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Markus Wolf: Sein Metier war der Verrat

Er brachte einen Hauch Hollywood in die graue DDR-Führungsriege, doch westliche Geheimdienste rätselten lange, wie er aussah. Für die einen war Markus Wolf "der beste Spionagechef der Welt", andere geißeln "sein bedenkenloses Spiel mit Menschen". Ein Rückblick.

Von Christine Claussen

Alles deutete auf ein paar schöne letzte Herbstwochen in Berlin hin. Die Wolfs hatten die Katzen eingepackt und die Datsche im brandenburgischen Prenden für die Saison geschlossen. Dienstag vergangener Woche waren sie in die russische Botschaft Unter den Linden geladen - zu einem Kammermusikabend anlässlich der Verleihung der Puschkin-Medaille. Ein eher kleiner, dafür erlesener Kreis - darunter Preisträgerin Christina Weiss, ehemalige Kulturstaatsministerin, Botschafter Ernst-Jörg von Studnitz sowie Andreas Homoki und Kirill Petrenko von der Komischen Oper - lauschte im Kuppelsaal mit dem Glasmosaik und dem rot blinkenden Spasski-Stern Peter Tschaikowskys "Pezzo capriccioso" für Cello und Klavier und der "Unvollendeten Sonate" von Michail Glinka.

Ein heiterer, animierender Abend. Beim anschließenden Empfang im Spiegelsaal unterhielt Markus Wolf sich lange und angeregt mit Botschafter Wladimir Kotenew, die Soljanka vom russischen Büfett löffelte er am Stehtisch mit Egon Bahr und Isa von Hardenberg, der Partylady Berlins. Schließlich witzelte er mit dem Lektor seines Buches "Geheimnisse der russischen Küche" über die richtige Pelmeni-Herstellung und machte mit ihm ein Essen à la russka bei sich zu Hause aus.

Der Tod als letzte Inszenierung

Der Meisterspion der DDR, 83 Jahre alt, war dieser Tage glänzender Laune. Seine Ärzte in der Charité waren zufrieden mit ihm, in den nächsten 20 Jahren, scherzten sie, brauche er sich dort nicht zu zeigen. Am Abend nach dem Botschaftskonzert gingen seine Frau Andrea und er ins Kino, sie sahen "Das Parfum", tranken zu Hause noch ein Glas Wein und gingen dann zu Bett.

Dass Markus Wolf, der legendäre Spionagechef und zurzeit vielleicht meistgehasste Deutsche, in jener Nacht starb, im Schlaf, ein Seufzer nach Herzstillstand; dass sein Tod ausgerechnet in den Morgenstunden des 9. November eintrat - dem Schicksalstag der Deutschen, an dem 1918 der deutsche Kaiser abdankte, 1938 die Synagogen brannten und 1989 die Berliner Mauer fiel -, das werden nicht wenige für die letzte Anmaßung und aufreizende Inszenierung eines Herrenmenschen halten, der sie in den vergangenen 17 Jahren bis zur Weißglut reizte, ebenso wie er sie faszinierte.

Eine Bewährungsstrafe, sonst nichts

Es war ihm klar, dass, nachdem die Honeckers, Mittags und Mielkes lange ins Vergessen entsorgt waren, er es war, der den Sündenbock abgeben musste. Wenn er sagte: "Ich werde für alles verantwortlich gemacht, was in der DDR an Bösem geschehen ist", so klang das weinerlich und pathetisch - unwahr war es nicht. Aber man kriegte ihn nicht. Stimmt es, dass er während der Verhandlungen vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf eine Jagdzeitschrift las, wie der Richter rügte? Oder doch bloß das "Neue Deutschland", wie er selbst feixend behauptete? Wie dem auch sei - eine Verurteilung wegen Landesverrats musste aufgehoben werden, nachdem das Bundesverfassungsgericht sagte, Spione der einstigen DDR seien nur bedingt zu bestrafen. Mehr als ein paar Tage Untersuchungshaft (zur Unterhaltung gab es im Gefängniskino einen James Bond und in der Knastbibliothek John le Carré) sowie eine Strafe auf Bewährung wegen geringfügiger Delikte zwei Jahre später sprang bei Markus Wolf nichts heraus.

Kein Wunder, dass dafür dem toten Hasen jetzt das Fell mächtig über die Ohren gezogen wird: Wolf habe auch "menschenrechtswidrige Mittel bedenkenlos eingesetzt", schreibt die "Welt", "Erpressung, Menschenraub und die Todesstrafe für abtrünnige Agenten". Und die "FAZ" findet den hingeschiedenen Meisterspion gleich so verächtlich, dass sie ihm lediglich ein paar Zeilen in der Rubrik "Personalien" widmet: "Seine Erfolge verdankte er nicht zuletzt seinem bedenkenlosen Spiel mit Menschen und dem Einsatz fragwürdiger Methoden."

Geheimdienstler sind nie Vorbild

"Welcher Geheimdienst arbeitet nicht mit dubiosen Methoden?", fragt dagegen Wolfs Anwalt Heinrich Senfft. Auch Egon Bahr, Willy Brandts Mann für die Ostpolitik und von Wolfs "Kundschaftern" einst selbst ausspioniert, meint, Geheimdienstchefs seien nun mal nicht die Männer, die man seinen Kindern als Vorbild empfiehlt. In gewisser Weise, so Bahr, sei Wolf "unser bester informeller Mitarbeiter" gewesen: Er habe seine misstrauischen Dienstherren von der Friedfertigkeit der westdeutschen Ostpolitik überzeugt.

Für einen "hervorragenden Politiker und Intellektuellen", der dank seiner Fähigkeiten eine bedeutende Rolle bei der Friedenssicherung im Kalten Krieg gespielt habe, hält Walentin Falin, hoch respektierter Deutschlandkenner und von 1978 bis 1982 in Bonn Botschafter der Sowjetunion, den Mann: "Es gab viele Momente für den Beginn eines neuen Krieges in Europa - die Geschehnisse in Ungarn, die Berlinkrise 1961, die Kubakrise - und oft war er es, der die Gefahr abwendete". Wolf habe zudem aus einer Familie gestammt, "die auch in jedem anderen Staat große Hochachtung verdient hätte". Aus jüdisch-kommunistischem Hochadel sozusagen.

Mischa in der Napola für Kommunisten

Sein Vater, Friedrich Wolf, war Arzt, Dramatiker, Lebensreformer, Philosoph, Jude und Kommunist und praktizierte im schwäbischen Hechingen als Armenarzt. Der Bruder Konrad machte sich später als Filmregisseur einen großen Namen und präsidierte mehr als 20 Jahre lang der Ostberliner Akademie der Künste. Bereits 1934 emigrierte die Familie über die Schweiz, Österreich und Frankreich in die Sowjetunion. In Moskau gab es Buchweizenkascha und Milchkissel statt Maultaschen und Spätzle, und die Russenkinder riefen den Brüdern nach: "Nemez, perez, kolbassa, kislaja kapusta!" - Deutscher, Pfeffer, Wurst und Sauerkohl!

Vor allem aber gab es - Stalin. Aus dem elfjährigen Markus und dem zwei Jahre jüngeren Konrad waren Mischa und Kolja geworden, mit dem Tambourkorps der Emigrantenschule Karl Liebknecht zogen sie über den Roten Platz, und Stalin wurde ihr Held. Um die eben einsetzenden stalinschen "Säuberungen" zu begreifen, waren sie zu jung. Mischa besuchte später die Komintern-Schule in Baschkirien, eine Art Napola für Kommunisten, und trat 1942 der KPD bei.

Gleich bei Kriegsende flog er nach Berlin, unmittelbar nach der Gruppe Ulbricht, wurde Mitarbeiter beim Berliner Rundfunk in der Masurenallee und nahm als Berichterstatter an den Nürnberger Prozessen teil. Von 1949 bis 1951 war er Erster Rat in der DDR-Mission in Moskau, seit 1952 leitete er den außenpolitischen Nachrichtendienst der DDR, und bereits 1956 übernahm er die HVA (Hauptverwaltung Aufklärung) und wurde Stellvertreter Erich Mielkes.

Kinkel: "Der war gut"

"Was erwarten Sie denn von einer Regierung, die aus Dachdeckern und Installateuren besteht?", fragte Markus Wolf lange nach der Wende ungebremst hochmütig und meinte die seinerzeitige Führung der SED, aus der er wie ein Paradiesvogel herausragte: 1,90 Meter groß, langer, schmaler Kopf, stets elegant gekleidet. Gebildet, kultiviert, hochintelligent - eine Art Paul Newman, den im grauen Stacheldrahtstaat ein Hauch von Hollywood zu umwehen schien. Ein Snob, den, wie seine englische Lektorin Anne McElvoy Ende der Neunziger konstatierte, "Ulbrichts Möbelgeschmack und Chruschtschows schlechtes Russisch weit mehr entsetzten als deren Führungsschwächen".

Der Mann hatte Klasse. Er war, so McElvoy, "das Dichteste, was der Osten in Sachen Aristokraten produziert hat". Für solche Leute war im Arbeiter-und- Bauern-Staat an sich kein Platz. Aber Markus "Mischa" Wolf konnte keiner was. Dazu wühlte und schnüffelte seine HVA zu erfolgreich beim Erzfeind nebenan. "Er war unbestritten der beste Spionagechef der Welt", schrieb die "Jerusalem Post", und der "Spiegel" nannte ihn einen "Geheimdienst-Stier". Viele hätten versucht zu tun, was er getan hat, "aber er war einfach am besten", konzediert ein Ex-MI 6-Mann. "Der Mann war gut", sagt Klaus Kinkel, einst Wolfs direkter Gegenspieler.

Planungen über Jahrzehnte

Er war der beste. Aber wenn sein jüngster Sohn Sascha sich einen James Bond ansah, der gerade mal wieder eine klasse Blondine auszog, dann pflegte er ihn herunterzudimmen: "Ganz so aufregend darfst du dir das nicht vorstellen." Wolf arbeitete weder mit einem Aston Martin DB5, noch konnte er schießen. Angeblich hat er bloß ein einziges Mal ein Rebhuhn aus 50 Meter Entfernung getroffen - rein zufällig. Und sollte es neben seinen drei Ehefrauen etwaige Blondinen gegeben haben, so hat er sie jedenfalls sorgfältig verborgen.

Wolfs Waffen waren andere. Er plante strategisch und oft über Jahre, ja Jahrzehnte hinaus. Günter Guillaume etwa, sein größter Coup und seine größte Niederlage zugleich, reiste mit seiner Frau bereits 1956 in die Bundesrepublik ein. Dass er es schließlich bis ins Kanzleramt brachte und über seiner Enttarnung 1974 ausgerechnet Friedenskanzler Willy Brandt stürzte, das bereute Wolf bis zuletzt.

1986 die HVA verlassen

Er herrschte über rund 4000 Auslandsagenten und wusste quasi alles über den Erzfeind. Seine "Kundschafter" hatten sich überall eingenistet: in Politik und Wirtschaft, bei der Bundeswehr, der Friedensbewegung und beim BND. Schwer zur Last gelegt wurden dem Oberkundschafter später die berühmt-berüchtigten "Romeo"-Einsätze: Ost-Spion charmiert strategisch bedeutsame einsame Sekretärin, die ihm verfällt. Mit allen erahnbaren Folgen. Markus Wolf hatte in unglücklich endenden Fällen individuell stets sein Mitgefühl ausgedrückt, aber "als militärischer Feldherr, der nach der Schlacht die Leichen betrachtet, muss ich sagen, es hat sich gelohnt". Seine Regierung verschaffte ihm dankbar die Zigarettenmarke "Navy Cut" und elegante Anzüge aus London.

Dass Wolf 1986 nach 30 Jahren den Dienst bei der HVA quittierte, hält der russische Diplomat Falin für einen mutigen Schritt: "Die meisten verlassen so einen Posten nicht freiwillig, und viele enden tragisch." Wolf habe damals geglaubt, dass "die DDR in ihrer Entwicklung eine rote Linie überschritten hatte, und das wollte er nicht länger mitmachen". Freilich kursiert auch das Gerücht, Wolf sei seinerzeit gerade mit Andrea, der besten Freundin seiner zweiten Ehefrau, durchgebrannt (sie sollte dann seine dritte werden), und die Noch-Angetraute habe sich am Strand von Bulgarien mit einem Westdeutschen getröstet - ausgerechnet einem V-Mann des BND. Das habe Mielke zu seinem berühmten Gebrüll "Sind Sie wahnsinnig?!" veranlasst und zum Rausschmiss von Wolf.

Begraben neben dem Ex-Chef

Genützt hat ihm der frühe (oder zu späte?) Austritt aus Staatsdiensten jedenfalls nicht. Als er am 4. November 1989, einig mit Tausenden Demonstranten, auf dem Alexanderplatz in Berlin auf den Pritschenwagen stieg, um sich mit einer feurigen Rede an die Spitze einer neuen Reformbewegung zu stellen, da wurde er gnadenlos ausgepfiffen. "Jeder Mensch trifft irgendwann auf seine Richtstatt", pflegte er gern zu sagen - dies war womöglich die seine. Eine ausweglose Situation: Markus Wolfs Biografie beweist einerseits das Scheitern des idealistischen Intellektuellen an seinen eigenen Idealen - und zeigt doch auch, wie es kommt, dass einer bis zum Schluss an der Idee des Sozialismus festhalten kann.

Eines freilich steht fest: Der Mann, dessen Metier der Verrat war, den die einen für die Verkörperung des Bösen schlechthin halten und die anderen für die aufregendste Erfindung John le Carrés - dieser Mann verriet bis zum Schluss keinen seiner eigenen Leute. Freilich - gelegentlich konnte er nicht umhin anzudeuten, dass er einige Dossiers noch im Kopf und nach Belieben zur Hand habe. Auch Wissen kann schützen. Nun nimmt er, wovor mancher westdeutsche Politiker gezittert haben mag, mit nach Friedrichsfelde auf den Zentralfriedhof. Dort ruhen sie schon: sein Vater und Konrad, der Bruder.
Auch Erich Mielke liegt dort begraben.

Mitarbeit: Dieter Krause

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