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Stuttgarts neuer OB Fritz Kuhn Der grüne Asterix


Es war ruhig geworden um Fritz Kuhn - nun ist er Stuttgarts Oberbürgermeister. Ein in der Bundespolitik gestählter Realo in der Realität einer Großstadt. Das passt. Ein Porträt.
Von Hans Peter Schütz

Der erste Auftritt des Fritz Kuhn als neuer Oberbürgermeister machte alles klar: Jetzt wissen die Stuttgarter genau, wen sie da gewählt haben: einen grünen Realo - von Kopf bis Fuß.

Gut geschlafen habe er nach der Wahlnacht, leider zu wenig, sagt Kuhn. Nur einen Satz widmet er auf seiner Stuttgarter Pressekonferenz am Montag seinem Sieg: "Wir sind tief ins Bürgertum eingedrungen." Danach schlüpft er in die Rolle des Oberbürgermeisters, obwohl er das Amt erst im Januar antritt. Als wichtigste Projekte seiner Amtszeit nennt er den Ausbau der Kindertagesstätten und den Kampf gegen den Feinstaub im Stuttgarter Kessel. Die Parkplatzsuche soll leichter und umweltschonender werden, es wird Tempozonen mit 30, 40 und 50 Stundenkilometern geben und mehr Radwege, die nicht plötzlich auf der nächsten Hauptstraße enden.

Auch mal grantig

Der Bonner Politikprofessor Volker Kronenberg, der die Pressekonferenz im Fernsehen kommentiert, ist beeindruckt: "Der Realo will beweisen: Wir können regieren." Kuhn kenne sich vor Ort aus und sei sehr gut vorbereitet für das neue Amt. Der Bahn macht Kuhn glasklar, wie das mit ihm läuft und wie nicht. Der Volksentscheid zu Stuttgart 21 gelte auch für ihn, sagt Kuhn. Die Bahn müsse aber sagen, wie es mit dem Brandschutz stehe, die Stadt werde ihr nicht mehr hinterherlaufen. Und dann folgte ein Kernsatz in schönstem Schwäbisch: "Der Kostendeckel darf nicht gelupft werden."

Mit dem Slogan "FKK - Fritz Kuhn kommt" hatte er in allen Stadtteilen Stuttgarts Wahlkampf gemacht. Jetzt ist er da. Nicht als Bürgerschreck, das ist klar, aber auch nicht als Schönschwätzer. Er sagt es seinen Stuttgartern unmissverständlich: "Man muss auch mal grantig sein können."

"Aktion Abendsonne"

Es ist der richtige Mann am richtigen Platz. Fritz Kuhn ist angekommen. Zumindest wirkt es so. Was hätte er in seiner langen politischen Karriere, die ihn von Stuttgart nach Bonn und Berlin führte, nicht alles werden können? Bundesminister unter Kanzler Gerhard Schröder. Staatssekretär, das ist ihm gleich dutzendfach angeboten worden, nicht nur vom Finanzministerium, damals in Hans Eichels Händen. Es gibt sogar eine hochspekulative Theorie: Wäre Kuhn nicht von Stuttgart in die Bundespolitik gewechselt hätte, wäre er heute selbst baden-württembergischer Ministerpräsident - und nicht sein grüner Parteifreund Winfried Kretschmann.

Doch Kuhn ließ Option nach Option aus, er galt bald als ewiger Hoffnungsträger der Grünen. Dass er nun das Amt des Stuttgarter Oberbürgermeisters erobert hat, sehen manche unter der Überschrift "Aktion Abendsonne" - ein Posten für einen Politiker, der in Berlin nicht mehr klar gekommen ist, sich auch nicht mehr für den Bundestag hat aufstellen lassen und nun versorgt werden muss. Gerecht wird ihm diese Sicht nicht.

Joschkas Auftrag

Im Jahr 2000 wechselte Kuhn vom kommoden Platz im Landtag in die aufgeregte bundespolitische Welt der Grünen und übernahm sogleich den Chefsessel. Führe die Partei, so der Auftrag seines Partners Joschka Fischer, wieder in ruhige Wasser! Diese Mission hat Kuhn unter den schwierigen Bedingungen der rot-grünen Koalition erfolgreich gemeistert. Auch wenn sein ausgeprägter Sinn für Realpolitik, seine inhaltlichen Denkanstöße, bis heute keinen angemessenen Resonanzboden bei den Grünen gefunden haben.

Lag es daran, dass Kuhn zu leise auftrat? Kuhn war der Abwägende, der Intellektuelle, ein Mann, der eher diplomatisch als mit Machtworten agierte. Mehr als einmal landete er dabei zwischen allen Stühlen. "Der Joschka", sagt einer der damaligen Freunde, "hat ihn gebraucht, um das Drecksgeschäft in der Partei zu erledigen." Eines dieser Geschäfte war, ständig öffentlich erklären zu müssen, weshalb Rot-Grün weit hinter den programmatischen Zielen seiner Partei zurückblieb.

Asterix und Obelix

Sein enger politischer Weggefährte Rezzo Schlauch, damals Fraktionschef, agierte anders. Er gab auch mal den Rabauken und knallte dem linken Flügel seiner Partei die Realo-Positionen vor den Latz. Gab es ein Problem mit Gerhard Schröder, marschierte Schlauch abends um zehn Uhr ins Kanzleramt, köpfte eine Flasche Rotwein und machte klar: Wir kriegen das nicht hin. "Asterix und Obelix" wurden Kuhn und Schlauch genannt, der Stratege und der Bolzen, und Joschka Fischer wäre nicht Joschka Fischer gewesen, wenn er dem Duo nicht auch mal im Nebensatz seine Überlegenheit kommuniziert hätte: "Das was ihr zu zweit seid, dös bin i alloi."

Richtig warm wurde Kuhn mit seinen Parteifreunden jedoch nie, der studierte Linguist mit Professorentitel ist kein Kumpeltyp. Einer seiner Sätze lautet: "Ich denke Politik immer von hinten her durch" - genau so würde es auch Angela Merkel sagen. Kuhn achtet immer ein bisschen auf Distanz, was ihm Kritiker als Hochmut auslegen. Solche Vorbehalte kennt auch Jürgen Trittin, aktuell der starke Mann der Grünen. Trittin wird in seiner Partei sehr geschätzt, aber nicht geliebt. So erging es Kuhn jahrelang.

Spuren in der Zeit

Nun ist das Cleverle Oberbürgermeister in Stuttgart und Schlauch, inzwischen in die Privatwirtschaft abgewandert, hält ihn für die richtige Wahl: "Weil er der Einzige ist, der die Gräben in Stuttgart, die immer noch weit offen sind, überwinden kann und weil er einen unglaublichen Schatz politischer Erfahrung mitbringt." Den braucht er auch, zumal die Grünen zwar im Stadtrat die stärkste Fraktion stellen, aber nicht die absolute Mehrheit haben. Die in den langen bundespolitischen Jahren gestählte Dialogbereitschaft werde Kuhn helfen, die Stadt auch so zu führen, sagt Schlauch.

In seiner Zeit in der Bundespolitik hat Kuhn nicht allzu viele markante Spuren hinterlassen, aber die Zeit hat ihn und seine Fähigkeit geprägt, mit schwierigen Verhältnissen zu Rande zu kommen. Obendrein sei er der Einzige, "der sich klar verortet", sagt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider. Kuhn ist Realo, mehr noch: ein Realo-Vordenker. Vermutlich passt er deswegen so gut zu Stuttgart.


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