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Zusammenarbeit mit Linkspartei: Klaus Wowereit, der rote Prinz

Kaum darf die SPD mit der Linke kuscheln, tritt er vor die Mikrofone: Klaus Wowereit, Bürgermeister und Partykönig von Berlin. Er hat geschafft, was andere noch vor sich haben - eine stabile, langjährige Beziehung mit den "Kommunisten". Das qualifiziert ihn für höhere Ämter - glaubt er zumindest.

Ein Porträt von Matthias Lohre

Der Montag war sein Tag. Wowereit im Fernsehen, Wowereit in den Agenturen, Wowereit überall. Seine Botschaft: "Es macht keinen Sinn, die Linkspartei mit einem Tabu zu belegen." Die Botschaft, die unausgesprochen mitschwingt: "Seht her, ich habe es geschafft. Es gibt jemanden, der die SPD aus ihrem Jammertal führen kann: mich." Seit 2001 arbeitet Wowereit mit der Linkspartei im Berliner Senat zusammen, seit 2002 in einer offiziellen Koalition. Qualifiziert ihn das für größere Aufgaben auf Bundesebene? Als Wowereit im vergangenen Jahr seine Autobiographie veröffentlichte, orakelte er: "Karrieresprünge geschehen oftmals überraschend."

Tatsächlich spielen dem 54-Jährigen die Umstände in die Hände. Spätestens seit dem Einzug der Linkspartei in Niedersachsen, Hessen und Hamburg ist klar: Die Sozialisten sind gekommen, um zu bleiben. Das hat mittlerweile auch die SPD eingesehen, Beck gab grünes Licht für eine Zusammenarbeit im Westen, um Andrea Ypsilanti als hessische Ministerpräsidentin durchzusetzen. Auch die CDU beschäftigt sich mit neuen Farbenspielen, in Hamburg ist eine schwarz-grüne Koalition denkbar. Kurz: Flexibilität ist angesagt.

Glaubwürdiger Strategiewechsel

Auch um den Machthunger der SPD zu befriedigen. Wollen die Sozialdemokraten nicht auf unbefristete Zeit auf Deutschlands Oppositionsbänken hocken, müssen sie neue Pakte schließen. Rot-Rot oder Rot-Rot-Grün. Nur sie erlauben es der SPD aller Voraussicht nach, nach der nächsten Bundestagswahl zu regieren. Auch wenn Wowereit ein Bündnis auf Bundesebene ausschließt: Kein anderer könnte genau das den Wählern glaubwürdiger verkaufen. Ulrich Maurer, parlamentarischer Geschäftsführer der Linkspartei zuständig für den "Aufbau West", weiß das. "Wowereit ist klug und beweglich", sagt er zu stern.de. "Er hat früher als Kurt Beck und alle anderen in der SPD erkannt, dass die Linkspartei eine dauerhafte politische Kraft sein wird. Er ist für die Linkspartei ein Gegner-Partner von großer Bedeutung."

Bundeskanzler Wowereit? Das ist nicht so aberwitzig, wie es klingt. Hinter der Fassade des knuddeligen "Wowi", der mit Sabine Christiansen schäkert ist und es mit dem Aktenstudium nicht so genau nimmt, steckt ein knallharter Machtmensch. Einer, der parteiinterne Konkurrenten weg beißt, Wahlkämpfe gewinnt und politische Tabus bricht. Die Liste seiner Erfolge als Regierender Bürgermeister ist lang.

"... und das ist auch gut so."

Was Deutschland bevorstehen könnte, hat Berlin bereits 2001 erlebt: Mit einem Knall namens "Bankenskandal" endet die zähe CDU-SPD-Koalition. Fraktionschef Wowereit gelang es damals, die Bürgerwut über den Milliardenskandal um windige Immobilienfonds unbeschadet zu überstehen. Als der frisch gebackene Spitzenkandidat kurz darauf erfuhr, dass Gegner seine Homosexualität öffentlich machen wollten, tat er instinktiv das Richtige: Er ging in die Offensive. Sein spontaner Satz auf dem Berliner SPD-Parteitag ist Geschichte: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so."

Mit einem Schlag wurde aus dem "Kuschelrock" hörenden Provinzpolitiker ein weltweit bekanntes Symbol für Weltläufigkeit und Liberalität. Die Hauptstadt und ihr Bürgermeister - die Images von Mensch und Stadt fließen mittlerweile ineinander, beide gelten als frech, innovativ und vorlaut. So brachte es der SPD-Mann bereits 2005 auf das Titelbild des renommierten US-Magazins "Time".

Rot-rot spart und spart

Ausgerechnet die rot-rote Koalition hat das schier Unmögliche geschafft: Die Hauptstadt machte 2007 zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg keine neuen Schulden. Dafür haben SPD und Linkspartei Sozialleistungen gekürzt, zigtausende Beamte gefeuert und den Kommunalen Arbeitgeberverband verlassen. Hätte eine CDU- Regierung ähnliches versucht, das tendenziell linke Berlin hätte sie mit Massendemonstrationen aus dem Amt gefegt. Der Dauerlächler Wowereit hingegen hat die Sanierung geschafft - und wurde Ende 2006 sogar wieder gewählt. Die schrillen Rufe aus der Anfangszeit, als viele Bürgerliche vor einem "kommunistischen Senat" warnten, sind lange vergessen.

Ein Grund für die erstaunlich leise Zusammenarbeit mit den Sozialisten ist Wowereits Führungsstärke. Der Linkspartei hat der Machtmensch stets klar gemacht, dass er der Chef ist. Die Sozialisten gehorchen, sind sie doch heilfroh, in einem Bundesland ihre Regierungsfähigkeit zeigen zu dürfen.

Parteiprogramm? Wurscht!

Das erinnert an Gerhard Schröder und die Grünen. Und noch etwas hat Wowereit mit dem Hannoveraner Schröder gemein: Parteiprogramme scheren ihn herzlich wenig. Das könnte ihm auch in der großen Arena der Bundespolitik nutzen. Wowereit ließe sich nicht von der vielstimmigen Linkspartei auf einen radikalen Kurs zwingen. Dafür weiß der Pragmatiker zu gut, dass Wahlen in der gesellschaftlichen Mitte gewonnen werden.

Falls es für Rot-Rot allein nicht reicht, könnte Wowereit auch die Grünen ins Boot holen. Dass er mit ihnen kann, bewies er bereits nach dem Bruch der Großen Koalition in Berlin. 2001 koalierten beide einen Sommer lang, bis die Neuwahlen Rot-Rot an die Macht brachten.

Sozialdemokratisches Heldenepos

Bundespolitik, Kanzleramt. Kann er das? Und will das irgendjemand? Innerhalb seiner Partei gilt "Wowi" als flatterhaft, außerdem ist sein Landesverband nicht sonderlich bedeutend. Ebenfalls hinderlich ist die Konkurrenz, Männer wie Frank Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel wollen auch etwas werden, sollte Kurt Beck in den Seilen hängen.

Und die Wähler? Wären die eher konservativen SPD-Anhänger vom Lande bereit, einem homosexuellen Großstädter ihre Stimme zu geben? Um diese Fremdelnden auf seine Seite zu ziehen, setzt Wowereit neuerdings auf eine Masche, die schon bei Gerhard Schröder gewirkt hat. Er inszeniert sein Leben als sozialdemokratisches Heldenepos.

Der kleine Klaus kommt aus ärmlichen Verhältnissen

In seiner Autobiographie "... und das ist auch gut so" von 2007 erzählt Wowereit ausgiebig von seiner Herkunft. Der kleine Klaus kommt in ärmlichen Verhältnissen als jüngstes von fünf Kindern zur Welt. Einen Vater hat er nicht, ein Bruder stirbt früh, ein anderer bleibt nach einem Arbeitsunfall querschnittsgelähmt. Die Mutter Hertha erkrankt an Krebs, überlebt, bleibt aber zeitlebens geschwächt. Sohn Klaus studiert als Einziger in der Familie und opfert sich zugleich auf für seine kränkelnde Mutter, bis sie an seinem 42. Geburtstag stirbt.

Wer da noch nicht begriffen hat, dass dieser herzensgute Arbeiterjunge Kanzler werden will, dem reibt Wowereit seine Ambitionen überdeutlich unter die Nase. Zum Schicksal des ersten Mannes seiner Mutter, der als Soldat im Zweiten Weltkrieg starb, schreibt er: "Wahrscheinlich ist er in Rumänien gefallen, wie der Vater von Gerhard Schröder."