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Zeitgeschichte: Der lange Weg zur Linken

Wie aus der SED die erste gesamtdeutsche sozialistische Partei wurde - und welchen Anteil Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine daran hatten.

Von Dorit Kowitz

Am 21. April 1946 entsteht in der Sowjetischen Besatzungszone durch die Zwangsvereinigung von KPD und SPD die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED). Vier Jahrzehnte lang herrscht sie über die DDR. Sie wird zunächst geführt von Walter Ulbricht, der 1961 die Mauer bauen lässt, später von Erich Honecker. Zu Spitzenzeiten zählt sie weit über zwei Millionen Mitglieder.

Unter den Massenprotesten des Volkes kollabieren im Herbst 1989 das SED-Regime und sein Staat. Im Dezember benennt sich die SED in

SED/PDS

um; PDS steht für Partei des Demokratischen Sozialismus. Zum Vorsitzenden wählen die Delegierten den Ostberliner Anwalt Gregor Gysi, damals 41 Jahre alt. Zwei Monate später wird das SED aus dem Namen gestrichen. Die PDS muss sich gegen den Vorwurf wehren, sie habe einen Teil des SEDVermögens beiseitegeschafft; restlos aufgeklärt wird der Finanzskandal nie. Bei der Volkskammerwahl im März 1990 erhält die PDS 16,4 Prozent.

Bei der ersten gesamtdeutschen Wahl im Dezember 1990 erzielt die PDS nur 2,4 Prozent. Für den Osten gilt dieses Mal aber eine eigene Fünf-Prozent- Klausel. Weil die PDS dort 11,1 Prozent holt, gelangt sie dennoch in den Bundestag. Wiederholt versucht die PDS, im Westen Fuß zu fassen, scheitert aber kläglich. Im Osten holt sie zweistellige Ergebnisse. Im Frühjahr 1994 kommt es in Sachsen-Anhalt zum

Magdeburger Modell

: Die PDS toleriert die rot-grüne Regierung und übernimmt damit indirekt erstmals Verantwortung. Bei der Bundestagswahl im Herbst scheitert sie wieder an der Fünf-Prozent-Grenze, erringt aber vier Direktmandate und zieht auf diesem Umweg mit 30 Abgeordneten in den Bundestag ein.

Im Herbst 1998 gewinnen SPD und Grüne die Bundestagswahl und lösen Helmut Kohl ab. Die PDS schafft es erstmals knapp über fünf Prozent. Zeitgleich bilden SPD und PDS in Mecklenburg- Vorpommern die erste formelle rot-rote Koalition; sie hält acht Jahre. Im März 1999 legt

Oskar Lafontaine

seine Ämter als Finanzminister und SPD-Chef nieder und schreibt in den nächsten Jahren in Büchern und "Bild" gegen die neoliberale Politik von Kanzler Gerhard Schröder an.

Auf einem Parteitag lehnen die Delegierten im Jahr 2000 Bundeswehreinsätze unter UN-Mandat ab und bereiten ihrer Führung eine schwere Niederlage.

Gregor Gysi

und der langjährige Parteichef Lothar Bisky ziehen sich zurück, die PDS schlittert in eine schwere Krise. 2001 erhält sie in Berlin 22,6 Prozent und koaliert mit der SPD. Gysi wird Wirtschaftssenator, tritt bald wegen der "Bonusmeilen-Affäre" zurück. 2002 kommen nur noch zwei direkt gewählte Abgeordnete in den Bundestag. Der Weg zur reinen Ost-Partei scheint vorgezeichnet. Von den 172 000 Mitgliedern des Jahres 1991 sind 71 000 übriggeblieben.

Im März 2003 verkündet Schröder seine

Agenda 2010

und löst damit eine Massenflucht aus der SPD aus. Bei Landtagswahlen im Osten erzielt die PDS 2004 Ergebnisse zwischen 23,6 (Sachsen) und 28 Prozent (Brandenburg); in Sachsen und Thüringen wird sie zweitstärkste Partei. Im Juli 2004 gründen Gewerkschafter und Ex-Sozialdemokraten die "Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit" (WASG). Nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen im Mai 2005 entschließt Schröder sich zu Neuwahlen. Am 30. Mai tritt Lafontaine offiziell aus der SPD aus. Im Juni einigen sich PDS und

WASG

auf eine gemeinsame Liste zur Bundestagswahl, Gysi und Lafontaine werden Spitzenkandidaten. Im Juli ändert die PDS ihren Namen in "Die Linkspartei.PDS". Bei der Wahl am 18. September holt das linke Bündnis 8,7 Prozent.

Die WASG scheitert im März 2006 bei den Wahlen in Baden-Württemberg (3,1 Prozent) und Rheinland- Pfalz (2,6 Prozent), zeitgleich holt die Linkspartei in Sachsen-Anhalt 24,1 Prozent. Ihren ersten Erfolg im Westen feiern Linkspartei und WASG in Bremen: Mit 8,4 Prozent ziehen sie 2007 in die Bürgerschaft ein. Im Juni fusionieren die Parteien zur ersten erfolgreichen gesamtdeutschen sozialistischen Partei; sie nennt sich

Die Linke

. Lafontaine und Bisky werden Vorsitzende. Zur Jahreswende zählt die Partei rund 72 000 Mitglieder; knapp 9000 kamen von der WASG. Am 28. Januar 2008 holt die Linke bei den Wahlen in Hessen 5,1 Prozent der Stimmen und in Niedersachsen 7,1 Prozent.

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