken um die Ecke, natürlich. Abends geht die Abgeordnete am liebsten in die "Kahuna Lounge" - auch nicht gerade eine Bar, die sich als Hort für Konservative einen Namen gemacht hat. "Politisch", sagt Conny Mayer "kriege ich hier natürlich kein Bein an den Boden." Mayers Nachbarn haben keine Ahnung, wer sie ist, und was sie macht. Und selbst wenn: Es wäre ihnen vermutlich piepegal.

Kerstin Schneider print

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