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Presseschau: Bayern kommt in der Normalität an

Die deutsche und internationale Presse betrachtet das miese Ergebnis in Bayern als ein Desaster für die CSU - und als eine Ohrfeige, mit deren Heftigkeit im Vorfeld niemand gerechnet hatte: die Kommentare zum christsozialen Waterloo.

Ein Desaster für die CSU: Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis sackte die Partei, die jahrzehntelang in königgleicher Alleinherrschaft Bayern regierte, von 60,7 Prozent auf jetzt nur noch 43,4 Prozent ab. Nun muss sie sich einen Koalitionspartner suchen.

Lesen Sie in der Presseschau, wie die Tageszeitungen den Wahlausgang kommentieren:

Süddeutsche Zeitung

"Bei der Landtagswahl hat die Partei ihren Höllensturz erlebt. Es ist vorbei mit der alten Herrlichkeit. Vorbei sind die Zeiten, als die CSU das Land noch wie einen Großgrundbesitz verwalten konnte und Wahlen lediglich dazu dienten, ihre Vorherrschaft zu dokumentieren. Zwar wird die CSU irgendwie weiterregieren: Doch ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit hat sie am Sonntag ein für alle Mal verloren. Eine Ära ist zu Ende gegangen. Die CSU muss sich nun plötzlich mit Freien Wählern und der FDP arrangieren. Eine beispiellose Demütigung."

Abendzeitung (München)

"Das eigentliche Problem von Beckstein und Huber war: Niemand weiß so genau, wofür die beiden eigentlich stehen. Gegen die Dynamik, mit der Edmund Stoiber Themen wie G8 und Sparpolitik nach vorne (und oft in die falsche Richtung) peitschte, wirken die beiden lahm. Ein Parteivorsitzender Huber wurde dem Anspruch der Bayern, Stärke in Berlin zu zeigen, nicht gerecht; eher agierte er hilflos. Und Günther Beckstein gelingt die Rolle des Landesvaters nicht überzeugend. Als Innenminister wusste er mit Stärke und gelegentlichem Witz zu glänzen; als Ministerpräsident wirkt er unverbindlich, wenig mitreißend. Es mangelt ihm an Profil - und dieses Problem teilt er mit seiner Partei."

Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Zur Eröffnung des 175. Oktoberfests ist Günther Beckstein gleich zweimal in der Kutsche die Münchner Maximilianstraße hinuntergefahren. So haben es schon bayerische Ministerpräsidenten vor ihm gehalten, doch fiel es bei ihm besonders auf, und das nicht nur der Tracht seiner Frau wegen. Rollt da einer recht ausgiebig der Wiesn entgegen, weil er angesichts miserabler Umfragen nicht weiß, ob es das erste und letzte Mal ist? Einen Sonntag später kam es noch schlimmer als befürchtet. Die CSU hat ihr schlechtestes Ergebnis seit den fünfziger Jahren erzielt und ihre absolute Mehrheit im Bayerischen Landtag verloren. Der Nimbus der ewigen Regierungspartei ist dahin. Die Zweierspitze Beckstein/Huber hat nur ein Jahr nach der Absetzung Stoibers ihr Waterloo erlebt."

Hamburger Abendblatt

"Die Watschen war erwartet worden. Allerdings hat es gestern bei der CSU dann doch noch lauter geklatscht, als sie es selbst befürchtet musste. Die bayerischen Wähler haben ihre Staatspartei zu einer ehemaligen zurechtgestutzt und deren Führungsduo ein Waterloo bereitet. Noch immer ist die CSU die bei weitem stärkste Partei in Bayern und hat ein Ergebnis erzielt, von dem andere nicht einmal zu träumen wagen. Zerknirscht aber müssen die Parteivorderen nun das akzeptieren, was sie vor der Wahl als größtes Unglück für sich und das Land brandmarkten: Die CSU muss die Macht mit einem Partner teilen. Man kann es auch weniger dramatisch sehen: Der bayerische Sonderweg ist beendet und das Land ist in der demokratischen Wirklichkeit der Bundesrepublik angekommen."

Financial Times Deutschland

"Die gut 43 Prozent der Stimmen bei der Wahl sind für die Christsozialen nicht bloß eine gewaltigere Watsche, als sie selbst befürchten mussten. In einem Land, in dem die absolute Mehrheit der Stimmen für die CSU bislang quasi ein Naturgesetz war, bedeutet der tiefe Absturz weit unter den eigenen Anspruch von 50 Prozent plus x das größtmögliche Desaster. Mit dem Verlust der absoluten Mehrheit hat die CSU ihren Ausnahmestatus in Europa verloren. Doch so verheerend der Wahlausgang für das neue CSU-Spitzenduo Erwin Huber und Günther Beckstein ist - dem Freistaat und seiner politischen Kultur tut das Ergebnis gut, weil es ein wichtiger Schritt Richtung demokratische Normalität ist. Auf Dauer schadet es einer Demokratie, wenn eine Partei sich dank ihres Abonnements auf die alleinige Macht eine Parteimonarchie etablieren kann."

Mitteldeutsche Zeitung

"Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird das mit Sorge betrachten. Das Formtief der Schwesternpartei ist zu einem ernsten Problem für die Union geworden. Zumal seit gestern klar ist, dass es keine politischen Erbhöfe mehr gibt, die uneinnehmbar sind. Die Verluste der CSU haben vor allem Freien Wählern und Liberalen genutzt, nicht aber der SPD. Die Sozialdemokraten sollten sich fragen, wie schwach ein politischer Gegner eigentlich sein muss, damit die SPD davon profitiert. Die Wellen des politischen Bebens in Bayern werden bis nach Berlin deutlich spürbar sein. Der gestrige Tag hat erneut gezeigt, dass die großen Volksparteien schwächeln. Ein Blick auf den Kalender wird manchem Strategen in den Parteizentralen den Schweiß auf die Stirn treiben: nur noch zwölf Monate bis zur Bundestagswahl."

Berliner Morgenpost

"Die Demokratie ist eine brutal ehrliche Angelegenheit, vor allem für Parteien und deren Anführer, die sich für unkaputtbar halten. Was der SPD vor einigen Jahren in Hamburg und Nordrhein-Westfalen widerfuhr, was Roland Koch in Hessen erlebte, das hat nun auch die CSU erfahren: Es gibt kein Monopol auf die Macht, nicht einmal in Bayern. Mit dem desaströsen Landtagswahlergebnis der CSU wurde eine über 40 Jahre währende Ära beendet. Der Mythos CSU hat sich pulverisiert, vorbei ist es mit der Staatspartei. Die Lage wird unübersichtlicher. Ein Bündnis aus SPD, FDP, Grünen und Freien könnte der CSU die Macht entreißen. Plötzlich herrschen auch in Bayern nahezu hessische Verhältnisse."

Märkische Allgemeine

"Die CSU war lange das, was man die "wahre Volkspartei" nennen konnte - konservativ und liberal, über konfessionelle Grenzen hinweg, aber fern von schrankenlosem Liberalismus und kollektivistisch angehauchtem Sozialismus. Seit gestern ist es mit der Volkspartei, die so viele Strömungen aufsaugt, erst einmal vorbei. Auch in Bayern differenziert sich die Parteienlandschaft. Für die bis zur Arroganz machtbewusste CSU wird das Wahlergebnis natürlich Konsequenzen haben. Günther Beckstein, Erwin Huber und Christine Haderthauer können sich warm anziehen. Auch wenn es nicht sofort zu Rücktritten kommt, wird das böse Wort von den Übergangskandidaten seine zerstörerische Wirkung entfalten. Es ist jetzt untersetzt durch ein aus Sicht der CSU-Anhänger unterirdisch schlechtes Wahlergebnis."

WAZ

"So sind sie, die Bayern: ehrlich, direkt und oft erfrischend. So wie gestern, als sie sich dazu entschlossen, der 46 Jahre währenden Monarchie der Christsozialen ein Ende zu bereiten. Der Nimbus der CSU ist Geschichte: Für die Wahlsieger ist es eine Riesengaudi, für die Verlierer eine Riesenwatschn. Und das an Stoibers Geburtstag - dem 60-Prozent-Wahlsieger von 2003, den seine Nachfolger vom Hof jagten.

Ganz egal, wer sich in den kommenden Wochen mit wem zusammenrauft - in Bayern wird vorerst (politisch) nichts mehr so sein, wie es mal war. Dass es eines Koalitionspartners bedarf, der Forderungen oder gar Bedingungen stellt - all das kannten die bayerischen CSU-Funktionäre und -Anhänger bislang nur aus dem Fernsehen. Die Wähler haben ein innerbayerisches Naturgesetz außer Kraft gesetzt. Die Gründe: ein charismaloses Führungsduo, ein stetig schwindender Einfluss in Berlin, der vor allem mit dem Abblitzen bei der Forderung nach der alten Pendlerpauschale offenkundig wurde sowie das Doppel-Debakel rund um die Landesbank und den Transrapid. Die Folge war ein Maß an Wut und Ärger, von dem die Freien Wähler und die FDP als die beiden anderen bürgerlichen Parteien profitiert haben. Vor allem die Freien Wähler sind die Protest-Gewinner - sie sind das bayerische Funktions-Pendant zur Linkspartei im Osten Deutschlands.

Das Ergebnis beschert einerseits einige Gewissheiten und löst andererseits reichlich Spekulationen aus. Zu den Gewissheiten zählt, dass die FDP als künftiger Mitregierer der CSU ein Maximum an Posten und Positionen abverlangen kann und wird. Die Liberalen wissen, dass die Freien Wähler für die CSU keine Alternative als Koalitionär sind. Als sicher darf auch gelten, dass es personelle Konsequenzen geben wird. Die CSU wird ein Bauernopfer präsentieren müssen. Der Rest ist Spekulation. Bundesminister Seehofer steht jedenfalls für eine Rückkehr nach München Gewehr bei Fuß.

Und was bedeutet der Bayern-Tag für Berlin? Dass sich erstens das Verhältnis der CSU zur Schwesterpartei CDU nicht verbessert und die Union insgesamt Schaden genommen hat. Die Christsozialen nehmen es der Kanzlerin persönlich übel, dass sie ihr populistisches Wahlgeschenke-Programm "Mehr Netto für alle" zurückwies. Dass sich zweitens der Wechsel an der SPD-Spitze (noch) nicht ausgezahlt hat - es gab keinen "Münte-Meier-Effekt". Dass sich drittens Bundespräsident Köhler seinem Ziel einer Wiederwahl etwas sicherer sein kann: Die Verluste blieben im Köhler-freundlichen, bürgerlichen Lager. "

Nürnberger Zeitung

"Dass die CSU mehr als 50 Prozent bekommt, hat niemand gedacht, dass sie freilich so abschmiert und nun mit einem Partner weiterregieren muss, haben nicht einmal die ärgsten Gegner erwartet. Es war, ganz klar, eine Denkzettelwahl. Die Stimmungsdemokratie ist nun in Bayern angekommen. Denn eigentlich gehen die Uhren hier immer noch anders. Das Land steht im Vergleich zu den meisten Bundesländern prima da. Die Staatsregierung peilt einen ausgeglichenen Haushalt an; es herrscht nahezu Vollbeschäftigung und andere Ministerpräsidenten blicken neidvoll auf die Pisa-Werte in Bayern, das heißt: das Bildungssystem kann so schlecht nicht sein."

Kieler Nachrichten

"Weder mit Huber noch mit Beckstein wird die CSU in die Zukunft gehen können, nicht einmal übergangsweise. Sie wollten 50 plus X erreichen und haben 50 minus XXL eingefahren. Das ist das Ende ihrer Dienstfahrt. Wenn die CSU die Klatsche, die ihr die Wähler verpasst haben, richtig versteht, dann lässt sie jetzt die Jungen ans Ruder: den Innenminister Joachim Herrmann und den Fraktionschef Georg Schmid. Wenn sie versucht, sich die Niederlage schönzureden, dann setzt sie auf den Bundesminister Horst Seehofer und vielleicht auf den früheren Generalsekretär Markus Söder. Als mögliche Krisengewinnler lauern sie in den Startlöchern, lauern - und stehen doch nur für vergangene Zeiten."

Landeszeitung (Lüneburg)

"In Bayern gehen die Uhren anders. Ein Ergebnis, das jeder anderen Partei in jedem anderen Land zur Ehre gereichte, geht im Freistaat als Desaster durch. Wer von ganz oben kommt wie die CSU, kann selbst so tief abstürzen, ohne die Macht zu verlieren. Auch wenn die nun geteilt werden muss. Das kann dem Land nur guttun. Zu viel Spezlwirtschaft und Amigo-Affären zeugen von CSU-Filz. Partei-Chef Huber wird der Absturz wohl den Job kosten, ebenso die Generalsekretärin Haderthauer. Ob Beckstein als Ministerpräsident überleben kann, hängt stark von Seehofer und dessen Gefolgschaft ab, die bereits in den Startlöchern stehen. Allemal aber ist das Wahlergebnis ein Warnschuss für die Große Koalition. Die SPD kann den Mund nicht voll nehmen. Und die CDU muss zur Kenntnis nehmen, dass der Weg zu einer bürgerlichen Mehrheit 2009 noch weiter geworden ist."

Die Presse (Wien)

"Aua, das war schon eine zünftige Ohrfeige, die sich die bayerischen Christlichsozialen da am Sonntag eingefangen haben. Bis zu 18 Prozent Stimmenverluste, Verlust der absoluten Mehrheit im Landtag in München - was ist das anderes als ein Desaster? Nach 46 Jahren Alleinregierung der CSU hatten die Wähler im Freistaat genug. Ihre Botschaft lautet: Es ist Zeit, dass die verwöhnten schwarzen Machthaber gemeinsam mit einem Partner regieren.

Die versöhnlichere Seite des ruinösen Wahlsonntags für die CSU ist: Man liegt im Europatrend, praktisch überall laufen den traditionellen Großparteien die Wähler in Scharen davon - siehe nur zum südlichen Nachbarn Österreich. Und: Bayern insgesamt tickt weiterhin rechts, zusammen mit Freien Wählern und Freidemokraten liegt die bürgerliche Mehrheit noch immer bei 60 Prozent."

Tagesanzeiger (Zürich)

"Der Ausgang der Landtagswahl in Bayern markiert für die CSU eine Zeitenwende. Die Schlappe der Schwesterpartei ist aber auch eine Niederlage für die CDU-Vorsitzende Angela Merkel. Erstes Opfer der Machtverschiebung in Bayern könnte Bundespräsident Horst Köhler sein:

Die herben Verluste der freistaatlichen Schwarzen stellen seine Wiederwahl durch die Bundesversammlung - also die Bundestagsmitglieder und die Vertreter der Länder, den Bundesrat - im kommenden Frühling in Frage. Kommt statt des Mannes von der Union und FDP die SPD-Kandidatin Gesine Schwan zu Ehren, hätte dies Signalwirkung. Das Ende des Mythos der CSU könnte der Anfang des Machtverlusts von Kanzlerin Merkel sein."

Das Ergebnis der Bayern-Wahl