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Olympia 2008: Das Nest ist gemacht

Die Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben das neue Nationalstadion in Peking entworfen. Das sogenannte "Vogelnest" ist eines von vielen spektakulären Bauwerken der beiden Schweizer. Anfangs mussten sie dabei sogar ohne Vertrag und auf eigenes Risiko arbeiten.

Von David Scherf

Chinas Staatsmacht hat keine Ausgabe gescheut, um die Olympischen Spiele so gigantisch wie möglich zu präsentieren. Sogar von Wetterkanonen wird berichtet, die bei Regengefahr Kugeln aus Silberjodid in die heranziehenden Wolken schießen sollen, um diese rechtzeitig vor dem Erreichen des neuen Nationalstadions in Peking zum Abregnen zu zwingen. Für die Darstellung der neuen Macht wurden Stararchitekten aus aller Welt ins Land geholt: Der Brite Sir Norman Foster erweiterte den Flughafen, der Franzose Paul Andreu gestaltete die neue Nationaloper, und der Niederländer Rem Kohlhaas baut für das chinesische Staatsfernsehen CCTV zwei sich neigende Türme, die an der Spitze miteinander verwachsen. Den prestigeträchtigsten Auftrag aber, den Bau des neuen Nationalstadions, hat sich das Schweizer Stararchitekten-Duo Jacques Herzog und Pierre de Meuron gesichert.

Ihr Entwurf: ein riesiges verworrenes Stahlkonstrukt, das sich wie eine zweite Haut um die Betonschüssel legt. 91.000 Zuschauer passen in das Stadion. Die Maße sind monströs, die Länge: 330 Meter lang, 220 Meter breit und 69 Meter hoch. Damit ragt es 20 Meter weiter in den Himmel als die Allianz-Arena in München. Diese, mit ihrer Haut aus beleuchtbaren Luftkissen, wurde übrigens ebenfalls von Herzog & de Meuron konstruiert, genau wie der St. Jacobspark in Basel, in dem die deutsche Nationalmannschaft noch bei der Europameisterschaft im Juni gegen Portugal und die Türkei siegte.

Ruhm begann mit der Tate Modern

Neben dem Entwerfen von Stadien haben die beiden Architekten mit weiteren Bauten einen großen Eindruck hinterlassen. Sie gestalteten das Schaulager in ihrer Heimatstadt Basel, das Walker Art Center in Minneapolis und den Prada Turm in Tokio. Den Grundstein für ihre internationale Anerkennung legten sie 1999 mit ihrem Umbaukonzept für die Tate Modern Gallery in London. Subtil ergänzten sie das Backsteingebäude, ein ehemaliges Kraftwerk, um einen zweigeschossigen Glasaufsatz. Die ehemalige Turbinenhalle wurde entkernt und zu einem Mehrzwecksaal umgebaut, in dem wahlweise übergroße Kunst dargestellt werden kann - wie eine Sonneninstallation des Künstlers Olafur Eliasson - oder auch mal Kinderleichtathletik-Wettbewerbe stattfinden.

Das "Vogelnest" als Kulturzeichen

Die Menschen in das Gebäude holen, dieses Prinzip verfolgt das Architektur-Duo auch bei dem Stadionprojekt in Peking. "Wir haben Parks und Tempel besucht", sagt Pierre de Meuron. "Dort tanzen, singen und reden die Chinesen miteinander - der öffentliche Raum spielt eine große Rolle. Wir wollten einen Entwurf, der Menschen anzieht." Um mit dem Nationalstadion in Peking einen Platz zu schaffen, an dem Menschen zusammenkommen, wurde nicht beim Stadionbau halt gemacht, sondern gleich ein öffentlicher Park um das Stadion mitgestaltet. In dessen Mitte thront nun wie ein großes Wollknäuel das Stadion, welchem die chinesischen Medien aufgrund seiner Optik den Namen "bird's nest" gaben.

In China kann man anhand der Kosenamen die Sympathien der Bevölkerung für die Bauten ablesen und "Vogelnest" kann man getrost als Kompliment verstehen, verbindet man damit Empfindungen wie Geborgenheit, Schutz und Wärme. "Vor der ersten Skizze haben wir die lokale Kultur studiert und versucht die Tradition zu verstehen", sagt de Meuron. "Das Stadion sollte wie ein Gefäß sein." Als kulturellen Übersetzer zogen die beiden Schweizer den chinesischen Künstler Ai Weiwei zu Rate. Dieser ist spätestens seit dem vergangenen Jahr auch in Deutschland bekannt. Auf der Kunstmesse "Dokumenta" sorgte er mit einem Aufmarsch von insgesamt tausend Chinesen für Furore.

China denkt anders

Weiwei brachte Herzog und de Meuron Vasen und andere Objekte aus der chinesischen Kultur näher, die diese dann in ihren Stadionentwurf einfließen ließen. Eine Harmonie von westlicher Architektur und östlicher Kunst, wobei für das Kulturverständnis hilfreich war, dass Weiwei fünfzehn Jahre in New York gelebt hat. Schwierig wurde es nur, wenn sich das Schweizer Duo mit den chinesischen Verantwortlichen des Bauprojektes auseinandersetzen musste.

"Da gibt es extreme Unterschiede in der Denke zur westlichen Welt", sagt Pierre de Meuron. "Die provozieren einen bis zum Gehtnichtmehr. Die wollen genau wissen: kann er das und will er das wirklich. Wir haben lange ohne Vertrag und auf eigenes Risiko gearbeitet."

"Kein einfaches Ja oder Nein"

Der Spatenstich wurde von den Chinesen absichtlich auf Weihnachten gelegt - mit Anwesenheitspflicht der Architekten. Diesen wurde dann aber vor Ort der Spaten verwehrt. "Wir mussten also am 24. Dezember nach China zur Grundsteinlegung, durften aber nicht teilnehmen", fasst Jacques Herzog mit einem Schmunzeln zusammen. Gewöhnungsbedürftig fanden die beiden Schweizer auch die chinesische Art, wie Projekte zustande kommen.

"Ein Ja oder ein Nein, solche klaren Entscheidungen gibt es unserer Erfahrung nicht in China", sagt Herzog. "Es gab nie ein wirklich definitives Ja zu unserem Stadionentwurf, es wurde nie gesagt: 'Ja, ihr seid unsere Architekten.' Es ist einfach allmählich Realität geworden."

"Vogelnest" soll Eiffelturm werden

Dreieinhalb Jahre Bauzeit und 42.500 Tonnen Stahl stecken in dem "Vogelnest". Ab dem 8. August wird Projekt Nummer 226, so der amtliche Name im Büro von Herzog & de Meuron, abgeschlossen sein. Für das Nationalstadion in Peking hoffen die Architekten, dass es sich zu einem gesellschaftlichen Ort entwickelt, der über den eigentlichen Anlass, die Olympischen Spiele, fortbesteht. Ähnlich dem Eiffelturm in Paris, der 1889 zur Weltausstellung gebaut wurde.

Über Folgeaufträge kann sich das Architektenduo nicht beklagen. Die Tate Modern in London soll eine zusätzliche spektakuläre Erweiterung bekommen. Bereits jetzt bauen Herzog und de Meuron parallel neue Museen in New York und Miami. Zwei weitere Projekte werden sogar bereits vor dem Bau zu Wahrzeichen ihrer jeweiligen Heimatstadt stilisiert. In Basel entsteht für den Pharmakonzern Hoffmann-La Roche der größte Büroturm der Schweiz in Form einer Doppelhelix. In Hamburg soll Ende 2011 die Elbphilharmonie fertig gestellt werden.

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