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Aschewolke lähmt Europa: Ausgeflogen!

Der Flugverkehr über halb Europa ruht. Auch alle deutschen Flughäfen sind wegen der Asche aus Island geschlossen. Die Lage für Reisende wird immer schwieriger. Und die Bahnen sind überfüllt

Die Aschewolke über Europa wird auch am Wochenende Reisende vor teilweise aussichtslose Probleme stellen. In Deutschland bleibt der Luftraum bis mindestens Samstag 14 Uhr gesperrt, teilte die Deutsche Flugsicherung mit. Am Samstagvormittag müsse die Frist möglicherweise verlängert werden. Am Freitagabend war mit München auch der letzte der 16 internationalen Flughäfen in Deutschland geschlossen worden.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) musste improvisieren: Ihr Flugzeug legte am Freitagnachmittag wegen des Aschestaubs auf dem Rückflug aus San Francisco einen Zwischenstopp in Lissabon ein. Merkel kann nach Angaben eines Regierungssprechers "frühestens am Samstagmittag" nach Deutschland weiterfliegen.

Sperrung sogar bis Sonntag?

"Eine Entspannung ist nicht in Sicht", sagte der Chef der Luftraumüberwachung bei Eurocontrol, Brian Flynn. Nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) wird der gesamte deutsche Luftraum mindestens bis Samstagabend gesperrt bleiben. Im ungünstigsten Fall werde es auch am Sonntag keine Flüge geben, sagte Berthold Lescher von der Luftfahrtsberatungszentrale des DWD in Frankfurt.

Die Wolke werde zunächst weiter nach Süden ziehen und schon am Samstagmorgen eine gedachte Linie von Südfrankreich, Norditalien und dem nördlichen Balkan erreichen, hieß es bei Eurocontrol. Europaweit wurden nach Angaben der Behörde rund 17.000 der 28.000 geplanten Flüge gestrichen. Wegen der umfassenden Flugverbote droht ein täglicher Einkommensverlust der Fluglinien von mehr als 200 Millionen Dollar (149 Millionen Euro), schätzte der Internationale Flugverband IATA. Dazu kämen indirekte Kosten.

Auch Osteuropa betroffen

Nach den westlichen Ländern gaben auch Polen, Tschechien, Bulgarien und Österreich Sperrungen bekannt. In Polen wurde auch der Flugplatz Krakau geschlossen, über den am Sonntag ausländische Spitzenpolitiker wie US-Präsident Barack Obama zum Staatsbegräbnis für den polnischen Präsidenten Lech Kaczynski anreisen sollten.

In Großbritannien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden saßen Hunderttausende Reisende an den Flughäfen fest - nachdem sie teils bereits eine Nacht auf Feldbetten in den Wartehallen zugebracht hatten.

Bahn: "Alles was rollen kann, rollt"

Frustrierte Reisende versuchten am Freitag verzweifelt, Alternativen für ihre Reisepläne zu finden. Es brach ein Ansturm auf Züge los. Menschen drängten sich dicht an dicht in den Abteilen. Die Deutsche Bahn beorderte zusätzliches Personal in die Bahnhöfe und mobilisierte fast ihren gesamten Wagenpark. "Alles was rollen kann, rollt", sagte ein Bahnsprecher. Mietwagen fanden reißenden Absatz. Selbst für längere Fahrten ins Ausland wurden sie genutzt. Europcar und Avis registrierten eine sprunghaft gestiegene Nachfrage. Auch Deutschlands größter Autovermieter Sixt dirigierte mehr Fahrzeuge an Flughäfen und Bahnhöfe.

Reisende müssen sich bis nächste Woche auf Störungen einstellen: "Da die Flugpläne der Airlines durcheinandergeraten sind, ist auch nach Auflösung der Aschewolke mit weiteren Behinderungen im Flugverkehr zu rechnen", erklärte die Flugsicherung.

Ganz im Norden Besserung in Sicht

Während der dänische Luftraum bis Samstag 14 Uhr gesperrt bleibt, gaben die Behörden in Schweden und Norwegen den Flugverkehr in den jeweils nördlichen Landesteilen wieder begrenzt frei. Die Konzentration von Lavaasche in der Luft habe deutlich abgenommen, hieß es. In der Region hatten zeitweise auch keine Rettungshubschrauber oder -flugzeuge mehr abheben dürfen - fatal vor allem für Kranke und Verletzte in dünn besiedelten Gebieten.

Der Vulkan stößt derzeit allerdings weniger gefährliche Stoffe aus und hat an Kraft verloren. Das ergab ein Überwachungsflug der isländischen Küstenwacht. Die Aschewolke habe jetzt eine "reinere" Zusammensetzung, sie bestehe fast nur noch aus Wasser sowie Steinpartikeln. Dies bedeutete aber nicht, dass sich ein Ende des Ausbruchs abzeichne. Vulkanexperten in Reykjavik verwiesen darauf, dass der letzte Ausbruch des Vulkans im Jahr 1821 erst nach zwei Jahren endete - wobei Phasen mit starker und schwacher oder gar keiner Aktivität sich einander ablösten.

Fluglotsen-Streik abgewendet

Für eine positive Nachricht in all den Hiobsbotschaften sorgten die deutschen Fluglotsen: Es wird den angekündigten Streik nicht geben. Die DFS Deutsche Flugsicherung GmbH und die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) einigten sich am Freitagabend im Tarifstreit, wie die DFS mitteilte.

P.S. Sitzen auch Sie wegen der Vulkanaschen-Wolke fest? stern.de hat auf Facebook eine Info-Börse gestartet. Hier können sich Reisende, die Alternativen wie Fahrgemeinschaften, Kombi-Bahnfahrten und ähnliches suchen, austauschen. Oder einfach auch ihre Erlebnisse schildern: www.facebook.com/stern

fw/APN/DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters

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