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Wahlkampf im Saarland: Unser Martin - wie die Saar-SPD die Familiengeschichte von Schulz ausschlachtet

Martin Schulz ist bekannt als der "Europäer aus Würselen". Doch im saarländischen Landtagswahlkampf ist er ein "halber Saarländer". Die Landes-SPD überschlägt sich, den Mann, dessen Vater in Spiesen-Elversberg aufwuchs, als einen der ihren zu verkaufen. Denn das zählt.

Martin Schulz besucht im Rahmen seiner Wahlkampftour das Saarland.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz steht in saarländischen Spiesen-Elversberg gemeinsam mit seinem Großcousin Vincent Schulz (l.) und einer Nachbarin vor dem Haus, in dem Martin Schulz' Vater geboren und aufgewachsen ist

Martin Schulz ist der bodenständige Mann aus dem beschaulichen Würselen, der jetzt Bundeskanzler werden will. So verkauft die SPD ihren Kanzlerkandidaten gern auf Bundesebene, macht ja sympathisch. Und nicht nur die Rheinländer feiern den Mann als einen der ihren, der bei denen da oben jetzt mal aufräumt. Im Saarland sieht das ganz ähnlich aus.

Im Superwahljahr sind die Saarländer die ersten, die abstimmen dürfen: Am 26. März wird an der Saar ein neuer Landtag gewählt. Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer tritt erneut für die CDU an, seit 2011 ist sie im Amt. Für die SPD steht Anke Rehlinger zur Wahl. Ihr wurden im CDU-affinen Saarland keine großen Chancen auf den Sieg ausgerechnet. Doch dann kam Martin Schulz. Der war plötzlich das Gesicht der SPD auf Bundesebene und hat auch für ein Umfrageplus in den Bundesländern gesorgt. Der Schulz-Effekt reicht bis ins Saarland. Aber nicht nur, weil Martin Schulz deutlich beliebter ist als Sigmar Gabriel. Nein: Schulz hat auch saarländische Wurzeln. Und die werden jetzt schonungslos nach vorn gestellt.

Einen "halben Saarländer" nennt die Saar-SPD Schulz

Noch heute lebt im Saarland ein Großcousin des SPD-Kanzlerkandidaten. "Großcousin, das ist der Enkel des Bruders vom Vater. Oder, ganz einfach: Die sind miteinander verwandt", schreibt die "Saarbrücker Zeitung". Denn das ist alles, was an der Saar zählt, so scheint es. Hier, wo die Linkspartei mit Plakaten warb, die nichts anderes zeigten als das Gesicht Oskar Lafontaines, einziger Schriftzug neben dem Parteilogo: "Unser Oskar". Das war im Jahr 2009. Später kam Peter Altmaier, in Ensdorf im Landkreis Saarlouis geboren, auf die riesigen Wahlplakate der CDU. Altmaier, den eine saarländische Journalistin selbst im Bundestag noch mit den Worten "ach, kommen Sie, von Ensdorfer zu Ensdorfer" doch noch zu einem schon abgelehnten Interview bewegen kann. Für die Bundestagswahl 2013 warb die CDU im Saarland ebenfalls mit jenem Altmaier als "unser Peter", das unser sogar unterstrichen.

Und jetzt eben unser Martin. Geboren wurde Schulz eigentlich im Landkreis Aachen, aber das ist egal. Denn für die Saarländer zählt nur eines: Als Bub war er vor rund 45 Jahren nämlich mal in Elversberg, wie die "Saarbrücker Zeitung" herausgefunden hat, mit Papa auf der Kirmes. Im ganzen Saarland sind Verwandte von Schulz verteilt, er weiß sogar mehrere Gemeinden namentlich aufzuzählen. Und wie sich der Redakteur der "Saarbrücker Zeitung" gefreut haben muss, als er dieses Zitat von Schulz notieren durfte: "Ich esse auch Lyoner, wenn's sein muss." Überschriftenwürdig.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz


"Mein Herz schlägt halb saarländisch", das hat Schulz auch noch gesagt, das musste er ja. Denn einen "halben Saarländer" nennt ihn die Saar-SPD seit Wochen. Der halbe Saarländer, der für die SPD ganz nach Berlin will. Heiko Maas hat das schon geschafft, der Justizminister nennt sich in seinem Twitter-Profil stolz "Bundesminister & Saarländer". Auch wenn er gegen die CDU-Kandidaten Peter Müller und Annegret Kramp-Karrenbauer (an der Saar liebevoll "AKK" genannt) nie eine Chance hatte, das Land als Ministerpräsident zu regieren. Ganz anders jetzt Anke Rehlinger. Mit dem Mann im Rücken, der sich sogar saarländische Fleischwurst aufzwingen ließe, könnte das Saarland tatsächlich wieder zum SPD-Land werden.

Martin Schulz kommt zu Besuch - und alle rasten völlig aus

Satte 46 seiner 60 Jahre als deutsches Bundesland war das Saarland in CDU-Hand; die SPD regierte zuletzt in den 1990er-Jahren, dank Oskar Lafontaine. Dessen Nachfolger Reinhard Klimmt hatte keine Chance, wie der beliebte Lafontaine im Saarland eine Wahl zu gewinnen. Die SPD verlor gegen die CDU und in den folgenden Jahren immer wieder. Doch zum Glück hat Schulz jetzt den Saarländer in sich entdeckt.

Um zu zeigen, dass man wirklich verwandt ist, was der Saar-SPD ja nützen soll, muss man die Verwandschaft freilich auch mal besuchen. Am Mittwoch hat Schulz auf einer Wahlkampftour im Saarland deshalb den Heimatort seines Vaters besucht. In Spiesen-Elversberg hat er sich vor zwei anstehenden Auftritten für die Saar-SPD das Haus angesehen, in dem sein Vater geboren und aufgewachsen ist. Ein Besuch wie inszeniert für die Medien. Die Presse fotografiert das Türschild am Eingangstor in Nahaufnahme: Tatsächlich, da steht es, Familie Schulz. Großcousin Vincent und dessen Frau Renate sind aufgeregt und stolz, dass sie vom entfernt verwandten Kanzlerkandidaten besucht werden. Einen dicken Blumenstrauß hat Schulz dabei, als er klingelt, schließlich wird der Besuch von Kameras begleitet und die Ankunft auf Fotos festgehalten. Blumen für die Saarländer vom Fast-Saarländer, toll.

Danach geht der Wahlkampf woanders weiter: Schulz reist zu zwei Veranstaltungen, auf denen seine Parteikollegin Rehlinger Reden hält. "Martin Schulz ist nicht nur ein halber, sondern zumindest im Herzen ein ganzer Saarländer", behauptet die Spitzenkandidatin auf der Bühne sehr zum Gefallen des Publikums, wie die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) beobachtet hat: Die Leute toben, pfeifen und stampfen als Schulz sagt: "Mein Vater hielt Rheinländer für eine ziemlich schräge Truppe. Heimat verlässt einen eben nie". So ein kluger Satz - sind die Bewohner des Nachbarbundeslandes doch die erbitterten Feinde des Saarländers an sich. Und da Schulz sich bloß auf seinen Vater bezieht, vergrault er so auch nicht die Rheinländer als Wähler auf Bundesebene. Geschickt.

Die Saarländer sind so verzückt von dem heimatverbundenen Kanzlerkandidaten, dass - so die "SZ" - einer die Spitzenkandidatin sogar unterbricht und "Wir wollen Martin Schulz" in den Saal ruft. Bleibt für sie zu hoffen, dass es für die Saarländer nicht allzu enttäuschend ist, dass sie am 26. März zunächst doch nur für Anke Rehlinger stimmen dürfen.

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