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Fragen und Antworten

Völkermord-Resolution: Was ist 1915 mit den Armeniern geschehen?

100 Jahre nach den Massakern an den Armeniern will der Bundestag heute die Ereignisse als Völkermord brandmarken. Die Türkei wütet gegen die Entscheidung, gerät aber zunehmend ins Abseits. Warum tut der Bundestag das? Und was genau ist damals geschehen?

Völkermord Armenien Flüchtlinge 1915

Völkermord oder nur ein Massaker? Armenier aus dem osmanischen Reich auf der Flucht in Syrien 1915

Die Massaker, denen im Osmanischen Reich bis zu 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen, liegen mehr als hundert Jahre zurück. Sie begannen mit der Festnahme Hunderter Intellektueller am 24. April 1915. Viele Parlamente stufen die Tragödie mittlerweile als "Völkermord" ein - wie die Armenier selbst. Am kommenden Donnerstag wird dies voraussichtlich auch der Bundestag tun. Ankara aber wehrt sich bis heute gegen den Begriff.

Wie war die Lage im Osmanischen Reich?

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs lebten dort nach Schätzungen zwischen 2 und 2,5 Millionen Armenier. Im Kampf gegen das christliche Russland warf die osmanische Regierung den Armeniern vor, mit dem Feind zu paktieren. Es folgte ihre systematische Vertreibung und Vernichtung. Nach armenischen Angaben kamen 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Die Türkei als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches geht von deutlich weniger Toten aus.

Wer spricht heute von Völkermord?

Papst Franziskus zum Beispiel bezeichnete die Massaker als den "ersten Völkermord im 20. Jahrhundert". Auch Bundespräsident Joachim Gauck benannte die Tragödie in einem Gottesdienst zum 100. Jahrestag erstmals klar als Völkermord und verärgerte Ankara. Bereits 1987 hatte das Europaparlament die Gräueltaten als Völkermord eingestuft. Ähnliche Resolutionen verabschiedeten die Parlamente von mehr als zwei Dutzend Staaten, darunter Frankreich, Russland, Schweden, die Niederlande, Belgien und die Schweiz. Österreich, Luxemburg und Brasilien schlossen sich im vorigen Jahr an. 

Wie ist die Haltung der Armenier? 

Das Gedenken an die Gräueltaten hat sich eingebrannt in das kollektive Gedächtnis der Armenier. Von Generation zu Generation geben die Bewohner der Südkaukasusrepublik die Erinnerung an Leid und Vertreibung weiter. Für die rund drei Millionen Bewohner der Ex-Sowjetrepublik wie auch die geschätzt zehn Millionen Mitglieder der armenischen Diaspora ist klar: "Das war ein Völkermord." Mit großem Interesse beobachten die Armenier die Debatte in Deutschland. Eine Einstufung als Genozid wäre Balsam auf ihre Seelen. Doch zentral bleibt für sie die Haltung der Türkei. Sie empfinden es als Ungerechtigkeit, dass Ankara bis heute keine Verantwortung übernimmt.

Warum ist das Thema heute der Türkei noch so wichtig? 

Die Türkei fühlt sich in der Diskussion ungerecht behandelt. Als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs bestreitet sie nicht, dass Armeniern dort in den Wirren des Ersten Weltkriegs großes Leid zugefügt wurde. Aus Sicht Ankaras fehlen aber historische Beweise, um die Gräueltaten nach internationalem Recht als Völkermord einzustufen. Vor allem sieht die Türkei keinen Beleg dafür, dass die Armenier gezielt vernichtet werden sollten. Ankara fordert, eine internationale Historikerkommission solle die Vorgänge von damals untersuchen, und hat angeboten, dafür die Archive zu öffnen.

Wie wurde das Massaker in der Vergangenheit bewertet?

Wie andere Staaten war auch das Auswärtige Amt des Deutschen Reichs sowohl über den Ablauf als auch über die Einzelheiten der Massaker informiert, wie aus Archivakten hervorgeht. Regelmäßig berichteten die deutschen Botschafter in der Türkei über den Stand der "Verbannungen", wie das Vorgehen gegen die Armenier genannt wurde. Schon während der Massaker nannten die Diplomaten als Ziel die "Ausrottung" der Armenier. Auch aus Rücksicht auf den osmanischen Verbündeten verzichtete die Regierung in Berlin darauf, die Ereignisse öffentlich zu bewerten. Adolf Hitler hoffte vor dem Krieg, dass der geplante Völkermord an den Juden ebenfalls in Vergessenheit geraten würde und erinnerte an die Massaker 25 Jahre zuvor: "Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?", sagte er auf seiner berühmten Rede am Obersalzberg am 22. August 1939.


Wie wird die Türkei auf den Bundestagsbeschluss reagieren? 

Mit Sicherheit nicht positiv. Als Gauck vergangenes Jahr vom "Völkermord" an den Armeniern sprach, verlor das Außenministerium in Ankara jede diplomatische Zurückhaltung. "Das türkische Volk wird dem deutschen Präsidenten Gauck seine Aussagen nicht vergessen und nicht verzeihen", ließ das Ministerium damals wissen. Präsident Recep Tayyip Erdogan rief Deutschland und andere Staaten im vergangenen Jahr dazu auf, diese sollten zuerst "die dunklen Punkte ihrer eigenen Geschichte bereinigen".

Weshalb ist der Zeitpunkt der Resolution so heikel?

Wie wohl nie zuvor ist die Bundesregierung derzeit vom Wohlwollen der Türkei abhängig. In der Flüchtlingskrise hat Kanzlerin Angela Merkel voll auf die Zusammenarbeit mit Ankara gesetzt. Wegen des Streits um die Visaerleichterungen steht das EU-Türkei-Abkommen zur Reduzierung der Flüchtlingszahlen ohnehin auf der Kippe. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat bereits einen Bruch der Abmachungen mit der EU angedroht.

nik/DPA