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20 Jahre Mauerfall - Am Brandenburger Tor: Die Nacht, als alles ging

Der Mond scheint hell, sie gehen die ostdeutsche Straße "Unter den Linden" lang und vor zum Brandenburg Tor. Einfach so. Gott, was für ein Gefühl! Die stern-Reporter Erich Follath und Jürgen Petschull berichteten 1989 über die Nacht der Deutschen. Hier können sie den Text nachlesen.

Menschen feiern vor dem Brandenburger Tor mit einem Feuerwerk. Es wurde zum Symbol der Einheit

Menschen feiern vor dem Brandenburger Tor mit einem Feuerwerk. Es wurde zum Symbol der Einheit

Natürlich träumen wir. Denn was wir mit eigenen Augen zu sehen glauben, was wir hören, fühlen und erleben, kann doch nicht wahr sein. "Kneif mir, Jünter", sagt neben uns eine junge Ost-Berlinerin zu ihrem Mann. Der lacht und weint und wischt sich Tränen ab. "Kneif mir janz fest, Jünter, sonst jloob ick, ick spinne total!"

Gerade ist Mitternacht vorbei. Der Mond scheint hell. Wir sind in Ost-Berlin über die Straße "Unter den Linden" gekommen, haben ungehindert einen hüfthohen Eisenzaun überstiegen, sind an mehreren Ketten grün uniformierter "Angehöriger der Grenztruppen der Deutschen Demokratischen Republik" vorbeispaziert. Einfach so. Quer über dem Pariser Platz zum Brandenburger Tor.

DDR-Flagge schlaff im Nachtwind

Jetzt stehen wir zwischen den Säulen. Über uns die angestrahlte Quadriga. Gott, was für ein Gefühl! 28 Jahre lang war dieses Symbol deutscher Geschichte von der Mauer und den Männern mit Maschinenpistolen versperrt. Auch wer nicht zu Gefühlsausbrüchen neigt: dies ist ein unvergesslicher Augenblick.

Am Brandenburger Tor hat seit fast zwei Jahrhunderten deutsche Geschichte stattgefunden: 1791 errichtet, mit Siegesgöttin obendrauf. Napoleon ist hier 1806 durchmarschiert und 1871 Kaiser Wilhelm I: 1918 zogen geschlagene deutsche Soldaten hindurch. 1933 flackerte bei Hitlers Machtübernahme der Fackelschein der Faschisten gegen die sechs Säulen. 1945 rollten die Panzer der Roten Armee daran vorbei. 1953 schlugen die Machthaber in Ostberlin den Aufstand des 17. Juni hier blutig nieder. Und am 13. August 1961 teilten Erich Honeckers Betriebskampfgruppen auch am Brandenburger Tor Berlin in zwei Teile. Für 28 Jahre.

Nun hängt die DDR-Flagge mit Hammer und Zirkel schlaff im Nachtwind. Vor uns im weiten Halbkreis die Mauer. Man traut seinen Augen nicht: Auf dem Bauwerk schunkeln Hunderte von Menschen, klettern von West nach Ost und von Ost nach West, umarmen sich, tanzen, jubeln, lachen, weinen und singen. Singen gemeinsam auf dem 28 Jahre lang hermetisch abgeriegelten Platz: "So ein Tag, so wunderschön wie heute." Und: "Auf der Mauer, auf der Mauer sitzt‚ ne kleine Wanze..." Die Grenzschützer stehen weit entfernt im Halbdunkel und sehen mit unbewegten Gesichtern zu.

In dieser Nacht vom 9. zum 10. November 1989 geht mitten in Berlin der Kalte Krieg zwischen Ost und West mit einer riesigen Straßenparty zu Ende. Angefangen hatte alles fünf Stunden zuvor, völlig unerwartet, mit einer beiläufig erscheinenden Bemerkung von Günter Schabowski, Mitglied im neuen SED-Politbüro. Fast eine Stunde lang hatte er bei einer Pressekonferenz Fragen beantwortet, dann einen Zettel gelesen, der ihm untergeschoben wurde, und mitgeteilt: Um befreundete Staaten zu entlasten, die von der anhaltenden Ausreisewelle von DDR-Bürgern strapaziert würden, habe man sich entschlossen, alle Grenzübergänge von der DDR zur BRD und von Berlin-Ost nach West-Berlin zu öffnen. Das gelte für die "ständige Ausreise sowohl als auch für kurze Besuche". "Ab wann?" riefen Reporter. "Wenn ich richtig informiert bin", antwortete Schabowski zögernd, "dann gilt diese Regelung unmittelbar."

"Klar, wir kommen alle zurück."

Ein paar Stunden lang war danach nicht klar: Brauchen die DDR-Bürger einen Pass mit Visum? Nur einen Pass? Oder reicht sogar nur der Personalausweis? Überall wurde darüber in Ost-Berlin diskutiert. Gegen 20 Uhr lief ein Gerücht durch die Stadt: Der Übergang Bornholmer Straße nach West-Berlin ist offen! Um zehn Uhr stauen sich die Trabbis und Wartburgs dort schon ein paar Kilometer lang. "Wir fahren nach drüben", rufen die Leute und drücken immer wieder vor Freude auf die Hupen.

Ganz vorne wartet Herbert mit Frau und zwei erwachsenen Kindern. "Ich will nur mal schnell rüber auf den Ku'damm und 'ne Tante in Schöneberg besuchen!" Ober er zurückkommt nach Berlin-Ost? "Klar, wir kommen alle zurück", rufen die Umstehenden im Chor. "Ich muss morgens um drei schon wieder arbeiten", sagt Herbert. Endlich wird der Gitterzaun zur Seite gezogen. Herbert, von Beruf Zeitungsausfahrer der Ost-Berliner "BZ" lässt den Trabbi an. Blaue Auspuffwolken blubbern in die kalte Nacht, als der Wagen im Westen verschwindet, gefolgt von einer endlosen Kette anderer DDR-Autos. Allein zehntausend Ost-Berliner gehen in dieser Nacht zu Fuß über die Bornholmer Straße. Achtzigtausend, so heißt es später, sollen es an allen Grenzübergängen sein.

Tanz auf der Mauer - ein unwirkliches Schattenspiel

"Am Brandenburger Tor ist der Teufel los", sagt jemand, "Da haben die Vopos schon die Wasserwerfer angeworfen." Doch von weitem, von der Straße "Unter den Linden" aus gesehen, sieht alles friedlich aus und menschenleer. Dann zuckt Blitzlicht auf, wir hören Schreie und Rufen. Die "DDR-Grenzorgane" haben versucht, mit dicken Strahlen aus Wasserschläuchen die ersten "Westler" vom Kamm der Mauer zu spritzen. Doch dann erhalten sie Befehl, die Wasserhähne zuzudrehen. Ungehindert tanzen erst Dutzende, schließlich achthundert meist junge Leute auf der Mauer herum. Im Gegenlicht des Monds sieht es von weitem aus wie ein unwirkliches Schattenspiel.

Was ist so schön daran, durchs Brandenburger Tor zu gehen? Eigentlich sind es ja nur sechs Säulen voller Imponiergehabe: sehr breit, sehr hoch, sehr monumental. Wer direkt darunter steht, sieht das Schönste an diesem Tor noch nicht einmal, die hell erleuchtete Quadriga. Und doch spaziert in dieser Nacht keiner so einfach los durch dieses Tor: Jeder scheint seinen eigenen Stil zu entwickeln. Auf Zehenspitzen trippeln die einen, leise, als könnten sie ein Heiligtum entweihen. Andere schreiten feierlich, ganz persönliche Prozession. Oder zählen übermütig die Schritte und prosten sich nach vollendetem Durchgang wie Sieger zu.

Das Gefühl geschichtlicher Zusammengehörigkeit

Wir gehen vor und zurück und wieder zurück und vor und ertappen uns dabei, wie wir den kalten Stein der Säulen streicheln. Das ist mehr als die Sensation des bisher unvorstellbaren, mehr als etwas tun, was man bisher nicht tun durfte: Es ist eine tiefe, emotionale Empfindung, eine seltsame Rührung, die fast die Kehle einschnürt. Ein Gefühl der Gemeinsamkeit mit den Menschen aus der DDR und der BRD um uns herum - klänge es nicht gar so pathetisch, wären die Worte nicht abgenutzt und missbraucht und allzu verdächtig, man müsste es das Gefühl geschichtlicher Zusammengehörigkeit nennen.

Ein Punker-Pärchen - sie Haare, Dress und Fußnägel in Grasgrün, er mit einer lebenden Ratte am Revers -, das aus Berlin-West über die Mauer nach Berlin-Ost geklettert ist, ritzt seine Namen mit einem spitzen Stein in eine der geschichtsträchtigen Säulen. Eine Schändung, sicher - aber was soll's? Die Vopos stört es auch nicht. Sie haben sich in Sichtweite des Paares, keine dreißig Meter von den beiden und uns, am Rande des Platzes zu einer Kette zusammengefunden.

Lauter Premieren

"Die Mauer muss weg", schreibt einer mit schwarzer Farbe auf die Mauer. Das erste Graffito auf der Ostseite. "Die Mauer ist weg!" korrigiert ein anderer. Leute aus dem Westen springen von dem drei Meter hohen Bauwerk auf den Ost-Berliner Asphalt, und Ostberliner lassen sich von "Wessis" nach oben ziehen und springen in den Westen ab.

Ein Japaner drückt seine Handflächen gegen den kalten Beton, sein Freund drückt auf den Auslöser der Videokamera, um den historischen Moment festzuhalten. "Ich bin eben noch ‚Unter den Linden' spazieren gegangen", sagt Herr Katama, Angehöriger der japanischen Handelsmission in Berlin, DDR. "Da kam mir eine Frau entgegen und sagte, sie sei aus West-Berlin und sei am Brandenburger Tor über die Mauer gestiegen. Ich wollte das nicht glauben, deshalb bin ich hergekommen." Herr Katama lebt seit 24 Jahren in Berlin. Er sagt: "Ich bin der erste Japaner, der die Ostseite der Mauer berührt hat."

Lauter Premieren: Ein Arbeitsloser überwindet den "antifaschistischen Schutzwall" mit dem Skateboard unterm Arm. Ein händchenhaltendes Frauenpaar deklariert den Durchschritt unterm Brandenburger Tor zur lesbischen Befreiungstat.

Dienst am Volk

"Das ist ein historischer Moment auch für euch!" rufen jubelnde Berliner immer wieder den Vopos zu. Die meisten behalten ihren versteinerten Gesichtsausdruck, aber einige wenige werden zunehmend locker. Nehmen Zigaretten an, "Marlboro" und "West", immer wieder "West". Ein Oberleutnant der Grenztruppen hilft sogar einer Westberlinerin auf die Beine, die sich beim Sprung den Knöchel verletzt hat. "Das ist Dienst am Volk", sagt er und stellt sich bereitwillig zum Verbrüderungsfoto.

Wie mag denjenigen seiner Kollegen zumute sein, die hier an der Mauer vor einigen Jahren noch unter Schießbefehl standen - und die Flüchtlinge erschossen. Hier, wo sich jetzt Rotkäppchen-Sekt und Mumm zum gesamtdeutschen Pappbecher-Getränk mischen. "Dat wird mein erster Abenteuerurlaub", ruft uns ein "Zoni" zu, der es hinauf auf die Mauer geschafft hat, und zieht sich gleich einen roten Schal über, den ihm ein neuer Freund gegen die beißende Kälte geschenkt hat: Ein Bunter verlässt die Grau-Zone.

"Wir träumen det doch alles bloß"

Und dann kurvt wahrhaftig einer mit dem Fahrrad durchs Brandenburger Tor, fährt Slalom um die Blumenkästen aus Beton und breitet die Arme aus wie ein Sieger bei der Tour de France. Die Menschen lachen und klatschen begeistert. Der sportliche junge Mann mit dem Schnauzbart hat eine der vielen unglaublichen Geschichten dieser Nacht zu erzählen.

Rene Fricke, 27, zurzeit wohnhaft in Moabit in West-Berlin und ohne feste Beschäftigung: "Ich stamme aus der DDR. Im Juni 1988 wollte ich mit ein paar Freunden über die CSSR in den Westen abhauen. Kurz vor der Grenze haben sie uns erwischt." Acht Monate lang habe er im Knast gesessen. "Dann hat mich der Westen freigekauft."

Seit Februar dieses Jahres lebt er in West-Berlin. "Ich hab im Radio gehört, dass sie die Grenzübergänge aufmachen. Ich hab mich aufs Rad geschwungen, bin von Moabit über den Übergang Invalidenstraße in den Osten gestrampelt, dann auf dieser Seite an der Mauer lang, und schon war ich hier. Das Ganze hat 'ne Viertelstunde gedauert." Was er nun empfinde? "Dass das alles einfach phantastisch ist. Und dass ich das alles nicht glauben werde. Wir träumen det doch alles bloß", sagt er und dreht noch eine Ehrenrunde, vorbei an den Grenzern und jubelnden Leuten.

In diesen Stunden, von Mitternacht bis morgens fünf, gibt es rings um das Brandenburger Tor keine Autoritäten mehr. Nichts deutet darauf hin dass das Betonbauwerk vor uns die undurchlässigste Grenze der Welt gewesen ist. Gegen 3.30 Uhr wird es den Ost-Berliner Behörden zuviel. Ein grimmig dreinblickender DDR-Militär gibt Einsatzbefehl - aber nicht zur brutalen Räumung. In eher sanften Worten "bittet" er um Räumung des Platzes, um friedlichen Rückzug von Mauer und Tor. "Now please, go to the other side", sagt ein Grenzer zu einem amerikanischen Kamerateam - nachdem er sich den entsprechenden Satz aus einem Handbuch herausgesucht hat.

Die gestörte Ordnung im Grenzbereich

Und dann wird wieder deutsch geredet - aber in für DDR-Grenzorgane ungewöhnlich milder Tonlage. Ein Militärlastwagen mit fünf großen Lautsprechern rollt neben das Brandenburger Tor. Dann schallt es gen Westen: "Ich bitte Sie in Ihrem eigenen Interesse, bitte verlassen Sie..." Und dann folgt nach einer Pause "die Mauer!" Und "Im Interesse des Friedens" wird gebeten, die "Ordnung im Grenzbereich nicht zu stören".

Doch im Westen machen nun Krawallmacher und Trunkenbolde erst recht mobil. Flaschen fliegen und zersplittern im Osten. Die DDR-Grenzer werden durch neu ankommende Truppen in Kampfanzügen verstärkt. Die rücken - am Brandenburger Tor vorbei - langsam vor. Eine Gruppe ruft den Uniformierten höhnisch zu: "Weeer hat Egon Krenz gewääääählt..." Junge DDR'ler rufen zurück: "Weeer hat Helmut Kohl gewääääählt..." Alle lachen.

Pünktlich zum Dienstbeginn zurück

Da wird eine alte Dame von einem Schreikrampf gepackt. Weinend geht sie auf die Vopos zu. "Lasst mich doch einmal durchs Brandenburger Tor, nur einmal." Sie sei zu spät gekommen. Und das Unwahrscheinliche geschieht: Der Einsatzleiter der DDR-Truppen lässt die Greisin zum Ziel ihrer Wünsche führen.

"Bitte verlassen Sie den Pariser Platz", ruft der Kommandant der Grenztruppe. Die Vernunft siegt schließlich. Die Lage entspannt sich. Es ist fünf Uhr früh, und immer noch dunkel in beiden, kaum noch geteilten Hälften Berlins.

Als wir zwei Stunden später ins Ost-Berliner Hotel "Metropol" zurückkommen, blickt die blonde Serviererin Stephanie im Frühstücksraum in unsere übernächtigten Gesichter. Sie fragt, ob wir an der Grenze gewesen seien. "Ja, am Brandenburger Tor." "Toll", sagt sie, "ich war drüben am Ku'damm. Da war eine phantastische Party." Seit wann sie wieder hier sei? "Seit fünf Uhr morgens", sagt sie. "Ich war natürlich pünktlich zum Dienstbeginn zurück."

Erich Follath, Jürgen Petschull / print