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M. Streck: Last Call: Die neue Insel-Krankheit: Brexit-Müdigkeit

Sie hat in wenigen Jahren Millionen von Briten infiziert. Unser Kolumnist leidet darunter. Und die Premierministerin offenbar auch. Theresa May ist amtsmüde und kündigte ihren Rücktritt an.

Das britische Unterhaus stimmt am Mittwochabend über acht mögliche Alternativen zum Brexit-Vertrag ab

Das britische Unterhaus stimmt am Mittwochabend über acht mögliche Alternativen zum Brexit-Vertrag ab

AFP

Ich glaube manchmal, dass ich krank bin. Früher litt ich unter leichter Hypochondrie. Wenn im Fernsehen Sendungen liefen über Darm- oder Leberkrankheiten, zwickten bei mir prompt Darm oder Leber. Diesmal aber ist die Krankheit nicht eingebildet, sie ist sogar ansteckend und hat weite Teile Großbritanniens erfasst. Die Krankheit heißt Brexit und hat sich seit dem 23. Juni 2016 rasend schnell auf der Insel verbreitet.

Gerade erst las ich eine Umfrage. Zwei von fünf Menschen hier fühlen sich machtlos, wütend, besorgt und ermüdet vom Brexit. Einer von den beiden muss ich sein. 17 Prozent, stand da, verspürten erhöhten Stress, 12 Prozent schliefen schlecht, London sei stärker befallen als der Rest des Landes. Und das gälte im Übrigen für Remainer wie Leaver. Es gilt aber auch, das kann ich bezeugen, für Korrespondenten.

Wir haben jede Menge Briefings und Konferenzen zum Thema Brexit, wo man die lieben Kollegen aus aller Welt trifft. Man muss sie gar nicht fragen, wie es ihnen geht. Man sieht es. Ringe unter den Augen, die Haut grauer als üblich. Was vielleicht daran liegt, dass keiner von uns mehr Urlaub macht. Theresa May ist in unser aller Leben gekrochen. Sie hat es gekapert. Wir können nichts mehr planen, weil Frau May keinen Plan hat. Eigentlich wollte ich am Wochenende zum Geburtstag meines besten Freundes. Eigentlich.

Manchmal träume ich von May


Ich will mich auch gar nicht beklagen. Der Brexit ist jetzt eben eine Berufskrankheit. In den guten, alten Zeiten war die vorherrschende Berufskrankheit im Journalismus zu viel Nikotin und zu viel Alkohol. Das kommt jetzt auch noch dazu.

Manchmal träume ich von May. Ich will nicht sagen, dass es Alpträume sind, aber sie kommen dem schon ziemlich nahe. Meine Frau hat es besser. Sie träumte einst, sie sei bei der Queen zum Tee eingeladen. Das war ein schöner Traum. Aber einmal, es war kurz nach den Wahlen 2017, träumte meine Frau auch von Frau May. Sie saß bei ihr in der Küche in der Downing Street, sie tranken Orangensaft (!), May fragte sie, was sie nun tun solle, und meine Frau sagte: "Den Brexit absagen." May hörte natürlich nicht. Und jetzt haben wir den Salat.

Wir sind alle müde vom Brexit. Morgens Brexit, mittags Brexit, abends Brexit. Brexit ist immer und überall. Du gehst in den Pub, triffst Freunde und redest worüber? Brexit. Du gehst ins Stadion, und worüber redest du vor dem Spiel und nach dem Spiel und manchmal mittendrin? Brexit. So geht das seit Jahren.

Selbst Fußball hilft nur kurzfristig


Die Brexit-Müdigkeit, diese Inselkrankheit, hat inzwischen auch den Kontinent erreicht. Der EU-Grande Jean-Claude Juncker sagte, er leide auch darunter. Vor kurzem beschäftigte sich der "Spectator", ein knallkonservatives Blatt, mit "Brexit-Fatigue", der Brexit-Müdigkeit, die blöderweise jetzt auch noch mit der gemeinen Frühjahrsmüdigkeit zusammenfällt. Sie rieten, es helfe im Ausland zu leben, am besten ganz weit weg in den Anden oder Kandahar. Dort seien akute Fälle bislang kaum überliefert. Als Gegenmittel und Therapie empfahlen sie allen britischen Lesern, die nicht in die Anden oder nach Kandahar ziehen wollen, sich Wiederholungen von der vergangenen Fußball-WM in Russland anzuschauen, als England ausnahmsweise nicht im Elfmeterschießen rausflog. Das helfe kurzfristig. Für Deutsche ist das nur bedingt tauglich.

Video: EU-Ratspräsident Tusk wirbt für langen Brexit-Aufschub

Zuweilen, ich darf das gar nicht laut sagen, wünschte ich mir, dass die Briten am 12. April einfach aus der EU krachen. Dann wäre vermutlich Chaos, aber Chaos macht zumindest munter.

In diesem Moment läuft wieder eine Unterhaus-Debatte über den Brexit. Frau May hat heute auch schon gesprochen, sie sah müde aus. Sie ist derart amtsmüde, dass sie ihren Rücktritt ankündigte, wenn sie ihren Deal durchkriegt.

Nach der letzten großen Debatte am Montag klingelte nachts um eins mein Handy. Es liegt immer am Bett. Anrufe nachts um eins verheißen in der Regel nichts Gutes. Aber es war nur eine Kollegin von der BBC dran, die sich erkundigte, ob ich schon schliefe, worauf ich wahrheitsgemäß "jetzt nicht mehr" antwortete. Sie wollte wissen, ob ich in drei Stunden ins Studio kommen könnte. Sie brauchten noch eine deutsche Stimme für den BBC World Service. Die Kollegin gab sich alle Mühe, mich aus dem Bett zu holen. Millionen würden das gucken in Asien und an der Westküste von Amerika. In der Aufzählung fehlten nur die Anden und Kandahar. Ich überlegte einen kurzen Moment und sagte dann: "Normalerweise gern und immer. Aber ich bin zu müde."