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Wahlanalyse Wählerwanderung in NRW: Hunderttausende SPD-Anhänger blieben zu Hause

Scholz Kutschaty Blumen SPD nach NRW-Wahl
Die eigenen Anhänger wollten ihn in NRW nicht wählen: SPD-Spitzenkandidat Thomas Kutschaty (Mi.) mit Bundeskanzler Olaf Scholz am Tag nach der Wahlschlappe.
© Kay Nietfeld / DPA
Bei der NRW-Wahl hat die SPD ein historisch schlechtes Ergebnis in ihrem ehemaligen Stammland eingefahren. Viele ihrer Wähler blieben offenbar zu Hause. Auch Wahlsieger CDU sollte nicht zu euphorisch sein.

Katerstimmung bei der Kanzlerpartei: Die deutliche Niederlage der SPD in ihrem nun wohl nur noch ehemaligen Stammland Nordrhein-Westfalen schmerzt die Genossen sehr. Eigentlich war zumindest ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU erwartet worden, doch die Schlappe fiel am Sonntag deutlich aus, der Abstand zur Union ist groß und damit steht auch Bundeskanzler Olaf Scholz schlecht da.

SPD: Viele Anhänger blieben zu Hause

Schaut man auf die Wählerwanderung, so fällt auf, dass die SPD-Mannschaft um Spitzenkandidat Thomas Kutschaty vor allem eines nicht geschafft hat: die eigenen Anhänger dazu zu bewegen, ihr Kreuzchen bei der SPD zu machen. Mehr als 300.000 Menschen, die noch vor fünf Jahren die Sozialdemokraten gewählt hatten, blieben diesmal zu Hause. Keine der anderen Parteien gab auch nur annähernd so viel an das Lager der Nichtwähler ab wie die Sozialdemokraten. 

Ein weiteres sattes Kontingent an Wählern verlor die aktuelle Kanzler-Partei an den neben der CDU großen Wahlsieger des Abends, die Grünen. Rund 260.000 SPD-Wähler von 2017 entschieden sich diesmal für den Koalitionspartner aus der Bundesregierung. Das wirkt – auch weil die grüne Spitzenkandidatin Mona Neubaur (bisher) nicht zur großen Politprominenz zählt – wie eine Abstimmung mit den Füßen über die aktuelle Bundespolitik. Während der in der Kritik stehende Bundeskanzler Olaf Scholz seinen Parteifreunden in Düsseldorf, trotz großen Engagements im Wahlkampf, eher Gegenwind bescherte, dürfte das sehr gute Abschneiden der NRW-Gründen auch der guten Performance von Vize-Kanzler Robert Habeck und Außenministerin Annalena Baerbock zu verdanken sein.

Der bisherige NRW-Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst

Grüne: Großer Schub aus Berlin

Diese Schlussfolgerung belegen Zahlen von Infratest Dimap. Demnach sind 43 Prozent aller Wähler in NRW der Ansicht, dass sich die Grünen in der Berliner Ampel-Koalition am besten schlagen. Alte Vorbehalte gegen die Ökopartei, dass sie sich zu wenig um die Wirtschaft sowie die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen kümmere, sind den Zahlen zufolge in NRW seit der letzten Wahl um 20 Prozent zurückgegangen. So was wünscht sich eine Mehrheit der Wähler auch im bevölkerungsreichsten Bundesland. An der nächsten Regierung werden die Grünen auf jeden Fall beteiligt sein – in welcher Konstellation muss sich noch zeigen.

CDU: Getragen vor allem von den Alten

Geht es nach Wahlsieger CDU, wäre die beste Konstellation Schwarz-Grün unter Führung des amtierenden Ministerpräsidenten Hendrik Wüst. Der Westfale war vor nicht einmal einem Jahr für den nach Berlin abgewanderten, als Kanzlerkandidat gescheiterten Armin Laschet nachgerückt, musste also auf den Amtsbonus weitgehend verzichten. Wüst wurde von vielen Wählern dennoch als sympathischer und kompetenter eingeschätzt als sein SPD-Herausforderer Kutschaty – auch das kein Ruhmesblatt für die Genossen. Mehr als die SPD schaffte es die CDU offensichtlich, ihre Klientel zu mobilisieren – vor allem in ihren klassischen Hochburgen auf dem Land.

Mit allem Recht streben Wüst und seine Partei als Wahlsieger die Regierungsführung an, doch bei Licht betrachtet sollte auch bei der CDU keine allzu große Euphorie aufkommen. Der prozentuale Zuwachs um 2,8 Punkte auf jetzt 35,7 ist vor allem der schlechten Wahlbeteiligung von nur 55,5 Prozent geschuldet. In absoluten Zahlen gesehen büßte die Union trotz einiger Mobilisierungserfolge nämlich knapp 190.000 Stimmen im Vergleich zu 2017 ein. Und noch etwas sollte der CDU zu denken geben: Dass sie am Sonntag vorne lag, verdankt die Partei laut Infratest Dimap vor allem den Wählergruppen über 45 Jahren. Hier sammelte sie jene Stimmen ein, die sie bei den jungen Wählern verloren hat. Will sie auch künftig in NRW erfolgreich sein, muss die Partei daran arbeiten.

FDP: Quittung für Coronapolitik an den Schulen

Nicht zu vergessen: Ein Gutteil des CDU-Erfolges geht zudem auf Kosten des bisherigen Koalitionspartners in Düsseldorf, der FDP. Eine satte Viertelmillion Wählerstimmen luchste die Union den Liberalen ab, was diese beinahe aus dem Landtag katapultierte. Vor fünf Jahren hatte FDP-Leitfigur Christian Lindner seiner Partei zu einem satten Erfolg verholfen, Vize-Ministerpräsident und Integrationsminister Joachim Stamp konnte nicht annähernd so viel Zugkraft entwickeln. Außerdem fiel der FDP die von ihr verantwortete Bildungspolitik in Corona-Zeiten auf die Füße. Wie der SPD fehlte auch den Liberalen der Rückenwind aus Berlin, können sie sich in der Ampel-Koalition trotz lautstarker Versuche im Schatten des Ukraine-Krieges zumindest im Sinne der eigenen Klientel nicht recht profilieren. Laut den Zahlen von Infratest Dimap gab die NRW-FDP am Sonntag als einzige Partei unter dem Strich Stimmen an alle anderen Parteien – sogar 10.000 an die AfD, die ansonsten ebenfalls Wähler an fast alle anderen Parteien und das Nichtwähler-Lager verlor. Auch 120.000 potenzielle FDP-Wähler entschieden sich, lieber zu Hause zu bleiben.

Quellen: Infratest Dimap; Forschungsgruppe Wahlen; Landeswahlleiter NRW

dho

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