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Kolumne: Hier spricht der Boomer Wie wirkt dieses politische Deutschland auf den Rest der Welt?

Kleidung ist Nebensache. Zumindest in Deutschland. Dabei gehört sie wie gutes Essen oder guter Wein zu den kulturellen Errungenschaften der Menschheit. Besonders bei Menschen, die unser Land repräsentieren wollen, meint unser Autor.
Von Frank Schmiechen

Ich stelle mir gerade vor, Wladimir Putin und Xi Jinping schauen auf dieses Foto mit wichtigen deutschen Politikerinnen. Wie mag das politische Deutschland auf diese mächtigen Staatenlenker wirken? Ein bisschen verspielt. Ein bisschen verspult. Vielleicht erkennen sie eine Mischung aus Unernst und Selbstzufriedenheit. Werden Sie dieses Deutschland ernst nehmen?

Wer sich in Deutschland gut anzieht, macht sich verdächtig. Bequem muss es sein. Und funktionell. Das reicht. Denken die meisten Deutschen. Mit unseren quietschbunten Funktionsjacken aus diversen komplizierten Schichten sind wir auf den nächsten Schneesturm in Alaska bestens vorbereitet. Auch wenn es nur schnell ins Einkaufszentrum in Hannover gehen soll. Man weiß ja nie.

Heiko Maas und Christian Lindner – die Anzüge sitzen

Gut angezogene Politiker werden besonders kritisch beäugt und fallen auf in der Masse der schlumpfigen Graukittel. Kein Artikel über Heiko Maas oder Christian Lindner, in dem nicht erwähnt wird, dass diese Herren Anzüge tragen, die passen. Das fällt auf. Dass der ganze Rest Anzüge mit viel zu langen Hosenbeinen oder mitleiderregenden Schnitten trägt, ist dagegen keiner Erwähnung wert. 

Bei den Damen ist es deutlich schwieriger. In dieser Woche fiel dieses Foto auf, das Claudia Roth auf Facebook veröffentlichte (siehe oben). Nein, wir sind nicht in die Eurythmie-Vorführung einer veganen Montessori-Schule geraten, in der sich die Mütter gerade über ihren wohl geratenen Nachwuchs freuen. Wir sehen die zukünftige Vizepräsidentin des 20. Deutschen Bundestages (2. v. l.) mit ihren grünen Parteifreundinnen Annalena Baerbock, Ricarda Lang und Katrin Göring-Eckardt (von r.).

"Nichts falsch machen" – der kleinste gemeinsame Nenner

Die Unternehmerin, Politikerin und Journalistin Maria-Theresia von Seidlein kommentiert das Foto auf Facebook sehr freundlich: Göring-Eckardt. "Das Kleid ist eindeutig zu weit und zu lang." Zu Claudia Roth: "Das ist ein Gesamt-Statement. Ich bin jung (geblieben), bin alternativ und ein klein bisschen 'bluna'." "Ricarda Lang – das ist natürlich stiltechnisch eher problematisch." Zu Baerbock: "Die Farbwahl ist perfekt – Ampel neutral – und mit Blau kannst du in Deutschland nie etwas falsch machen!"

"Nichts falsch machen" ist der kleinste gemeinsame Nenner. Man könnte ja auch mal etwas richtig machen. Wie Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank zum Beispiel. Oder Margrethe Vestager, Politikerin aus Dänemark. Aber in Deutschland herrscht die irrige Annahme, Kleidung hätte etwas mit Oberflächlichkeit zu tun. Dabei spiegelt sich an Oberflächen meistens, was drin ist. Wer sich nicht um sein Erscheinungsbild kümmert, kümmert sich wahrscheinlich auch nicht um den ganzen Rest. Kleidung ist eine kulturelle Errungenschaft. Genau wie Musik, gutes Essen oder Wein. Aber offenbar haben es in Deutschland nicht so viele mit der Kultur.


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