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10. April 2009, 10:00 Uhr

Strategie des Scheiterns

Zum 60. Jahrestag der Nato präsentierte US-Präsident Barack Obama eine neue Strategie für den Krieg in Afghanistan: Mehr ziviler Aufbau, weniger Kollateralschäden. Soweit der Plan. Derweil kämpfen seine Truppen in Afghanistan weiter im Rambo-Stil - und zerstören so die Fortschritte niederländischer Soldaten in Urusgan. Von Christoph Reuter

Afghanistan, Nato-Gipfel, Kriegsstrategie, Barack Obama, Krieg

Die Soldaten von Camp Holland in Urusgan geben einem toten Kameraden das letzte Geleit© Thorne Anderson/Cobis

Die Leute im Ort nannten ihn "Herr Hassan". Denn er hatte studiert, war eigentlich Lehrer - aber sorgte seit Jahren als Koch im Gästehaus des Bürgermeisters dafür, dass stets heißer Tee da war, und hörte im baumbestandenen Hof seine Lieblingskassetten. Vermutlich hätte es ihm gefallen, dass der neue amerikanische Präsident Hunderte zusätzlicher Aufbauhelfer nach Afghanistan schicken will, denn Hassans Heimatstädtchen Imam Sahib ganz oben im Norden gehört zu den friedlichsten Orten Afghanistans. Wo es keine Taliban gibt und eine der größten Sorgen darin besteht, einen Berieselungswagen gegen den Staub auf den Straßen zu bekommen.

Doch Herr Hassan ist tot, ebenso wie Ahmad, das spleenige Faktotum, das den ganzen Tag die Autos im Hof wusch, der Leibwächter und dessen Cousin aus Sar-e-Pul, der auf Jobsuche dort wohnte. Opfer eines Überfalls im Morgengrauen. Gegen halb vier Uhr am 22. März kommen zwei Chinook-Transporthubschrauber und setzen rund 60 Soldaten einer US-Sondereinheit ab, die das Tor zum Grundstück des Bürgermeisters sprengen. Sie erschießen Hassan und Ahmad in ihren Betten, die Blutlachen zeichnen ihre Lage nach, bevor auch die übrigen drei regelrecht hingerichtet werden. Von einem der Toten wird hinterher das Gesicht kaum noch zu erkennen sein. Den Leibwächter hört die Familie des Bürgermeisters noch minutenlang flehen, die Amerikaner sollten nicht weitergehen, im nächsten Gebäude seien Frauen und Kinder. Bis die Soldaten auch ihn niedermähen, vier Gäste gefangen nehmen - und wieder abfliegen. Niemand der vom stern unabhängig voneinander befragten Zeugen hat einen Schuss der Gegenwehr aus einer Kalaschnikow gehört. Nur das Zischen der Schüsse aus den schallgedämpften Gewehren der Soldaten.

Laut Pressemitteilung am Morgen danach aus dem Hauptquartier der "Operation Fortdauernde Freiheit", wie die US-Mission "OEF" gegen die Taliban übersetzt heißt, habe man ein "terroristisches Netzwerk" ausgehoben; habe die Zivilisten zum Verlassen der Gebäude aufgefordert, sei dann aber beschossen worden, habe fünf "feindliche Kämpfer" getötet und zahlreiche Waffen beschlagnahmt. Frauen und Kinder seien nicht in den angegriffenen Gebäuden gewesen. Eine Meldung, an der bis auf das Datum und die Zahl der Toten und Gefangenen so gut wie nichts stimmt.

"Ich kannte die doch alle"

Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas geschieht, aber zum ersten Mal ist es im Zuständigkeitsbereich des deutschen Kontingents in Kundus geschehen. Den von Deutschen betriebenen Flugplatz haben die Amerikaner in der Nacht zwar genutzt, der Bundeswehr aber verschwiegen, worum es ging. Angeblich, so heißt es bei US-Terrorfahndern in Kabul, ging es um die Festnahme eines Irakers, der möglicherweise als Kurier für al-Qaida unterwegs war.

Aber dafür das gesamte Hauspersonal des örtlichen Bürgermeisters erschießen und hinterher als Terrornetzwerk ausgeben? "Ich kannte die doch alle", sagt der fassungslose Agrarwissenschaftler Dr. Amir Barekzai, der nach Jahrzehnten in Gießen wieder in seinen afghanischen Heimatort zurückgekehrt ist und für den Deutschen Entwicklungsdienst hier die Aufbauhilfe koordiniert: "Ich habe selbst zweieinhalb Monate im Gästehaus gewohnt. Jeder kann dort wohnen, denn in Imam Sahib gibt es kein Hotel." Deutsche Entwicklungshelfer sind da gewesen, Amerikaner, gerade auch ein Enkel des letzten afghanischen Königs. Mit seinen sattgrünen Wiesen, Weizenfeldern und Weidenalleen an Bächen sieht Imam Sahib aus wie das Emsland - nur voller Afghanen. Ein Ort, wie ihn sich ausländische Militärs und zivile Aufbauhelfer wünschen dürften.

Am Tag nach dem Überfall sammeln sich mehr als 1000 Menschen aus dem ganzen Norden zur Trauerfeier. Traurig ist die Stimmung und ruhig. Aus Kundus reist der Gouverneur an zum Kondolieren, von der Kabuler Regierung der stellvertretende Innenminister. "Wir wollen keine Rache", sagt Bürgermeister Sufi Manan, der im Haus nebenan den Schüssen entging: "Wir verlangen Aufklärung! Gerechtigkeit! Was sollen wir mit Demokratie und Wahlen, wenn man uns einfach umbringen darf?" Selbst für den Fall, dass tatsächlich Terroristen in seinem Gästehaus gewesen wären, "die Amerikaner hätten doch das Haus umstellen und klopfen können". Aus der Menge kommt die gemurmelte Frage, wieso von der Bundeswehr niemand zum Kondolieren gekommen sei.

Festhalten an millitärischen Mitteln

Grell zeigen sich die Widersprüche der Militäroperationen verbündeter Staaten: Vorsichtig, mit viel Geld und wenig Waffengewalt, bemühen sich die Bundeswehrtruppen um Kontrolle und Aufbau im Norden. Dann kommen amerikanische Sondereinheiten auf ein Blutbad vorbei und wollen anschließend das Ganze vertuschen. "Wir hier im Norden", erklärt ein grau melierter Trauergast, "dachten immer, dass all diese Geschichten aus dem Süden von amerikanischen Bombardements auf Zivilisten Talibanpropaganda seien. Jetzt glauben wir sie."

"Change", Wechsel, war eines jener schimmernden Worte aus Barack Obamas Wahlkampf, das nach den acht Jahren Bush mit so viel Erwartungen aufgeladen wurde, bis es schließlich die Wirklichkeit überstrahlte. Doch in Afghanistan verblasst das Wort vom Wechsel. Die amerikanischen und nachgerückten Truppen der Nato-Verbündeten kontrollieren heute weniger Territorium als je zuvor seit dem Einmarsch Ende 2001. Obama hat zum ersten Mal zusätzlich eine "Exit-Strategie" angekündigt. Die USA müssten von der Vorstellung Abschied nehmen, den Krieg mit militärischen Mitteln gewinnen zu können. Doch genau damit werden die von Obama zusätzlich entsandten 17.000 Soldaten und 4000 Militärberater fortfahren: Taliban zu jagen, Feinde zu suchen und dabei stets neue zu schaffen. Auch in seiner Rede zur neuen Strategie vor dem Nato-Gipfel hat der Präsident im Wesentlichen bestätigt, dass alles beim Alten bleibt: "Diese Regierung hat ein klares, konzentriertes Ziel: al-Qaida in Pakistan und in Afghanistan zu zerreißen, zu zerstören, zu besiegen."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 15/2009

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KOMMENTARE (10 von 12)
 
Oetker333 (11.04.2009, 15:19 Uhr)
@durant
Jaja die amerikanische Seite zu hören ist genauso schlau wie einer Wahrsagerin zu glauben. Es allseits bekannt außer bei ihnen dass die offizielle US-Pressestelle immer lügt wenn es um negative Vorfälle geht. Es ist auch allseits bekannt dass die Amis in Rambo-Manier zuerst alle erschießen und dann fragen. Ich glaube das der Bericht echt ist, immerhin gehört der Stern ja immernoch in die westliche Hemisphäre. Es ist auch allseits bekannt dass US-Soldaten für solche Verbrechen paar Monate bekommen und ganz freigesprochen werden siehe Haditha-Massaker im Irak. Da haben die Amis die Todesstrafe und wenden sie bei denen nicht an. Es ist eine Schande was die Amis da treiben. Und da fragen sie sich warum die Taliban immer stärker wird. Ich hoffe dass es in der US-Armee geneug vernünftige Leute existieren die dann solche Mörder anzeigen.
n8g8 (11.04.2009, 02:05 Uhr)
Blendgranate
Leider hat sich Obama bislang in seiner kurzen Amtszeit reichlich als solche entpuppt. Und wir mit unserer gewählten Ausgemerkelten und dem Schröder-Folterer-Handlanger-Steinmeier werden weiterhin brav Gefolgschaft leisten? Weil wir keine politischen Charaktere hervorbringen, sondern von wirtschaftshörigen Trittbrettfahrern regiert werden???
Jeder normal vernunftbegabter Mensch kann nur eine Position zu Afghanistan haben:
ABZUG, und zwar schleunigst!
PEACE!!!!!!!!!!!!!!!!
th_nung (10.04.2009, 22:30 Uhr)
HALLO!
liest dies eigentlich irgend jemand der 1. politische Verantwortung trägt und 2. ein klein bisschen Rückgrat hat?
Es kann doch einfach nicht wahr sein dass so etwas permanent geschieht und permanent weiter diplomatisch gelächelt und taktiert wird!
Grundsätze menschlichen Zusammenlebens, die viel beschworenen Werte, werden hier mit Füssen getreten, was leider noch viel zu schwach formuliert ist, und es wird akzeptiert. Von der von uns gewählten Regierung!
Mobat (10.04.2009, 22:29 Uhr)
Auf zum Bashing...
Warum kann es sich keiner verkneifen, so zu generalisieren. Wie der Artikel treffend beschreibt, gibt es DEN Afghanen in der Form nicht - hinter jedem steht eine Persönlichkeit.
Genauso gibt es DEN Amerikaner aber ebensowenig - und bevor wir den derzeitigen Präsidenten in die Pfanne hauen, sollten wir uns doch ersteinmal fragen, wer sowohl Afghanistan als auch den Irak unsicherer gemacht hat. Ist dies nicht eher ein Erbe des "Mister Bush" (für mich nicht würdig, als Ex-Präsident bezeichnet zu werden). US Bürger, wenn sie denn einmal Nachrichten schauen, lernen mehr über Kriminaltaten in der Nachbarschaft, als über Weltpolitik (CNN und BBC America sind die Ausnahme). Nein, politische Bildung ist nicht wie in Deutschland vorhanden. Nur hatte es in den USA keine Stunde "0" wie in Deutschland gegeben. Der derzeitige Präsident hat aber immerhin mehr Verstand alsd sein "will-aber-ist-zu-doof" Vorgänger.
guutsle (10.04.2009, 21:11 Uhr)
leider die Wahrheit
ich lebe seit 2 jahren in Kabul und habe die Arroganz, gepaart mit Dummheit und Angst der GIs und der anderen amerikanischen Söldner erlebt. So und nur so kann es gewesen sein!
Gisella (10.04.2009, 20:47 Uhr)
meine meinung dazu
wird wohl keiner mehr lesen wollen-nach 20jahren aufenthalt in den USA braucht mir(uns) keiner mehr etwas über die zu erzählen.Es ist oder war die Bush-administration-die alles angezettelt hat- diese kriegsverbrecher. Und ja-ich würde auch mit nem banner am auto fahren-"AMI Go HOME".( raus aus germany)
rinaldi (10.04.2009, 19:33 Uhr)
Demokratie ???
Woran würden wir erkennen, dass wir in einer echten Demokratie leben würden?
Wenn wir öffentlich us-amerikanische Soldaten als Mörder bezeichnen dürften.
Angel_of_Mercy (10.04.2009, 18:45 Uhr)
Arme Schweine
Auf beiden Seiten. Die Afghanen und die meist gering gebildeten, einfachen amerikanischen Soldaten(Ich habe für das US Militär in Deutschland gearbeitet und die Mentalität von vielen kennen gelernt), die Befehle befolgen. Befehle, die von Leuten kommen die es besser wissen sollten. Die es auch besser wissen und wider ihr Gewissen Befehle erteilen oder weiterleiten. Meine Verachtung gilt nicht dem einfachen Soldaten oder dem einfachen Bürger der USA sondern der Marionettenregierung und den raffgierigen Säcken im Hintergrund und einer Militärmaschinerie für die der Faktor Mensch keine Bedeutung hat.
So langsam glaube ich, dass das Pferd von hinten aufgezäumt wird. Anstatt europäische Soldaten abzuziehen und den Amerikanern das Geld zu geben, sollten die USA zahlen und dafür ihre Truppen so schnell wie möglich aus dem Land abziehen.
durant2008 (10.04.2009, 14:51 Uhr)
Grottenschlechter Artikel
An den Verfasser des Artikels:
Es gibt immer zwei Standpunkte einer Geschichte.
Sie zeigen sie ganz sicherlich nicht.
Absolut voreingenommen, alleine schon bei der Wortwahl. Wo haben Sie schreiben gelernt? Wieso zeigen sie nicht die amerikanische Seite? Waren Sie bei der Erstuermung dabei? Haben sie mit den Soldaten nach der Erstuermung gesprochen? Ich koennte noch zig dieser Fragen stellen.
Daemlichster Artikel des Monats!
speedbirdsky (10.04.2009, 14:04 Uhr)
der frieden im krieg
ist eine falle de glaubens,tief geschockt von ihrem bericht,muss ich langsam meine denkweise aendern,in diesem sinne ruhige fest tage im abendland,lg manfred
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