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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Zalando an der Börse - gut so!

Die Börsengange von Zalando und Rocket Internet zeigen: Deutschland kann nicht nur Autos bauen und Maschinen entwickeln. Deutschland kann auch Internet.

Von Andreas Hoffmann

Was für ein Paukenschlag. Zwei Milliarden Euro wollen zwei Unternehmen einsammeln und gehen hintereinander an die Börse. Den Anfang machte heute der Online-Modehändler Zalando, morgen folgt der Internetkonzern Rocket Internet. Einen solchen Paukenschlag haben hiesige Börsenfreunde lange nicht gehört, nicht wenigen klingen die Ohren.

Sind die Geschäfte von Zalando und Rocket nachhaltig? Sind die Leute, die beide Firmen groß gemacht haben, die Samwer-Brüder, seriös? Gilt doch einer der Brüder, Oliver Samwer, als aggressiver Unternehmer, der seine Interessen rücksichtslos verfolgt. Pumpt sich nicht eine riesige Blase auf, die bald platzt, und die Käufer der Papiere viel Geld kosten wird?

Schulden und Verluste

Die Skepsis ist berechtigt. Hat doch Zalando in seinem sechsjährigen Bestehen über 300 Millionen Euro Verluste angehäuft und erst vor kurzem einen kleinen Gewinn ausgewiesen. Noch schlechter sehen die Zahlen von Rocket aus, dieser Säuglingsstation für Startups. Rocket päppelt junge Onlinefirmen auf, die meist ein US-Geschäftsmodell (Mode, Möbel, Kredit) kopieren, und schickt es in Asien, Afrika oder Lateinamerika an den Start. Nur: Die meisten der 70 Rocket-Babys schreiben Verluste. Und sie werden sie vermutlich noch länger schreiben. Besonders transparent ist das Firmengeflecht der Samwer-Brüder auch nicht und Rockets Börsenwert mit sechs Milliarden Euro ziemlich hoch – vor allem, weil das Unternehmen zuletzt nur 73 Millionen Euro umsetzte. Also Hände weg von Zalando und Rocket Internet?

Skepsis ist sicher angebracht. Doch auch mit scheinbar sicheren Papieren kann ein Anleger viel Geld verlieren. Etwa wenn er Anteile von der Telekom, der Deutschen Bank oder der Commerzbank zur falschen Zeit gekauft hat. Aktien sind immer Risikopapiere, das vergessen viele.

Leuchttürme im "Spree Valley"

Die Börsengänge von Zalando und Rocket sind aber auch ein Riesenerfolg. Dass die Deutschen Autos bauen, Maschinen entwickeln und Chemieprodukte verkaufen können, weiß die Welt. Aber Internet? Das war das Geschäft der Amerikaner und Asiaten. Doch jetzt mischen die Deutschen auch mit.

Die neuen Börsenstars kommen zudem aus Berlin. Diesem Armenhaus, wo der Staat die Firmen jahrzehntelang mit Geld fütterte, ohne dass daraus nachhaltige Geschäfte entstanden sind. Doch was der Rest der Republik noch nicht richtig mitbekommen hat, die Hauptstadt hat sich zur Start-Up-City gewandelt. Mehr als die Hälfte des gesamten deutschen Wagniskapitals von 240 Millionen Euro sammeln Berliner Firmen ein. Aus der ganzen Welt lockt die Metropole Tüftler an, die viele Ideen und wenig Geld haben. In diesem "Spree Valley" sind Zalando und Rocket Internet die Leuchttürme.

Industrie 4.0

Mehr solcher Leuchttürme täten Deutschland gut. Die Digitalisierung schreitet voran, Internet, Smartphones, Apps verändern die Wirtschaft, Zeitungen, Verlage, Buchläden spüren die Konkurrenz aus dem Netz länger, nun erfasst sie weitere Branchen. Klassische Mode- und Schuhläden leiden unter Onlinehändlern wie Zalando, die Hotels unter dem Übernachtungsportal Airbnb, das Taxigewerbe unter dem Internetanbieter Uber.

Die Wirtschaft wird umgepflügt, auch traditionelle Industrien werden sich verändern, doch unsere Vorzeigefirmen, die Autoproduzenten, Maschinenbauer und Chemiefabrikanten beschwören vergangene Erfolge. Noch möglichst lange wollen sie den Chinesen deutsche Waren kaufen, das ist ihre Geschäftsidee. Viel mehr Ideen haben sie nicht. Über die Zukunft, die Industrie 4.0, reden sie viel, aber sie tun wenig.

Reden und Handeln

Diese neue Internetwelt muss man nicht mögen. Sie ist laut, aggressiv, schnell und wandelt sich rasch. Aber die Digitalisierung zu ignorieren ist keine Option. Die Digitalisierung ist da, sie verändert unser Zusammenleben, unsere Wirtschaft. Die deutschen Unternehmer haben bislang nur geredet, die Samwer-Brüder haben gehandelt. Zalando und Rocket sind der Beweis. Ein Paukenschlag eben.

Andreas Hoffmann wird keine Aktien von Zalando und Rocket Internet kaufen. Ihm fehlt das Zocker-Gen. Er twittert unter AndreasHoffman8.