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Corona-Test-Desaster in Bayern "Söder ist über sich selbst gestolpert"

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) steht nach der Coronavirus-Test-Panne in der Kritik
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) steht nach der Coronavirus-Test-Panne in der Kritik
© Peter Kneffel / DPA
Die Coronavirus-Test-Panne in Bayern ist ein Rückschlag für Markus Söder und sein sauberes Image als Krisenmanager. Und so kommentiert die deutsche Presse seine Rolle im Faupax im Freistaat.

Bayern Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat eine "große Panne" bei der Bearbeitung Zehntausender Coronavirus-Tests im Freistaat eingeräumt und um Entschuldigung gebeten.

Bis zum Mittwochabend seien 44.000 an bayerischen Autobahnen getestete Reiserückkehrer nicht über das Ergebnis informiert worden – darunter auch rund 1000 Infizierte (lesen Sie hier im stern mehr dazu).

Presseschau zu Coronavirus-Test-Panne in Bayern

Ein gefährlicher Fehler für die einen – eine ärgerliche Panne für Söder, der sich gern als zupackender Krisenmanager gibt. Entsprechend fällt das Echo in den Kommentarspalten deutschsprachiger Medien für den Ministerpräsidenten aus. Die Presseschau:

"Süddeutsche Zeitung" "Die föderale Vielfalt offenbart auch einen kreativen Umgang der Politiker mit Verantwortung. Bund und Länder arbeiten nun an Konzepten für mehr Personal. Doch das dauert viel zu lange. Was Gesundheitsämter jetzt brauchen, ist schnelle und fähige Unterstützung. Sinnvoll wären etwa Expertenteams, die sofort anpacken könnten. Digital und medizinisch geschult könnten solche Teams zum Ende der Sommerferien an den Autobahnen helfen – und im Herbst vielleicht anderswo. Verantwortung für den Aufbau einer solchen Truppe könnte der Bund übernehmen. Zumindest sollte er sich verantwortlich fühlen."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Wo Software fehlt und handschriftlich (!) gearbeitet werden muss, können Testzentren noch so schnell aufgebaut werden, der Flaschenhals ist wieder da. Markus Söder ist deshalb in eine peinliche Lage geraten. Er wollte bislang immer der Ministerpräsident sein, der schneller, besser und klüger ist als andere. Damit hat er Bayern dieses Mal überfordert. Auch der Vorwurf, die Länder hätten viel früher wissen können, dass der Rückreiseverkehr das Virus verbreitet und Testzentren deshalb längst hätten vorbereitet sein müssen, bleibt an Bayern kleben. Söder hat es nun mit überforderten Behörden, verbitterten Ehrenamtlichen und verunsicherten Urlaubern zu tun – und mit steigenden Infektionszahlen. Der Eindruck des hechelnden Machers richtet sich nun gegen ihn selbst, Schadenfreude inklusive."

"Frankfurter Rundschau":  "Aber Söder hat die Grundlage für die Panne gelegt. Er wollte die freiwilligen Tests für alle Reiserückkehrer und er wollte sie schnell – trotz Warnungen vor Kapazitätsengpässen. Er ging damit über die Einigung von Bund und Ländern hinaus, die nur Rückkehrer aus Risikogebieten überprüfen. Von einem 'Service für Deutschland' sprach Söder. Bei der CSU im Allgemeinen und bei Söder im Besonderen ist gern immer etwas eine Nummer größer als eine Nummer kleiner. Es stellt sich nun heraus: Angeordnet ist schnell etwas, organisiert ist es aber deswegen noch lange nicht."

"Handelsblatt": "Markus Söders bislang weiße Corona-Weste hat Flecken bekommen. Aber wenn es nicht mal in Bayern klappt, wo soll es dann funktionieren? Es ist schon erstaunlich, dass sechs Monate nach Ausbruch der Pandemie so vieles immer noch planlos erscheint. Beginn und Ende der Sommerferien sind in jedem Bundesland vorher bekannt, und zwar den Ministerpräsidenten ebenso wie den örtlichen Gesundheitsämtern und den Schulleitern. Trotzdem wirkt sehr vieles improvisiert und chaotisch."

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Gut 44.000 Leute warten noch auf Corona-Testergebnisse aus Bayern? Haben die bayrischen Behörden wirklich vor, jeden Einzelnen zu informieren? Ob in Dänemark oder Niedersachsen, andernorts wird nur kontaktiert, wessen Ergebnis positiv ist. Im konkreten Fall hätte dies eine dreistellige Zahl von Anrufen, Mails oder SMS bedeutet, keine fünfstellige. Selbst in Markus Söders Musterland läuft also nicht alles optimal. Trotzdem sollte man nicht aus Häme gleich die politische Zukunft des CSU-Chefs infrage stellen. Dass die Landesregierung wackelt, weil die Tester von Menge und händischer Verarbeitungsweise überfordert waren, ist kein Ruhmesblatt; es ruft aber auch keinen Notstand hervor. Wenige Tage zuvor wurde dort gar nicht getestet."

"Münchner Merkur": "In der Corona-Republik Deutschland ist es wie in der Schule: Wenn der Klassenstreber patzt, ist die Schadenfreude groß. Markus Söder hat andere lang genug mit seinen Belehrungen genervt. Das wird ihm jetzt heimgezahlt. Mitleid muss man nicht haben mit dem CSU-Chef. Etwas billig ist es trotzdem, wenn ausgerechnet diejenigen, die erst seinen Test-Befehl an der Grenze kritisierten, jetzt das Fehlen der Test-Ergebnisse bejammern. Der Skandal wird, selbst wenn Söder seine hilflose Gesundheitsministerin doch noch feuert, mit seinem Namen verbunden bleiben. Aber: In Bayern werden Autofahrer immerhin an den Grenzen getestet. Aus NRW war davon bisher nichts zu hören. Bundesregierung und Bundesländer haben es gemeinsam versäumt, eine Strategie für die Reisezeit zu entwickeln, so wie man schon im Frühjahr die anrollende Pandemie übersah."

"Schwäbische Zeitung": "Die Panne hat den sich als Corona-Manager inszenierenden Ministerpräsidenten ein Stück weit entzaubert. In der CDU wird sich die Genugtuung in Grenzen halten: Zwar hatte der CSU-Chef mit seinen kaum verdeckten Kanzlerambitionen viele in der Schwesterpartei verärgert. Doch legt sein Straucheln die Führungsmisere in der Union offen: In Sachen Kanzlertauglichkeit hatte Söder die drei offiziellen Kandidaten auf den CDU-Vorsitz längst abgehängt."

"Hannoversche Allgemeine Zeitung": "Söder hat die Grundlage für die Panne gelegt. Er wollte die freiwilligen Tests für alle Reiserückkehrer, und er wollte sie schnell – trotz Warnungen vor Kapazitätsengpässen. Es stellt sich nun heraus: Angeordnet ist schnell etwas, organisiert ist es aber deswegen noch lange nicht. Söder ist über sich selbst gestolpert, über seinen Ehrgeiz. Fehler können passieren, aber die Fallhöhe ist groß, wenn man sich zuvor als einziger Profi in einem Laienspieltheater inszeniert hat und wenn man sich gerne über die Organisationsunfähigkeit anderer mokiert."

"Berliner Zeitung": "Die unterschwellige Schadenfreude vieler Äußerungen mag verständlich sein. Doch die Panne in Bayern ist ein Rückschlag für die gesamte Pandemie-Politik. Die Bereitschaft vieler Bürgerinnen und Bürger, sich weiter diszipliniert zu verhalten, sinkt derzeit ohnehin immer weiter. Jeden Fehler, den sich die Politik leistet, werden sie als Argument nehmen, dass man es selbst nicht mehr allzu genau nehmen muss. In der Zwischenzeit steigen die Infektionszahlen – inklusive schwerer Krankheitsverläufe. Es wird Zeit, dass wir uns alle mehr am Riemen reißen.

"Kölner Stadt-Anzeiger": "Söder ist über sich selbst gestolpert, über seinen Ehrgeiz und den Eindruck, nur im selbstattestierten Superlativ bestehen zu können: als Erster, Größter, Bester, Schnellster, Sachlichster. Fehler können passieren, aber die Fallhöhe ist groß, wenn man sich zuvor als einziger Profi in einem Laienspieltheater inszeniert hat und wenn man sich gerne über die Organisationsunfähigkeit anderer mokiert. Das Rennen um die Kanzlerkandidatur ist damit noch nicht vorbei, aber es zeigt sich, wie schnell sich Gewichte verschieben können. Nach Armin Laschet hat nun auch Söder den Makel des Fehlbaren. Friedrich Merz und Norbert Röttgen kommen mangels Verantwortung nicht in die Gefahr, im Krisenmanagement zu versagen. Es ist nur die Frage, ob das für sie spricht. Über Wasser gehen können sie alle nicht. Wäre ja auch zu schön gewesen."

"Mittelbayerische Zeitung": "Der verheerendste Punkt des Testversagens ist medizinischer Natur. 1000 Corona-Infizierte wurden nicht informiert und könnten viele andere angesteckt haben. Söder und Huml bleibt in dieser Situation nur, darum zu beten, dass möglichst wenig "Superspreader" darunter sind. Sie müssen hoffen, dass Reiserückkehrer aus Corona-Risikogebieten, bei denen mit höherer Wahrscheinlichkeit mit Infektionen zu rechnen ist, sich an die Quarantäne-Pflicht bei fehlendem Testergebnis gehalten haben. Nach menschlicher Erfahrung ist leider nicht damit zu rechnen, dass das in allen Fällen so gewesen ist."

"Rhein-Zeitung" : "Es ist paradox: Söder war als Krisenmanager in den vergangenen Monaten so erfolgreich, dass er – der im Kampf gegen Corona auf möglichst viel Sicherheit gesetzt hat – leichtsinnig wurde. Vollmundig erklärte sich München auch in Sachen Tests bei Urlaubsrückkehrern für die ganze Republik verantwortlich. Söder hat sich und die Fähigkeiten der bayerischen Verwaltung überschätzt."

"Badische Zeitung": "Verantwortlich ist jener, der immer der Erste und Beste sein will – Ministerpräsident Markus Söder. Ihm ging Schnelligkeit vor Gründlichkeit, er hatte die Tests durchgedrückt, bevor geklärt war, wie Organisation und Abwicklung nach den Abstrichen zu bewältigen sind. Mit dem Desaster ist Söders Ruf als Deutschlands oberster Corona-Bekämpfer angeschlagen. Nun kann eingewendet werden, dass jenen, die etwas machen, Fehler passieren – anders als anderen Bundesländern, die an ihren Auslandsgrenzen keine Massentests anbieten. Doch offenbart das Desaster einen problematischen Grundzug in Söders Politik. Sie ist zu sehr von Effekthascherei geprägt."

"Volksstimme": "Kübelweise ergießen sich Vorwürfe, Spott und Häme über Markus Söder. Der bayerische Landesfürst sieht sich einem Abgrund von Schlamperei bei seinen Behörden gegenüber, für die letztlich er verantwortlich ist. Da wollte Söder sein pandemie-geplagtes Bundesland mit einer Test-Offensive sondergleichen vom Virus reinigen. Und nun werden Zehntausende Ergebnisse einfach nicht verschickt. Brisant vor allem deshalb, weil so 900 Positiv-Bescheide irgendwo auf der Strecke bleiben. Die Betroffenen haben den Schaden. Empfindlich gelitten hat Söders Ruf als kraftvoller Krisenmanager. Er ist auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden: Weniger Schloss Herrenchiemsee und mehr greifbare Erfolge bei der Corona-Eindämmung sind angesagt. Doch sollte die Kirche im Dorf bleiben. Beim Pandemie-Marathon, den Deutschland absolvieren muss, werden noch andere Politiker straucheln. Womöglich auch die, die jetzt am heftigsten auf Söder eindreschen."

"Allgemeine Zeitung": "Während sich Reiserückkehrer in Hessen und Rheinland-Pfalz erst seit Anfang dieser Woche an vergleichsweise wenigen Covid-19-Teststationen in die Warteschlangen einreihen können, wollte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder mit der frühen und schnellen Einrichtung von Testzentren an Autobahnen und Flughäfen mal wieder den Coronakrisen-Musterknaben spielen. Die peinliche Panne mit zehntausenden liegengebliebenen Tests, davon 900 positive, dürfte dem Mann mit den Kanzlerambitionen aber einen empfindlichen Dämpfer verpasst haben. Und die Erkenntnis: Sorgfalt sollte gerade bei diesem Thema vor Schnelligkeit gehen."

"Aachener Zeitung": "Dass auch in Bayern in Corona-Zeiten längst nicht alles Gold ist, was glänzt, war bekannt. Die aktuelle Betriebsstörung im bayerischen Musterland verstärkt diesen Eindruck und dürfte Söder schwer im Magen liegen. Bayern hat nach wie vor die Corona-Toten in Deutschland. Manchmal fragte man sich schon, warum man sich nicht nur in Bayern, sondern im Rest des Landes in Sachen Corona gerade von Herrn Söder belehren lassen musste. Für den politischen Gegner ist eine solche Panne ein gefundenes Fressen."

"Nürnberger Nachrichten": "Die Erkenntnis ist nicht neu: Die bayerische Politik neigt zur Selbstüberschätzung. Das ist manchmal amüsant, bei Corona allerdings gefährlich. Vor allem, wenn die Regierung aus Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt hat. Das Land blamiert sich gerade bis auf die Knochen. Denn es zeigt sich, dass es mit den eigenen vollmundigen Ankündigungen nicht Schritt halten kann: Sehr ärgerlich nennt Markus Söder die Panne bei den Corona-Tests. Das allerdings ist untertrieben."

"Hessische Niedersächsische Allgemeine": "Markus Söder, der seine Kollegen gern darauf hinwies, dass niemand in Deutschland die Krise besser managt als er in Bayern, erlebt ein PR-Desaster. Es ist eben nicht alles nur Show und Image. Auch die Arbeit muss überzeugen. Allerdings: Niemand ist fehlerfrei, ob Ministerpräsident, Ministerin, Behördenleiter oder Ehrenamtlicher bei 38 Grad auf einer überfüllten bayerischen Autobahnraststätte. Entscheidend ist die Art des Umgangs mit eigenen Fehlern. Da hat Söder gerade noch die Kurve gekriegt. Er schickte am Mittwoch zunächst seine Ministerin vor, bevor er sich am Donnerstag dann doch mit ihr der Verantwortung stellte und sinnvolle, praxisnahe Maßnahmen präsentierte: Mehr Personal im Amt, bessere Verwaltungsstrukturen – und sehr viel neue Bescheidenheit. Im Bund gibt es für ihn erstmal nichts zu tun. Dafür aber umso mehr in Bayern."

"Pforzheimer Zeitung": "Fehler passieren. Aber sie wiegen dann besonders schwer, wenn sie zur Gefahr für alle werden und man vorher mit breiter Brust den obersten Corona-Bekämpfer gegeben hat. Der CSU-Chef gab sich gestern kleinlaut und kündigte Umstellungen an, um gleichzeitig seinen ambitionierten Kurs zu verteidigen. Das musste er auch tun, um seinen Ruf als Coronakrisenmanager und seine Ambitionen zu retten."

"Reutlinger General-Anzeiger": "Natürlich trägt Söder nicht persönlich die Verantwortung für diese Test-Pannen. Aber er trägt die politische Verantwortung. Deshalb zeugt es von wenig Größe, dass Söder nicht selbst vor die Öffentlichkeit trat und das Fiasko erläuterte. Er, der sonst gerne medienwirksam zu mehr Vorsicht in Corona-Zeiten mahnend den Zeigefinger hebt, schickte zunächst seine Gesundheitsministerin Melanie Huml vor. Einer wird mit gewisser Genugtuung Söders wenig souveränen Auftritt verfolgt haben: Jens Spahn, der ebenfalls als Kanzlerkandidat der Union im Gespräch ist."

"Frankenpost": "Markus Söder hat in seinem Bestreben, der Erste zu sein, die Menschen in Deutschland in eine ernste Gefahr gebracht. Tempo vor Präzision war schon immer ein schlechter Grundsatz. Sollte es infolge dieses Versagens zu einem massiven Corona-Geschehen kommen, wird er dafür verantwortlich sein. Und er wird sich fragen lassen müssen, ob es nicht skrupellos ist, nur um der eigenen Popularität willen das Leben von Menschen zu riskieren. Wäre es tatsächlich die Sorge um die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger gewesen, was ihn antrieb – die Testcenter wären rechtzeitig geplant, aufbereitet, professionell und zeitgemäß ausgestattet gewesen. Nein, das Bild vom Krisenmanager passt nicht mehr. Mag es zu Beginn der Pandemie noch stimmig gewesen sein, ist es im Lauf der Monate selbstgefällig und mithin rissig geworden."

"Rhein-Neckar-Zeitung": "Neben der politischen Seite, die bei der CDU Merz und Laschet in die Hände spielt, gibt es vor allem eine medizinische. Und die ist viel dramatischer. 900 positiv Getestete irren jetzt als Viren-Spreader durchs Land, stecken andere an. Das kann viel schlimmere Auswirkungen haben, als ein ausgelassener Abend auf den Balearen – zumal die heutigen Neuinfizierten deutlich jünger sind, als die ersten Coronapatienten im März und April. Mit dem Reproduktionsfaktor von unter 1, wie ihn das Robert-Koch-Institut als erstrebenswert erachtet, ist es da jedenfalls nicht mehr getan. Nein, es geht nicht darum, ob Markus Söder blamiert dasteht und vielleicht als weniger kanzlertauglich gilt – es geht vielmehr um den Schutz von Menschenleben."

"Ludwigsburger Kreiszeitung": "Noch ist der Lack nicht ab bei Söder, aber die ersten Kratzer sind da und sie werden nachwirken. Was meinte er noch im Überschwang seiner bundesweiten Beliebtheit? Kanzlerkandidat werde nur der, der sich in der Coronakrise bewährt habe. Solche prahlerischen Sätze können schnell zum Eigentor werden. Söder und seine Truppe haben gerade eins geschossen."

wue AFP DPA

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