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Linkspartei: Oskars neue Einheitssozialisten

Oskar Lafontaine und Gregor Gysi marschieren Arm in Arm. Doch an der Basis gärt es: Hartz-IV-geschädigte Westler ringen mit sozialistisch gedrillten Parteisoldaten um die Macht. Szenen einer ungleichen Ehe.

Beim ersten Mal, da tat es noch weh. Beim zweiten Mal schon weniger. Und jetzt, bei der dritten Umbenennung, hat Gerlinde Stephan langsam Routine. "Wie wir uns auch nennen, wir haben uns immer als Linke verstanden", sagt die 67-jährige PDS-Genossin aus Cottbus. Sie sieht wirklich nicht aus, als hätte sie Schmerzen. Auch die Delegierten, die beim PDS-Parteitag vergangenen Sonntag in Berlin um sie herum stehen, lächeln wie auf Droge und klatschen wie auf Batterie. SED war vorgestern, SED-PDS nur von kurzer Dauer, und seit Sonntag nennen sich die Sozialisten "Linkspartei". Vorn auf der Bühne zerren Helfer an der roten Fahne, bis sie fällt und das neue Logo sichtbar wird: Die Linke. Punkt. PDS. Das im Westen ungeliebte Kürzel ist zum Zusatz degradiert - und darf auf Wunsch weggelassen werden.

Das war's.

Die letzte Hürde scheint genommen. Der Weg ist frei für das Bündnis aus PDS und "Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit" (WASG). Die PDS gibt dafür ihren Namen auf. Sie alle hoffen auf eine "historische Chance". Zehn, elf, zwölf Prozent, die Umfragewerte explodieren. Drittstärkste Kraft im Bundestag. Gemeinsam mit der CDU stärkste Partei in den neuen Ländern, 29 Prozent für beide. Sie sind ganz besoffen von den Zahlen. Sie wittern, dass das neoliberale Monster lahmt. Sie hoffen, dass sie es vereint erlegen. Sie wissen, dass sie schon jetzt tiefe Furchen in die politische Landschaft pflügen.

60 000 PDS-Mitglieder und 9000 WASGler machen sich auf den Weg zurück in die Zukunft. Ein bisschen einig, ein wenig gemeinsam - und doch einander noch sehr fremd. Hier in der Kongresshalle am Alexanderplatz sitzt die straff geführte Kaderpartei aus dem Osten, ein Mix aus alten Honni-Hütchen-Trägern und gezähmten Ex-Punks. Drüben, im fernen Westen, sammeln sich verbitterte Gewerkschaftsbärte und traumatisierte Schröder-Exilanten. Zusammen wollen sie das ganz große Rad drehen. Wohin? Zurück in die Zeit vor den Hartz-Reformen. Wie? Mit wenig mehr bewaffnet als der Verdrossenheit der Wähler.

PDS-Chef Lothar Bisky und WASG-Gründer Klaus Ernst liegen sich in den Armen. Und all jenen, die glaubten, die PDS sei 15 Jahre nach der Einheit tot, ruft Gregor Gysi, der Frontmann der Genossen, zu: "Wir sind da. Und wir sind gestärkt da." Nur einer fehlt an diesem Sonntag, die Galionsfigur der WASG, der Mann, der ihnen den Boom beschert hat, indem er angekündigt hatte, für eine vereinte Linke kandidieren zu wollen: Oskar Lafontaine. Zusammen geben sie das Duo soziale - zwei kleine Männer mit großer Klappe und noch größerem Ego.

Oben an der Spitze ist man sich über den Weg zur Macht einig. Unten aber, im Tal, da hakt es noch. Da ringt man miteinander. In diesem Tal liegt auch das Hinterzimmer von "Haus Jansen", einer Kneipe in Ratingen bei Düsseldorf. In diesem Hinterzimmer trifft PDS-Basis auf WASG-Basis. Wir verhandeln über das Zusammengehen, sagt die PDS. Wir führen erste Gespräche, sagt die WASG. "Ergebnisoffen", betont Uwe Hirtner, der Kreisvorsitzende der Wahlalternative. Er ist 31 Jahre alt, trägt Krawatte überm Kurzarmhemd und war bis zum vergangenen Sommer in der CDU. Kreischef der PDS ist Karl Mühlsiepen, ein vollbärtiger Riese, Jahrgang 1949, er könnte Hirtners Vater sein. "Was haben wir zu verlieren?", fragt er. "Lasst uns zusammenarbeiten!"

Sie haben die Tische mit den orangefarbenen Deckchen zu einem L zusammengeschoben, trinken Bier und debattieren - neun WASGler und fünf von der PDS. Montagsdemonstranten, Ex-SPDler, Kommunisten, Gewerkschafter, Hartz-IV-Betroffene; alles dabei, alles Männer. Sie sehen ein wenig ungesund aus, ein wenig müde auch. Es wird langsam Nacht in Ratingen, und es wurde schon so viel geraucht. Und so sitzen sie hier und sollen den Aufbruch wagen, aber sie trauen sich nicht - nicht den Aufbruch und gegenseitig nicht über den Weg. Vor zwei Wochen haben sie sich hier zum ersten Mal getroffen. Es war eine "sehr lebhafte Veranstaltung", sagen die einen. "Es wurde viel gebrüllt", sagen die anderen.

Vor zwei Wochen

war von Bündnis noch rein gar nichts zu verspüren, und auch heute Abend ist man im "Haus Jansen" noch meilenweit davon entfernt. Vielleicht liegt es daran, dass die WASG noch immer nicht weiß, was sie sein will: die wahre SPD, parlamentarischer Gewerkschaftsarm oder Sozialstaatspartei. Vielleicht liegt es auch daran, dass die PDS nicht weiß, was das "mit denen" werden soll: Schreckgespenst, Zweckbündnis oder Zwillingspartei. Was auch immer sie trennt - sie werden einfach nicht warm miteinander, sie sitzen sich gegenüber, nicht beieinander.

Dabei ließ sich diese Liaison im Sommer 2004 gar nicht so kompliziert an. Damals, als sie zu Tausenden gegen die Arbeitsmarktreformen von Rot-Grün durch die Straßen zogen und "Sozialräuber!" skandierten, da waren sie sich so nah, da spürten sie die Gemeinsamkeit: gegen Schröder, gegen Hartz, gegen diese ganze "neoliberale" Politik. Gegen. Auch an diesem Abend in Ratingen eint sie dieses Gegen. Das Für muss weiter warten.

"Seit Monaten tun wir nichts anderes, als uns über Regularien zu unterhalten", klagt WASG-Mann Markus Schlegel. Erst haben sie einen Verein gegründet, dann haben sie Vorstände gewählt, dann eine Partei gegründet und wieder Vorstände gewählt und Kandidaten für die Landtagswahl gekürt - wann hätten sie sich in all dem Wahnsinn auf ein Für einigen sollen? Für die Abschaffung von Hartz IV sind sie, klar. Für die Beibehaltung des Kündigungsschutzes auch. Für den guten alten Sozialstaat, ja, dafür wollen sie kämpfen. Ihr Für ist eben immer ein Gegen - das macht manchem am Tisch in Ratingen langsam Sorgen.

"Wann redet hier eigentlich mal jemand über die Inhalte?", fragt ein WASGler. "Aber wir müssen doch langsam mal zu Potte kommen. In Wesel ist alles längst über die Bühne - und zwar reibungslos", entgegnet ein PDS-Mann leicht erregt. "Wir sind eben keine sozialistische Partei!", schnappt es zurück.

Nun schlägt die Stunde

für Udo Heinze, Mitglied der WASG. Er springt auf und haspelt hektisch los - dass er aus der bürgerlichen Mitte komme und darum "echt Bauchschmerzen" habe, sich mit der PDS einzulassen, wie auch immer die sich nennen mag, und dass er eigentlich auch nicht weiterweiß, aber er ist nun mal nicht radikal, bei ihm steht das Buch von Heiner Geißler neben dem von Trotzki im Regal und Heinze steht da und haspelt und haspelt. Er ist sehr aufgeregt. Er ist 46 Jahre alt und ein arbeitsloser Controller, "Globalisierungsopfer", wie er sich nennt. "Ihr habt tolle Ideen", sagt er atemlos, "aber wir dürfen die Bürger nicht verschrecken, um Himmels willen, nicht verschrecken." Dann setzt er sich erschöpft wieder hin.

Nein, die neue Linkspartei will niemanden verschrecken. Ganz im Gegenteil, man will locken. Darum zieht Oskar Lafontaine im beigefarbenen Anzug durch die Lande und hält überall seine lauten Reden - dass Politik anders sein kann, ohne Angst vor dem sozialen Abstieg, vor "Fremdarbeitern", Existenzverlust und Globalisierung. Sie hören ihm begierig zu, Männer in den besten Jahren, wenige Frauen, viele ohne Hoffnung. Manche schauen anfangs skeptisch, doch am Ende hat er die meisten überzeugt. Von sich. Von der Sache sowieso. Von ihm lassen sie sich gern entführen in ein fernes Land, das überschaubar ist, in eine Zeit, in der Gewerkschaft noch kein Schimpfwort war und Arbeitslosigkeit ein Unfall. Der Sozialstaat ist nicht mehr zu finanzieren? "Eine dreiste Lüge." Die Löhne zu hoch? "In England sind sie in den vergangenen zehn Jahren um 25 Prozent gestiegen, bei uns um 0,9 Prozent gefallen."

Der große Oskar

hat auf alles eine Antwort - und meistens hat er eine, die Verzweifelten gefällt. Unverdrossen zieht er durch die Hallen und singt das Hohelied der Erlösung. Auch in Kassel, in der Mensa der Universität, hat er seine Rede gehalten. Die WASGler haben applaudiert, und danach ist er sehr zufrieden noch ein wenig durch den Saal gestreift. Und plötzlich hat sich Peter Pawlak vor ihm aufgebaut. Herr Pawlak ist 61, trägt Glatze und einen runden Kugelbauch. "Oskar", hat er gesagt, "wie ist denn das jetzt mit Hartz IV? Wird das alles zurückgenommen?" - "Na ja", hat Oskar gesagt, "nicht alles, aber die wesentlichen Punkte schon." Damit ist Herr Pawlak zufrieden gewesen. Er will es gar nicht so genau wissen. Er will nur so eine ungefähre Hoffnung haben dürfen. Er ist Frührentner und kommt aus Spangenberg in Hessen, seine Frau ist auf Hartz IV. Sie mussten umziehen, die Wohnung war der Arbeitsagentur zu groß. Die neue ist ihr jetzt zu teuer - um 43 Euro. "Die wollen einen gängeln", sagt Pawlak. Er hat genug davon.

In der WASG haben sich die Pawlaks und Hirtners versammelt, für die die Hartz-Reformen der Ursprung der Enttäuschung sind. In der PDS sitzen jene, die sich schon seit 15 Jahren und pausenlos von der Bundesrepublik enttäuscht fühlen. Beiden Seiten wurde die Heimat genommen, beide fühlen sich vertrieben. "Wenn die Linkspartei nicht gegründet worden wäre, hätte ich sie gegründet", sagt Lothar Schilling. Er ist 66 und PDS-Fraktionschef im Stadtrat von Meerane, einer kleinen Stadt kurz vorm Erzgebirge. Früher war er in der SED und glaubte, dass die DDR auf dem richtigen Weg sei - bis 1989 das Erwachen kam. Er freut sich über das neue Bündnis, darüber, "dass es jetzt endlich auch in den alten Bundesländern möglich wird, linke Politik zu machen". Von den Kollegen der Wahlalternative hat er einen "ausgesprochen guten" Eindruck. "Ich wundere mich manchmal", sagt er, "warum die nicht schon früher zu uns gekommen sind."

Aus Schillings Sicht ist das Bündnis für die PDS eine maximale Chance mit minimalem Risiko. PDS-Star Gysi spricht zwar diplomatisch von einem "fairen Kompromiss", was nach Augenhöhe klingt und nicht nach Übernahme. Doch auch er gibt zu, dass die WASG die dickeren Kröten schlucken musste. 9000 gestrauchelte Westler kommen zu 60 000 eingespielten Ostlern - wer wird da wohl das Sagen haben? Die kleine WASG wird der großen PDS als Brückenkopf im Westen dienen, dort, wo der Name PDS immer noch nach SED klingt. Dorthin wollen sie. Ihr größtes Opfer ist der Name.

Die WASG wiederum verzichtet darauf, als eigene Partei zur Bundestagswahl anzutreten - man will sich schließlich nicht gegenseitig die Stimmen klauen. Darauf haben sich beide Seiten in den Verhandlungen geeinigt. Über alle Listen- und Direktkandidaten der Linkspartei entscheidet allein die PDS. Weil das Wahlrecht keine andere Lösung zulässt, müssen sich die Kandidaten der WASG brav bei der PDS bewerben. Das gefällt Herrn Pawlak nicht, Herrn Schilling aber freut das sehr.

Die Machtverhältnisse

sind also klar, ansonsten ist noch vieles offen. Werden die PDS-Genossen in Nordrhein-Westfalen WASG-Mann Lafontaine tatsächlich zu ihrem Spitzenkandidaten küren? Und wie lange bleiben Lafontaine und Gysi diesmal bei der Fahne? Wird sich dieses ungleiche Bündnis als Fraktion im Parlament überhaupt verstehen? "Natürlich passiert das alles nicht ganz reibungslos", sagt PDS-Parteichef Lothar Bisky, "wir sind nun mal verschieden. Wenn wir alle gleich wären, bräuchten wir kein Bündnis, dann wären die bei uns." Doch all die Reibereien, all die offenen Fragen stören derzeit wenig. Der Erfolg scheint so nah.

WASG-Chef Klaus Ernst hat neulich schon einmal beim Reichstagsgebäude vorbeigeschaut. Er stand auf der Wiese davor und schaute hinauf zur Kuppel. Dann schwärmte er von seiner Alm am Wilden Kaiser und dass er sich manchmal überlege, ob es da nicht gemütlicher wäre. Politiker reden gern so, als hätten sie eigentlich etwas Besseres zu tun, wären da nicht Volk und Vaterland. Dabei gibt es für den WASG-Erfinder Ernst zurzeit nichts Wichtigeres als Politik. Und wie er da so rauf zur Kuppel schaut, muss er plötzlich keckernd lachen. "Komisch", sagt er, "mir ist gerade aufgefallen, dass ich da noch nie drin war."

Jan Rosenkranz / print