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Wie viele Flüchtlinge verträgt Deutschland?

Der Migrationsforscher Klaus J. Bade erklärt im Gespräch mit dem stern, wie wir uns selbst belügen, was jahrelang schiefgelaufen ist und warum wir deshalb eine neue Asylpolitik brauchen.

Interview: Nicolas Büchse

Flüchtlinge warten in Berlin vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales auf ihre Registrierung.

Flüchtlinge warten in Berlin vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales auf ihre Registrierung.

Herr Bade, wenn man im Internet nach Begriffen wie Flucht, und kulturelle Vielfalt sucht, stößt man neben Willkommensgrüßen auch auf wüste Hasstiraden. Warum? 

Ein gutes Drittel der Bevölkerung ist kulturoptimistisch, offen gegenüber kultureller Vielfalt, sieht Zuwanderung als Chance. Ein anderes Drittel sind die Kulturpessimisten. Denen ist kulturelle Vielfalt der Untergang von Volk und Abendland. Da wächst auch der Hass. Jetzt läuft der Kampf um das noch diffuse Drittel dazwischen. Die Grenzen verschwimmen, je nachdem, um welche konkrete Frage es geht.

Wie optimistisch, diffus oder pessimistisch sehen Sie das Einwanderungsland zur Zeit? 

Ich bin gedämpft zuversichtlich. Die Bürgergesellschaft hat die Politik vor sich her getrieben. Weil sie die Schnauze voll hatte von dieser miserablen Asylpolitik, aber auch von sogenannten Asylkritikern wie Pegida.

Thomas de Maiziere hat verkündet, solch ein Zustrom an Flüchtlingen sei auf Dauer zu viel für Deutschland. 

Ist ja nett. Es muss aber endlich endlich begriffen werden: Migration und Integration sind gesellschaftspolitische Lebensfragen unserer Gegenwart und Zukunft. Man muss sich also mehr einfallen lassen als Redensarten, Ordnungspolitik und Rechtsklempnerei.  Deshalb haben diese Fragen zentral auch nichts im Bundesinnenministerium zu suchen. Dort denkt man in erster Linie in den Kategorien von Ordnung, Sicherheit und Gefahrenabwehr. Bei Migration und Integration geht es aber vor allem um Arbeit und Soziales. Die zentrale Zuständigkeit dafür sollte deshalb endlich dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales übertragen werden.

 

Was wäre zu tun?

Die Bundesregierung hat unter dem steigenden Migrationsdruck zwar unlängst fürs erste hilfreiche Entscheidungen gefällt und zum Beispiel den überlasteten Kommunen Hilfe zugesagt. Aber das war Betriebsunfallpolitik im Anschluss an das mutige Wort der Kanzlerin "Wir schaffen das!" Es hatte im Wanderungsgeschehen eine Art Schabowski-Effekt ausgelöst, einen Sturm auf die deutschen Grenzen. Jetzt ist die Lage nicht "am Limit", sondern außer Kontrolle und es beginnt die Defensive mit Abwehrmaßnahmen an und auch vor den Grenzen, zum Teil in Reichweite zum regierungsamtlichen Verfassungsbruch. Für die Sicherung der gemeinsamen Zukunft brauchen wir aber weniger Abwehrspieler und mehr Stürmer mit großen Visionen für Deutschland und .

 Worauf muss sich Deutschland einstellen? 

Wir müssen uns politisch ehrlich machen: Der Migrationsdruck wird, wenn er einmal aufgestiegen ist, anhalten. Das haben wir schon im ‚Manifest der Sechzig: Deutschland und die Einwanderung 1994 vorausgesagt. Politik hat das damals überhört und dann verschlafen. Wenn wir uns nicht, wie zuletzt in Ungarn, hinter Stacheldrahtverhauen mit Wasserwerfern, Nebelkerzen und Blendgranaten verteidigen oder am Ende gar auf schießen wollen, dann werden wir auch künftig mit einem starken Flüchtlingsaufkommen in Europa und Deutschland leben müssen. Es muss endlich begriffen werden: Wenn wir uns nicht um die Dritte Welt kümmern, dann kommt sie zu uns.

Heißt konkret?

Die Krisenherde in Syrien und Nordafrika zum Beispiel wird es noch lange geben. Deshalb werden viele der von dort gekommenen und noch kommenden Flüchtlinge hier bleiben und zum Teil auch ihre Familien nachziehen. Politik muss den Bürgern erklären, wie sie damit umgehen und dabei handlungsfähig bleiben will.
Die Regierung hat gerade beschlossen, die Zahl der sicheren Herkunftsländer zu erweitern.

Das war ein fauler Kompromiss mit großem Krötenfressen. "Sicher" sind diese Länder doch nur im Sinne des verstümmelten deutschen Asylrechts. Niemand kann im Ernst behaupten, dass die unterdrückten und alltäglich diskriminierten Roma vom sogenannten Westbalkan, die damit doch besonders gemeint sind, keinem Verfolgungsdruck unterliegen.

Das sieht die Regierung nicht so.
Regierungsmeinungen ändern Tatsachen nicht. Die Schweizer erkennen zum Beispiel, und zwar erheblich schneller, bis zu 30 Prozent, die Franzosen knapp 10 Prozent der Antragsteller aus dem Kosovo als verfolgte Flüchtlinge an. Wir aber schützen uns vor Menschen, die wir hier als Flüchtlinge nicht haben wollen, indem wir Ihre Länder zu sicheren Drittländer erklären. Das ist rechtspolitischer Humbug. Außerdem bringt das verfahrenspraktisch fast nichts, wie die Erfahrungen mit Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien zeigen, die 2014 zu sicheren Drittstaaten erklärt worden sind.

Was sollte man stattdessen tun?
Den Wanderungsdruck in den Ausgangsräumen lindern, Minderheitenschutz forcieren, alles bekannt. Und das Grundgesetz achten, auch wenn man Regierung ist: Ein Flüchtling, der um Asyl bittet, muss aufgenommen und individuell angehört werden. Er hat das Recht zu bleiben, bis ihm nachgewiesen werden kann, dass sein Schutzanspruch unbegründet ist. Und auch dagegen kann er Rechtsmittel einlegen. Wenn wir ihn, wie jetzt geplant, an den Grenzen mit Schnellverfahren abweisen, was im Sinne des Grundgesetzes ohnehin verfassungswidrig ist, dann kommt er irregulär bzw. ‚illegal’ wieder. Damit fördern wir nur die Schlepper, die wir angeblich bekämpfen. Für Verzweifelte ist keine Grenze unüberwindbar. Wir müssen die Ursachen unfreiwilliger Wanderungen in den Ausgangsräumen bekämpfen und dazu bereit sein, auch Systemfragen zu stellen, wie der kluge Papst das in seiner Enzyklika ‚Laudato Si’ getan hat. Und wir müssen Teilen lernen: Spenden ist noch nicht teilen und Willkommensgrüße sind noch keine Willkommenskultur. Und wir sollten den angekommenen Flüchtlingen den Weg in den Arbeitsmarkt erleichtern.

Gibt es Erfolgsbeispiele dazu? 

Wir könnten da von den Amerikanern lernen. Als in den frühen 1990er Jahren viele Menschen aus dem blutig zerfallenden Jugoslawien nach Deutschland kamen, suchten die Amerikaner sich nicht nur die humanitär dringendsten Fälle, sondern oft auch die fähigsten Leute aus. Ich habe selber solch einen Fall mitbetreut: Einen Facharzt für Anästhesie aus Sarajevo, der mit seiner Familie auf komplizierten Wegen aus der umkämpften Stadt nach Deutschland geflohen war. Er wollte hier keinen Asylantrag stellen. Er sagte, damit distanziere ich mich von meiner Heimat. Ich bin doch nicht politisch verfolgt, ich kann da nur nicht mehr leben. Ich bin zuckerkrank, bekomme dort keine Medikamente und muss sehen, wo ich bleibe. Da kamen die Amerikaner mit ihrer Quote für Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien und sagten dem Sinne nach: Sie sind Anästhesist und ihre Gattin ist Englischlehrerin? Hervorragend, kommen Sie! Er fand bald in einem Krankenhaus in den USA eine gute Position, eines seiner Kinder machte einen Prädikatsabschluss an der Schule und konnte sich eine Universität für ein kostenloses Studium aussuchen. Das ist eine amerikanische Flüchtlingskarriere. Wir hätten gesagt: Gehen Sie zurück, Sie haben keinen Asylantrag gestellt.
Wie stellen Sie sich das für Deutschland vor?

Es gibt kein Recht auf Einwanderung, aber Flüchtlinge haben ein Recht auf Schutz. Bei uns werden nur bis zu 3 % der Antragsteller als asylberechtigt anerkannt. Aber insgesamt dürfen rund 50 % aus Gründen der Genfer Flüchtlingskonvention und aus anderen Gründen als schutzberechtigte Flüchtlinge bleiben. Warum soll es nicht möglich sein, dass  auch solche Flüchtlinge schneller als Einwanderer akzeptiert werden, wenn sie gute  Voraussetzungen dafür mitbringen. Warum ersparen wir uns nicht diesen riesigen Verwaltungsaufwand, den wir betreiben, und ihnen die Tortur, sie jahrelang in einem unsicheren Bleibestatus zu halten, mit Arbeitsgenehmigungen auf Zeit, die die Arbeitgeber daran hindern, in ihre Weiterqualifikation zu investieren? Warum bieten wir ihnen nicht die Einwanderung an? Viele würden dieses Angebot sicher gerne annehmen.

Und dann?
Bei Bedarf das ganze Programm: Sprachkurs, Orientierungskurs, Einführungen in die verschiedensten Bereiche, berufliche Ergänzungsangebote...- damit helfen wir uns doch selber, denn wir brauchen Einwanderer. Ein Einwanderungsgesetz, das seinen Namen verdient, könnte hier vieles erleichtern.

 

Das klingt gut. Aber es kommen nicht nur Anästhesisten/Qualifizierte als Flüchtlinge nach Deutschland.
Wenn Flüchtlinge schutzberechtigt sind, dann hat es nicht zu interessieren, ob sie Hochqualifizierte oder Analphabeten sind. Integrationsförderung kostet immer Geld, aber das ist gut investiert; denn die sozialen Folgen gescheiterter Integration sind wesentlich belastender für alle als die finanziellen Kosten rechtzeitiger Teilhabeförderung, anders gewendet: Wenn  wir Unqualifizierte mit Sozialgeld über Wasser halten, kostet das  weitaus mehr als sie dazu zu bringen, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen.

Das bisherige System ist schon überlastet. Wie stellen Sie sich das
konkret vor?
Wir sollten zum Beispiel Flüchtlinge aus Krieg und Bürgerkrieg in Syrien aus dem Asylverfahren herausnehmen und ihnen auf Zeit einen Flüchtlingsstatus zuerkennen. Nach drei oder fünf Jahren kann man dann prüfen, wie die Lage in Syrien ist und ob man die Leute zurückschicken kann. Diejenigen aber, die diese Zeit genutzt haben, um Deutsch zu lernen und ihre berufliche Qualifikation zu ergänzen und deshalb auf eigenen Beinen stehen oder einen Arbeitsvertrag haben, denen sollten wir anbieten, zu bleiben. Es wäre doch absurd, Menschen, die wir wegen ihrer Qualifikation hier brauchen, zurückzuschicken, nur weil das in irgendwelchen asyl- oder aufenthaltsrechtlichen Ausführungsverordnungen steht.

Und wenn das nicht gelingt? 

Wenn die Aufenthaltszeit abgelaufen ist und die Rückkehr ansteht, weil sich die Lage im Herkunftsland gebessert hat, dann müssen wir konsequent genug sein, zu sagen: Sie hatten jahrelang Zeit, die deutsche Sprache zu lernen und eine wie auch immer geartete Ausbildung zu erwerben. Wenn Sie das nicht wollten oder konnten, dann gehen Sie bitte wieder zurück. Das bedeutet nicht, dass jeder, der nach einigen Jahren nicht gut Deutsch spricht oder eine Stelle gefunden hat, zurückgeschickt werden muss. Jenseits von Qualifikationsfragen muss es auch humanitäre Sonderregelungen geben, zum Beispiel aus familiären Gründen. Das unflexible starre Ordnungsdenken in der deutschen Asylpolitik ist wenig hilfreich und wohl auch der verzweifelte Versuch, von dem zusammenstürzenden europäische Asylsystem nicht mit erschlagen  zu werden. Wir brauchen ein neues europäisches Asylrecht.
Wie soll das aussehen? 

Nötig sind auf europäischer Ebene zunächst einmal vergleichbare Asylstandards. Das ist die Voraussetzung für die Verabredung von nationalen Aufnahmequoten. Wir brauchen zusätzlich für Arbeit und Asyl zwei supranationale europäische Agenturen in Servicefunktion, also zur Hilfe für die Staaten, nicht zu ihrer Bevormundung...
... eine für die Arbeitssuchenden? 

Ja, eine Europäische Arbeitsagentur, die mit den nationalen Arbeitsagenturen vernetzt ist. Dort stünde eine große, stets aktuelle Datensammlung bereit. Bewerber aus aller Welt können dort formalisierte Unterlagen einreichen, statt aussichtslose Asylanträge zu stellen. Unternehmer, Betriebe und die öffentliche Hand können dort anfragen, aber auch selber Stellen anbieten.  Datenschutz ist kein Problem, wenn Bewerber und Anbieter der Freigabe ihrer Daten zustimmen. So etwas Ähnliches gibt es auf nationaler Ebene schon in Kanada. Quer durch Europa könnte dann zum Beispiel ein in Nordafrika tätiger deutsch-französischer Kältefachbetrieb anfragen: Habt ihr einen Kältefachingenieur, der auch kaufmännische Auslandserfahrung hat und arabisch, deutsch und französisch spricht? Sowas erfährt man ja nicht beim nächsten Jobcenter.
Und für die Flüchtlinge? 

Eine ebenso vernetzte Asylagentur in Servicefunktion, die aufgrund der Rückmeldungen aus den Mitgliedsstaaten die Entwicklung der Aufnahmequoten dort überblickt. Wenn es vergleichbare Standards, Aufnahmequoten und eine solche zentrale Agentur gäbe, dann könnten sich Flüchtlinge sogar ihr Zielland aussuchen: Wenn ein Flüchtling zum Beispiel nach Deutschland will und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge meldet, dass die deutsche Quote erschöpft ist, dann könnte der Flüchtling ein anderes Land wählen, das noch Aufnahmekapazitäten frei hat und dort anfragen lassen.  Wenn er die zweite oder sogar dritte Chance ablehnt, dann muss er sich verteilen lassen oder aber, so hart das auch sein mag, auf seinen Aufnahmeantrag verzichten.

Das wird schwierig, einige Mitgliedsländer lehnen eine Quote strikt ab.
Das ist letztlich Verhandlungssache. Man ist sich schon grundsätzlich einig über die Möglichkeit eines Verteilungsschlüssels nach Bruttoinlandsprodukt, also Wirtschaftskraft, nach Arbeitslosenzahlen, nach der Zahl der schon aufgenommenen Flüchtlinge und anderen Kriterien. Es muss weiter nach Möglichkeiten gesucht werden, das konkret umzusetzen, unter Umständen bis zum Freikauf von Quotenanteilen bei besonderen Engpässen in dem einen oder anderen Land. Das muss auch für die Regierungen der osteuropäischen neuen Mitgliedsstaaten gelten, die zögerlich sind vor dem Hintergrund der fremdenfeindlichen Strömungen in ihren Ländern. Es geht nicht, dass einige Länder in Europa nur kassieren wollen, aber  nicht in  gemeinsame europäische Belange investieren wollen.  Die EU ist kein Transferverband.
Innenminister de Maiziere sieht große Probleme darin, dass nun vor allem arabische Muslime nach Deutschland kommen. 

Damit redet er den "Islamkritikern" das Wort, die arabischen Muslime gerade zu einem Schreckbild aufblasen. Er hetzt sogar pauschal gegen Flüchtlinge und sagt im ZDF-"heute-journal":  Bis zum Sommer seien die Flüchtlinge dankbar gewesen, bei uns zu sein, hätten brav gefragt, wohin sie verteilt werden würden. Jetzt gebe es sogar Flüchtlinge, die "streiken, weil ihnen die Unterkunft nicht gefällt und weil ihnen das Essen nicht passt". Manche flüchten in der Tat aus den zum Teil unerträglichen Sammellagern, was bei de Maizière dann heißt: "Sie gehen aus Einrichtungen raus, sie bestellen sich ein Taxi und haben erstaunlicherweise das Geld, Hunderte Kilometer durch Deutschland zu fahren". Müssen Flüchtlinge eigentlich immer arm und demütig sein? Das ist gefährliche populistische Semantik, die nicht folgenlos bleiben wird.

Aber dass es bei der Integration Probleme geben kann ist klar - soziale, religiös-kulturelle Probleme, auch importiertes Konfliktpotential. Das kann in einer perspektivlos wirkenden Lagersituation explosiv wirken.

Wie kann man das verhindern?

Einerseits sollte man die Menschen nicht so lange in Lager sperren. Andererseits kann man nicht erwarten, dass Flüchtlinge im Schlauchboot auf dem Mittelmeer die deutsche Verfassung auswendig lernen. Umso mehr muss ihnen gleich nach der Aufnahme, und zwar in der jeweiligen Landessprache, in einer knappen und klaren Erläuterung  mitgeteilt werden: Dies sind die wichtigsten Grundrechte und Grundwerte in unserem Land und die daraus folgenden Spielregeln für den Alltag. Nichtbeachtung kann Ausweisung zur Folge haben. Das Dokument sollte im Beisein eines Dolmetschers erläutert und dann unterschrieben werden, damit sicher ist, dass die Botschaft auch verstanden worden ist. Ich habe etwas gegen "Gesinnungsprüfungen". Aber die Akzeptanz der Grundwerte unserer Verfassung ist nun einmal unabdingbar. Wer seine Aufnahme als Flüchtling unserem Grundgesetz verdankt und uns gleichzeitig sagt: Ich verachte Euer westliches Wertesystem, dem sollten wir, mit Verlaub, gleich wieder den Weg zur Grenze zeigen.

Klingt, als würden Sie der Deutschen Leitkultur das Wort reden. 

Ich rede vom Wertesystem des Grundgesetzes. Das schützt nicht die Würde des Deutschen, sondern des Menschen. Hilfreich wäre hier die von verschiedenen Seiten angeregte Leitbildkommission, die  die im Grundgesetz verankerten Werte für das Zusammenleben im Alltag unserer Einwanderungsgesellschaft  leichter verständlich und handhabbar macht – für Zugewanderte, aber auch für Einheimische.

Wieso ist das nötig? 

Viele Bürger haben noch nicht zureichend realisiert, dass die Einwanderungsgesellschaft kein Zustand ist, sondern ein eigendynamischer und unübersichtlicher Kulturprozess. Sie verändert sich ständig weiter, auch ohne neue Zuwanderungen, aber beschleunigt, wenn es starke weitere Zuwanderung gibt. Nichts bleibt so wie es war. Das hat Politik über Jahrzehnte hinweg nicht erklärt, zum Teil wohl selber nicht verstanden. Das ist auch eine Quelle der verbreiteten Sorge, "Fremde im eigenen Land" zu werden. Aber viele Ängste sind unbegründet oder sogar  durch politische Polemik hervorgerufen.
Inwiefern? 

Ein Beispiel unter vielen anderen ist der derzeitige Bundesinnenminister selber. Er hat in seiner ersten Amtsperiode aus heiterem Himmel behauptet, es gäbe viele "Integrationsverweigerer" im Land, er kannte sogar ihren Anteil an der Zuwandererbevölkerung: 15 Prozent. Das war populistischer Quatsch. Überall wurde dann vom BMI vergeblich nach Belegen für die ominösen 15 Prozent gesucht. Trotzdem legte der Minister öffentlich sogar mit der Überlegung nach, "Integrationsverweigerer" zu bestrafen. Das war zwar, frei nach Herbert Wehner, "noch quätscher", aber der Begriff "Integrationsverweigerer" blieb, wie "Asylanten", "Asyltouristen", "Wirtschaftsflüchtlinge" und andere politisch-populistische Unworte, in vielen Köpfen hängen.

Was ist ihre Prognose:  Wie wird das Einwanderungsland Deutschland in zehn Jahren dastehen? 

Deutschland wird kulturell noch vielfältiger sein. Die Forschung spricht von "hybriden" oder "hyperdiversen" Einwandererstädten. Wir werden uns, wie derzeit schon die Bürger von Amsterdam, London und Brüssel, zunehmend daran gewöhnen müssen, dass die Menschen ohne Migrationshintergrund irgendwann die größte Minderheit sind, weil es keine "Mehrheitsgesellschaft" mehr gibt. So wie in den USA, wo die aus Europa stammenden Amerikaner um die Mitte des 21. Jahrhunderts nur noch die größte einheimische Minderheit sein werden. 



Kommentare (5)

  • stern-Moderation
    Wir verabschieden uns für heute und schließen die Kommentare unter diesem Artikel. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an sterncommunity@stern.de /tsy
  • dmb05
    dmb05
    Ich kann mich 'LUPUS' nur anschliessen. Der Migrationsforscher lebt schön in seiner theoretischen Traumwelt, fernab von den realen Mühen des täglichen Umgangs mit Flüchtlingen/Asylbewerbern/Einwandern.
    Vielleicht würde ihm auch ein längerer Auslandsaufenthalt - bevorzugt in einer islamisch geprägten Region - mal aufzeigen, was uns noch bevorstehen könnte, bzw wie andere Länder in der Region mit Zuwanderung umgehen.
    Und das vom sicheren Schreibtisch aus die Situationen anders aussehen als auf der Strasse oder im Wohngebiet neben einem Flüchtlingsaufnahmelager.
    Wetten das der Kollege Migrationsforscher sein Salär von Institutionen bekommt, die die öffetliche Meinung in eine gewisse Richtung dirigieren möchten ?
  • Lupus
    Lupus
    Der Herr Migrationsforscher lebt anscheinend auf dem Mond, weitab der Realität.
    Wie sieht es denn in den Metropolen, den Vorstädten, Stadtbezirken usw. aus, mit der so gen. "Multi-Kulti-Gesellschaft: Alles so schön bunt hier, oder was? Wo bleibt die vielbeschworene Integration von Menschen, die sich gar nicht integrieren lassen wollen? Keine Gewalt? Ein friedliches Miteinander?
    Von wegen kulturelle Vielfalt! Als ob Deutschland in einer kulturellen Einfalt stagnieren würde. Das !!! ist eine schlimme Unterstellung! Noch !!! besitzen wir Deutsche eine kulturelle Vielfalt!
    Meine Befürchtung ist, dass unsere Velfalt mehr und mehr schwindet, einer Einfalt mit Kaftan und Burka den Weg frei macht.
  • Iblis
    Iblis
    Die Frage, wie viele Flüchtlinge Deutschland verträgt, ähnelt der Frage, wie sicher die Rente ist. Antwort: Sie ist äußerst sicher, ihre Höhe ist allerdings ein anderes Thema.

    Analog dazu wird Deutschland notfalls auch zehn Millionen neue Flüchtlinge ernähren können; das Niveau des allgemeinen Wohlstands steht dann aber auch wieder auf einem anderen Blatt.

    Der Migrationsforscher klingt, als würde er seine Arbeit ausschließlich vom Schreibtisch aus erledigen. Seine Vergleiche und Erwartungen gehen zum Mond. Vielleicht sollte er sich zunächst einmal mit eher einfachen Eckdaten beschäftigen, zum Beispiel mit der Situation auf dem Arbeitsmarkt (Fachkräfte / Geringqualifizierte), der Demografie (zahlenmäßige Entwicklung mit Unterteilung nach Bildung und Einkommen) sowie nicht zuletzt mit der bisherigen Zuwanderung aus gewissen Bereichen, von der man 1980 sagte, dass sich in dreißig Jahren alles sehr weitgehend angeglichen haben würde.

    Bevor Deutschland nicht einmal die bisherige Zuwanderung in den Griff bekommen hat, bedeutet die Aufnahme der Neuankömmlinge mindestens auch einen Verlust von Stabilität. Was dabei als verträglich gelten soll, wäre noch zu definieren.
  • BuegePeter
    BuegePeter
    was heisst da "wie viele Flüchtlinge verträgt Deutschland"?? Wie beim Fleischer! "Darf es etwas mehr sein"?? Und wer ist eigentlich WIR?? Erst macht man den Deutschen mündigt und dann spricht man ihn dies ab. Nächstesmal rennt der Berliner nach Bayern und beantragt Asyl!
    Ich war lange Zeit in Ausland (bis März 15) und kann über solche Ausländerpolitik nur milde lächeln. Hü und Hot Politik.Ich sagte von Anfang an Völkerwanderung. Man sprach von 1,5 Mille und hatte die 3 Mille bereits im Kopf - es werden 5 Millie am Ende werden. Brüssel glotze nur, lass das mal die Mama machen. Von der EU als Ganzes habe ich noch nie etwas gehalten, zu Recht wie sich Heute zeigt.
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