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Merkel beschert Griechenland den größten Albtraum

Ausgerechnet mit dem verhassten Nachbarn Türkei soll Griechenland künftig die EU-Außengrenze sichern. Der unfreiwillige Einsatz unter dem Dach der Nato weckt in Athen Jahrzehnte alte Ängste.

Ein Gastbeitrag von Vaso Gildizi, Athen

Türkei Griechenland Flüchtlinge

Gekentertes Flüchtlingsschiff vor der Küste der Türkei. Schon seit 20 Jahren streitet sich Griechenland mit dem Nachbarn über den genauen Grenzverlauf

Griechischen Politikern und Militärs lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, als Angela Merkel die Idee eines Nato-Einsatzes gegen Schlepper in der Ägäis verkündete. Für die Griechen war das kein Vorschlag, sondern beschlossene Sache. Noch schlimmer saß der Schock, weil die deutsche Kanzlerin die Ankündigung gemeinsam mit dem türkischen Premierminister Ahmet Davutoglu in Ankara machte. Ausgerechnet beim ungeliebten Nachbarn.

Seit 20 Jahren Streit um türkisch-griechische Grenze

"Gemeinsame Patrouillen mit der Türkei in der Ägäis" - für Griechenland ein Albtraum, gegen den sich Athen bereits vor ein paar Monaten heftig widersetzte, als der Vorschlag schon einmal aus Berlin und Brüssel kam. Zwar sprach Merkel von einem Einsatz "vor der türkischen Küste", doch der türkische Ministerpräsident redete von "einem Einsatz in der Ägäis". Und dieser Teil des Mittelmeers gehört bis auf wenige Ausnahmen zum griechischen Hoheitsgebiet.

Hintergrund ist der alte griechisch-türkische Konflikt um den genauen Grenzverlauf. Es war im Januar 1996, genau vor 20 Jahren, als die Türkei während einer Such- und Rettungsaktion eines verunglückten türkischen Frachters in der Nähe der griechischen Insel Imia in der östlichen Ägäis Ansprüche auf griechische Inseln erhob und einseitig den Begriff "Graue Zonen" einführte. Ein Begriff, der zwar in der internationalen Diplomatie nicht anerkannt ist, den aber Ankara außenpolitisch immer wieder benutzt, um die griechische Souveränität über die Gewässer und die Inseln in der Ägäis infrage zu stellen.

In manchen Gebieten der Ägäis sind die Seegrenzen zwischen den griechischen Inseln und dem türkischen Festland nur zehn Seemeilen breit. Die griechischen Hoheitsgewässer betragen sechs Seemeilen. Seit 1995 droht Ankara Athen mit Krieg, sollte Griechenland seine Seegrenzen gemäß des so genannten Seerechtsübereinkommens ausweiten.

Kein Verständnis für Empfindlichkeiten Griechenlands

Erst vor wenigen Tagen kam es zu einem Vorfall, der das Selbstbewusstsein der Türken widerspiegelt: Ein Hubschrauber der griechischen Marine war nahe der Insel Kinaros abgestürzt. Das türkische Militär forderte von den Nato-Streitkräften in der Region, dass "Teilnehmer an der Such- und Rettungsaktion den türkischen Militärbehörden gemeldet werden müssen", aber nicht den griechischen. Und das, obwohl die Absturzstelle etwa 42 Seemeilen von der türkischen Küste entfernt liegt.

Weder Nato noch die Europäische Union - und im weiteren Sinne auch Berlin - haben Verständnis für derlei griechische Empfindlichkeiten. Im Gegenteil: Merkels Vorschlag treibt die griechische Regierung in die Enge und lässt ihr wenig Spielraum. So eilte Verteidigungsminister Panos Kammenos also mit einigen Bedingungen im Gepäck zum Nato-Hauptquartier nach Brüssel. Griechenland würde den Einsatz in der Ägäis nur unterstützen, wenn die türkische Marine nicht in griechischen Hoheitsgewässern operieren dürfe und umgekehrt. Und wenn keines der beiden Länder die Führung der Nato-Mission übernehmen würden. Die griechischen Bedingungen wurden akzeptiert, Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg machte den Einsatz bekannt und sprach von "einem Antrag, den Deutschland, Griechenland und die Türkei gemeinsam machten".

Ende gut, alles gut? Mitnichten! Nicht wenige in Athen machen sich Sorgen darüber, wie genau dieser Einsatz ablaufen wird. Operieren die türkischen Schiffe tatsächlich nur innerhalb der eigenen Hoheitsgewässer oder spielt Ankara erneut seine alten Spielchen?

Nato-Einsatz ein absurdes Hirngespinst

Ein ehemaliger, hochrangiger Offizier der griechischen Armee sagt es so: "Vielleicht werden unsere Hoheitsgewässer nicht verletzt, weil die türkischen Schiffe Teil der Nato-Armada sind. Mehr Sorgen bereitet uns aber, dass Griechenland die Kontrolle über der Ägäis an der Nato übergeben wird." Auf politischer Ebene ist man in Athen zudem skeptisch, ob die Mission überhaupt den gewünschten Erfolg bringen wird. Sprich: Ob sie in der Lage ist, den Flüchtlingsstrom zu stoppen. Wie wird die Nato-Flotte gegen die Flüchtlingsboote vorgehen? Wird sie Menschen in Seenot retten? Und: Wohin mit den Menschen? Landen sie am Ende doch wieder in Griechenland? Verteidigungsminister Kammenos, der den Plan der Öffentlichkeit verkaufen muss, beteuerte, dass "alle Flüchtlinge verhaftet und zurück in die Türkei gebracht werden".

Ob es wirklich so kommen wird? Viele Griechen jedenfalls betrachten den Einsatz als absurdes Hirngespinst. Diplomaten erinnern an eine ähnliche Operation zwischen Italien und Libyen. Die hatte zwar den Flüchtlingsstrom abgebremst, aber eben auch nur umgeleitet. Die Menschen aus Nordafrika und der Sub-Sahara Region gelangten erst in die Türkei und von dort aus nach Griechenland und Europa. 

Vaso Gildizi arbeitet als Journalistin in Athen, unter anderem für den ARD-Hörfunk


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