Drogenhandel, Glücksspiel, Geldwäsche, Korruption: Wie sich eine Kriminelle Vereinigung unter den Augen der Honoratioren in einer Stadt ausbreitete.Ort der Handlung: nicht Palermo, sondern Neuruppin. Von Frauke Hunfeld

Vom Würstchenbudenbesitzer zum Paten: Olaf K. bei seiner Festnahme Ein vermummter SEK-Beamter begleitet einen Kronzeugen zum Gericht. Der Prozess findet unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen statt© Michael Hanschke/ DPA
Sicher, ein komisches Gefühl hatten sie schon. Andererseits: war ja nix bewiesen. Klar, man hörte so dies und das. Ist eben so, in einer kleinen Stadt. Da gibt es auch viel üble Nachrede. Aber: Dafür ist doch die Polizei zuständig, oder nicht? "Und wenn das gestimmt hätte, was man so gehört hat, dann wäre das doch längst aufgeflogen." Sagt Jens-Peter Golde, der frisch gewählte Bürgermeister von Neuruppin, und blickt aus dem Fenster seines Hotels hinaus auf den See.
Als im Morgengrauen eines schönen Augusttages im vergangenen Jahr über 200 Polizisten in die kleine beschauliche Stadt Neuruppin rasten, war das Überraschendste für die Ermittler, dass niemand überrascht war. Als sich die LKA-Leute in Dutzende Wohnungen rammten, durch Betten wühlten, Schränke auskippten, Holzverkleidungen abrissen, als sie mit Krawumm und Getöse Aktenordner in Kisten schmissen, CDs und Festplatten über die holprigen Wege in ihre Autos zerrten, als sie selbst vor dem Rathaus nicht Halt machten, da ging kein Sturm der Entrüstung durch die kleine Stadt. Nicht einmal ein laues Lüftchen des Erstaunens. Selbst als bekannt wurde, dass gegen mehr als hundert Personen ermittelt wurde, dass etliche sofort verhaftet wurden, darunter ein CDU-Politiker, Rathausmitarbeiter, ja sogar ein Polizist, sagten die Leute bloß "na ja" und "wurde auch mal Zeit". Am Abend darauf eröffneten sie ihr Weinfest, und die Beigeordnete tanzte auf der Bühne mit einem Bürgermeister aus Japan.
Seit Anfang Mai läuft vor dem Landgericht Neuruppin das größte Verfahren gegen die organisierte Kriminalität, das jemals im Land Brandenburg stattfand. Es sind Söhne der beschaulichen Fontanestadt um den mutmaßlichen Rädelsführer Olaf K., die da als XY-Bande vor Gericht stehen, aber die Vorwürfe taugen für einen Mafia-Thriller: Bildung einer kriminellen Vereinigung, Drogenhandel in großem Stil, illegales Glücksspiel, Förderung der Prostitution, Geldwäsche, Nötigung, Körperverletzung, illegaler Waffenbesitz und so weiter. Geschnappten Dealern wurde Schweigegeld gezahlt, Gewinne aus den "Geschäften" brachte man in die Schweiz. Einzelne Zeugen werden mit kugelsicherer Weste auftreten, die Sicherheitsbedingungen wurden verschärft, der Hof des Landgerichtes mit olivgrünen Planen verhängt wie im Krieg. "Jetzt wollen wir aber nicht, dass unsere ganze Stadt kriminalisiert wird", sagt Bürgermeister Golde und seufzt. "So etwas kann doch überall passieren", findet auch sein Vorgänger Otto Theel.
Und Reinhard Sommerfeld, der den Hauptangeklagten in die CDU geholt hat, will gar nichts mehr sagen. Er hat nämlich "die Nase langsam voll". Doch wie der Würstchenverkäufer Olaf K. in wenigen Jahren zum Paten von Neuruppin aufsteigen konnte, zum Immobiliengroßkäufer, zum Stadtsanierer, zum Fußballklubpräsidenten, Parteiensponsor, zum Hoffnungsträger eines touristischen Großprojekts, am Ende gar zum Abgeordneten, das hat vielleicht mehr mit den Neuruppiner Verhältnissen zu tun, als so mancher wahrhaben will. Die Plätze zu gross, die Straßen zu breit, die Nasen zu hoch - so beschreibt schon Fontane seine Geburtsstadt im Ruppiner Land, 60 Kilometer nordöstlich von Berlin. Zu Ostzeiten rottete die preußischste Stadt Deutschlands vor sich hin wie viele Baudenkmäler der ehemaligen DDR, gemacht wurde nur das Nötigste. Nach der Wende aber stieg der idyllisch am Ruppiner See gelegene Militärstandort zu so etwas wie einer Provinzhauptstadt auf. Und nach einer kurzen Übergangszeit übernahmen die alten Kader die Regie. Otto Theel (PDS), früher 1. Wirtschaftssekretär der SED-Kreisleitung, wurde 1993 Bürgermeister und blieb es elf Jahre lang, bis er aus Altersgründen ausschied.
Sein frisch gewählter Nachfolger Jens-Peter Golde war vor der Wende in der SED, trat nach der Wende der SPD bei, war mal kurz Wirtschaftsdezernent, bevor er wegen angeblicher Zweckentfremdung von Geldern gehen musste. Jetzt ist er in der Unternehmerinitiative "Pro Ruppin", die böse Zungen in der Stadt die "Wir helfen uns"-Partei nennen. Der ehemals starke Mann der CDU, Reinhard Sommerfeld, war zu DDR-Zeiten Kampfgruppenleiter des örtlichen Großbetriebes. In der Euphorie der Nachwendezeit machten viele von ihnen Geschäfte und Unternehmen auf, manche große, manche kleine. Otto Theel übernahm das alte SED-Erholungsheim, das nun der Treuhand gehörte. Auf ein neues Geschäftsfeld musste der gescheiterte Sohn nicht lange warten. Andreas Theel bekam den Zuschlag für das Catering der städtischen Neuruppiner Fahrgastschifffahrt. Sein kleiner Bruder Christian durfte mit seiner Firma "Pro event" Veranstaltungen in der städtischen Pfarrkirche durchführen. Reinhard Sommerfeld machte eine Firma auf, die Büros, Schulen und Kitas ausstattete. Golde eröffnete die Gastwirtschaft seiner Eltern, direkt am See gelegen, neu. Und Olaf K., damals 21, versuchte sich mit einer Würstchenbude am Markt, zusammen mit seinem Freund Jürgen D., dem Sohn des örtlichen Juweliers und Chefs der "Arbeitsgemeinschaft Innenstadt". Reich werden konnte man damit nicht.
Olaf und seine Freunde erweiterten ihre Geschäfte. Erst stellten sie Spielautomaten auf, dann betrieben sie Spielotheken, eröffneten ein Fitnessstudio. Die in der Innenstadt gelegene Kneipe "Blue Banana" wurde ihr Treffpunkt. Sie schlossen sich immer enger zusammen, kauften sich die gleichen Autos, schotteten sich ab, um sich herum immer ein paar "Freunde" der Marke Dickärmel, die wohl aussehen sollten wie Bodyguards, aber eher als Laufburschen fungierten. Am Anfang haben sie noch gegrinst, die Leute von Neuruppin.Was spielen die denn hier? Gleiche Siegelringe, fette Limousinen, immer mit dem XY im Kennzeichen, und sie nennen sich "Familie". Was soll das werden? Klein- Palermo? Oder doch eher Räuber Hotzenplotz? Sie stolzierten mit dunklen Sonnenbrillen durch die Stadt, ließen die Ellbogen aus den Fenstern ihrer schnellen Autos hängen und schworen sich ewige Freundschaft. Kleine-Jungs-Romantik, dachten die Leute, ein bisschen spät dran vielleicht, die Burschen, aber bitte, so mancher hatte was nachzuholen nach der Wende.
Dann erzählten die Kinder am Abendbrottisch, dass der K. und seine Leute vor den Schulen Drogen anboten. Zur gleichen Zeit verkaufte die Stadt ungerührt eine Immobilie an Olaf K., in der ein Bordell residierte. Man hörte, dass mitten in der denkmalgeschützten Innenstadt immer mehr Häuser an Olaf und seine Freunde gingen. Viele fanden das gut. Die Häuser erstrahlten in neuem Glanz. Es ging voran in Neuruppin. Aber dass man mit den Gewinnen aus Würstchenbude und Fitnessklub nicht ganze Straßenzüge aufkaufen und sanieren konnte, das vermochten sich selbst die zusammenzureimen, die mit ihren eigenen kleinen Geschäften in Neuruppins Innenstadt gerade so überlebten. Es ist nicht so, dass niemand etwas gesagt hätte. Als sie Olaf K. in die CDU gebeten haben und am gleichen Tag auf die Wahlliste zum Stadtparlament gehievt, weil er doch jetzt jemand war, da haben ihn die neuen Parteifreunde einfach mal ganz direkt gefragt, wie das denn nun ist.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 21/2005