Der Folterskandal nimmt kein Ende. Noch abscheulichere Vergehen kommen ans Licht, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gerät massiv unter Druck. Vom selbst ernannten Moralapostel George W. Bush wendet sich jetzt selbst seine Kirche ab.

Soldaten bewachen die Sicherheitsschleuse am Eingang zum Gefängnis Abu Ghreib in Bagdad. Auf dem Schild steht: "Willkommen in Oz" - dem Reich des bösen Zauberers© John Moore/AP
Wenn die Schlagzeilen bedrohlich werden wie in diesen Tagen im Mai, wenn seine Umfragewerte rapide sinken und die Welt von systematischer Folter spricht, wenn schließlich selbst in der eigenen Partei Zweifel aufkommen an seiner Mission, greift Präsident George W. Bush zu einem altbewährten Rezept: Er haut ab. Er entflieht der Hauptstadt, die ihn nie ins Herz geschlossen hat, und fährt raus aufs Land, raus in den Süden, zu einfachen, gottesfürchtigen Menschen, die ihn auch dann noch verteidigen würden, wenn er die Verbreitung amerikanischer Werte auf dem Mars einforderte.
Es ist die 60. Woche dieses Krieges, und Bush tritt in Van Buren auf, einer Kleinstadt im Bundesstaat Arkansas. Am Tag zuvor hat er die neuen, noch dramatischeren Folterfotos zu Gesicht bekommen. Sie zeigen Akte brutaler Gewalt und sexueller Erniedrigung. Die Journalisten bitten ihn um ein Statement, aber Bush hat zu dem Thema nichts mehr zu sagen. Er begrüßt den Bürgermeister und macht Scherze über die Schlaglöcher in den Straßen. Zuvor hat er die Football-Profis der New England Patriots empfangen und sie flachsend um Hilfe im Wahlkampf gebeten: "Es beeindruckt mich, wie cool ihr bleibt, wenn ihr unter Beschuss geratet." Später, vor einer konservativen Vereinigung, wird er sich einen "glücklichen Menschen" nennen und einen Herrenwitz nach dem anderen reißen.
Es ist derselbe Abend, an dem die Geschichte des enthaupteten Amerikaners Nick Berg auf allen Kanälen läuft.
Wenn der Präsident zurückkehrt ins Weiße Haus und den Fragen der Reporter nicht mehr entfliehen kann, den Fragen nach Folter, Enthauptung und Kriegstoten, hat er einen Satz parat, seinen Standardsatz: "Wir werden unsere Mission erfüllen." Vergangene Woche fügt er noch hinzu: "Mir ist die Politik in Amerika egal. Wir machen das Richtige, und wir werden die Mission beenden." Dann verschwindet er wieder und blendet alles aus, die Ratschläge von Staatsmännern, die Empörung von Irakern, die Zeitungen, die er mit Ausnahme der Sportseiten sowieso nicht liest. "Es ist frustrierend, sich mit falschen Meinungen und Charakterisierungen zu beschäftigen, die einfach nicht wahr sind", sagt er. Sie behinderten ihn darin, "ein optimistischer Führer" zu sein. Nach außen mag sich der Präsident optimistisch und selbstbewusst geben - wie es aber in ihm aussieht, verriet seine Frau Laura in der vergangenen Woche.
Die Folterfotos hätten ihn schwer mitgenommen. Er fühle Abscheu und Wut. Er, der seinen eigenen Glauben gern zur Kollektivmoral von 285 Millionen Landsleuten erhebt, kann nicht fassen, dass Amerikaner zu solch sadistischen Misshandlungen fähig sind. Er, der den Krieg zu einem Kreuzzug des Guten gegen das Böse ausrief, muss jetzt einen Kreuzzug gegen das Böse in den eigenen Reihen führen. Er, der Soldaten in seinen Reden zu Übermenschen machte, zum Rückgrat der Nation, muss feststellen, dass sich einige wie Tiere verhalten. Er, der ein Gegenmodell zu Bill Clinton sein wollte, hat jetzt seinen eigenen Sexskandal, einen, der, wie die "New York Times" schrieb, über Zigarrenwitze hinausgehe.
Es gibt kaum jemanden in Amerika, der dem Präsidenten in diesen schweren Wochen seinen Anstand abspricht, seine Courage und Loyalität und Beständigkeit, aber genau diese Züge werden jetzt zum Problem. Er hält an einem Minister wie Donald Rumsfeld fest, der selbst in den Augen konservativer Hardliner versagt hat. Er hält an einer militärischen Taktik fest, die nach Einschätzung vieler Generäle gescheitert ist. Er vertraut auf Berater, denen der Sieg gegen die Demokraten bei den Präsidentschaftswahlen wichtiger ist als der Sieg im Irak. Er lässt den Foltertempel Abu Ghreib nicht abreißen und reagiert auf die Vorschläge des Internationalen Roten Kreuzes so widerwillig, als wären sie Interventionspläne für seine Gartenarbeit. Die Welt, die nach dem 11. September noch die Losung ausgab: "Wir sind alle Amerikaner", diese Welt ist nun vereint gegen Bushs Amerika.
Wenn man sich umhört in Washington, in den Think-Tanks und Cafés, in den Ministerien und Botschaften, so sind die Bilder auch knapp drei Wochen nach ihrer erstmaligen Veröffentlichung das alles dominierende Thema. Und sie werden es bleiben, sagen die Leute, bis alle veröffentlicht sind. "Es ist wie Gespräche über Fußball", sagt Jeff Kojac vom Center for Strategic and International Studies. "Jeder kann mitreden, jeder weiß, dass es schlimm ist, man versteht es sofort, es ist nicht so komplex wie der Wiederaufbau des Iraks oder die Pläne für eine Übergangsregierung. Und jeder fragt sich, was noch kommt."
Während im Weißen Haus das Motto dieser Tage "Aussitzen" lautet, macht sich nur einige Blöcke entfernt, im Außenministerium, Panikstimmung breit. Schon die einseitige proisraelische Politik der Regierung hat vielen im State Department Kopfschmerzen bereitet, doch das sei nichts, heißt es hier, gegen die Vorkommnisse von Abu Ghreib, die sämtliche Klischees vom amerikanischen Imperialismus bündeln wie in einem schlechten Propagandafilm. Die Taten einer Hand voll Soldaten haben das Land in eine tiefere Krise gestürzt als der Tod von bisher mehr als 780 Amerikanern in diesem Krieg. Täglich geht eine Flut von Meldungen aus US-Botschaften aller Welt ein. Sie berichten davon, wie sich der Hass gegen Amerika manifestiert. Aus dem Kampf um die Herzen und Köpfe der Iraker ist ein Kampf ums Überleben Amerikas als Supermacht geworden. "Keine Frage, die Bilder erschweren unsere Arbeit", sagt Außenminister Colin Powell. "Diese Bilder sind sehr destruktiv für unsere Außenpolitik."
Auch in konservativen Kreisen haben die Bilder nun eine neue Diskussion um die Richtigkeit des Irak-Kriegs und Bushs "missionarischen Eifer" ausgelöst. Arizonas einflussreicher Senator John McCain, der den Präsidenten trotz persönlicher Animositäten in seiner Irak-Politik stets unterstützte, spricht von den "traurigsten Tagen meines Lebens" und "furchtbaren Folgen". Der Republikaner Tom Cole, ein gemäßigter Abgeordneter aus Oklahoma, sagte Rumsfeld ins Gesicht: "Wir sollten uns nichts vormachen. Dies ist unser politisches PR-Pearl-Harbor."
Noch vernichtender fallen die Urteile unter Demokraten aus. "In den nächsten 50 Jahren wird das Foto eines Amerikaners, der einen nackten Iraker an einer Leine über den Boden zerrt, das Image der Vereinigten Staaten sein", erklärte Senator Jack Reed aus Rhode Island. Und Ted Kennedy sagte erregt: "Es ist eine katastrophale Glaubwürdigkeitskrise für unsere Nation. Zu unserer Schande finden wir jetzt heraus, dass Saddams Folterkammern unter neuem Management wieder eröffnet wurden: unter US-Management."