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Jürgen Großmann: Der Energie-Riese

Er hat sich als Sanierer hervorgetan, als Lebemann und Stahlbaron. Jetzt muss Jürgen Großmann, 2,03 Meter groß, zeigen, ob er auch den Stromkonzern RWE zum Leuchten bringen kann.

Von Ulrike Posche

Das ist wieder mal typisch Großmann! Von allen, die sich zur Transatlantik-Regatta 2007 angemeldet haben, ist sein Boot das größte. 177 Fuß lang, 54 Meter, der Mast gar stolze 60 Meter. Unter der Köhlbrandbrücke im Hamburger Hafen kommt so eine Segelyacht nicht durch. In der vergangenen Woche kreuzte der 54-jährige Stahlunternehmer aus Osnabrück mit der "Parsifal III" durch die Karibik. 28 Grad in Luft und Meer, das hydraulische Pooldeck und der Jacuzzi vom Feinsten, dunkles Holz und weißes Onassis-Leder in der Kajüte - so lässt es sich leben! Dazu der japanische Teppanyaki-Grill auf dem Achterdeck, die Stahlplatte, auf der ihm der Smutje die Lobster à la minute brät. Ein bisschen Stahl muss sein. Ein bisschen Hummer auch.

"I Feel Good"

Wer Jürgen Grossmann länger kennt, der weiß, dass er in solchen Glücksmomenten laut sein Lieblingslied singt, "I Feel Good" von James Browne. Sicher, es gab einige Wolken rings um die Kleinen Antillen, der Wind flaute zum Wochenende ab, aber das war es dann auch. Die Vorstellung, dass 4000 Seemeilen entfernt von seiner karibischen Inselwelt, im regnerischen Essen, soeben gemeldet wird, dass er bald den zweitgrößten Energiekonzern Deutschlands führen wird, dass er sozusagen sein Unternehmen, das gute zwei Milliarden Euro Umsatz macht, gegen eines mit 44 Milliarden Euro Umsatz tauscht, und dass er, der Jürgen, derweil für eine Transatlantik-Regatta übt - das ist eine Vorstellung ganz nach Großmanns Geschmack. "Ich habe mich um den neuen Job bei der RWE AG nicht beworben", lässt er über sein Büro an der Hamburger Elbchaussee wissen, deshalb bleibe er erst mal an Bord. I feel good!

In Berlin sitzt zur gleichen Zeit Großmanns langjähriger Skatbruder Gerhard Schröder, 62, mit seinem früheren Regierungssprecher Béla Anda beim Essen im Restaurant "Borchardt". Sie feiern dort im Familienkreis Schröders Bucherfolg, den Anda als oberster PR-Mann im Herbst 2006 fein gesponnen hatte. Und sie freuen sich, dass schon wieder einer aus ihrem Club der "Frogs", der Freunde Gerhard Schröders, in der ach so wichtigen und zukunftsrelevanten Energiewirtschaft gelandet ist. Erst waren es Schröders Wirtschaftsminister Werner Müller, der zur Ruhrkohle AG abwanderte, und Alfred Tacke, sein langjähriger Wirtschaftsfachmann und Staatssekretär, der zur Steag ging. Sein Freund Utz Claassen und Schröder-Biograf Jürgen Hogrefe, beide gebürtige Niedersachsen, polierten bereits im Süden Deutschlands den Stromkonzern EnBW. Mit Sigmar Gabriel ist auch der Umweltminister der Großen Koalition irgendwie Schröders Dunstkreis entsprungen. Sie kennen sich alle schon ewig.

Und nun kommt also noch der Jürgen ins Spiel. Bald wird er das Energieunternehmen RWE mit neun Braun- und Steinkohle-Schleudern, vier Atommeilern, mit Gas- und Wasser-Kraftprotzern, Umspannwerken und Kohlegruben managen - und die in Essen, so weissagen die Großmann-Kenner, würden sich noch wundern, wie. Wenn dem im Schneechaos die Hochspannungsmasten umknickten, bliebe er jedenfalls nicht in der Deckung wie Vorgänger Harry Roels. Großmann wäre vor Ort und würde helfen, sie wieder aufzustellen. So viel ist mal klar. Manche munkelten Ende Januar auf dem World Economic Forum in Davos, dass der Mastbruch im Münsterland wenigstens einer der Gründe sei, warum der eigentlich sehr erfolgreiche Niederländer Roels aus heiterem Himmel abgesägt wurde. Angeblich war es beim traditionellen Davoser Abfahrtsrennen schon allen bekannt, dass Großmann dessen Job kriegen soll. Nur Harry Roels noch nicht. Dem wirft man heute außerdem vor, dass er zu wenig in Netze und neue Kraftwerke investierte, keine lukrativen Energiefirmen kaufte und sich nicht um die Sicherung von Rohstoffreserven kümmerte. "Ganz Europa ist verteilt worden", klagt ein RWE-Manager, "nur wir waren nicht dabei."

Er sucht lieber Gelegenheiten, Geld auszugeben

Großmann ist keiner, der nur auf die Börse guckt, um Kasse zu machen wie der amtierende RWE-Chef. Er sucht lieber Gelegenheiten, um Geld auszugeben. Es ist ja genug da: Fünf Milliarden Euro schlummern gegenwärtig in der RWE-Kasse. Und wenn die EU von weiterer Reduzierung der Treibhausgase bis an die Schmerzgrenze träumt, wenn also künftig seine Braunkohlekraftwerke nur noch mit stramm gehaltenen Emissionszertifikaten rauchen dürfen, dann wird er jedenfalls in der Lage sein, vorher ein Wörtchen mit seinem Freund Gabriel zu reden, um dem zu sagen, wie stramm. Oder mit der Frau Merkel, die er im Sommer 2005 vor ihrer Wahl zur Kanzlerin in großer Runde einmal aus Versehen mit "Frau Merz" ansprach, was zwar peinlich war, aber dem guten Verhältnis letzten Endes keinen Abbruch tat.

Früher Schröder, jetzt Merkel. Der Selbstdarsteller Großmann ist galant und geschmeidig. Mit allen, mit denen man in diesem politischen Energiegeschäft verbandelt sein muss, ist er über Kurzwahl verbunden. Großer Vorteil, sagen die Analysten. Wenigstens etwas. Drolligerweise war es aber kein Politiker aus der ersten Reihe, der Großmann ins Spiel gebracht haben soll, sondern Osnabrücks ehemaliger Oberkreisdirektor Heinz-Eberhard Holl. Der ist sowohl Aufsichtsrat in Großmanns Firma wie auch bei RWE.

Schon 1997, als Ministerpräsident Schröder seine erste Reise durch die USA machte, brachte Jürgen Großmann für den Flug die Rotweinflaschen im Magnumformat und das Skatspiel mit. Er lehrte Schröder schwere Wörter wie "Entrepreneur" und machte mit seinem tadellosen Englisch Schönwetter, wenn sie bei Mister Smith von General Motors herumstanden oder bei Mister Gates von Microsoft. Damals konnte Schröder ja nur Schulenglisch. Und er kannte sich auch mit Rotwein und tollen Hotels noch nicht so gut aus.

Großmann dagegen war im "Union League Club of Chicago" und im New Yorker "The Pierre" fast wie zu Hause. In der berühmten "Oyster Bar" der Grand Central Station trank er eine Flasche Champagner zu einem Dutzend Premium-Austern, eine Flasche Wein zu einem Teller voller Jakobsmuscheln, eine weitere zum King-Size-Lobster und schließlich Cognac zum Digestif. Herrlich! Beim anschließenden Spaziergang über die Fifth Avenue kehrte der so Gesättigte noch in einem Krawattenladen ein, um seinem Schützling Schröder einen Schlips mitzubringen; einen, auf dessen Vorderseite ein Pin-up-Girl posierte, wie von Val Ramos gemalt. Was haben die Herren da gelacht, als er den überreichte! Ssänk you, sagte Schröder.

Der Kanzler nie ohne Mister Big aus Osnabrück

Seither sind Großmann und Schröder dicke. Auf seinen Reisen mochte der Kanzler fortan nie ohne den Mister Big aus Osnabrück sein. Meistens war ja sowieso die ganze Skattruppe zusammen - Malerfürst Markus Lüpertz, Filmproduzent Hanno Huth und eben der Jürgen vom Stahl. Klar, dass das Trio den Kanzler 2002 auch zum WM-Finale nach Tokio begleitete. Brasilien, Mexiko, Argentinien oder China - sie kloppten und reizten in wechselnder Besetzung um die ganze Welt. Und spätestens als Präsident Putin im April 2004 mit einem ganzen Kosakenchor zu Schröders 60. Geburtstag nach Hannover reiste, konnte Großmann auch den anderen engen Freund seines Skatbruders unter die Lupe nehmen.

Wenn man es einmal knapp formulieren wollte, dann ließe sich sagen, dass der heutige Gasprom-Mitarbeiter Gerhard Schröder in Zukunft dafür sorgen könnte, dass das russische Gas seines Freundes Putin störungsfrei nach Europa fließt, und dass Großmann, Claasen und all die anderen sich dann darum kümmern, dass es von ihren Energiekonzernen schön in die Haushalte und Industriekolosse verteilt wird. Schon vor zwei Jahren hatten RWE und Gasprom bereits Interesse aneinander bekundet. Aber es war nie ganz klar gewesen, wer wen am Haken haben wollte. Großmann ist in Mülheim an der Ruhr geboren, zwischen Duisburg und Essen, zwischen Toni Turek und Helmut Rahn sozusagen. Sein Vater arbeitet in gehobener Stellung bei Thyssen. Sohn Jürgen Richard hat Schlacke im Blut. Eigentlich soll er in Freiburg Medizin studieren, aber als er nach dem Abitur zum ersten Mal an einem Hochofen jobbt, weiß er, dass das nicht sein Ding ist. Er will die großen Maschinen, es soll rumsen und krachen und glühen. Und er mag die Männer mit den verschmierten Gesichtern sowieso lieber als die in den weißen Kitteln. So studiert er Eisenhüttenwesen in Clausthal-Zellerfeld, dann Wirtschaftswissenschaften in Göttingen, Freiburg und den USA. Mit Stipendien organisiert sich Großmann Praktika von Südafrika bis Brasilien, von Japan bis Mexiko. Mit einem Dr.-Ing. vor dem Namen fängt er als Vorstands-Assi bei Klöckner an.

Mit 36 ist er bereits selbst im Vorstand, zuständig unter anderem für die marode Stahlfirma Georgsmarienhütte im Süden Osnabrücks. Der Herr trägt jetzt peu à peu Strunztücher vor der Brust, Maßhemden mit Initial und Siegelring. Unterschriften leistet er mit dem "Meisterstück".

Es gehört zu den schönen Industriellenlegenden, wie er in einer Klöckner-Vorstandssitzung einmal krawuttig wird, weil die anderen die Georgsmarienhütte kurz vor Weihnachten 1992 plattmachen wollen, und wie er dann den Klöckner-Posten an den Nagel hängt und den morschen Apparillo am Teutoburger Wald für zwei symbolische Mark übernimmt. 1200 Hüttenleute behalten damals ihre Jobs und treten samstags mit dem neuen Chef an, um das Werksgelände von rumgammelndem Kroppzeug zu befreien, streichen Fassaden und säen Rasen, wo vorher das Unkraut die Zäune hochgekrochen ist. Beim Betriebsfest grillt Big Daddy die Würstchen für seine Stahlschmelzer und singt "I did it my way". In seiner Osnabrücker Dienstwohnung hängt gerahmt die Partitur des Klassikers, mit der Originalunterschrift des Sängers Sinatra.

Jürgen Grossmanns Liebe zur Musik ist betriebsbedingt. Seine Frau Dagmar Sikorski hat den Musikverlag ihres Vaters Hans geerbt. Inzwischen ist der ein internationales Unternehmen mit mehr als 30 Einzelverlagen, das alles bereithält, von Sergej Rachmaninows "Chor der Geister" bis Rolf Zuckowskis "Vogelhochzeit", von "So ein Tag, so wunderschön wie heute" bis zu "Bilder einer Ausstellung". Oder, wie Großmann einmal erklärte: "Wenn irgendwo auf der Welt Mussorgskij gespielt wird, klingelt bei meiner Frau die Kasse." Manchmal, wenn sie nachts nach einer ihrer "Flying Dinners" mit Kanzlern und Kanzlerinnen, Ministern und Ackermännern in ihrer Dienstwohnung säßen, dann, so erzählt Dagmar Sikorski-Großmann, sage ihr Mann: "Komm, wir gehen noch mal gucken." Wie Eltern eines frisch geborenen Säuglings sich nachts noch einmal an die Wiege schleichen, so schlichen sich dann die Großmanns in die Werkshalle, spazierten zwischen den Eisenmonstern und Stahlkrallen rings um den Elektrolichtofen - und seien ergriffen. Von der Schönheit des Stahls, von der Anmut der gigantischen Maschinen.

Jürgen Großmann hält sich wider alle unternehmerische Vernunft ein Sterne-Restaurant in Osnabrück. Er hortet ein gutes Dutzend historische Autoschätze, die er sommers bei der italienischen Landpartie "Mille Miglia" ausfährt. Er betreibt in Australien ein Weingut, das rote Schluppenzieher namens "Gentle Annie" hervorbringt, die er, um die Qualität noch zu heben, mit besonders schönen Etiketten verziert. Großmann hat gerade das "Arosa Kulm Hotel" im Engadin gekauft, weil die Besitzerfamilie Nachfolgeprobleme hatte. Wenn er vom Lachseangeln in Alaska kommt oder seinen Sohn im englischen Internat besucht hat, fliegt Großmann anschließend gern schon mal mit dem Billigflieger von Ryanair in sein Jagdrevier an den Niederrhein. Dort wartet dann ein Teil der deutschen Wirtschaftselite und sogar mancher Magazin-Chefredakteur mit der Flinte auf ihn. Dann ist Halali in großem Stil. Vor Jahren hat sich Großmann nach dem Totblasen und Schüsseltreiben weiter nach Berlin oder Hannover fahren lassen, je nachdem, ob Otto Schily, Markus Lüpertz und Kanzler Schröder dort am Skattisch auf ihn warteten. So einer ist Jürgen Großmann.

Kann er auch ein Dax-Unternehmen führen?

Alles schön und gut, sagen manche Analysten heute, aber ob der auch ein Dax-Unternehmen führen kann? Eines, dass nicht nur sich selbst und seinem Eigentümer verpflichtet ist, sondern auch den Aktionären und Investoren, den beamtenhaften Kontrolleuren in den Kommunen und den Politikern im und außerhalb des Landes? Kurz nach Meister Großmanns Ernennung kachelte der Wert der RWE jedenfalls erst einmal um 1,5 Milliarden nach unten. Kein Wunder also, dass Großmann vorerst lieber in der Karibik blieb. Was soll er auch dazu sagen? Dass er binnen 13 Jahren aus einem Haufen Schrott eine Stahlkocher-Holding mit 43 Unternehmen machte, ist ja bekannt. Dass seine Arbeiter zu den höchstbezahlten in ganz Deutschland gehören, auch. Dass er mit denen und dem Stahlboom der vergangenen Jahre auch selbst vermögend wurde, weiß jeder. Die Elefanten auf seinen Krawatten trugen immer schon den Rüssel nach oben. Was also soll einem wie ihm schon passieren?

Als Grossmann 50 wurde, da schenkte ihm das Personal seines Restaurants "La Vie" ein riesiges Frikadellenherz. Er ist zwar ein Brackmann breit wie hoch, aber da wusste er mal nicht, was er sagen sollte. Er war gerührt und brauchte beinahe ein ganzes Tablett seines Lieblingsschnapses "Lokstedter", um sich zu fassen. Nein, nein, Scheitern ist für den Transatlantiksegler, Niederwildjäger, Weinbauern, Gelegenheitssänger und Firmensanierer Jürgen Richard Großmann keine gefährliche Kategorie. Aber wenn ihm einer ein Herz aus Frikadellen brät, dann fängt er an zu heulen.

Mitarbeit: Joachim Reuter; Richard Rickelmann / print