30. April 2012, 10:34 Uhr

Ukraine empört sich über deutsche Boykott-Forderungen

In Kiew stoßen Forderungen aus Deutschland nach einem Politiker-Boykott der Fußball-EM auf Unverständnis. Ein weiterer Staatschef hat derweil eine Ukraine-Reise abgesagt.

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EM-Stadion in Kiew: "Wenn die Regierung nicht bald einlenkt, wird die EM zum Debakel"©

Medienberichte über einen möglichen Boykott der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine durch die Bundesregierung sind in Kiew auf Unverständnis gestoßen. Er hoffe, dass dies nur eine "Zeitungsente" sei, sagte Außenamtssprecher Oleg Woloschin am Montag in Kiew. "Man will gar nicht daran denken, dass die Staatsmänner Deutschlands fähig sind, die Methoden der Zeiten des Kalten Krieges wiederzubeleben und zu versuchen, den Sport zu einer Geisel der Politik zu machen", sagte Woloschin nach Angaben örtlicher Medien.

Der Umgang der Ukraine mit der inhaftierten Ex-Premierministerin Julia Timoschenko stößt in Deutschland weiter auf scharfe Kritik. Stephan Mayer (CSU), Mitglied im Sportausschuss des Bundestages, sagte der "Bild"-Zeitung: "Kein Mitglied der Bundesregierung sollte an der EM als Zuschauer teilnehmen!" Die Ukraine sei mit ihrem "Verhalten im Fall Timoschenko drauf und dran jede Chance auf Glaubwürdigkeit zu verspielen." Mayer: "Wenn Kiew nicht einlenkt, wird die EM für die Ukraine zum Debakel.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte "Bild.de": "Ich unterstütze die Bundesregierung, damit Frau Timoschenko eine vernünftige ärztliche Behandlung bekommt, am besten hier in Deutschland! Einen Boykott halte ich nicht für ratsam, weil der Sport nicht jetzt das lösen kann, was Staatengemeinschaften auch nicht lösen können. Als politisch Verantwortlicher kann man jedoch nicht in die Ukraine fahren und so tun, als gäbe es das Problem nicht!" Gisela Piltz, Mitglied im Bundesvorstand der FDP, kritisiert ebenfalls die Zustände in der Ukraine scharf. Piltz sagte "Bild.de": "Die Entwicklung in der Ukraine ist problematisch und besorgniserregend. Demokratie sieht anders aus!"

Unterdessen hat nach Bundespräsident Joachim Gauck auch der tschechische Präsident Václav Klaus als zweiter Staatsmann seine Reise zum geplanten Gipfeltreffen Mitte Mai in der Ukraine abgesagt. Das berichtete die Prager Zeitung "Lidové Noviny" unter Berufung auf den Sprecher des Präsidenten. Als Hauptgrund für die Absage nannte der Sprecher Bedenken angesichts der Inhaftierung von Oppositionsführerin Timoschenko.

Sportverbände lehnen Boykott ab

Einer Umfrage zufolge ist eine Mehrheit der Deutschen für einen solchen Boykott: 52 Prozent der Befragten würden sich wünschen, dass Merkel und ihre Minister den deutschen Spielen in dem Land fernblieben, berichtete die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf das Institut Emnid. Zudem wollten 50 Prozent der Befragten, dass die Spiele in der Ukraine in ein anderes europäisches Land verlegt werden.

Gegen einen Boykott hat sich IOC-Vizepräsident Thomas Bach ausgesprochen. "Boykotte haben sich in der Vergangenheit immer als ebenso sinn- wie erfolglos erwiesen. Alle Verantwortlichen haben das inzwischen erkannt", sagte Bach. Auch Zwanziger, Mitglied im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (UEFA), lehnt einen Boykott ab. "Eine Absage ist keine Alternative, damit haben wir in der Vergangenheit bei anderen Ereignissen überhaupt nichts erreicht. Das ist reiner Populismus", sagte Zwanziger.

Die Widersacherin von Präsident Viktor Janukowitsch befindet sich nach eigenen Angaben seit dem 20. April im Hungerstreik. Sie wirft dem Staat Foltermethoden in Haft vor, weil sie nicht ordnungsgemäß behandelt werde. Der Machtapparat bezeichnete sie dagegen als Simulantin. Jüngste Fotos zeigen die 51-Jährige mit Prellungen, die ihr Wachbeamte zugefügt haben sollen. Die Anführerin der Orangenen Revolution war im Vorjahr nach einem international umstrittenen Prozess wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Straflager verurteilt worden.

Als erstes Mitglied der Bundesregierung hatte sich Umweltminister Norbert Röttgen offen gegen Besuche prominenter Politiker bei der EM ausgesprochen. "Es muss unbedingt verhindert werden, dass das ukrainische Regime die EM zur Aufwertung ihrer Diktatur nutzt", sagte der CDU-Politiker der "Bild"-Zeitung. "Deshalb finde ich, dass Besuche von Ministern und Ministerpräsidenten zur EM nach jetzigem Stand nicht in Frage kommen. Die ukrainische Regierung sollte Frau Timoschenko sofort in die Freiheit entlassen."

Merkel will Minister Fernbleiben empfehlen

Die Forderung Röttgens liegt auf einer Linie mit Überlegungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die laut "Spiegel" einen politischen Boykott der EM in der Ukraine erwägt. Sollte die in Haft erkrankte Oppositionsführerin nicht freigelassen werden, wolle Merkel ihren Ministern empfehlen, den Spielen in der Ukraine fernzubleiben, heißt es. Das Land trägt die am 8. Juni beginnende Fußball-EM gemeinsam mit Polen aus.

Nach den Explosionen in der Ukraine hat der Geheimdienst SBU Phantombilder von drei Verdächtigen veröffentlicht. Die Männer zwischen 30 und 45 Jahren würden wegen "terroristischer Attentate" gesucht, teilte die SBU-Zweigstelle in Dnjepropetrowsk mit. Zu den möglichen Motiven der Verdächtigen machte der SBU keine Angaben. Ein Unbekannter namens "Eurobomber" hatte am Samstag auf einer örtlichen Nachrichtenseite im Internet erklärt, am Vortag gemeinsam mit einem Komplizen Anschläge in Dnjepropetrowsk verübt zu haben.

Bei den Explosionen in der Heimatstadt von Julia Timoschenko im Osten des Landes waren etwa 30 Menschen verletzt worden. 14 Menschen lagen am Sonntag weiter im Krankenhaus, wie die Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine unter Berufung auf die örtlichen Behörden meldete.

nik/DPA/AFP
 
 
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