Sie haben sich in den Dschungel zurückgezogen. "People's-Temple"-Gründer Jim Jones und rund 1000 seiner Anhänger. Doch auch dort fühlt er sich mehr und mehr von der US-Regierung bedroht, bis er im November 1978 nur noch einen Ausweg sieht: Den Tod aller seiner Jünger. Von Ralf Berhorst

Jim Jones, Gründer der Sekte "People's Temple"© Picture-Alliance
Das Heulen der Sirenen weckt Deborah Layton mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Wächter schlagen an die Tür ihrer Holzhütte und drängen zur Eile. Sie stürzt hinaus in die Dunkelheit, vorbei an Erwachsenen und Kindern, die zu einem hell erleuchteten Pavillon in der Mitte des Lagers rennen.
Aus dem Urwald sind Schüsse zu hören. Über Lautsprecher ertönt eine vertraute Stimme. "Weiße Nacht!", ruft Jim Jones, der religiöse Führer, den seine Anhänger als Propheten verehren. Den sie "Father" nennen und dessen Worten sie vertrauen, als wären es unumstößliche Wahrheiten.
"Weiße Nacht": Dies ist das Signal für die rund 1000 Jünger im Lager, sich auf dem festgestampften Lehmboden um den offenen Pavillon und einigen Holzbänken zusammenzukauern. Viele sind noch erschöpft von der Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern und wie betäubt vor Müdigkeit.
"Wir werden belagert", ruft Jones in das Mikrofon. Der Gründer des "People's Temple" thront in einem hohen Sessel über seiner Gemeinde. Scheinwerfer erleuchten den Pavillon, der nicht viel mehr ist als ein großes Blechdach, gestützt von Holzpfosten. An einem dieser Balken ist ein Schild angeschlagen: "Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Wie oft hat Father seine Anhänger gewarnt, sie könne ein ähnliches Schicksal ereilen wie die Juden Europas. Jetzt hebt er an: "Die Regierung der Vereinigten Staaten will nicht, dass wir überleben. Sie droht damit, uns zu umzingeln, zu attackieren, zu foltern und ins Gefängnis zu stecken."
Dann holt Jones zu einer langen Rede über Abtrünnige aus, die die Bewegung verraten hätten. Alles sei verloren. "Wegen ihrer Untreue und kapitalistischen Selbstsucht seid ihr, meine guten Anhänger, zum Tode verurteilt worden. Sterben müssen wir wegen ihnen und dem, was sie über uns gesagt haben."
Während er spricht, streifen Wachen mit Gewehren durch die Gebäude und Zelte des Lagers, prüfen, ob sich jemand versteckt hält. Andere patrouillieren um den Pavillon und zählen die Versammelten durch.
Wieder ertönen Schüsse aus dem Urwald. "Hört ihr das?", fragt der Father. "Die Söldner kommen. Das Ende steht bevor. Die Zeit ist abgelaufen. Kinder, stellt euch in zwei Reihen zu meinen Seiten auf."
Helfer tragen einen großen Aluminiumbottich herbei, gefüllt mit einem braunen Gebräu: "Es schmeckt wie Fruchtsaft, Kinder. Es wird leicht zu schlucken sein", besänftigt Jones seine Anhänger.
Auch Deborah Layton reiht sich in die lange Schlange ein, um das Gift in Empfang zu nehmen. Die Furcht vor Bestrafung, die Isolation im Dschungelcamp, die Verstrickung in das Glaubenssystem des Jim Jones haben sie zum Sterben bereit gemacht.
Und wäre ein Entkommen überhaupt möglich? Die Wächter drohen, jeden zu erschießen, der sich weigert, seinen Becher auszutrinken. Doch plötzlich sieht sie, wie eine Frau aus der Funkstation des Lagers gelaufen kommt und Jones eine Nachricht zuflüstert. Er neigt ihr den Kopf zu und beugt sich dann wieder über das Mikrofon: "Die Krise konnte abgewendet werden. Ihr könnt in eure Hütten zurückgehen."
Jim Jones ordnet einen Ruhetag an, heute soll niemand mehr auf die Felder ausrücken. Der Pavillon leert sich. Auch Deborah Layton kehrt wie benommen in ihre Hütte zurück. Über sechs Stunden hat die Todeszeremonie gedauert. Inzwischen dämmert der Morgen. Es war ihre erste "Weiße Nacht" in Jonestown, der Kolonie des People's Temple im Dschungel von Guyana. Zum ersten Mal hat sie selbst das Ritual erlebt, mit dem Jim Jones immer wieder die Opferbereitschaft seiner Anhänger auf die Probe stellt.
Später wird sie erfahren, dass der Sektenführer eigene Leute in die Wälder geschickt hat, um die Schüsse abzufeuern. Es gab keine Söldner. Niemand belagerte die Siedlung.
Wenige Tage zuvor, Mitte Dezember 1977, ist Deborah aus San Francisco nach Guyana gereist. Sie hatte gehofft, in eine ideale Kommune zu kommen. Eine Art Paradies inmitten tropischer Vegetation - so wie Father es ihr und den anderen versprochen hatte: ein Refugium, in dem Menschen aller Hautfarben friedlich zusammenleben, geeint durch ihren Glauben an Jim Jones und dessen Lehren.
Allein die Reise von Georgetown, der Hauptstadt des kleinen südamerikanischen Landes, zur Kolonie dauerte mehr als 28 Stunden; erst per Schiff und dann auf einem Lkw ging es immer tiefer ins Landesinnere. Irgendwann, es war schon Nacht, erblickte Deborah ein Schild über der schlammigen Piste: "Willkommen in Jonestown - Landwirtschaftsprojekt des People's Temple". Ein paar Glühbirnen baumelten an Masten, sie sah einfache Holzhütten und grüne Zelte, verstreut über das Gelände.
Am Morgen danach zeigte sich, wie überfüllt Jonestown ist. Heißes Wasser fehlt, vieles ist improvisiert. Die Menschen in der Mustersiedlung wirken angespannt. Sie müssen jeden Tag zehn Stunden auf den Feldern arbeiten. Die Essenportionen sind karg, gewöhnlich etwas Reis; es gibt Strafkompanien und bewaffnete Wärter, die um das Lager ziehen - zum Schutz vor einer Invasion, wie Jones sagt.
In den USA hat Deborah zum Führungszirkel der Sekte gehört, sie kennt Father gut. Nun ist sie überrascht: Er wirkt nervös, sein Gesicht ist aufgedunsen, er scheint krank zu sein. Immer wieder gibt er über die Lautsprecher Anweisungen in das Lager. Wenn er ruht, laufen Kassetten mit seinen Reden.
Abends ruft er seine Jünger zum zentralen Pavillon. Spricht oft bis tief in die Nacht, beschwört die allgegenwärtige Gefahr einer Belagerung. Er lässt Einzelne aus der Menge hervortreten, um sie zur Rede zu stellen oder mit Prügeln zu bestrafen.
Manche lässt Jones tagelang in ein enges Erdloch einsperren. Kinder, die aus der Küche Essen stehlen oder Heimweh zeigen, hängen seine Wächter bei Nacht kopfüber in einen Brunnen, tauchen ihr Gesicht mehrmals ins Wasser. Die Unbelehrbaren kommen auf die Krankenstation, wo man sie mit Medikamenten ruhig stellt. Jones scheint wie besessen zu sein von seinem Verfolgungswahn.
Bald schon wird der Sektenführer seine Jünger alle zwei Wochen zur "Weißen Nacht" rufen.
James Warren Jones, 1931 in einer Kleinstadt des US-Bundesstaates Indiana geboren, stammt aus einfachen Verhältnissen. Er ist als Kind ein Einzelgänger, oft sich selbst überlassen. Das Gefühl der Gemeinschaft findet er nur sonntags, im Gottesdienst.
Gefunden in ... ... Geo Kompakt Nr. 16