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Vernichtung von Akten über Thüringens Neonazi-Szene: Bundestags-Ausschuss vernimmt Verfassungsschutz-Chef Fromm

Warum ließ ein Beamter des Verfassungsschutzes Akten über Thüringer Neonazis vernichten? Präsident Heinz Fromm muss heute vor dem NSU-Untersuchungsausschuss Rede und Antwort stehen. Die Öffentlichkeit bleibt außen vor.

Unter wachsendem Aufklärungsdruck zur Arbeit des Bundesverfassungsschutzes vernimmt der NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag am Donnerstag um 13 Uhr Amtspräsident Heinz Fromm. Es soll die letzte Sitzung des Ausschusses vor der Sommerpause sein - und womöglich die spektakulärste seit Beginn seiner Untersuchungen vor fünf Monaten.

Fromm zieht sich zum Monatsende vorzeitig von dem Posten zurück. Zuvor war bekanntgeworden, dass in seinem Amt Akten zu V-Leuten in der Thüringer Neonazi-Szene vernichtet worden waren. Die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), die für zehn Morde verantwortlich gemacht wird, hatte dort ihren Ursprung.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) setzte nach Informationen von Bild.de am Mittwoch einen Sonderermittler ein. Hans-Georg Engelke, Unterabteilungsleiter Verfassungsschutz in der Abteilung III Öffentliche Sicherheit des Innenministeriums, solle aufklären, wie genau es zu der Vernichtung wichtiger Dokumente kommen konnte.

Steinmeier fordert Änderungen beim Verfassungsschutz

Grünen-Chef Cem Özdemir forderte Fromm auf, bei seiner Befragung all sein Wissen über die Rolle seiner Behörde auf den Tisch zu legen. "Herr Fromm ist einer der Hauptverantwortlichen, die das Versagen der deutschen Sicherheitsbehörden und die tiefe Vertrauenskrise in die deutsche Sicherheitsstruktur zu verantworten haben", sagte Özdemir der "Rheinischen Post" (Donnerstag).

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier forderte konkrete Änderungen beim Verfassungsschutz. "Die Bundesbehörde muss Vorschläge entwickeln, wie die Beobachtung von Rechtsextremisten in Zukunft zielgenau und ohne Informationsverluste organisiert werden kann." Zudem sei "neben der Professionalisierung der Arbeit auch eine Professionalisierung der parlamentarischen Kontrolle des Verfassungsschutzes" nötig, sagte er der "Passauer Neuen Presse" (Donnerstag).

Die Linkspartei hat den Verdacht geäußert, dass Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) schon früher von der Vernichtung wichtiger Akten im Verfassungsschutz wusste. Die Obfrau der Linken im Neonazi-Untersuchungsausschuss, Petra Pau, sagte am Donnerstag im RBB-Inforadio: "Ich stelle mir schon die Frage, seit wann der Bundesinnenminister von der Aktenvernichtung wusste. Ich habe Indizien in den Akten gefunden, dass ihm das nicht erst in der vergangenen Woche bei der Zeitungslektüre klargeworden ist."

Vor der öffentlichen Vernehmung Fromms soll der für die Aktenvernichtung verantwortliche Referatsleiter vor dem Ausschuss aussagen. Medienvertreter sollen keinen Zugang zu dem Mann bekommen.

Bouffier im Oktober vor dem Ausschuss

Die Offenlegung von Geheimakten zur Neonazi-Affäre am Mittwoch hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz ein Stück weit entlastet. Die Unterlagen ergaben keine Hinweise darauf, dass der Inlandsgeheimdienst V-Leute in der NSU oder ihrem direkten Umfeld geführt hat. Das erklärten die Obleute des Bundestags- Untersuchungsausschusses nach Einsicht in insgesamt 45 Aktenordner übereinstimmend. Trotzdem bleibt die Behörde unter Druck. Der Ruf nach einer Verfassungsschutzreform wird immer lauter. Grüne und Linke brachten sogar eine Auflösung des Bundesamts ins Gespräch.

Die Vernehmung Fromms war schon vor Bekanntwerden der Aktenvernichtung anberaumt. Sie sollte allein die Rolle des Verfassungsschutzes während der Mord- und Verbrechensserie der NSU aufhellen. So ist fraglich, welche Kenntnisse die Verfassungsschützer hatten. Nun erwarten sich die Parlamentarier aber auch Aufschluss über die Gründe für die Aktenvernichtung.

Der Ausschuss will klären, warum es zur NSU-Mordserie mit zehn Toten kommen konnte. Nach der Sommerpause könnten nach Aussagen von Ausschussmitgliedern erneut Fromm oder Ex-Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) vorgeladen werden. Hessens Ministerpräsident und ehemaliger Innenminister Volker Bouffier (CDU) soll nach Informationen der "Stuttgarter Nachrichten" (Donnerstag) am 28. September vor dem Ausschuss aussagen.

jwi/kave/DPA / DPA