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6. Mai 2006, 12:17 Uhr

"Ein nuklearer Iran wäre nicht gefährlicher als Israel"

Er war ein Hardliner im Umgang mit der Sowjetunion. Jetzt fordert der ehemalige US-Sicherheitsberater Brzezinski sein Land auf, endlich direkt mit dem Mullah-Regime zu verhandeln. Interview: Katja Gloger

Dr. Brzezinski, kann die Weltgemeinschaft überhaupt noch verhindern, dass sich der Iran die Atombombe beschafft?

Gut möglich, dass der Iran die Bombe eines Tages besitzt. Atomwaffen bedeuten Prestige. Und verbessern die Verhandlungsposition enorm.

Wie gefährlich wäre der Iran als Atommacht?

Nicht viel schlimmer als im Moment.

Das sieht der Rest der Welt offenbar anders, allen voran die USA und Europa.

Der Iran ist ein wichtiges Land in einer sehr instabilen Region. Er ist selbst zwar kein notorisch aggressives Land, doch die meisten seiner Nachbarn haben Atomwaffen: Indien, Pakistan, Russland und Israel. Man kann verstehen, weshalb die Iraner glauben, diese Waffen unbedingt haben zu müssen. Man will ein Mittel der Abschreckung haben. Offenbar gilt dies auch in Teheran als Frage der nationalen Sicherheit. Ich glaube, letztlich wäre ein nuklearer Iran nicht gefährlicher als die Atommächte Indien oder Pakistan. Oder etwa Israel.

Indien und Pakistan standen mehrmals vor einem Krieg. Und Israel mit seinen 200 Atomraketen will der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad von der Landkarte tilgen.

Es ist nicht wünschenswert, dass der Iran Atommacht wird. So könnte die illegale Weiterverbreitung nuklearer Technologie vorangetrieben werden. Und der Iran liegt eben mitten in einer Krisenregion.

Was soll die Welt also tun?

Man müsste sich auf eine Denuklearisierung des Nahen Ostens einigen, auf eine atomwaffenfreie Zone.

Das wurde schon vor 32 Jahren in einer UN-Resolution gefordert - doch bislang geschah nichts.

Die Vereinten Nationen allein haben gar nicht die Macht. Sie könnten niemals die notwendigen Garantien liefern. Letztlich geht es um Sicherheitsgarantien für alle Staaten im Nahen Osten, die sich dazu verpflichten würden, keine Atomwaffen zu besitzen oder zu erlangen.

Wie soll das gehen?

Die fünf großen Nuklearmächte, also die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates, müssten diese Garantien geben. Sie müssten garantieren, dass Länder, die keine Atomwaffen besitzen, nicht von Atommächten angegriffen werden.

Diese Garantie müsste ja vor allem von den USA kommen. Und die verhandeln nicht mit dem "Terrorregime" Iran, wie es in Washington heißt.

Wir wollen ja noch nicht mal mit ihnen reden. Man darf sich aber nicht allein auf militärische Macht verlassen. Wir brauchen ein ernsthaftes Engagement.

Präsident Bush verweist darauf, er habe die Verhandlungsbemühungen der EU-3 unterstützt. Der Iran habe ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Westen gespielt, heißt es auch bei den Europäern.

Nein. Der gesamte Westen war ja eben nicht an dem Prozess beteiligt. Entscheidend ist: Die USA haben nicht teilgenommen. Ganz anders als etwa in Nordkorea. Dort sitzen die USA bei den Sechs-Parteien-Gesprächen faktisch mit am Verhandlungstisch. Und man redet sogar direkt miteinander. Beim Iran allerdings sehen sich die USA ja noch nicht einmal als Teil einer eventuellen Lösung. Es ist schon merkwürdig: Die iranische Regierung und ihr Präsident mit seiner obszönen Sprache sind in mehr oder weniger freien Wahlen gewählt worden. Das ist in Nordkorea ja ganz anders, wie wir wissen.

Warum also diese unterschiedliche Behandlung?

Es hat mit der amerikanischen Nahostpolitik generell zu tun. In den vergangenen Jahren ist sie immer einseitiger geworden. Und immer weniger kompromissbereit. Das war schon unter Präsident Clinton so, mit seinem Iran-Libyen-Sanktionsgesetz. Und Bush ist noch viel weniger kompromissbereit. Doch man muss sich an einen Tisch setzen und reden. Wir müssen Vertrauen und Respekt aufbauen.

Die USA haben immerhin erreicht, dass sich der UN-Sicherheitsrat mit dem iranischen Nuklearprogramm beschäftigt. Dort vergleicht US-Botschafter John Bolton die iranische Bedrohung unverhohlen mit den Terrorangriffen des 11. September. Außenministerin Condoleezza Rice nennt den Iran den "Zentralbanker des Terrors". Beginnt hier ein neuer Countdown, so wie damals beim Feldzug gegen den Irak?

Jedenfalls erinnert die Demagogie stark an die Kampagne gegen den Irak.

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Ausgabe 18/2006

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