US-Präsident Bush treibt sein Land Richtung Krieg. Die meisten Amerikaner schwelgen mit ihm in Patriotismus, manche verurteilen seinen Kreuzzug.

Seemann Chris Garrett küsst seine Freundin Jennifer Schmied, bevor er in San Diego an Bord der "USS Boxer" geht© AP
Es ist der kälteste Tag seit Jahren in Savannah/Georgia, als Major Dana Schubert in ihrer sandfarbenen Wüstenuniform auf jene Maschine zugeht, die sie in wenigen Minuten an den Persischen Golf fliegen wird. Sie sollte jetzt an ihre Mission denken, an die Moral ihrer Truppe, die Verteidigung der Freiheit. Aber sie denkt an Carmen, ihre sechsjährige Tochter. Sie denkt an Carmens Locken. Und wie diese Locken tanzen, wenn Carmen lacht. Major Dana Schubert ist alleinerziehende Mutter.
Als sie vor wenigen Monaten von einer einjährigen Stationierung in Südkorea zurückkam, hat Dana ihrer Tochter versprochen, dass sie nun bei ihr bleiben werde. Als sie abends dann aber immer häufiger über Kriegsplänen saß, begann Carmen schon etwas zu ahnen. Und als schließlich vor drei Wochen der Einsatzbefehl kam, hat Dana Schubert, 38, ihrer Tochter gesagt: "Mama muss gegen die Bösen kämpfen, die in die Hochhäuser geflogen sind." "Wann kommst du wieder?", fragte Carmen. "Ich weiß nicht", antwortete Dana. "Es war die Wahrheit", sagt sie.
Hätte sie sich weigern sollen? Sie hat sich diese Frage gestellt. Aber sich weigern - nach mehr als 15 Jahren in der Armee? "Es ist halt mein Job", sagt sie. "Ich vertraue meinem Präsidenten." Sie sagt dies leise und freudlos, wie die meisten der 353 Soldaten ihres Bataillons, die an diesem kalten, sonnigen Nachmittag ohne jede Begeisterung, ohne ein Zeichen amerikanischen Hochmuts über das Flugfeld gehen. Keine Rumsfeldsche Rambo-Rhetorik. Keine Vaterlandsschwüre. Manchmal ist es ganz einfach.
Mehr als 13 000 ihrer Kameraden der 3. Infanterie Division wurden in den vergangenen vier Wochen vom Hunter Army Airfield ausgeflogen. Sie gehören zu den letzten ihrer Division. Wenn es zum Krieg kommt, werden sie mit Panzern von Kuwait aus angreifen. Dass es zum Krieg kommt, ist allen klar: Jason, der bereits im ersten Golfkrieg verwundet wurde. Sergeant Master Franklin, dessen zwei Ehen am Armeeleben scheiterten. Geoffrey, der erst 19 ist, aussieht wie 15 und spricht wie 13: "Ich vermisse meine Mama und meinen Papa und meine großen Schwestern." 352 Männer. Major Schubert ist die einzige Frau.
Es dämmert, als der Kommandeur zum Einstieg bittet. Das Rote Kreuz verteilt Arztromane ("Judy - eine Liebe im Mai"), ein Geistlicher legt Broschüren aus ("Wo keine Bibel ist, ist keine Freiheit"). Dana Schubert setzt ihren Helm auf, in den sie ein Erinnerungsfoto ihrer Tochter geklebt hat. Sie hat Tränen in den Augen. Erst kürzlich wurde ihr das Sorgerecht für Carmen zugesprochen. Die wird nun wieder zu Danas Ex-Mann kommen. "That‘s life", sagt sie und verschwindet tief im Bauch der MD 11 auf dem Sonderflug in den Krieg.
Mehr als 185 000 US-Soldaten werden bis Ende dieser Woche am Golf stationiert sein. 50 000 weitere haben ihre Einberufung erhalten, vor allem Reservisten: Polizisten, Ärzte, selbst einige Großväter, die nie mehr damit gerechnet hätten, in einen Krieg ziehen zu müssen. Die Begeisterung im Land hält sich in Grenzen. Nur gut die Hälfte der Amerikaner ist bisher überzeugt von der Notwendigkeit eines Krieges. Mal 20 Prozent mehr. Mal 20 Prozent weniger. Je nach Umfrage. Und Sender. Und Region.
Mitten in Texas, in einer Gegend, wo die Dörfer immer kleiner werden und die Flaggen immer größer, sitzt der alte Cowboy Jesse Bishop über einer Tasse Zucker mit etwas Kaffee und verkündet die Taktik für den Krieg: "Einmarschieren und auslöschen." Sein Tischnachbar Thomas Aguilar empfiehlt: "Erst auslöschen, dann einmarschieren." Sie tragen Cow- boyhüte. Sie spielen Karten. Es ist acht Uhr früh an einem Sonntag in der einzigen Tankstelle von Crawford/Texas, der Wahlheimat George W. Bushs.