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WM-Kader: Klinsi kickt Kuranyi raus

Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat bei der Nominierung seines 23-köpfigen Aufgebots für die WM mit dem Verzicht auf Schalkes Stürmer Kevin Kuranyi für eine große Überraschung gesorgt. Dafür nominierte er völlig unerwartet einen jungen Dortmunder Profi.

Mit mehreren Paukenschlägen hat Reformer Jürgen Klinsmann bei der Nominierung seines WM-Kaders das ganze deutsche Fußball-Volk einmal mehr verblüfft. Der Bundestrainer berief am Montag zur Überraschung aller Fans und Experten den 22-jährigen "Frischling" David Odonkor ohne jede Länderspiel-Erfahrung in sein 23-köpfiges Aufgebot und sortierte gleichzeitig ohne Rücksicht auf frühere Leistungen die erfahrenen Kräfte Kevin Kuranyi (35 DFB- Spiele), Fabian Ernst (24) sowie Patrick Owomoyela (11) aus. Mit dabei ist auch Wackelkandidat Mike Hanke, obwohl der Wolfsburger Stürmer für die ersten beiden WM-Spiele am 9. Juni gegen Costa Rica und am 14. Juni gegen Polen gesperrt ist.

"Wir haben es uns sicher nicht einfach gemacht. Es ist eine Momentaufnahme. Vor drei oder sechs Monaten hätte der Kader vielleicht noch anders ausgesehen", erklärte Klinsmann zu seinen Auserwählten, zu denen wie vermutet auch der Leverkusener Routinier Jens Nowotny und der Gladbacher Stürmer Oliver Neuville gehören. Eine unerwartete WM-Chance bekommt der Stuttgarter Thomas Hitzlsperger, der zuletzt nicht mehr zum engeren Kader gehört hatte. Klinsmann ist "fest davon überzeugt", dass jeder Spieler viel dazu beitragen könne und werde, dass seine WM-Mission in Erfüllung geht. Mit seinen 23 Wunschspielern hält der Wahl-Amerikaner eisern am Ziel Titelgewinn fest.

Allererster Kontakt erst an diesem Montag

"Die Zielsetzung muss einfach die sein, sich bis ganz zum Schluss behaupten zu wollen. Wir trauen es dieser Mannschaft zu", betonte Klinsmann bei einer ungewöhnlichen Team-Präsentation in Berlin, wo der dreimalige Weltmeister vom 5. Juni an im Schlosshotel sein Hauptquartier aufschlagen wird. In einem Film wurden die 23 deutschen WM-Fahrer vorgestellt. Um 13:08 Uhr flimmerten in der Niederlassung des DFB-Hauptsponsors Mercedes Szenen des Dortmunders Odonkor über eine riesige Leinwand. Erst drei Stunden zuvor hatte Klinsmann den gebürtigen Westfalen von seinem Überraschungs-Coup informiert. "Er hat sich sehr gefreut", berichtete der Bundestrainer lächelnd vom Telefonat mit dem bisherigen U 21-Spieler, der eigentlich für die Junioren-Europameisterschaft in Portugal vorgesehen war.

Die sportliche Leitung hatte Odonkor schon seit einem halben Jahr im "Beobachter-Kreis", wie Klinsmann erzählte. Nach der schweren Verletzung von Sebastian Deisler wurde die Beobachtung intensiviert. Den allerersten Kontakt habe es allerdings erst an diesem Montag gegeben. Klinsmann wollte den Dortmunder mit der späten Berufung schützen, "denn sonst wäre zu viel auf den jungen Kerl zugekommen". Er bringe etwas ein, "was wir dringend benötigen: Schnelligkeit und Überraschungsmomente", sagte der Bundestrainer.

"Sehr schwere Telefonate"

Selbst die Führungsspieler waren nicht eingeweiht. Michael Ballack erreichte die Nachricht in London, wo er am Montag seine Unterschrift unter einen Drei-Jahres-Vertrag beim FC Chelsea setzte. "Das ist eine große Überraschung. Er kann aber eine Geheimwaffe sein, weil er eine enorme Schnelligkeit hat", sagte der Mannschaftskapitän zu Odonkor. Die WM-Überraschung sprintet die 100 Meter unter 11 Sekunden.

Auch von anderen Entscheidungen zeigte sich Ballack überrascht: "Was weh tut, ist, dass Kevin Kuranyi nicht dabei ist, der ja letztes Jahr ein fester Bestandteil der Mannschaft war." Klinsmann hatte alle Verlierer der WM-Auslese persönlich informiert: "Es tut den Spielern weh, aber wir können nur 23 benennen", berichtete Klinsmann von den "sehr schweren Telefonaten" mit den Verlierern. Die Gewinner bekamen am Montag gleich ihre WM-Rückennummern; Jens Lehmann übernahm als WM- Stammkraft wie von ihm zuvor gewünscht die Nummer 1 von Oliver Kahn.

Treffen am Dienstag in Frankfurt

Gleich sechs Nationalspieler berief Klinsmann auf Abruf, da aus Verletzungsgründen noch bis 24 Stunden vor dem Eröffnungsspiel am 9. Juni in München gegen Costa Rica Nachnominierungen möglich sind: Neben Kuranyi, Ernst und Owomoyela sollen sich Torhüter Robert Enke sowie die Feldspieler Manuel Friedrich und Paul Freier fit halten. "Ich bin keineswegs sauer auf den Trainerstab, einfach nur riesig enttäuscht", kommentierte Owomoyela die Versetzung ins zweite Glied.

Kuranyis Ausbootung begründete Klinsmann mit dessen Formschwäche nach der Winterpause: "Kevin hat in diesem Jahr sicher Probleme gehabt." Der 22-jährige Hanke und der zehn Jahre ältere Neuville hätten "eine Nasenspitze" vorne gelegen. Von der Rückkehr des Leverkuseners Nowotny in die Nationalmannschaft verspricht sich der Bundestrainer "viel Erfahrung" für seinen im Schnitt 26,3 Jahre alten Kader. 2002 war Teamchef Rudi Völler mit einer im Durchschnitt knapp ein Jahr älteren Mannschaft Vize-Weltmeister geworden. In Klinsmanns Aufgebot haben nur neun Akteure bereits WM-Erfahrung.

Die 23 WM-Spieler treffen sich an diesem Dienstag in Frankfurt am Main. Nach einem 60-minütigen Spiel gegen den Verbandsligisten FSV Luckenwalde fliegt der Tross am Abend ins Regenerationstrainingslager nach Sardinien. Richtig gearbeitet wird vom 21. Mai an am Genfer See. In der Vorbereitung stehen auch noch drei Länderspiele in Freiburg gegen Luxemburg (27. Mai), in Leverkusen gegen Japan (30. Mai) und zum Abschluss in Mönchengladbach gegen Kolumbien (2. Juni) an.

DPA

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