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Wahlkampf im Saarland: Heiko, Oskar und die Voodoo-Puppe

Zwei Anläufe hatte er schon, jetzt muss es klappen: Heiko Maas will Ministerpräsident des Saarlandes werden. Und sich endgültig von Oskar Lafontaine befreien.

Von Lutz Kinkel

Heiko Maas hat den typischen Blick eines Ausdauersportlers. Ruhig, tief, leidgeprüft. 2010 absolvierte er beim Köln-Triathlon die halbe Ironman-Distanz, er brauchte 5 Stunden und 18 Minuten, damit lag er im Mittelfeld. Hätte er nur gegen Politiker antreten müssen, wäre er vermutlich der Einzige, der überhaupt durchkommt. Maas trinkt ein Bierchen, er hat einen langen Wahlkampftag hinter sich, er sitzt jetzt im Pommes-Schnitzel-Restaurant der Kulturhalle Saarlouis, einem tristen Mehrzweckbau, der jedem auswärtigen Besucher schlagartig verdeutlicht, warum der Westen auch gerne den Soli einstreichen würde. Wie ist das so beim Zieleinlauf, Herr Maas? "Man ist glücklich, denn man weiß: Die ganze Quälerei hat sich gelohnt", antwortet der Kandidat.

"Jetzt Heiko Maas", plakatieren die Sozialdemokraten im Saarland, gerne auch in Großbuchstaben. Das "Jetzt" soll signalisieren, dass der Mann einfach an der Reihe ist, nach einer demütigenden Dekade in der Opposition. Die Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der amtierenden Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) voraus, beide Parteien haben 34 Prozent, und da sie sich schon vor der Wahl am Sonntag eine Große Koalition versprochen haben, spitzt sich die Abstimmung auf die Personen zu: Maas oder Kramp-Karrenbauer? Koch oder Kellner? Sieg oder Schmach? Flehentlich klingt dieses "Jetzt", ein "Jetzt oder nie" wäre ehrlicher.

Denn geht Maas wieder nur als Zweiter durchs Ziel, wie 2004 und 2009, erwartet ihn ein politischer Wadenkrampf, von dem er sich möglicherweise nicht erholt. Superminister unter AKK zu werden, wäre ein noch glimpflicher Ausgang. Maas' Horrorszenario ist, dass sich seine Partei nach der Wahl häuten könnte. Seine Vorgabe abstreift, nicht mit der Linkspartei zu koalieren, eine neue Führungsfigur installiert und mit Oskar Lafontaine paktiert. Das wäre der politische Exit für Maas.

Alleinunterhalter und Bier

Rastlos fährt der 45-jährige Familienvater nun durchs Land, er kämpft, für die SPD, für sich. Am Mittag lässt er sich in den 1750 Meter tiefen Schacht im saarländischen Lebach versenken, dem tiefsten Europas, um wenig später vor klickenden Kameras in Bergwerksmontur aus dem Aufzug zu steigen. Volksnähe soll das demonstrieren, Sinn für Traditionen, Solidarität mit den wenigen Kumpeln, die in der sterbenden Kohleförderung noch ihr Auskommen finden. Aber Maas ist kein Kumpeltyp, er ist Jurist, ein kühler Analytiker, der den saarländischen Akzent je nach Publikum an- oder ausknipst, seine politischen Optionen ebenso.

2009 wollte er noch mit Lafontaines Linken und den Grünen koalieren, doch Grünen-Chef Hubert Ulrich desertierte ins schwarz-gelbe Lager, weshalb ihn nicht wenige Sozis wütend einen "Verbrecher" und "Zuhälter" nennen. Als die Jamaika-Koalition im Januar überraschend zusammenbrach, rollte Maas seinen nächsten Plan aus: Er wollte über den Verhandlungsweg als Juniorpartner in eine Große Koalition einsteigen. Dieses Konstrukt sollte bis nach der Bundestagswahl 2013 halten, dann hätte Maas gerne Neuwahlen abgehalten. Sein Kalkül war, dass Lafontaine zwischenzeitlich nach Berlin abwandern würde, das hätte es dem SPD-Chef leichter gemacht, im Saarland mit rot-roten oder schwarz-roten Koalitionsmöglichkeiten zu pokern. Aber auch dieser Plan scheiterte, auf Druck der SPD-Basis, die keine Lust hatte, sich bis auf Weiteres als Juniorpartner verheizen zu lassen. Also gibt es nun Neuwahlen - und Maas hat, das ist seine jüngste strategische Volte, plötzlich ein rot-rotes Bündnis kategorisch ausgeschlossen. Trotz beachtlichen Murrens seiner SPD.

Die Basis, das sind die grauhaarigen alten Männer. Rund 100 Mitglieder der "AG 60 plus" hocken am Nachmittag auf den Festzeltbänken in der Turnhalle Brebach, ein Alleinunterhalter in kreischbunter Klamotte heizt mit einer Mundartversion von "Que Sera, Sera" ein. Kaffee und Kuchen soll es geben, aber alle, auch die Frauen, haben eine Flasche Bier vor sich stehen. Maas läuft ein, in Nadelstreifenanzug, Hemd und Krawatte, er könnte jetzt die Ärmel hochkrempeln und so richtig die Sau rauslassen. Aber er dreht nur etwas am Lautstärkeregler seiner Stimme, schaltet den Akzent ein und hält seine Standardrede. Hubert-Ulrich-Bashing und Linken-Verbot, Schuldenbremse und Bildung, Strukturwandel und Demografie.

Die Pointen wollen nicht richtig zünden, die Applauspausen missraten, schon gucken einige Senioren ermattet auf die Tische. "Er ist zu brav. Eben kein Oskar", sagt einer, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Klaus Lösch, Chef der AG 60 plus, erlaubt sich keine Kritik, er will, euphorisiert von der historischen Chance, an den Sieg glauben. "Es sind jetzt wieder Leute da, die sich lange nicht haben blicken lassen", sagt Lösch über seine Veranstaltungen. Die Stimmung sei bestens, die Partei motiviert. Und Lafontaine ein Yesterday-Man. "Ein überwiegender Teil wünscht sich keine Zusammenarbeit mehr". Ein überwiegender Teil.

Lafontaines Bosheiten

"Heikochen" soll Lafontaine Maas bisweilen genannt haben, er dementiert das, aber dass er wenig Respekt vor dem SPD-Spitzenkandidat hat, ist offensichtlich. Lafontaine hatte Maas in den 90ern gefördert, er war sein Mentor, machte ihn zum jüngsten Staatssekretär, dann zum jüngsten Landesminister Deutschlands. Nach Lafontaines Bruch mit Kanzler Gerhard Schröder ging auch die sozialdemokratische Landesregierung unter, Peter Müller (CDU) gewann 1999 die Wahlen. Dann wandte sich Oskar der PDS zu, gründete die Linke und grillte die SPD. Viele haben ihm diesen "Verrat" nie verziehen, aber im Saarland hat der Volkstribun noch eine starke Basis, in Umfragen liegt die Linke bei 15 Prozent, weit über dem Bundesschnitt.

Lafontaine lehnt die Schuldenbremse ab, deswegen bezeichnet ihn Maas als nicht koalitionsfähig, aber es ist kein Geheimnis, dass auch zahlreiche saarländische Sozialdemokraten keine Lust auf brutalstmögliches Sparen haben. Lafontaine lockt diese Widerspenstigen mit politischen Sirenengesängen. Er wolle mit der SPD koalieren, sagte Lafontaine stern.de. Und er selbst werde ja kein Regierungsamt anstreben. "Ein ehemaliger Ministerpräsident kann nicht Minister in der Regierung seines ehemaligen Staatssekretärs sein."

Maas und Freunde - man muss es so sagen - kotzen über solche Herablassungen, hätten sie eine Lafontaine-Voodoo-Puppe, würden sie jeden Tag eine neue Nadel hineinstecken. "Das sind alles Spielereien, die hier stattfinden", sagt Maas in der Kulturhalle Saarlouis über rot-rote-Koalitionen, und er hört sich zum ersten Mal an diesem Tag richtig leidenschaftlich an. "Ich werde darauf nicht mehr reinfallen." 70 Prozent der saarländischen Wähler wollten eine Große Koalition, sogar 70 Prozent der SPD-Wähler. Das Land brauche nach dem Jamaika-Experiment eine ruhige, solide Regierung.

"Scholzig" ist der Wahlkampf

Ziemlich staatsmännisch und mittig kommt das rüber, so wie sich auch Genosse Olaf Scholz im Hamburger Wahlkampf präsentiert hat, nachdem dort die schwarz-grüne Koalition mit Pauken und Trompeten untergegangen war. Maas, der mal als linker Sozialdemokrat galt, lächelt, als er beim Bier mit dem Adjektiv "scholzig" konfrontiert wird. Er mag es nicht akzeptieren, zurückweisen aber auch nicht. Am linken Rand sei nichts zu holen, sagt er, da stünden Lafontaines Truppen. Also jagt er nun nach den Wählern aus der Mitte, die zuvor bei CDU, FDP und Grünen waren. Er muss sie kriegen, er muss gewinnen. Nur dann hat sich die Quälerei gelohnt.

Und das ganze Taktieren auch.