Teil 5: 1967 - 1982 Die Ära der verpassten Gelegenheiten


Nach dem Sechs-Tage-Krieg fühlen sich die Israelis zum ersten Mal sicher. Sogar zur Atommacht steigt ihr Land auf. Doch die Nachbarn sind zum Frieden nicht bereit. Wieder greifen sie an. Und die Palästinenser entdecken den Terror als Waffe.

Nichts ist schrecklicher als ein großer Sieg (außer natürlich eine große Niederlage)", schreibt der Historiker Walter Laqueur. Das gilt auch für den Nahen Osten im Jahr 1967 nach dem Sechs-Tage-Krieg. "Es war wie ein Traum", sagt der israelische General Lior über den Moment, als die Waffen schwiegen. Seine Landsleute, die sechs Tage zuvor noch von der Furcht besessen waren, dass ihre noch nicht einmal 20 Jahre alte Heimat zu einem Massengrab werden könnte, haben sämtliche arabischen Armeen geschlagen. Ihr Staat ist jetzt mehr als dreimal so groß wie zuvor, sie sind die Herren über ganz Palästina. Groß-Israel gehört ihnen.

"Soldaten der israelischen Armee! Wir haben keine expansionistischen Ziele", hatte Moshe Dayan am ersten Kriegstag noch erklärt. Doch als die Schlachten vorbei sind, gibt es eine stillschweigende Übereinkunft, dass Israel sich nie mehr ganz zurückziehen wird auf die "Auschwitz-Grenzen", wie Außenminister Abba Eban die Waffenstillstandslinien von 1948 nennt. Die Israelis sind plötzlich von bedrohten Bewohnern eines winzigen Landes zu omnipotenten Staatsbürgern einer regionalen Supermacht mutiert. Die jordanischen Viertel der zuvor geteilten Stadt mit ihren Heiligtümern sowie angrenzende Gebiete im Süden und Norden annektieren sie sofort. Die israelische Hauptstadt ist nunmehr vereint.

Wer sind wir?

Doch was mit dem Rest der eroberten Gebiete geschehen und welche Rolle Israel künftig einnehmen soll, darauf verweigern linke wie rechte Politiker bis zum heutigen Tag eine klare Antwort: Wer sind wir? Eine zwar undemokratische, aber jüdische Nation, die in Groß-Israel lebt und über eine Millionen Menschen unterdrückt? Eine zwar demokratische, aber nicht-jüdische Nation, die in Groß-Israel lebt und das Land teilt mit den gleichberechtigten Palästinensern? Oder eine sowohl jüdische als auch demokratische Nation, die sich mit Klein-Israel begnügt?

Für Ex-Außenminister Shlomo Ben-Ami markiert der Triumph von 1967 das Ende des pragmatischen, sozialistischen und humanistischen Zionismus. "Es war der Beginn der Orientierungslosigkeit der israelischen Gesellschaft. Damals verloren die Gründerväter und ihre Söhne ihre politische und ethische Hegemonie. Beerbt wurden sie von den Religiösen, den Fundamentalisten, den Integristen." Sein Vorgänger Eban erkennt schon sehr bald, dass der Sieg "zwar eine militärische Rettung war, aber eine totale psychologische Niederlage, weil er als das Ergebnis göttlicher Vorsehung interpretiert wurde. Ab da waren Regierung und Parlament nicht mehr souverän."

Religiöse Zionisten melden sich zu Wort, die sich später in der Bewegung "Gush Emunim", dem Block der Getreuen, zusammenschließen. Für sie sind die Eroberungen der "biblischen" Gebiete Judäa und Samaria keineswegs das Werk von Tsahal, der Armee, sondern Wundertaten des Allmächtigen, die den Beginn der göttlichen Offenbarung einleiten. Der Bau von Siedlungen sei ein Gottesgebot und daher Pflicht. Ihr geistiger Mentor, Rabbi Zvi Kook, wird von seinen Getreuen gleich nach der Eroberung Ostjerusalems zur Klagemauer gefahren, wo er erklärt: "Hiermit teilen wir dem israelischen Volk sowie der ganzen Welt mit, dass wir soeben unter göttlichem Oberbefehl nach Hause zurückgekehrt sind. Wir werden nie wieder ausziehen."

Auch Ben Gurions Erben Yitzhak Rabin, Moshe Dayan und Jigal Allon verlieben sich insgeheim in die biblischen Grundstücke, auch sie halten die Thora für einen unbefristeten Mietvertrag. Zwar signalisiert die israelische Regierung Syrern und Ägyptern via USA, dass sie bereit sei, die Golan-Höhen und den Sinai gegen Frieden einzutauschen. Doch als die beiden Staaten ablehnen, sind die Israelis nicht übermäßig traurig.

Keine drei Monate nach Kriegsende versammeln sich die arabischen Führer in Khartum und sagen dreimal nein. Nein zur Anerkennung Israels, nein zu Verhandlungen mit Israel, nein zum Frieden mit Israel. Solchermaßen von ihren Feinden unterstützt, machen sich die Israelis daran, das eroberte Terrain zu besetzen und zu besiedeln und seine Bewohner, die Palästinenser, zu unterdrücken. Zu Pessach 1968 ziehen einige orthodoxe Familien mit ihren Kindern ins "Park Hotel" in Hebron. Nachdem sie in dem arabischen Haus die koschere Küche eingeführt haben, erklären sie unter Führung des aus Amerika stammenden Rabbiners Moshe Levinger, niemand könne sie dazu zwingen, die Stadt zu verlassen, in der die Gebeine der jüdischen Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob liegen. Aber hat überhaupt jemand die Absicht, dies zu tun? Allon und Dayan überbieten einander in ihrer Unterstützung für die so fanatischen wie rassistischen Siedler, die sich schließlich in einer schwer bewachten Enklave im Herzen der 120 000-Einwohner-Stadt niederlassen, wo sie bis heute Angst unter ihren palästinensischen Nachbarn verbreiten.

Friedenshindernisse aus Beton

Levingers Beispiel macht schnell Schule: Alsbald wimmelt es im Westjordanland "von Gottes Kippa tragenden Legionen und ihren bärtigen Rabbis, die auf der Suche nach Siedlungsplätzen über Tal und Hügel schweifen", wie der Historiker Benny Morris schreibt. Unterstützt werden sie dabei von der Armee und auch vom Staat. Der hat sämtliche Ländereien des jordanischen Königreichs - über 50 Prozent des gesamten Territoriums - sofort nach Kriegsende enteignet und überlässt sie gern den ballernden Bibel-Cowboys. So wird "eine bosnische Realität" (Ben-Ami) geschaffen: In mehr als drei Jahrzehnten entstehen über 200 israelische Siedlungen in den besetzten Gebieten, bewohnt von rund 200 000 Menschen.

Die meisten sind der Überzeugung, dass sie "jüdisches Land befreien". Aber "man kann kein Land befreien, nur Menschen", schreibt der israelische Schriftsteller Amos Oz. "Wir haben die Bewohner von Hebron und Ramallah nicht befreit, wir haben sie besiegt. Wir sind keine Retter, wir sind Besatzer." Über eine Million Palästinenser leben im Westjordanland und in Gaza, zwei Drittel sind Flüchtlinge und Kinder von Flüchtlingen, die 1948 von den Israelis vertrieben worden sind. Sie hatten an die größenwahnsinnigen Versprechen des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser und anderer arabischer Führer geglaubt, Israel werde "von der Landkarte" verschwinden. Jetzt kontrolliert Israel nicht nur ihr Land, sondern auch ihr Leben.

"Gütige Besatzung" nennen die Israelis das, was sie in den Gebieten tun. In Wahrheit jedoch sind nicht die Besatzer gütig, sondern die Besetzten gutmütig. Bis zum Ausbruch der Intifada 1987 genügen 1200 Soldaten, der Geheimdienst Shin Beth, die Grenzpolizei und ein Heer von "Stinkern", wie palästinensische Kollaborateure auf Jiddisch genannt werden, um die Bevölkerung in Schach zu halten.

Herrschen per Gesetz

"Es herrscht nicht das Gesetz, es wird per Gesetz geherrscht", so Meron Benvenisti, ehemals stellvertretender Bürgermeister von Jerusalem. Wer nicht spurt, dem wird wahlweise das Haus zerstört, die Arbeitserlaubnis weggenommen, der Führerschein entzogen, oder er wird deportiert, ohne Prozess ins Gefängnis gesteckt, gefoltert.

Die jüdischen Kolonialherren beanspruchen die wichtigste Ressource der Region für sich - 80 Prozent des Wassers gehen an die Siedler. Gleichzeitig machen sie die besetzten Gebiete zum Absatzmarkt für ihre Produkte - dem zweitgrößten nach den USA. Die meisten Palästinenser spuren und fügen sich widerstandslos. Die Verantwortung über ihr Schicksal delegieren sie an die ferne PLO.

Die war schon 1964 unter Nassers Obhut gegründet worden, nicht als Organisation zur Befreiung Palästinas, sondern als Instrument zur Bewachung der Palästinenser. Zwar war ihre Charta schaurig - der Zionismus sei "fanatisch und rassistisch" und müsse "ausgetilgt" werden; die Juden seien "kein Volk" - , und ihr Vorsitzender Ahmed Shukeiri schwelgte in Blutrunst. "Wir werden die Juden ins Meer treiben", toste er, und auch: "Wir werden unsere Tränen in ihrem Blut waschen." Doch folgen diesen Wortgeschwadern keine Taten; die Befreiung Palästinas ist damals nicht Angelegenheit der Palästinenser, sondern der arabischen Staaten.

Die allerdings sind nach ihrer verheerenden Niederlage restlos diskreditiert. Das Vakuum, das sie hinterlassen, füllt bald der 1929 geborene Ingenieur Jassir Arafat, Führer der Guerilla-Truppe "Al Fatah", die er mit anderen Palästinensern in Kuwait gegründet hat. Vergebens versucht er, die Bevölkerung der besetzten Gebiete zum bewaffneten Aufstand aufzustacheln. Danach lässt er sich in Jordanien nieder, bis ihn König Hussein im "Schwarzen September" 1970 in den Libanon vertreibt. Von Beirut aus liefert er dem "zionistischen Aggressor" einen zermürbenden Terror-Krieg.

"Mein zweiter Vorname ist Starrsinn" 1969, im selben Jahr, in dem Arafat zum Chef der PLO gekürt wird, übernimmt die 71-jährige Golda Meir in Israel die Macht und bleibt fünf Jahre lang Ministerpräsidentin. "Mein zweiter Vorname ist Starrsinn", schreibt sie in ihren Memoiren. Die ebenso kluge und warmherzige wie harsche und bornierte sozialistische Zionistin und jiddische Oma, die Verhandlungen mit wütenden orientalischen Einwanderern schon mal ablehnt, weil sie "nicht nett sind", hat ihre eigene Sicht des Nahost-Konflikts: "Ich werde den Arabern nie verzeihen, dass sie uns dazu zwingen, sie zu bekriegen." Und die Palästinenser, beschließt sie kurz und knapp, "gibt es nicht".

"Mister Palestine" Jassir Arafat belehrt sie eines Besseren. Spektakulär bombt er sein Volk "aus der Wüste der Vergessenheit zurück in das Land der Hauptsendezeit", wie der amerikanische Journalist Thomas Friedman schreibt. Die Fatah und 30 weitere bewaffnete Truppen, die alle unter der Schirmherrschaft der PLO agieren, entführen in neun Jahren 29 Flugzeuge. Sie sind die Ersten, die Passagiermaschinen per Zeitbombe in die Luft jagen; sie sind die Ersten, die beim Check-in und in Wartesälen auf Fluggäste schießen; sie sind die Ersten, die Lebensmittel - israelische Orangen, bestimmt für Europa - vergiften; sie sind die Ersten, die bei Olympischen Spielen - 1972 in München - einen Terroranschlag verüben.

Nach Auschwitz sind sie auch die Ersten, die deutschen Terror-Söldnern die Gelegenheit geben, das grausige und obszöne Erbe Josef Mengeles anzutreten und 1976 bei der Entführung einer Air-France-Maschine nach Entebbe in Uganda eine "Selektion" zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Passagieren durchzuführen. Sie sind die bisher Letzten, die das Blut eines ihrer Opfer vom Bürgersteig ablecken, so geschehen 1971 beim Mord am jordanischen Ministerpräsidenten Wasfi Tell in Kairo als Rache für den "Schwarzen September". Auch in Israel schlagen sie zu: Arafats "Fedayin" ("die sich für das Vaterland opfern") morden wahllos Schulkinder, Babys, Großmütter, selten nur Soldaten oder Siedler.

Mit "Hallelujah" zum Schlagerwettbewerb

Doch der Eindruck, dass Terror auf Dauer schlimmer sein kann als die vereinte Kraft arabischer Armeen, weil er "das Gefühl zerstört, dazuzugehören und daheim zu sein", so Friedman, hat sich bei den Israelis zu der Zeit noch nicht eingeschlichen. Das Israel der frühen siebziger Jahre ist selbstsicher und entspannt und gibt sich erstmals dem Hedonismus hin.

"Es verbreiteten sich Gerüchte, dass es Dinge auf Erden gab, die an Unterhaltungswert selbst den Militärdienst übertrafen, und lustigere Vergnügungen als das jährliche Bibel-Quiz", so der Satiriker Amnon Ahi-Nomi. Das einst komplett in Khaki gewandete Kibbuz-Land leistet sich einen Fernsehkanal und ein Autokino, ferner Nachtclubs, Dicos, Boutiquen und Beauty-Salons. Tel Aviv bekommt eine Strandpromenade, und statt der grimmigen Gründermütter und Väter tauchen im Schlepptau des tollkühnen Generals und Frauenhelden Moshe Dayan mit seiner aufregenden Augenklappe braun gebrannte Bikini-Girls und ihre sonnenbebrillten Beaus auf. Die finden die Beatles besser als das Hora-Tanzen und zeigen der nach dem Sechs-Tage-Krieg von Israel restlos begeisterten westlichen Welt, dass die neuen Hebräer nicht nur fantastisch Panzer fahren, sondern auch Schlager singen können: 1973 nimmt Israel erstmals in Gestalt der blonden, in modischen Beduinen-Schlabber gekleideten Ilanit am Grandprix Eurovision teil; später gewinnen die Israelis diesen Wettbewerb mehrmals, etwa mit den Songs "Abanibi" oder "Hallelujah", und zuletzt gar mit der transsexuellen Dana International, die absolut nicht vorgesehen war in den Visionen Theodor Herzls.

Aufstieg zur Atommacht

Zum 25. Geburtstag ihrer Nation im Mai 1973 stehen 300 000 Israelis auf den Straßen von Jerusalem, betrachten begeistert die Militärparade und bersten vor Stolz über das Wunder, das sie selbst geschaffen haben, nämlich ihren Staat. "Wir haben", sagt kurz darauf Yitzhak Rabin, Botschafter in Washington, "bessere Grenzen als die Könige David und Solomon". Das von den USA protegierte Land ist inzwischen sogar Atommacht - 1971 hatte die Zeitung "Le Monde" enthüllt, dass im Reaktor Dimona, gebaut mit französischer Hilfe, zwei Atombomben pro Jahr hergestellt werden. Vorschläge des neuen ägyptischen Staatspräsidenten Anwar Al-Sadat, der ihr für einen Abzug aus dem Sinai Frieden in Aussicht stellt, lehnt Golda Meir ab; sie hält Nassers Nachfolger für schwach und Israel für unbesiegbar.

Doch fünf Monate später, am jüdischen Versöhnungsfest Yom Kippur und mitten im islamischen Fastenmonat Ramadan, sollte sich ihre Sturheit bitter rächen: Am 6. Oktober greift Ägypten zusammen mit Syrien an; binnen 90 Minuten fällt die israelische Verteidigungslinie am Suez-Kanal in die Hände von Sadats Truppen, um 14 Uhr rollen syrische Panzer auf den Golan-Höhen. Die israelische Regierung, obwohl eindringlich vor einem Angriff gewarnt - unter anderem von König Hussein -, hatte sich auf ihre Nachrichtendienste verlassen, die noch am Vorabend der Offensive verkündeten, ein Krieg sei "sehr unwahrscheinlich". So ist die Armee unvorbereitet, mühsam kommt die Generalmobilmachung in Gang, und das Land fällt aus seiner manischen Phase in eine tiefe Depression. Verteidigungsminister Dayan erklärt vor Journalisten, dass die "Zerstörung des dritten Tempels" drohe. Viele brechen in Tränen aus.

Nach sechs verheerenden Tagen fassen sich die Israelis. Im Nordosten marschiert ihre Armee gen Damaskus, im Süden überquert Tsahal unter dem Befehl von General Ariel Sharon den Suez-Kanal, umzingelt die dritte ägyptische Armee und rückt bis in Schussweite auf Kairo vor. Die Phantom- und Skyhawk-Flugzeuge mit dem Davidstern beherrschen wieder den Himmel über dem Nahen Osten. Israel, das in seinem vierten Krieg 2300 Menschen verloren hat, kann aufatmen. Doch Sadats Niederlage ist ehrenvoll: Er hat die Würde der arabischen Welt wiederhergestellt und kann jetzt hoch erhobenen Hauptes direkt mit den Israelis verhandeln. Und nach fünf langen Jahren ist es dann so weit. Am 19. November 1977 um acht Uhr abends steigt er auf dem Flughafen Ben Gurion unter spontanem Applaus der versammelten politischen und militärischen Würdenträger Israels aus einer ägyptischen Maschine, erstmals wird im jüdischen Staat eine arabische Nationalhymne gespielt, erstmals steht ein arabischer Staatschef stramm, während die "Hatikvah" ertönt, dann trifft er endlich die "alte Dame", wie er Golda Meir immer genannt hat. "Ich wollte Sie schon lange kennen lernen", sagt er und küsst ihr die Hand. - "Aber Sie sind nie gekommen." - "Jetzt bin ich hier", antwortet Sadat.

Aber es ist zu spät. Zu spät für Golda Meir, die schon nach dem Kippur-Krieg hatte abdanken müssen, und zu spät für die Arbeiterpartei, die sechs Monate vor Sadats historischem und mutigem Besuch die Wahl verloren hatte. Es ist zu spät für Israel und zu spät für den gesamten Nahen Osten. Die pragmatischen Visionäre, die Israel geschaffen hatten, und ihre Erben, die wenigstens theoretisch dem Prinzip "Land gegen Frieden" anhängen, sind in der Versenkung verschwunden. Statt ihrer regiert jetzt der Likud-Block, eine aus diversen Rechtsparteien entstandene Formation; Israels neuer Ministerpräsident heißt Menachem Begin. Der 64-jährige Jurist hat nie den Glauben an ein Groß-Israel zwischen Nil und Euphrat aufgegeben, dem er seit seiner Jugend in Polen anhängt und für dessen Verwirklichung er nach seiner Immigration 1943 als Chef der Terror-Gruppe Irgun Bomben gegen Briten und Palästinenser gelegt hat. Und nie hat er vergessen, was den Seinen widerfuhr, nachdem er in letzter Minute aus Europa hatte fliehen können: Seine gesamte Familie wurde ermordet.

"Zionismus ist Rassismus"

Als Begin an die Macht kommt, hat er 29 Jahre als Außenseiter in der politischen Wildnis seines kleinen Landes hinter sich, geschnitten vom linken Establishment. Er hat die vor dem Sechs-Tage-Krieg gegründete große Koalition verlassen, weil die Mehrheit für die UN-Resolution 242 von 1967 war, die das Prinzip Land gegen Frieden festschreibt, während für Begin das Westjordanland und Gaza "so jüdisch sind wie Tel Aviv". Er hat gegen die vom amerikanischen Außenminister Henry Kissinger in endlosen Shuttle-Missionen verhandelten Truppenentflechtungsabkommen nach dem Yom-Kippur-Krieg gewettert. Er hat mit Entsetzen gesehen, wie 1974 Jassir Arafat, Pistole am Gürtel und Olivenzweig in der Hand, vor den Vereinten Nationen sprechen durfte über "die Errichtung einer kampffähigen nationalen Einheit in jedem Teil von Palästina, der befreit ist". Und er fühlt sich zutiefst bestätigt in seinem Weltbild, als die UN den Palästinensern "das Recht auf Selbstbestimmung" zusichern und die Vollversammlung im Jahr darauf beschließt: "Zionismus ist Rassismus."

Und nun, kaum dass Begin im Amt ist, kommt Sadat nach Jerusalem. Er ist warmherzig und würdevoll, er ist willens, sein Leben für diese kurze und zugleich längste Reise seines Lebens zu riskieren. Er bleibt drei Tage und bezaubert ganz Israel - mit Ausnahme des Ministerpräsidenten. Der Ägypter betet in der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem, er besichtigt die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Und er hält in der Knesset eine längst überfällige Rede, die Israel wieder einmal vor die Frage stellt: Was für ein Land wollen wir werden? Es ist genau die Rede, die Begin nicht hören will. "Ich möchte keinen Separatfrieden zwischen Israel und Ägypten", sagt Sadat. "Ich will einen dauerhaften, gerechten Frieden. Israel ist eine Tatsache, wir heißen euch willkommen für ein Leben in Sicherheit und Frieden." Doch dann fügt er hinzu: "Wir bestehen auf einem kompletten Abzug aus den besetzten Gebieten. Es kann keinen Frieden ohne die Palästinenser geben." Begin antwortet: "Alles ist Verhandlungssache."

Dann nimmt er "Sadats Traum vom Frieden und zermalmte ihn in den feinen, trockenen Staub von Details, Paragrafen und Zitaten", so sein damaliger Verteidigungsminister Ezer Weizman. In den zwei Jahre dauernden Verhandlungen, die zum Camp-David-Abkommen von 1979 führen, bekommt Begin, was Sadat fürchtet: einen Separat-Frieden mit Ägypten, teuer bezahlt von den USA. Seither sind Israel und Ägypten die größten Empfänger amerikanischer Auslandshilfe. Zwar räumt der jüdische Staat den Sinai. Doch das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung ist zusammengeschrumpft auf das vage Versprechen auf "Autonomie". Darunter versteht Begin, "verbarrikadiert in seinem geistigen Ghetto", so Weizman, dass die Palästinenser in den besetzten Gebieten, umzingelt von immer mehr jüdischen Siedlungen, die er bauen lässt, vielleicht irgendwann einmal über ihre eigenen Kläranlagen bestimmen dürfen. Politisch isoliert und von Arafat als "Verräter" beschimpft, wird Sadat 1981 von Soldaten seiner eigenen Armee erschossen. Zwei Monate später annektiert Israel die Golan-Höhen.

Traum von der "Pax Hebraica"

Nach Begins Wiederwahl 1981 wird der Hardliner Sharon Verteidigungsminister. Und der richtet sein Augenmerk auf Israels nördlichen Nachbarn, den von einem endlosen Bürgerkrieg geplagten Libanon, wo der verhasste Arafat in Westbeirut einen Staat im Staat errichtet hat und es sich so gut gehen lässt, dass er Palästina allem Anschein nach vergessen hat: In den zwölf Monaten, bevor Sharon seine Panzer über die Grenze schickt, ist es dort so ruhig wie nie. Doch Sharons Traum von einer "Pax Hebraica" - Israel annektiert die besetzten Gebiete, Jordanien wird zu einem Palästinenserstaat ohne König und Syrien zu einem Löwen ohne Zähne - kann nur in Erfüllung gehen, wenn es ihm gelingt, die PLO mit Hilfe der christlichen Milizen aus Beirut zu vertreiben. Den Vorwand zur Invasion liefert ihm der Terrorist Abu Nidal, dessen Söldner den israelischen Botschafter in London schwer verletzen. Abu Nidal ist längst nicht mehr Mitglied der PLO? Macht nichts: "Abu Nidal, Abu Schnidal", sagt Begin, "alles ist PLO."

Für ihn, den ewigen Überlebenden, der Israel als "Yad Vashem mit Luftwaffe" (Friedman) sieht, ist die PLO-Charta eine Neuauflage von "Mein Kampf" und Arafat eine Reinkarnation von Adolf Hitler, den er "in seinem Bunker" in Beirut beseitigen möchte. Die Alternative zur Libanon-Invasion ist "Treblinka", wie er seinem Kabinett versichert. Und so beginnt am 6. Juni 1982 die Operation "Frieden für Galiläa", die weder mit Frieden noch mit Galiläa etwas zu tun hat. Noch nicht einmal drei Monate später sind 25 000 Menschen tot. Zwar müssen Arafat und seine Kämpfer das Land verlassen und werden nach Tunis gebracht, doch mit der Ermordung Bashir Gemayels, des Führers der christlichen Phalange, am 14. September bricht Sharons Plan krachend zusammen. Drei Tage später massakrieren die libanesischen Christen unter den Augen der israelischen Armee Hunderte von Männern, Frauen und Kindern in den Beiruter Flüchtlingslagern Sabra und Shatila.

Später sagen die Soldaten, sie hätten nichts gemerkt von dem Blutbad. "Das stimmt", so Friedman, der damals vor Ort war. "Die Israelis sahen keine Unschuldigen, die massakriert wurden, sie hörten keine Schreie unschuldiger Kinder, die in ihre Gräber geschickt wurden. Sie sahen ,eine terroristische Plage" die ,gesäubert wurde", sie sahen ,terroristische Krankenschwestern", sie sahen ,terroristische Teenager" und ,terroristische Frauen", die um ihr Leben schrieen." Über Jahre hinweg hatten sie den Palästinensern ihre Menschlichkeit abgesprochen, sie hatten ein Volk gleichgesetzt mit der PLO und seine Mitglieder mit Terroristen, und ihre Politiker hatten ihnen eingeredet, dass es ohne die PLO kein Palästinenserproblem gäbe.

Ende eines Mythos

Mit der Libanon-Invasion stirbt "der Mythos, dass wir eine andere Nation sind", so Avraham Burg, Abgeordneter der Arbeiterpartei. "Wir sahen aus wie unsere Feinde. Wir bemerkten, wie sehr die Besatzung uns korrumpiert hatte und dass Gangrän sich in unseren Körpern verbreitete. Und langsam hörte das Wort Frieden auf, ein Wischiwaschi-Begriff linker Gutmenschen zu sein. Frieden wurde eine Politik."

Stefanie Rosenkranz print

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