Beim G20-Gipfel in London wollen die Politiker die Welt retten. Der Philosoph Otfried Höffe glaubt, dass das klappen kann. Mit stern.de sprach der Tübinger Professor über die neue Kraft der Politik, die Gefahren staatlicher Rettungspakete und die Zukunft der Demokratie.

In Berlin demonstrieren Bürger gegen die Krisenpolitik der Regierung. Otfried Höffe fordert daher mehr Ehrlichkeit von der Politik© Klaus-Dietmar Gabber/DPA
Die Politik hat die Krise viel zu spät wahrgenommen, jetzt ist das Unheil über uns hereingebrochen. Aber die Politiker erweisen sich zumindest als bereitwillige und in Grenzen auch vernünftige Krisenmanager. Die riesigen Summen, die im Orkus verschwunden sind, werden sie zwar nicht wieder hervorzaubern. Die Politik kann jedoch aktiv eingreifen, damit sich das Finanzdebakel nicht weiter verschärft. Überdies kann sie Rahmenbedingungen, einschließlich Frühwarnsysteme, schaffen, die derart gravierende Krisen in Zukunft verhindern.
Wie man das technisch bewerkstelligt, kann ich als Philosoph nicht beurteilen. Aber eine Regulierung der Finanzmärkte ist jetzt eine Aufgabe der Politik. Und ich glaube, dass sie diese Aufgabe angesichts des hohen Sachverstandes, auf den sie zugreifen kann, bewältigen wird. Eine Gefahr sind allerdings nationale Sonderwege. Generell sollte das Zusammenleben der Staaten - zunächst in der EU, dann weltweit - nach verbindlichen Regeln geschehen. Das ist ein visionäres Element, gewiss, das die Politik aber nicht aus dem Blick verlieren darf.
Im Zuge der Krise entwickelt die Politik tatsächlich ein höheres Maß an aktiver Gestaltung als zuvor. Sie zeigt den oft sehr selbstherrlich auftretenden Unternehmern und Managern, dass sie auf die Hilfe des Gemeinwesens angewiesen sind. Die Ökonomen sollten jetzt mehr Bescheidenheit lernen, sowohl die Ökonomen im primären Sinne, nämlich die Unternehmen und Manager, als auch die Wissenschaftler. Denn trotz einiger Unkenrufe gab es doch zu wenige Warnungen von Seiten der zahllosen Wirtschaftsinstitute in aller Welt, auch zu wenige Warnungen von den angeblich so kritischen Journalisten in den vielen Wirtschaftsredaktionen.
Wenn die Welt gut läuft, wenn Wissenschaft, Kultur, Gesundheitswesen und eben auch die Wirtschaft "funktionieren", dann braucht die Politik nicht einzugreifen. Für die direkte kulturelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche "Wertschöpfung" ist sie nicht zuständig. Die Politik hat aber schon immer für den Ordnungsrahmen gesorgt und muss diesen Rahmen, wo es nötig ist, jetzt neu justieren.
Die Demokratie ist überhaupt nicht gefährdet. Anders als zu Zeiten der Weimarer Republik, aber auch im Vergleich mit einigen jungen Demokratien sehe ich in Deutschland keine ernsthafte Bedrohung. Die vorhandene Unzufriedenheit richtet sich weniger gegen die Staatsform der Demokratie als gegen unsere politische Elite. Von ihr hätten viele erwartet, dass sie die Unheilsdrohungen der Krise früher erkannt hätte. Insgesamt macht die deutsche Politik derzeit aber keine schlechte Figur.
Man sollte vorsichtig sein mit einer zu raschen Kritik an der Staatsform der Demokratie. Kaum jemand will die demokratischen Grundlagen in Frage stellen, etwa die Gewaltenteilung, den Rechtsstaat und die demokratische Öffentlichkeit. Unheilsprophezeiungen klingen derzeit vielleicht spannend. Dass morgen überall in Europa Diktaturen an die Macht kommen, ist aber allenfalls Tagesgeschwätz.
Die Verwerfungen der Krise darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. In der Tat sind noch manche Vorsichtsmaßnahmen geboten, denn die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit, und die Fähigkeit, die Schulden zu bezahlen, sind in manchen Ländern nicht gesichert. Man denke an Island, eine sehr alte Demokratie, die jedoch nicht substantiell bedroht ist.
Auf keinen Fall. Wir dürfen unsere jetzt schon zu hohe Staatsverschuldung nicht weiter steigen lassen. Unsere wenigen Neugeborenen erben schon heute gewaltige Schulden. Von den Summen, um die es hier geht, könnte sich jedes Kind eine Eigentumswohnung kaufen, dazu noch eine Küche und schöne Möbel. Generell laufen Demokratien Gefahr, mit Blick auf kurzfristige Umfrageergebnisse und die nächste Wahl die Nachhaltigkeit aus dem Blick zu verlieren.
Diagnose und Therapie der Krise sollten nicht zum Gegenstand von Parteiengezänk werden. Ideologische Grabenkämpfe zwischen Kapitalismus und Sozialismus wieder auszugraben, wäre die falsche Reaktion. Die Politik muss außerdem ehrlich sein und ihre eigenen Fehler eingestehen: In der US-Bundesbankpolitik und generell bei der Bankenaufsicht, die nicht rechtzeitig gemerkt hat, in welches Desaster eine Bank wie die Hypo Real Estate sich bewegt. Und die Politik muss glaubhaft versichern, dass die Gefahr solcher Krisen für die Zukunft minimiert wird.
Zunächst muss man das Volk aufklären. Mündige Bürger verschließen sich selten guten Argumenten. Über die Rettung der Hypo Real Estate wurde meist relativ technisch diskutiert. Hier müsste man die Folgen einer Bankenpleite für den kleinen Bürger verständlich machen, für die Mitglieder von Bausparkassen, für viele Arbeitsplätze und für unsere Sozialversicherungssysteme.
Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Der Staat billigt sich derzeit zu viel Kompetenz zu. Politiker sind nicht dazu berufen, Unternehmen zu führen, genauso wenig wie Unternehmer als Unternehmer dazu fähig sind, Politik zu betreiben. Im Sinne ihres eigenen langfristigen Wohlergehens sollte die Politik erkennen, dass es wenig sinnvoll ist, als Bankier aufzutreten. Wäre es nicht sinnvoll, zumindest bei den Landesbanken, den Einfluss der Politik in den Aufsichtsgremien stark zu reduzieren, anstatt ihn noch zu erhöhen?
Zur Person Otfried Höffe lehrt politische Philosophie an der Universität Tübingen, seine Forschungsschwerpunkte sind politische Ethik und Staatsrecht. Bekannt wurde Höffe mit Arbeiten über Aristoteles und Immanuel Kant. Sein neues Buch trägt den Titel "Ist die Demokratie zukunftsfähig?"