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Warum flog MH17 über das Krisengebiet?

Fast 300 Tote: Das Unglück von MH17 ist eine der größten Flugkatastrophen. Hätten Airlines früher reagieren müssen? Wie gefährlich sind Flüge über Krisengebiete? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Ukrainer legen Blumen vor dem Eingang der Niederländischen Botschaft in Kiew ab.

Ukrainer legen Blumen vor dem Eingang der Niederländischen Botschaft in Kiew ab.

Nach dem Absturz der Boeing 777-200 der Fluggesellschaft Malaysia Airlines über der Ukraine mit rund 300 Menschen an Bord wird eine unabhängige Untersuchung der Flugzeugkatastrophe gefordert. Unterdessen wurde von der ukrainischen Regierung ein Teil des Luftraums im Osten des Landes gesperrt. Wir beantworten Fragen, welche Konsequenzen das Unglück für Reisende Richtung Südostasien hat.

Warum fliegen Passagierjets über Konfliktgebiete?

Kerosin sparen, so lautet die Devise. Zu den größten Ausgabeposten einer Fluggesellschaft gehört der Treibstoff. Deshalb versuchen Piloten möglichst effizient auf direktem Weg zum Ziel zu fliegen. Die Cockpit-Crews haben nur bedingt Einfluss darauf, welche genauen Flugrouten ihnen von der Luftsicherung vor dem Start und während des Fluges zugewiesen werden.

Werden Krisengebiete in großer Höhe überflogen?

Seit Jahren fliegen Passagiermaschinen über den Irak und Afghanistan, ohne dass es zu Zwischenfällen kam. "Wenn es keine konkreten Hinweise gibt, dass es gefährlich ist, solche Gebiete in einer großen Höhe zu überfliegen, dann ist es tatsächlich tägliche Routine", sagt Markus Wahl von der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit. Angesichts der Katastrophe in der Ukraine fordert er jedoch, "das Krisengebiet nicht weiter zu überfliegen".

Welche Konsequenzen werden aus dem Flugzeugunglück bei Donezk gezogen?

Es hat bereits Sofortmaßnahmen gegeben. Seit dem 18. Juli hat die ukrainische Regierung den Luftraum über Teilen der Ostukraine gesperrt. Bereits in der Nacht hatten die meisten Fluggesellschaften ihre Routen geändert. Seitdem machen die Passagierjets einen weiten Bogen über das Gefahrengebiet. Zuvor hatten nach Angaben von Eurocontrol täglich etwa 300 Flugzeuge die Region überflogen.

Haben bestimmte Airlines schon früher reagiert?

Seit dem Konflikt auf der Krim haben einige Fluggesellschaften nach eigenen Angaben ab März den ukrainischen Luftraum gemieden, darunter Air France und British Airways. Auch Korean Air hat seine Flüge "wegen der politischen Unruhen in der Region" um 250 Kilometer nach Süden verlegt. Die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) hatte die bisherige Route als "sicher" eingestuft.

Kommt es jetzt zu längeren Flugzeiten nach Asien?

Auf bestimmten Flügen nach Südostasien kann es durch Umwege zu leichten Verspätungen kommen. Wegen der neuen Route werde es zu längeren Flugzeiten kommen, heißt es von Lufthansa. Jedoch sind kräftige Winde und das Umfliegen von Unwettergebieten Faktoren, die die Dauer eines Langstreckenfluges von elf bis zwölf Stunden Asien wesentlich stärker beeinflussen können.

Welche Flugziele sind von der Sperrung des Luftraums über der Ostukraine betroffen.

Passagiere auf Nonstop-Flügen von Mitteleuropa nach Singapur, Bangkok, Indien und Kuala Lumpur müssen mit kleinen Umwegen rechnen. Weniger betroffen sind Flüge nach China, die meist auf Flugrouten weiter nördlich verlaufen. Alle Asien-Flüge mit Emirates und einem Umstieg in Dubai verlaufen schon immer auf weiter südlichen Routen über die Türkei. Fluggäste von Air Berlin sind nicht betroffen, weil alle Asien-Flüge durch die Zusammenarbeit mit Etihad über Abu Dhabi verlaufen. Keinen Umweg müssen die Maschinen von Katar Airways aus Mitteleuropa nach Doha nehmen.

Sind Flugziele in die Ukraine noch sicher?

Die internationalen Flughäfen von Kiew, Odessa und Lwiw (Lemberg) liegen viel weiter westlich und gelten als sicher, weil sie weitab von den Kampfgebieten liegen. Lufthansa hatte bereits Ende Mai alle Flüge von und nach Donezk bis einschließlich 31. Oktober 2014 gestrichen.

Kann ich einen Flug jetzt stornieren?

Nein, im Moment bietet keine Airline wegen der Sperrung des Luftraums in der Ostukraine Stornierungsregelungen an. Anders sieht es bei gebuchten Flügen nach Israel aus. El Al und andere Fluggesellschaften erlauben wegen der angespannten Lage im Nahen Osten ein kostenloses Umbuchen und teilweise auch ein Stornieren.

Gab es ähnlich schwere Flugzeugunglücke in Europa?

Der Absturz der Boeing 777 im Osten der Ukraine mit 298 Toten ist die schwerste Flugzeugkatastrophe in Europa seit fast 30 Jahren. 1985 war eine Boeing 747 der Air India auf dem Flug Montreal-London nach einer Sprengstoffexplosion in 10.000 Meter Höhe auseinandergebrochen und südwestlich der irischen Küste ins Meer gestürzt. Damals starben 329 Insassen. Am 27. März 1977 wurden 583 Menschen getötet, als auf dem Flughafen von Santa Cruz auf der kanarischen Insel Teneriffa zwei Jumbojets von PanAm und KLM beim Start im Nebel am Boden zusammenstießen.

Wurde zum ersten Mal eine Passagiermaschine abgeschossen?

Über der Ukraine wurde der Passagierjet in großer Höhe über einem Krisengebiet vermutlich von einer Boden-Luft-Rakete des Typs Buk abgeschossen, die Ziele bis in einer Höhe von 25 Kilometern erreichen und mit hoher Treffergenauigkeit vernichten kann. Allerdings gab es schon häufiger versehentliche Abschüsse von Zivilmaschinen durch das Militär. So schossen sowjetische Abfangjäger einen Jumbojet der Korean Airlines 1983 ab (269 Tote). Ebenfalls brachte eine Luft-Luft-Rakete 1980 den inneritalienischen Flug Itavia-Flug 870 über dem Tyrrhenischen Meer zum Absturz (81 Tote). US-Soldaten auf einem Kriegsschiff schossen 1988 einen Airbus A300 von Iran Air über dem Persischen Golf ab - 290 Menschen starben. Im Oktober 2001wurde eine Tupolew154 der russischen Airline S7 auf dem Flug von Tel Aviv nach Nowosibirsk über dem Schwarzen Meer getroffen (78 Tote). Der Grund war ein irrtümlich abgeschossene ukrainische Rakete.

Sind Flüge über Syrien gefährlich?

Noch verfügen die Rebellen im Bürgerkrieg nicht über Hightech-Waffen und das Know-how, wie das Flugabwehrraketensystem Buk. Die Katastrophe über der Ostukraine könnte jedoch zu einem Umdenken in der Luftfahrtbranche führen: "Ob Konfliktzonen, in denen vergleichbares Bedrohungspotenzial wie in der Ostukraine besteht, noch überflogen werden dürfen, muss hinterfragt werden", sagt Jörg Handwerg von der Vereinigung Cockpit.

tib/Agenturen

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