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Nahles gegen Wasserhövel: Wie hältst du's mit dem Franz?

Das Duell um das Amt des SPD-Generalsekretärs hat sich zur Machtprobe für Franz Müntefering entwickelt. stern.de hat die Stimmung in der SPD ausgelotet.

Von Florian Güßgen

Nein, eigentlich haben sie in der SPD keine Lust auf dieses Duell. Und eigentlich sind viele richtig sauer auf "den Franz", dass er sie jetzt zum Schwur zwingt. Ausgerechnet jetzt. Wie ein unwirsches Gegrummel klingt das, was dieser Tage aus der SPD herausdringt. "War das denn wirklich nötig?", brummt ein Vorstandsmitglied entnervt. "Das muss der Franz vielleicht noch einmal überdenken", empfiehlt ein anderer.

Wieder andere schlagen noch härtere Töne an: "Wir können doch jetzt nicht nahtlos so weitermachen wie die sieben Jahre zuvor", sagt einer. Er meint die Zeit, in der sich viele in Partei und Fraktion gegängelt fühlten, weil der Kanzler Schröder sie mit immer neuen politischen Selbstmorddrohungen auf Linie presste. Mit diesen Allmachts-Allüren sei jetzt Schluss, sagt er, das müsse auch der Franz begreifen. Die Partei habe ihren eigenen Kopf. Und deshalb müsse Andrea Generalsekretärin werden - und nicht der Kajo.

Nahles ist unabhängiger, mächtiger, rebellischer

Die Partei und der Franz, die Andrea und der Kajo - im Duell um das Amt des SPD-Generalsekretärs geht es nur vordergründig um Andrea Nahles und Kajo Wasserhövel. Vor allem geht es um das Verhältnis der Partei zu ihrer Regierung. Wird Müntefering absoluter Herrscher oder gestattet er den kritischen Dialog? Die Antwort lässt sich wunderschön an den Bewerbern ablesen. Der 43-jährige Karl-Josef - Kajo - Wasserhövel ist Münteferings Favorit. Weil er als Bundesgeschäftsführer den Wahlkampf inszeniert hat, als brillanter Stratege gilt, weil er die Partei ohnehin maßgeblich steuert. Aber vor allem, weil er Münteferings Geschöpf ist. Er wäre seinem Herren ein verlässlicher Hausmeier, er würde die Verbindung zwischen Partei und Regierung ölen, aber er wäre kein Konkurrent, weil ihm jedwede Machtbasis fehlt. Nicht einmal in der Theorie hat Wasserhövel das Zeug dazu, gegen den Parteichef aufzubegehren.

Bei Nahles ist das anders. Die wuselige 35-Jährige ist unabhängiger, mächtiger, rebellischer als Wasserhövel. Dazu kommt eine erhebliche Portion Machtwille. Für die Partei-Linke böte der Job die Möglichkeit, sich im Namen der Partei weiter zu profilieren - zur Not eben auch gegen den großen Vorsitzenden.

"Wir sind nicht mehr frei"

Offenbar will Müntefering Ruhe im roten Karton. Weil ihm dafür kein Preis zu hoch ist, mutet er der Partei jetzt die Vertrauensfrage zu. Die Frage "Wie hältst Du's mit dem Kajo?" ist in Wirklichkeit die Frage: "Wie hältst du's mit dem Franz?" Bei vielen Genossen verursacht dieser Konfrontationskurs Unbehagen. "Wir sind bei der Entscheidung nicht mehr frei, wenn wir Müntefering nicht schwächen wollen", sagt eine SPD-Frau. Andere, vor allem die Partei-Konservativen vom "Seeheimer Kreis", schelten dagegen Nahles. Sie treibe die SPD aus purer Egomanie in diesen Konflikt. Auch sie müsse jedoch begreifen, dass sich die Partei nicht um sie drehe.

Rache für den angeblichen Verrat?

Eine Vorentscheidung in dem Duell könnte am Montag fallen. Dann, um Punkt zwölf Uhr mittags, kommt im Willy-Brand-Haus in Berlin der 44-köpfige Parteivorstand zusammen. Das Gremium muss den rund 480 Delegierten, die auf dem Parteitag Mitte November in Karlsruhe endgültig entscheiden werden, ein komplettes Personalpaket für die Besetzung des neuen Vorstands unterbreiten - inklusive einer Empfehlung für den Posten des Generalsekretärs.

Die Spitzen-Genossen haben nicht das letzte Wort, aber ihre Empfehlung hat Gewicht. Nahles, selbst Vorstandsmitglied, hat über Sympathisanten ausrichten lassen, dass sie plant, mit einer Kampfkandidatur gegen Wasserhövel anzutreten.

Zwar ist die Abstimmung geheim, aber seit der Nahleschen Drohung wird eifrig gezählt, wird gerechnet, wie es denn um die Mehrheit bestellt ist. Dabei ist die Gemengelage undurchsichtig, weil Nahles-Gegner und Nahles-Befürworter sich nicht pauschal identifizieren lassen. Sicher, die "Seeheimer" sind gegen sie, die Netzwerker jedoch, die jungen Pragmatiker in der Partei, unterstützen Nahles. Diese stehe für den dringend benötigten Generationenwechsel in der Partei, erklärt Sprecherin Kerstin Griese.

Helfen dürfte darüber hinaus, dass Nahles angeblich die Nominierung des Netzwerkers Sigmar Gabriel für den Job des Umweltministers unterstützt hat. Auch dafür könnten sich die Netzwerker nun erkenntlich zeigen. Genau wegen dieses Schachzugs könnte es jedoch sein, dass die Partei-Linken um Ludwig Stiegler Nahles die Gefolgschaft verweigern. Die Stiegler-Crew hatte ihren Sprecher Michael Müller ins Umwelt-Ministerium hieven wollen. Jetzt könnte sie sich für Nahles' Verrat rächen.

Nahles hat Chancen auf eine Mehrheit

Beteiligt man sich an den Zählspielchen, dann findet man heraus, dass Nahles durchaus Chancen hat, Münteferings Favoriten zu schlagen. Mindestens zwei der insgesamt 44 Mitglieder werden am Montag wohl einfach nicht da sein - Franz Maget aus Bayern fährt in den Urlaub, die Europa-Abgeordnete Constanze Krehl dürfte auf Dienstreise in Vietnam weilen. Das würde bedeuten, dass Nahles bei höchstens 42 Anwesenden höchstens 22 Unterstützer für eine Mehrheit bräuchte.

Als Befürworter sind bisher folgende Vorstands-Mitglieder offen aufgetreten: Entwicklungshilfe-Ministerin Heidemarie Wieczoreck-Zeul, der Saarländer Heiko Maas, der Thüringer Christoph Matschie, Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, Noch-Ministerin Renate Schmidt, Netzwerk-Sprecherin Kerstin Griese und der Jung-Abgeordnete Niels Annen. Dazu kommen der Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer, der hessische Landtagsabgeordnete Gernot Grumbach und der Bremer Detlev Albers. Das wären zehn Stimmen.

Auch andere "Netzwerker", die sich derzeit nicht öffentlich äußern wollen, könnten Nahles unterstützen: Die Abgeordneten Ute Berg, Ute Vogt und Kurt Bodewig, vielleicht auch Gabriel. Das wären 14 Stimmen - keine schlechte Basis. Selbst bei einer knappen Niederlage könnte Nahles erwägen, auf dem Parteitag noch einmal anzutreten.

Zwei Kandidaten für den Parteitag?

Demgegenüber stehen klare Wasserhövel-Unterstützer wie Müntefering, Stiegler, Bundestags-Vizepräsidentin Susanne Kastner oder der sachsen-anhaltinische Landtagsabgeordnete Manfred Püchel. Eine klare Mehrheit für den einen oder die andere ist im Vorstand jedoch nur schwer auszumachen. Viele der Mitglieder - etwa Brandenburgs Regierungschef Matthias Platzeck, Noch-Ministerin Edelgard Bulmahn oder DGB-Vize Ursula Engelen-Kefer - wollten sich auf Anfrage von stern.de nicht äußern.

Vielleicht, so mögen einige hoffen, wird bis zum Montag ein Weg gefunden, die Kampfkandidatur zu verschieben. Vielleicht könnte man sich sogar darauf einigen, dem Parteitag beide Kandidaten ans Herz zu legen. Das wäre ein kleiner Rückschlag für Müntefering, aber besser als ein Sieg Nahles'. Zum großen Showdown käme es dann erst in Karlsruhe.

"Was passiert mit Andrea?"

"Wir müssen uns schon die Frage stellen, was mit Andrea passiert, wenn Kajo das macht", sagt eine Spitzen-Genossin. "Sie ist ein wichtiges Talent." Eine Variante bestünde darin, Nahles auf einen der insgesamt fünf Vize-Parteichef-Posten zu heben. Zwei Sitze werden da frei, allerdings sind dafür schon der Finanzminister in spe, Peer Steinbrück, und Platzeck vorgesehen. Für Nahles müsste proporzgemäß die Linke Wieczoreck-Zeul freiwillig weichen - zu einer Kampfkandidatur gegen die "rote Heidi" ist Nahles nicht bereit.

Die Forderung nach einem Rückzug der Ministerin übernehmen deshalb andere. "Heidi Wieczoreck-Zeul müsste erkennen, dass ein Generationswechsel nötig ist", sagte Netzwerk-Sprecherin Griese stern.de. Beharrt Wieczoreck-Zeul auf dem Posten, ist Nahles der Weg versperrt. Müntefering könnte sie dann höchstens zur Vize-Fraktionschefin im Bundestag befördern oder zur Staatssekretärin küren - etwa in seinem Arbeitsministerium. Allerdings darf bezweifelt werden, dass ein Job in der Regierung Nahles' Ambitionen entspricht. Viele Profilierungsmöglichkeiten hätte sie da nicht. Zudem könnte Müntefering ihr dort jederzeit einen Maulkorb umhängen.

"Das ist eine temporäre Sache"

Und so hoffen viele Vorstandsmitglieder darauf, dass der Parteispitze bis Montag noch irgendeine einvernehmliche Lösung in den Sinn kommt, die allen Beteiligten schmackhaft gemacht werden kann. Der Franz, die Andrea oder vielleicht sogar der Kajo - irgendeiner muss sich bewegen, um den Konflikt zu beenden. "Wir dürfen diese zwei Züge nicht weiter aufeinander zurasen lassen", sagt ein Vorstandsmitglied. Ein anderer sieht dem Ausgang des Duells deutlich gelassener entgegen. "Das ist eine temporäre Sache", sagt er. "Wenn sie entschieden ist, ist sie entschieden."