HOME

1. Bundesliga: Die verkannten Talente der Bundesliga

Die Clubs beschäftigen ganze Heerscharen von Scouts, der DFB überzieht das Land mit Sichtungslehrgängen, doch auch Fachleute und bezahlte Fußballkenner können sich irren. Wir haben fünf Geschichten von fünf Talenten aufgeschrieben, die von ihren Clubs, Verantwortlichen oder dem DFB schlichtweg unterschätzt wurden.

Als Mesut Özils Vater Schalkes Clubboss 2008 prophezeite, sein Sohn spiele in drei Jahren bei Real Madrid, hielt Clemens Tönnies dies für schlicht unmöglich. Özil spielt heute bei Real Madrid und auf Schalke ballt man die Faust in der Tasche.

Wir haben fünf Geschichten verkannter Talente und Spätentwickler aufgeschrieben, die den hoch bezahlten Talentscouts und Fördersystemen des DFB durch die Lappen gingen oder schlicht falsch eingeschätzt wurden.

Mesut Özil (Real Madrid)
101 Bundesligaspiel, 13 Tore, 34 Vorlagen
28 Länderspiele, 7 Tore, 12 Vorlagen

Mesut Özil wurde in Gelsenkirchen geboren und ist im Schatten des Schalker Stadions groß geworden. Er wurde mit Schalkes A-Jugend Deutscher Meister und galt als der potenzielle Nachfolger von Spielmacher Lincoln. Doch ein Jahr später jagte man den hoch talentierten Spielmacher vom Hof. Sein Talent wurde zwar erkannt, aber dennoch nicht hoch genug eingeschätzt, wie die Aussagen von Clubchef Clemens Tönnies im Sport1-Doppelpass belegen. "Ich kann mich gut an eine Szene mit seinem Vater erinnern“, erzählte Tönnies in launiger Runde. "Es ging darum, dass wir Özil eigentlich gerne behalten wollten und da sagte der Vater: 'Eines sag ich Ihnen, Herr Tönnies, mein Sohn spielt in drei Jahren bei Real Madrid.' Ich hätte ihm am liebsten den Puls gefühlt, weil ich das überhaupt nicht für möglich gehalten habe“, sagte Tönnies.

Auf Schalke war man sauer auf Özil, weil er den bereits ausgehandelten Vertrag bis 2011 nicht unterschreiben wollte. Özils Berater und sein Vater waren sauer, dass Schalke mit Ze Roberto II und vor allem Ivan Rakitic (der im gleichen Alter wie Özil war), zwei weitere Spieler für die "Zehn“ geholt hatte. In der Boulevardpresse machte das Gerücht die Runde, Özil sei geldgierig, habe den Vertrag deshalb nicht unterschrieben. Die Fronten verhärteten sich. Andreas Müller polterte "Mesut Özil wird kein Spiel mehr für Schalke 04 machen.“

Mirko Slomka, der damalige Trainer auf Schalke bezeichnete Özil als "ferngesteuert von seinem Berater und seinem Vater.“ Der Club forderte Özil auf, klein beizugeben. "Es gibt nur einen Weg: Der Spieler muss zu mir oder Andreas Müller kommen und seinen Fehler eingestehen", so Mirko Slomka damals. Auf Schalke klopfte man sich die Schultern, der Verein lasse sich von einem Spieler nicht auf der Nase herumtanzen. Die Konkurrenz rieb sich die Hände, denn das Exempel, dass Andreas Müller statuieren wollte, ließ nur einen Ausweg zu. Ein Verkauf des Spielers war unumgänglich geworden. Mesut Özil wechselte im Januar 2008 für 4,25 Millionen Euro zu Werder Bremen.

Für Mesut Özil war die Phase des Wechsels "die schwierigste Zeit in meiner Karriere. Schalke war mein Verein. Plötzlich haben sich unsere Wege getrennt“, so der Gelsenkirchener laut bild.de. Im Sommer 2010 bekam Werder 17 Millionen Euro von Real Madrid für den Ballkünstler und Özils Vaters sollte mit seiner Prophezeiung recht behalten. "Großes Kompliment, Chapeau dafür – er ist wirklich ein großartiger Spieler“, so Clemens Tönnies, der mittlerweile erstaunlich gelassen auf die verpasste Chance blickt, eines der größten deutschen Talente längerfristig an Schalke gebunden zu haben.

Fabian Ernst (Besiktas Istanbul)
306 Bundesligaspiele, 12 Tore, 25 Vorlagen
24 Länderspiele, 1 Tor, 1 Vorlage

Fabian Ernst ist in Hannover geboren und trug maßgeblich dazu bei, dass seinem Club Hannover 96 1998 der Aufstieg von der Regionalliga in die zweite Liga gelang. Sein Talent wurde von den Bundesliga-Scouts erkannt, was kein schwieriges Unterfangen war, durchlief er doch sämtliche Jungendnationalmannschaften und ist bis heute Rekordnationalspieler des U 21-Teams. Der Hamburger SV schlug zu und holte Ernst ablösefrei für die Saison 98/99 an die Elbe. Ernst lieferte eine vielversprechende erste Saison ab, spielte 29 Mal für die Rothosen. Es war damals die Rede vom "Super-Talent“, er wurde aufgrund seiner strategischen Spielweise sogar mit Franz Beckenbauer verglichen.

Doch Ernst war erst 20 Jahre alt und durch die hohen Erwartungen baute sich viel Druck auf. In seiner zweiten Saison hatte er das Vertrauen von Trainer Frank Pagelsdorf verloren. Auch weil er sich selbst nach Fehlpässen zu sehr geißelte. "Früher wollte ich auf dem Spielfeld immer alles auf einmal und besonders gut machen“, sagte Ernst zu seiner Zeit beim HSV. Das Vertrauen in den defensiven Mittelfeldspieler schwand beim HSV schnell. Niko Kovac wurde von Bayer Leverkusen für seine Position geholt und schlug ein. Fabian Ernst geriet aufs Abstellgleis.

Er wurde schließlich, nach nur zwei Spielzeiten für 1 Millionen Euro zu Werder Bremen. Auch dort tat sich das "ewige Talent“ zunächst schwer, aber Trainer Thomas Schaaf gab ihm sein Vertrauen. Er übernahm die Position des zu Dortmund gewechselten Torsten Frings und blühte auf. "Fabian hat sich von einem großen Talent zu einer bestimmenden Persönlichkeit unserer Mannschaft entwickelt“, lobte Thomas Schaaf. Ernst wurde zur Lunge, zum Antreiber und Strategen im defensiven Mittelfeld von Werder Bremen. Er holte mit Werder die Deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokal 2004.

Beim Hamburger SV bedauerte man schließlich den Abgang von Ernst, doch der Verein lernte daraus nicht. "Den Talenten muss eine Perspektive geboten werden, anstatt sie durch ältere Akteure zu ersetzen. Das war bei Gravesen, Ernst, Grammozis und Simunic so", kritisierte einst Niko Kovac die damalige Führungsetage laut Rheinischer Post. Auch Fabian Ernst selbst sieht die Rolle seinen Ex-Clubs in diesem Punkt ähnlich kritisch: "Der HSV hat einfach einen Riesenverschleiß an Spielern. Bei so vielen Ab- und Zugängen innerhalb von wenigen Jahren konnte sich ja nie ein Stamm herausbilden."

Philipp Wollscheid (1. FC Nürnberg)
31 Bundesligaspiele, 5 Tore

Sucht man die Gründe für die verpasste Chance, talentierte Spieler zu binden, dann fallen die speziellen Wesenzüge der Vereine auf. Im Falle Özils könnte man Schalker Sturheit ausmachen und im Falle von Fabian Ernst die chronische Hamburger Ungeduld. Im Falle Philipp Wollscheids allerdings ist es das hochgelobte Scouting-System des Deutschen Fußballbundes höchstselbst, dass sein Talent einfach verkannte. "Ich habe nie ein Nachwuchsleistungszentrum von innen gesehen", sagte Wollscheid zuletzt laut sueddeutsche.de. Der hoch talentierte Verteidiger, der mittlerweile in den Notizbüchern von München bis Dortmund Seiten füllt, fiel komplet durch das Radar für Top-Talente.

Als Mario Götze und Marc-André ter Stegen U 17-Europameister wurden, wechselte Wollscheid zum SV Rot-Weiß Hasborn-Dautweiler in die Oberliga Südwest. Auch seine "Ausbildungsvereine“, in denen er zuvor kickte, klingen nicht weniger abenteuerlich. Das Innenverteidiger-Juwel kickte einst für den SV Morscholz, den FC Wadrill, den VfL Primstal und die SG Noswendel-Wadern. Innerhalb der Oberliga Südwest ging es dann zum 1.FC Saarbrücken, wo man ihm eröffnete, er sei für die erste Mannschaft nicht gut genug.

Doch Wollscheid setzte sich schließlich durch, was allerdings immer noch keinem großen Club aufgefallen war. "Der nächste Erstligist war Kaiserslautern, 80 Kilometer entfernt. Ich hatte nie eine Anfrage, mich kannte keiner." Er selbst kannte sich auch nicht: "Ich hab' bis zum 20. Lebensjahr gedacht, dass ich ein guter Oberligaspieler bin und mir damit mein Mathe-Studium finanzieren kann." Erst im Sommer 2009 gelang der nächste Sprung, Wollscheid wechselte zum 1. FCN. Dort war er allerdings - welche Stringenz - auch für die zweite Mannschaft eingeplant.

Wollscheid selbst musste schließlich seine Eigenwahrnehmung korrigieren. Als ihn Dieter Hecking bei den Profis mittrainieren ließ, wunderte er sich: "Ich dachte: Was ist denn hier los? Ich kann ja mithalten!" Und der Einser-Abiturient lernt schnell dazu. "Wie eine Vierer-Abwehrkette geht, hab' ich erst vor drei Jahren begriffen", so Wollscheid. Wie weit es für den 22-jährigen beidfüßigen und kopfballstarken Innenverteidiger auf der Karriereleiter noch aufwärts geht, bleibt abzuwarten. Club-Manager Martin Bader ist sich sicher. "Ich würde unterschreiben, dass Philipp mal A-Nationalspieler wird." Spätestens dann ist er das Vorbild für alle jungen Fußballer, die bisher keine Einladung ins Nachwuchsleistungszentrum des DFB erhalten. Apropos Vorbild!

Miroslav Klose (Lazio Rom)
307 Bundesligaspiele, 121 Tore, 65 Vorlagen
112 Länderspiele, 62 Tore, 22 Vorlagen

Wollscheid kennen Sie nicht? Gut, dann wählen wir ein prominenteres Beispiel, für ein lange Zeit verkanntes Talent. Einer der erfolgreichsten WM-Torschützen aller Zeiten und nach Lothar Matthäus der Spieler mit den meisten Länderspielen für Deutschland spielte mit 20 Jahren noch in der Verbandsliga (fünfte Liga), wurde dann in der Regionalliga-Mannschaft des FC 08 Homburg eingesetzt. Nach der A-Jugend tummelte sich Miroslav Klose zeitweise sogar in der Bezirksliga Westpfalz (siebte Liga). Stefan Majewski, polnischer Bundesligaprofi des 1. FC Kaiserslautern der damals die Amateure der Roten Teufel trainierte, kannte Kloses Vater und holte den Filius schließlich zum FCK.

Majewski wechselte dann als Trainer zum polnischen Club Amica Wronki und wollte Klose mitnehmen, doch der blieb in der Pfalz. Amateurtrainer Ernst Diehl war sein nächster Führsprecher, der "immer wieder bei Herrn Rehhagel anklopfte, bis ich mal spielen durfte", so Klose laut faz.net. Schließlich ließ ihn Rehhagel spielen und schnell wurde "Mirek“ zu einem unverzichtbaren Teil der Mannschaft. Sein weiterer Weg ist bekannt. Über Werder Bremen und Bayern München führte es ihn schließlich zu Lazio Rom, wo er seit dieser Saison für Furore sorgt.

Miroslav Klose stand nie in einer Auswahlmannschaft, bevor er das A-Nationaltrikot überzog. Seine Ausbildung litt darunter nicht, so brachte ihm ein Sportlehrer bei, beidfüßig schießen zu können. "Das stimmt“, bestätigt Klose im Interview mit der Zeit. "Ich war ihm mit rechts offenbar zu gut, also hat er mich aufgefordert, ab sofort nur noch mit links zu schießen, damit die anderen mitkommen.“ Den Scouts des DFB war dies nicht aufgefallen. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer macht das Beispiel Klose allerdings keine Sorgen.

"Anhand der Aufgebote unserer U19- und U17-Europameister lässt sich nachvollziehen, dass fast alle unser Fördersystem durchlaufen haben. Dieses in sich geschlossene System ist einzigartig. Es wird immer Spätentwickler geben wie Oliver Neuville oder Miroslav Klose, die verspätet den Sprung schaffen. Aber unser System gibt allen Talenten die Chance, alters- und entwicklungsgerecht ausgebildet zu werden“, so Sammer selbstbewusst laut pfaelzischer-merkur.de.

Mats Hummels (Borussia Dortmund)
100 Bundesligaspiele, 11 Tore, 4 Vorlagen
10 Länderspiele

Die Bayern sind in diesem Jahr das Maß aller Dinge in der Bundesliga. Viele trauen ihnen sogar zu, ein Wörtchen um den Champions League-Titel mitsprechen zu können. Als Grund dafür, dass die Bayern besser als im letzten Jahr spielen, wird immer wieder die Verstärkung der Abwehr genannt. Neben Manuel Neuer und Rafinha wurde mit Jerome Boateng ein Abwehrspieler geholt, der in Berlin ausgebildet wurde und dann für 1,2 Millionen Euro zum HSV wechselte, später für 12,5 Millionen Euro zu Manchester City ging und nun für 13,5 Millionen in München landete. Man fragt sich allerdings, warum spielt nun Boateng in der Münchener Innenverteidigung und nicht der bei den Bayern ausgebildete Mats Hummels?

An Hermann Gerland schien es nicht gelegen zu haben. "Ich habe schon immer gewusst, dass Mats eine Bombe wird", sagte Gerland laut bild.de. Und der frühere Amateurtrainer und jetzige Co-Trainer räumt ein. "Wir hätten Hummels nie abgeben dürfen." In der Winterpause 2007/2008 wurde Hummels, der von Gerland ausgebildet wurde, zu Borussia Dortmund verliehen. Im Februar 2009 dann der endgültige Wechsel des Innenverteidigers zu den Borussen. Die Fragen danach, warum Hummels abgegeben wurde, wurden immer lauter als die Bayern-Innenverteidigung schwächelte, spätestens nach der Meisterschaft und einer grandiosen Saison für Hummels in Dortmund, haben es alle Experten schon immer besser gewusst.

Uli Hoeneß erklärte kleinlaut: "Als wir den Spieler abgaben, hatten wir einen starken Demichelis, [...] Einen Lucio und van Buyten. Und der Trainer hat Badstuber forciert und ist nach wie vor der Meinung, dass er einer der kommenden Nationalspieler ist. Aber wenn ich jetzt zwischen all denen entscheiden müsste, würde ich Breno nehmen, der zum Saisonende wieder aus Nürnberg zu uns zurückkehrt“, so Hoeneß damals laut tz-online.de. Die Gründe, warum Hummels heute nicht in der Abteilung preiswerte Eigengewächse neben Holger Badstuber verteidigt, sind zum einen in Bayerns Mentalität zu suchen. Präsident Uli Hoeneß betonte, sein Klub sei "ein Käuferverein" (Süddeutsche Zeitung). Der Verein sei einfach zu groß, die Spiele zu wichtig um Jugendspielern die Zeit zu wachsen zu geben.

Zum anderen lag es auch an den fehlenden Fürsprechern unter den Trainern. Ottmar Hitzfeld ignorierte Hummels größtenteils und Jürgen Klinsmann? "Er wollte mich nicht zurückholen", erzählte Mats Hummels später in der Süddeutschen Zeitung. "Niemand weiß, was gewesen wäre, wenn ich bei Bayern geblieben wäre: vielleicht besser, vielleicht ganz bescheiden. Ich bin froh, dass es so gekommen ist“, ist zumindest der Beteiligte selbst laut Münchener Abendzeitung nicht böse um die Fehleinschätzung seines Ausbildungsvereins. Wer weiß, vielleicht führt sein Weg eines Tages zurück nach München.

Michel Massing 

sportal.de / sportal

Wissenscommunity