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SPD-Kanzlerkandidat Warum es für Olaf Scholz läuft – und was das ändern könnte

Das Kanzleramt im Blick: Olaf Scholz, Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat
Das Kanzleramt im Blick: Olaf Scholz, Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat
© Kay Nietfeld / DPA
Langsam und geräuschlos rollte der Scholz-Zug los. Nun könnte der SPD-Kanzlerkandidat als Sieger ins Ziel einfahren. Also: Zurücklehnen und die Show genießen? 

Was soll er sagen? Nichts, so die Spielregel im "Interview ohne Worte" des "Süddeutsche Zeitung Magazin". Gefragt sind Mimik und Gestik des Gegenüber. Und, an Olaf Scholz gerichtet: "Sie sagen, Sie können Kanzler. Was können Sie nicht?"

Der SPD-Kanzlerkandidat hält als wortlose Antwort eine Glaskugel in die Kameralinse. Er kann die Zukunft nicht vorhersagen, soll das wohl heißen. Schade. Denn wenn sich gerade eine Frage stellt, auf die man gern die Antwort wüsste, ist es die: Was hält die Zukunft für Scholz bereit?

Ein Blick in die demoskopische Glaskugel lässt Hoffnung bei den Sozialdemokraten keimen: Die SPD liegt nun knapp hinter der Union und vor den Grünen, ihr Spitzenkandidat hätte bei einer Direktwahl die Nase um Längen vorn. Wenige Wochen vor der Bundestagswahl sind das Aussichten, die offenbar für Schnappatmung in den Reihen von CDU/CSU sorgen.  

Lange wurde Scholz belächelt, weil er der Einzige zu sein schien, der sich als künftiger Kanzler wähnte. Plötzlich scheint das Amt zum Greifen nah. Warum läuft es so gut?

Scholz' unbeirrtes Solorennen

Auch, weil es bei den anderen nicht so gut läuft. Klar: Scholz hat Fehler gemacht. G20-Gipfel, Cum-Ex, Wirecard. Aber die liegen weit zurück, so scheint es, jedenfalls weiter als die Fehler seiner Herausforderin (Annalena Baerbock, Grüne) und seines Herausforderers (Armin Laschet, Union). "Die beiden anderen Kandidaten haben sich selbst demontiert", bilanziert der Politikwissenschaftler Thomas Jäger von der Universität Köln zum stern. "Sie wurden geprüft und bestanden nicht." Baerbock kommunizierte ihren einstigen Höhenflug in den Keller, Laschet lachte sich die Wählergunst im Hochwassergebiet weg. "Scholz tat einfach nichts", so Jäger. "Das reichte, weil sich seine Gegenkandidaten selbst schlugen."

Ein weiterer Grund ist das Verschwinden der SPD, wie es Politikwissenschaftler Jäger nennt. "Scholz packt das an", lautet der Wahlkampfslogan der Sozialdemokraten – zu sehen in Scholz-Anzeigen, Scholz-Videos und auf Scholz-Plakaten. "Klare Fokussierung auf den Kanzlerkandidaten", umriss SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil die Strategie. "Olaf Scholz ist das Zugpferd in diesem Wahlkampf."

Noch vor einem Jahr, als Scholz zum Kandidaten gekürt wurde, ist die Mission Kanzleramt als hoffnungsloses Unterfangen abgetan worden. Nun scheint der Plan der Sozialdemokraten aufzugehen: Steht der Urnengang unmittelbar bevor, und damit das Ende der Merkel-Ära, würden sich die Wählerinnen und Wähler zunehmend die Frage nach Kompetenz und Erfahrung stellen – und bei Scholz landen, dem erfahrenen Regierungsmitglied.

"Olaf Scholz profitiert in dieser Phase des Wahlkampfes sehr stark davon, dass er der bundespolitisch profilierteste Kandidat ist", sagt der Politik- und Strategieberater Martin Fuchs zum stern. Die Wählerinnen und Wähler wüssten bei ihm am ehesten, was sie erwartet. Im Gegensatz zu Baerbock und Laschet, "da sie noch viel mehr unbeschriebene Blätter" seien. Zudem sei es der SPD-Kampagne gelungen, ihn als Macher in der Flutkatastrophe und Gerechtigkeitskämpfer auf internationalem Parkett (Stichwort: Globale Mindeststeuer) zu inszenieren.

Das Gesamtergebnis: Der "Scheinbar-Solo-Kanzlerkandidat Scholz", wie Politikwissenschaftler Jäger ihn nennt, der Kompetenz und Erfahrung ausstrahlt – und eigentlich eine "Mogelpackung" sei, "weil sich diejenigen, auf die er nachher Rücksicht nehmen muss, im Wahlkampf verstecken." Wären die SPD-Co-Parteichefin Saskia Esken und Vize Kevin Kühnert täglich zu sehen, die politisch weiter links als der eher moderate Mitte-Kandidat stehen, hätte Scholz "weit geringere Chancen". Denn: Wer ihn wählt, wählt sie mit. Darauf weisen nun auch vermehrt Politiker der Union hin (wie hier), um ihre konservative Kernwählerschaft zu mobilisieren. 

Doch bislang konnte Scholz fast unbeirrt Wahlkampf machen, wie es scheint. Wurde er unterschätzt? "Scholz profitierte von der alten Kriegstaktik des Totstellens und hat aus der Not eine Chance gemacht", meint der Kampagnen-Analyst Eric Wallis zum stern. Als Scholz zum Kandidaten ausgerufen wurde, wurde die SPD (wieder einmal) totgesagt: Die Umfragewerte waren im Keller, Scholz war abgeschrieben, galt als ungeliebt von der eigenen Partei. Die Vehemenz, mit der er immer wieder betonte, er wolle Kanzler werden, wirkte auf viele befremdlich. "Fast schon aus Mitleid hat sich niemand so wirklich um ihn gekümmert", analysiert Wallis. "Die Kampagnenstrategen von CDU und Grünen haben sich aufeinander gestürzt."

Die Union erklärte die Grünen zum Hauptgegner (hier und hier), die Grünen arbeiteten sich am "unsozialen" Wahlprogramm und dem "Klima-Wirrwarr der Union" ab. Gleichzeitig wurde keine Gelegenheit ausgelassen, jeden Fehler des Anderen zu skandalisieren. "Darum dominieren in den Medien nachweislich die Versagensdiskurse über Laschet und Baerbock", so Wallis. "Hier war einfach die bessere Geschichte zu erzählen, nämlich ein spannender Zweikampf." Und nicht "zum gefühlt millionsten Mal den Todeskampf der SPD aus der Kiste zu zerren". Und Scholz konnte fast ein Solorennen laufen.

"Der Trend ist nun ein Freund der Genossen"

Was kann da noch schiefgehen, so kurz vor der Bundestagswahl? Einiges, meinen die Experten. 

Scholz muss vermeiden, dass die Wähler daran erinnert werden, dass er der SPD-Kandidat ist, den die Partei nicht zum Vorsitzenden wollte, meint Politikwissenschaftler Jäger. "Er muss den Abstand zu seiner Vergangenheit und zu den aktuellen Desastern halten." Sollte die Partei laut werden oder ein Skandal über ihn hereinbrechen, könne die Zustimmung genauso schnell sinken, wie sie gestiegen ist. "Und er muss auf sein Glück bauen, von den anderen Parteien unbehelligt weiterlaufen zu können. Mit soviel Rücksicht der anderen auf den Erfolg der SPD war nicht zu rechnen."

Er sollte seine Taktik daher beibehalten, meint Kampagnen-Analyst Wallis. "Ruhig Wahlkampf machen, keine große Show, keine Egonummern. Alle Risiken vermeiden." Solange sich die Favoriten und deren Teams aneinander abkämpfen würden, könne Scholz weiterhin für das stehen, was die Deutschen im Zweifel immer wählen: "Sachlichkeit, Sicherheit, Erfahrung."

Doch die Angriffe, auch unter der Gürtellinie, werden zunehmen, meint Politik- und Strategieberater Martin Fuchs. "Scholz ist nun zu einem extrem gefährlichen Gegner für Grüne und CDU geworden." Scholz nutze dabei seine ruhige und unaufgeregte Art, die ihn auch in der Vergangenheit nicht aus dem Konzept gebracht habe, wenn der Wind schärfer wurde. "Anders als bei Laschet und den Grünen zu sehen war", so Fuchs. Doch dürfe die SPD nun nicht den Fehler machen, sich allzu stark mit den Angriffen zu beschäftigen. Stattdessen müsse sich die Partei weiter auf ihre eigenen Themen konzentrieren und diese konsequent durchkommunizieren. "Der Trend ist nun ein Freund der Genossen, dies wird die Kampagne und Mobilisierung zudem weiter beflügeln, da Wähler:innen immer eher zum Sieger tendieren und nicht Verlierer wählen wollen", glaubt Fuchs. Aber in den fünf Wochen bis zur Wahl könne noch viel passieren. 

Scholz' Aufholjagd bleibt jedenfalls nicht unbemerkt. Machte CSU-Chef Markus Söder vor wenigen Wochen noch die Grünen als Hauptgegner aus, forderte er am Montag nun eine härtere Gangart gegen den Koalitionspartner. Die SPD als neuer Großkonkurrent im Kampf ums Kanzleramt – nur ein Blick in die Glaskugel hätte dieses Szenario vor einem Jahr möglich erscheinen lassen.

Quellen:"Süddeutsche Zeitung Magazin", ARD-"Deutschlandtrend", "Bild", Redaktionsnetzwerk Deutschland, Deutschlandfunk


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