HOME

Murat Kurnaz: Viereinhalb Jahre in der Hölle

Er wurde verschleppt, gefoltert und von der Bundesregierung im Stich gelassen. Am Abend ist Murat Kurnaz, der "Bremer Taliban" aus Guantanamo in Deutschland gelandet. stern-Korrespondentin Katja Gloger hat seinen Fall nachgezeichnet.

Man wird ihn nicht wieder erkennen. Bis zum Bauchnabel reicht sein dichter Bart, weit über die Schultern fallen die dunklen Haare. Groß und stark ist er, durchtrainiert. Wie ein Krieger aus alter Zeit.

Nach viereinhalb Jahren in den Metallkäfigen des Gefangenenlagers "Camp Delta" auf dem US-Militärstützpunkt Guantanamo, Kuba, darf der aus Bremen stammende Türke Murat Kurnaz, 24, nun endlich nach Hause.

Die Heimkehr ist ein diplomatischer Sieg für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Früh hatte sie Guantanamo zur Chefsache gemacht, den US-Präsidenten immer wieder auf den Fall Kurnaz angesprochen. Sie hatte monatelang um seine Freilassung verhandeln lassen, es war ein zähes Gefeilsche zwischen Außenministerium, Pentagon und den Geheimdiensten.

Murat Kurnaz weiß nicht mehr, wie seine beiden jüngeren Brüder aussehen. Und dann wartet da wohl auch noch eine junge, schüchterne Frau, die er kaum kennt. Nagihan, seine Verlobte.

Islam und Motorräder

Der New Yorker Anwalt Baher Azmy ist der einzige Nicht-Militär, der Kurnaz während seiner Gefangenschaft besuchen durfte. "Ein paar Wochen lang wird man sich jetzt für ihn interessieren wie für ein exotisches Tier", fürchtet er. Und sorgt sich, dass man dessen langen Bart als Zeichen der Radikalisierung betrachtet. Denn man wird ihn fotografieren, ausfragen wollen, nach den Verwundungen seiner Seele suchen. Nach dem Beweis, was Guantanamo, was Amerika aus seinen Gefangenen macht. Ein Sicherheitsrisiko? Einen islamistischen Fanatiker? Einen Märtyrer gar?

Oder wird er vielmehr sein Leben zurückerobern wollen, das Leben eines jungen türkischen Mannes, aufgewachsen in Bremen-Hemelingen? Niemand weiß es.

"Er ist sehr religiös geworden", sagt Baher Azmy. "Wie Viele auf Guantanamo. Er möchte ein Leben nach dem Islam leben, fünfmal am Tag beten. Und ansonsten interessiert er sich für Motorräder und Sport. Er ist kein Radikaler. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn er mich so belügen könnte."

Murat Kurnaz, Nr. 061

Murat Kurnaz, "Sicherheits-Identifizierungs-Nummer" 061, in den US-Akten geführt als "Karnaz, Murat, türkischer Staatsbürger, Bremen", war einer der dienstältesten Gefangenen auf Guantanamo. Als so genannter "feindlicher Kombattant" gehörte er einer eigens geschaffenen Kategorie von Gefangenen an, mit der sich die Bush-Administration sowohl über die Genfer Konvention für Kriegsgefangene als auch das amerikanische Militärstrafrecht hinwegsetzte. Für die Gefangenen dieser Kategorie wurde der Begriff Folter zugunsten verschärfter Verhörmethoden neu definiert. Sie sind faktisch rechtlos. Denn sie sind die angeblich "gefährlichsten und bösartigsten Killer der Erde", wie Verteidigungsminister Donald Rumsfeld behauptet. Immer noch sind es Hunderte Männer. Sie können angeklagt werden oder auch nicht. Ihre Gefangenschaft kann morgen vorbei sein oder nie. So gesehen, hat Murat Kurnaz verdammtes Glück gehabt.

Jahrelang sah er nur Wachsoldaten, Verhörexperten, Mitgefangene. Erlebte die wachsende Hoffnungslosigkeit der Gefangenen, die elende Hitze, die Monotonie, die Verzweiflung. Die meisten fanden im Koran eine Flucht. Ließen sich die Bärte wachsen, lang und mächtig. Hunderte gingen in den Hungerstreik. Dutzende versuchten Selbstmord. Bis es im Juni dieses Jahres schließlich drei Gefangenen gelang: Monatelang hatten sie sorgsam Stricke aus Fäden ihrer Gefangenkleidung geknüpft, an denen sie sich schließlich erhängten. Man fand sie zwischen Kleidungsstücken, die von der Decke ihrer Zellenkäfige zum Trocknen herabhingen.

Viereinhalb Jahre verbrachte Murat Kurnaz in dieser Welt. Doch er ist weder Terrorist noch Bombenbastler, weder Leibwächter von Osama bin Laden noch Waffenschieber. Noch nicht einmal ein al-Qaida Mitläufer. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Wie Dutzende, möglicherweise Hunderte Gefangene auf Guantanamo. Murat Kurnaz ist unschuldig.

Bundesregierung nicht interessiert

Das wissen die US-Behörden, seit knapp vier Jahren schon. Und das wissen auch die Deutschen. Doch als die Amerikaner den Gefangenen im Herbst 2002 wegen "nicht erwiesener Schuld" entlassen wollten, zeigte sich die damalige rot-grüne Bundesregierung nicht interessiert.

Die Geschichte des Murat Kurnaz ist ein amerikanischer Skandal.

Und ein deutscher.

"Taliban" auf dem Handy

Geboren am 19. März 1982 in Bremen, Murat ist der erste Sohn von Metin und Rabiye Kurnaz, einer Gastarbeiter-Familie der ersten Generation. Der Vater schiebt als Schweißer Nachtschicht bei Daimler, die Familie erarbeitet sich bescheidenen Wohlstand, ein Haus mit Garten, einen Mercedes. Mutter Rabiye trägt wasserstoffblonde Locken, nie einen Schleier.

Murat absolviert eine Lehre als Schiffsbauer, er sucht die Wahrheit, wie die meisten in seinem Alter, und die muss anders sein als die seiner angepassten Eltern. Eine Weile klebt er Bilder der rechtsradikalen türkischen Grauen Wölfe an seine Zimmerwände, dann glaubt er an den selbsternannten "Kölner Kalifen" Metin Kaplan. Er trainiert im Fitnessstudio, hat einen Rottweiler. Auch sein Nachbar Selcuk B. hat einen Hund, man lernt sich kennen. Selcuk doziert gerne über den Islam. Sie besuchen die Bremer Abu-Bakr-Moschee. Die jungen Taliban-Kämpfer in Afghanistan, die findet Murat offenbar cool. Er läßt sich einen Bart stehen, hört Koran-Suren auf seinem Walkman. Einmal erzählt er seiner Mutter von Pakistan. Dort wolle er Bauer werden, sagt er. Und beim Einschalten seines Handys leuchtet das Wort "Taliban" auf.

Selcuk B. darf nicht ausreisen

Im Sommer 2001 reist er mit seinen Eltern in die Türkei. Dort verlobt er sich mit der damals18jährigen Nagihan, einer Bekannten der Familie. Bald soll sie nach Deutschland kommen.

Vielleicht sieht er es als letzte Gelegenheit vor der Hochzeit, vielleicht sucht er Kriegsabenteuer à la Taliban, vielleicht will er den wahren Islam erfahren - am frühen Morgen des 3. Oktober 2001 jedenfalls verlässt der damals 19-Jährige die Wohnung seiner Eltern, er verabschiedet sich nicht. Mit seinem Freund Selcuk fährt er zum Frankfurter Flughafen. Sie wollen nach Pakistan, 1200 Mark kostet das Hin- und Rückflugticket. Es ist drei Wochen nach den Anschlägen des 11. September.

Selcuk B. wird die Ausreise verweigert. Er ist noch eine Strafe schuldig, weil sein Hund einen Passanten gebissen hatte. Die Grenzbeamten rufen bei Verwandten an. Doch die möchten ihn nicht auslösen. "Er will gegen die Amerikaner kämpfen", sagt sein Bruder. Später wird er erklären, es sei nur eine Ausrede gewesen, um Selcuk an der Ausreise zu hindern.

Verhöre, Prügel

Murat fliegt alleine nach Karatschi. Offenbar nimmt er Kontakt zur islamischen Missionsbewegung Tabligh-i-Jamaat auf, die auch in Deutschland aktiv ist. Millionen gehören ihr an, ziehen von Land zu Land, von Moschee zu Moschee. Auch Murat will an einer Missionsschule lernen, er wird abgewiesen, offenbar war er nicht angemeldet. Doch man gewährt ihm Essen und eine Übernachtung. Dann zieht er durch Pakistan, von Moschee zu Moschee, auf den Märkten bestaunt er die Schlangenbändiger.

In der dritten Novemberwoche stoppt die Polizei einen Überlandbus in der Nähe von Peschawar. Der Ausländer fällt sofort auf. Kurnaz wird verhaftet, nach einer Woche den Amerikanern übergeben. Die schaffen ihn in ihr Gefängnis auf dem US-Luftwaffenstützpunkt im afghanischen Kandahar.

Man fragt ihn nach seinen angeblichen Verbindungen zum Hamburger Attentäter Mohammed Atta. Er wird verprügelt.

Anfang 2002 wird er dann nach Guantanamo geflogen. Wie alle hier lebt der Gefangene „JJJFA“ nun in einem winzigen Käfig aus Maschendraht, nur durch eine Eisenplatte vor der sengenden Sonne geschützt. Er bekommt einen Koran. Er darf fünfmal am Tag beten. Zweimal in der Woche auf den "Sportplatz", auch dies ein Metallkäfig.

"Fear up", "Ego down"

Am 7. März 2002 erhält seine Familie eine Postkarte aus "160 Camp X-Ray", sein erstes Lebenszeichen: "Liebe Eltern, hoffentlich kann ich bald meine Unschuld beweisen und zurück nach Deutschland kommen. Ich liebe Euch alle, betet für mich. Amen, Murat." Danach wird er jahrelang nicht mehr schreiben.Er muss überleben in der bizarren, rechtlosen Welt von Guantanamo. Denn für "feindliche Kombattanten" gelten besondere Verhörmethoden. Methoden, die von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld persönlich genehmigt wurden. Fötenstellung in Fesseln, einen Tag und länger. Schlafentzug, tagelang. Isolationshaft, bis zu 16 Monate lang. Und auch das berüchtigte "waterboarding". Dabei wird dem Gefangenen solange Wasser über das Gesicht geschüttet, bis er glaubt, zu ertrinken. Der Militärdolmetscher Erik Saar wurde Zeuge vieler Verhöre. "Die Militärs bevorzugten harte Methoden", sagt er. "Beim 'Fear-up' oder 'Ego-down' wird dem Gefangenen massiv Furcht eingeflößt. Beim 'Sex-up' setzen weibliche Verhör-Experten Sexualität als Druckmittel ein. In den Blocks herrschte eine schreckliche Atmosphäre. Viele Gefangene wurden immer hoffnungsloser. Viele von ihnen wussten ja gar nicht, warum sie eigentlich in Guantanamo waren."

Guantanamo = Folter

Als besonders gefährlich geltende Insassen werden in den Hochsicherheitstrakt "Camp 5" verlegt. Hier kommt es immer wieder zu Aufständen gegen die Wärter. Dann sammeln die Gefangenen Urin in ihren Bechern, verschmieren die Zellenböden mit Seife und Fäkalien. Täuschen Selbstmordversuche vor, locken die Wärter in die Zellen, schütten Urin über sie, greifen sie an mit zerbrochenen Glühlampen.

Guantanamo, urteilt das Internationale Rote Kreuz, sei "gleichbedeutend mit Folter"

Bald beschweren sich Ermittler von FBI und CIA über diese Verhörmethoden. Außerdem können viele Gefangene offenbar keinerlei brauchbare Informationen liefern. Guantanamo wird zunehmend zu einer Belastung für die US-Regierung. Auch Murat Kurnaz wird immer wieder verhört. Einmal wird er dabei mit Händen und Füßen an den Zellenboden gefesselt. Ein anderes Mal kommt eine Frau, sie fasst ihm unters Hemd, er stößt sie zurück, sofort kommen die Soldaten von der "Eingreiftruppe" und verprügeln ihn. Kurnaz erzählt seinen Befragern, was er weiß. Aber er weiß ja nichts. Bald erkennen die Ermittler, dass es sich bei ihm nicht um einen Terroristen handelt, noch nicht einmal um einen Mitläufer.

Er gilt als kooperationswillig. Manchmal darf er das Magazin National Geographic lesen. Er lernt Englisch, offenbar auch ein bisschen Arabisch.

"Die Amerikaner entscheiden"

Im späten Sommer 2002 bieten die Amerikaner den Deutschen an, Kurnaz gegen Sicherheitsgarantien freizulassen - wegen "nicht erwiesener Schuld". Am 21. September fliegen zwei Beamte des BND und ein Experte des Verfassungsschutzes nach Guantanamo. Sie verhören Kurnaz zweimal. Zeigen ihm Fotos auf einem Laptop. Fotos aus Deutschland und Pakistan, Fotos von Moscheen, von Freunden und Unbekannten. Man macht ihm Komplimente für seine guten Englischkenntnisse.

Kurnaz klagt über das schlechte Essen, den seltenen Hofgang, die erdrückende Hitze. "Es ist gar nicht so schlecht hier", antworten die Deutschen. Die Karibik, es sei warm, man habe eine schöne Aussicht. "Wir können nichts für Dich tun. Die Amerikaner werden entscheiden."

Im Protokoll der deutschen Dienstreise steht, dass Kurnaz lediglich "zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen sei. Er habe "nichts mit Terrorismus, geschweige denn mit al-Qaida" zu tun. Es bestehe "keinerlei Gefährdungspotential" - weder für Deutschland noch für die USA. Kurnaz wird als unreif, naiv, eher unterdurchschnittlich gebildet beschrieben.

Die US-Behörden signalisieren, der Gefangene könne noch im November 2002 freigelassen werden.

Doch die Bundesregierung will den jungen Mann nicht. Man befürchtet die Propaganda-Wirkung eines angeblichen "Guantanamo-Märtyrers". Es handle sich ja um einen türkischen Staatsbürger, lautet die faule Ausrede. Der damalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes, August Hanning, fordert am 29. Oktober in geheimer Runde im Kanzleramt, eine Einreisesperre gegen Kurnaz zu verhängen und ihn gegebenenfalls in die Türkei abzuschieben. Auch der damalige Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, heute Außenminister, plädiert dafür.

Man wolle nicht unbedingt, dass Kurnaz nach Deutschland zurückkehre, lassen die Deutschen den Amerikanern ausrichten. Die sind stocksauer. "Die Regierung hat die Freilassung verhindert. Sie trägt direkte Mitverantwortung für ein langjähriges Martyrium", sagt der Bremer Rechtsanwalt Bernhard Docke, der Kurnaz vertritt. Und sein New Yorker Kollege Baher Azmy meint: "Damit akzeptierten die Deutschen die Logik von Guantanamo, sie akzeptierten die Rechtlosigkeit."

G. Bush, Aktenzeichen 04-CV-01135

Doch es gibt Amerikaner, die sich für die Gefangenen einsetzen. Bürgerrechtler und Anwälte, die sich schämen für das Amerika des George W. Bush. Das New Yorker "Zentrum für Verfassungsrechte" ist ihr Anlaufpunkt. Schon 2002 verklagen sie die Regierung. Auch Gefangene in Guantanamo, argumentieren sie, haben das Recht auf einen Anwalt. Im Juli 2004 gibt ihnen das Oberste Gericht der USA Recht. Es ist eine Sensation.

Dem Anwalt Baher Azmy wird damals der Fall Kurnaz zugeteilt. Am 21. Juli 2004 reicht er unter dem Aktenzeichen 04-CV-01135 im Namen seines Mandanten Klage gegen Präsident George W. Bush ein.

"How are you?"

Am 9. Oktober 2004 reist Azmy zum ersten Mal nach Guantanamo. Er weiß so gut wie nichts über Kurnaz, fürchtet, es könne sich um einen Terroristen handeln.

Das Treffen findet in "Camp Echo" statt, einem eigens für Anwaltsbesuche errichteten Areal mit kleinen Beton- Hütten. Kein Fenster, ein abgedeckter Lichtschlitz über der Tür. Doch die Klimaanlage funktioniert, es gibt eine abgetrennte Dusche - "die Luxussuite", sagen Gefangene. Falls er angegriffen werde, solle er sofort zurückweichen, rät der Begleitoffizier dem verunsicherten Anwalt. Dann öffnet er die Tür.

Vor ihm steht ein mächtiger junger Mann mit langem Bart und wallendem Haar, die Fußfessel am Boden festgekettet. Mit einer Handbewegung bittet er, sich an den weißen Plastiktisch zu setzen. Sein Englisch ist erstaunlich gut. "Hello. How are you?", fragt er. Sein Anwalt erklärt ihm, er habe in seinem Namen den amerikanischen Präsidenten verklagt.

"Unglaublich naiv"

Zu jedem seiner insgesamt fünf Besuche bringt er Lebensmittel mit, tütenweise. Was es halt so gibt auf der Militärbasis, einen McDonalds, einen Supermarkt, Pizza-Hut. Zum Frühstück gibt es Apfeltaschen und Kaffee; mittags gerne Pizza und Pommes Firtes, viel Knoblauch auch, zum Nachtisch gibt's Eiscrème. Sie essen und sie reden, stundenlang. "Er weiß natürlich, wer bin Laden ist", sagt Baher Azmy. "Aber er ist politisch unglaublich naiv, nicht sonderlich intellektuell. Er hatte keine Ahnung vom Krieg im Irak. Interessant, sagte er nur, warum herrscht denn dort Krieg? Er versteht den Zusammenhang zwischen Politik und dem Koran nicht, das Gerede vom Weltkalifat. Murat ist ein ganz normaler junger Mann."

Einmal zeigt er ihm Fotos seiner beiden jüngeren Brüder. Murat Kurnaz erkennt sie nicht wieder.

Knapp 300 Guantanamo-Gefangene wurden in den vergangenen Jahren bereits in Gefängnisse ihrer Heimatländer überstellt oder freigelassen. Doch immer noch leben in Camp Delta 450 Männer, 19 Jahre der Jüngste, 80 Jahre der Älteste. Guantanamo braucht Rechtfertigungen für seine Existenz. Die Illusion, hier ginge es mit rechten Dingen zu.

Selcuk, der "feindliche Kombattant"

Deswegen gibt es die so genannten "Tribunale zur Überprüfung des Kombattanten-Status" (CSRT), die jeder Gefangene absolvieren muss. Drei Militärs sitzen ihm vor, ihre Identität ist geheim. Ein Offizier soll die Interessen des Gefangenen vertreten. Und alle Akten sind "classified", geheim.

Am 30. September 2004 steht Murat Kurnaz vor diesem Tribunal. Ihm wird vor allem die Bekanntschaft zu seinem Bremer Freund Selcuk B. vorgeworfen. Der sei später zum Selbstmordattentäter geworden. Selcuk B. lebt in Bremen. Er war nie in ein Attentat verwickelt. Er ist verheiratet, hat ein Kind, ist arbeitslos. Doch das Tribunal entscheidet: Kurnaz habe mit Terroristen zusammengearbeitet. Er gilt weiterhin als "feindlicher Kombattant".

Das neue, alte Leben

Die Washingtoner Bundesrichterin Joyce Green ist die erste Instanz bei den Klagen vieler Gefangener gegen die US-Regierung. Sie erhält im Januar 2005 Einsicht in die Unterlagen des Tribunals. Man habe "keine Beweise für eine Verbindung des Gefangenen zu al-Qaida", heißt es darin. Die Richterin urteilt: Kurnaz wird zu Unrecht gefangen gehalten.

Ein Jahr später fordert Kanzlerin Angela Merkel schließlich öffentlich die Schließung des Lagers Guantanamo. Das Thema eignet sich gut für eine Demonstration deutscher Eigenständigkeit. Angela Merkel will gute Beziehungen zu Präsident Bush. Doch sie will auch Prinzipientreue beweisen. Also nervt sie ihren Freund George W. bei jedem Treffen mit dem leidigen Thema, zuletzt noch im Juli, in Stralsund. Die Unterhändler feilschen um die Bedingungen einer Freilassung. Bis zuletzt fordern die Amerikaner, dass Deutschland weitere Gefangene aufnehme: Chinesische Uiguren oder wenigstens einen unschuldigen staatenlosen Usbeken, der den US-Militärs von afghanischen Geschäftemachern für 5000 Dollar Kopfgeld verkauft worden war. Die Deutschen lehnen ab. Schließlich lenkt das Pentagon ein.

Murat Kurnaz hatte vor drei Monaten zuletzt Besuch von seinem Anwalt. "Ich will mein Leben zurück", sagte er. Wenn es nur so einfach wäre.